Sonnabend, den 20. Februar 1926.
Wir jubeln euch zu wie den Kämpfern nach siegreicher Schlacht: frei seid ihr wieder, frei ist euer Wort, euer Tun und Lassen, frei können wieder die deutschen Fahnen von euren Türmen und Zinnen wehen!
Frei ist Köln, frei ist der Niederrhein! Die„Deutsche Glocke“ trug es ins Land, ihre eherne Stimme schlug in unser Herz. Aufjauchzen und jubeln will es! Ri.
1 2 2 Es geht um Friedrichshafen.
Willst du, daß das Ansehen Deutschlands in der Welt, das die Kulturtat von Friedrichshafen uns erobert hat, auf alle Zeit verloren geht?
Willst du, daß durch deine Teilnahmlosigkeit deutsches National⸗ Eigentum, das seit den Tagen von Echterdingen Volkswerk ist, dem Untergang anheimfällt?
Willft du, daß die vielen Arbeiter, die heute noch unter den schwierigsten Verhältnissen um des deutschen Gedankens willen ausharren, unter dem Druck der Not auseinander gehen müssen?
Du willst es nicht, drum
Denke daran, daß du mitarbeiten mußt an Deutschlands neuem friedlichen Aufstieg und Deutschlands neuer Weltgeltung!
Denke daran, daß deine guten Worte es allein nicht tun, sondern, daß nur deine Tat helfen kann!
Denke daran, daß es nicht die großen Summen sind, die entschei⸗ den; auch das kleinste Scherflein ist ein Baustein, der zur Vollendung des Werkes beiträgt!
Gib zur Zeppelin⸗Eckener⸗Spende! Der gegenwürtiga Stand der Sozialpolitik.
Nach dem völligen Zusammenbruch der deutschen Sozialversicherung durch die Inflationszeit ist seit dem Juli 1925 ein Wiederaufbau eingetreten. Die Un⸗ fallversicherung umfaßt 780 000 gewerbliche Betriebe mit 9,4 Millionen Versicherten und 4,5 Mil⸗ lionen landwirtschaftliche Betriebe mit 14 Millionen Versicherten sowie 900 000 Versicherte der Reichs-, Staats- und Gemeindebetriebe. Zur Zeit sind im Lauf rund 600 000 Renten für Verletzte und rund 120 000 für Hinterbliebene.
In der Invaliden versicherung sind 16 bis 17 Millionen Arbeiter gegen Invalidität und für den Todesfall versichert. Besonders durch Aufnahme der Witwen und Waisen von Kriegsteilnehmern und infolge früheren Eintritts der Invalidität ist die Zahl der Rentenempfänger von 1082 000 in 1913 auf 3 100 000 gestiegen. Davon sind 1600 000 Invaliden, 200 000 Witwen und 1 300 000 Waisen.
In der Angestelltenversicherung sind rung 2 Millionen Angestellte(d. h. alle mit einem Jahresgehalt bis 6000 R.-Mk.) gegen Berufsunfähig⸗ keit und für den Todesfall versichert. Am 1. Oktober 1925 empfingen rund 33 000 Ruhegeld, Renten: 24000 Witwen und 20 000 Waisen.
Für die Arbeiter und Angestellten des Bergbaues besteht eine besondere knapp⸗ Versicherung, die neben den sonstigen
Verte ersicherungen auch eine Pensionsversicherung mit 700 000 Mitgliedern umfaßt. Sie hatte 1925 rund 95 000 invalide Bergleute und 30 000 Alterspensionäre zu versorgen, wozu noch 95 000 Witwen- und 100 000 Waisenrenten kommen.
Die Krankenversicherung umfaßt heute annähernd 20 Millionen Versicherte gegen 14,4 Millio⸗ nen 19139. Neu angegliedert ist ihr die Wochenhilfe. Von 1,2 Millionen Geburten in Deutschland stehen 800 000 unter dem Schutz der Krankenkassen.
Die Erwerbslosenfürsorge harrt des Ausbaus, der zurzeit vorbereitet wird. Der Wieder— aufbau der deutschen Sozialversicherung hat sich nach drei großen Gesichtspunkten vollzogen: 1. Vorbeugende Maßnahmen, 2. höhere Bewertung der Arbeitskraft und 3. Förderung der Solidarität und des Gemein— schaftsgedankens.— Grundsätze, wie sie schon im Juni 1924 in der sozialen Kundgebung des deutschen Evan—
„Evangelische Warte“
gelischen Kirchentages in Bethel ausgesprochen sind und wie sie nun die Botschaft der Stockholmer Konferenz für praktisches Christentum sich auch für die nicht deut— schen Länder zu eigen gemacht hat.
Was jeder Evangelijche wijsen muß.
Sachlichkeit.
In Höchst a. M. erscheint seit dem 15. Januar 1926 eine katholische Tageszeitung als„Höchster Volkszei⸗ tung“. Da außer dem sozialdemokratischen Blatt nur das neutrale„Höchster Kreisblatt“ bestand, muß wohl ein starkes Bedürfnis der höchster katholischen Bevöl⸗ kerung nach einer katholischen Tageszeitung bestanden haben. Nachdem das„Höchster Kreisblatt“ den Bericht über die Gründung der„Evangelischen Volksgemein⸗ schaft“ in Höchst gebracht hatte, nahm auch die„Höchster Volkszeitung“ in einer Nummer Kenntnis davon, und drückte den Wunsch aus, daß unsere Sache mit reiner Sachlichkeit geführt würde.
Ultramontanes Beispiel von Sachlichkeit.
Wie es auf ultramontaner Seite mit der Sachlich—⸗ leit bestellt ist, möge folgender netter Brief beweisen, den ein Freund unserer Bewegung, der zugleich im Evangelischen Bunde eifrigst tätig ist, erhalten und uns zur Verfügung gestellt hat. Da der Brief für sich spricht und jeden Leser einen tiefen Einblick in ultra— montane Mentalität ermöglicht, unterlassen wir es, auch nur ein Wort hinzuzufügen.
Cor bach i. Waldeck, 8. 2. 26. Geehrter Herr Lutterbock!
Was haben Sie doch für einen traurigen Beruf! Denken Sie sich: Sie haben eine Reihe von Kindern! Alle sind brav, die Freude der Eltern. Eines ist ein Lump. Dieser Lump läuft fort und macht nun seine Eltern schlecht, be...... seine Eltern und seine Kinder machen es auch so! Was würden Sie sagen? Traurig— gemein— skandalös! Wohl!
Summa:
Es war einmal eine Mutter: Römische Kirche! Diese hatte einen Lumpensohn: Martin Luder! Dieser lief der Mutter fort— be.... die Mutter und— seine Nachkommen be....... die alte Mutter bis auf den heutigen Tag. Herr Lutterbock: Halten Sie darüber mal Vorträge im„Evangelischen .. bund“ und über Luders Tischreden. Wenn Sie dann das Kotzen nicht kriegen...
Herr Pastor! Was haben Sie für eine Verant- wortung! Wenn Sie Lutterböcke nicht wären, wäre Deutschland längst zur Mutter zurückgekehrt! Es kommt auch für Sie die Ster bestunde— die Verantwortungsst unde!!!
55 Heinrich Pahnahampel.
Vorbereitungen fürs Konkordat.
Wenn es auch in der Oeffentlichkeit recht still vom Konkordat geworden ist, so wäre die Annahme doch gänzlich verkehrt, die Sache sei eingeschlafen. Unter der Oberfläche wird emsig gearbeitet, die Stellung der Kirche bezw. des Zentrums. der Hauptinteressenten in der Angelegenheit, so stark als möglich zu machen. Ge⸗ legentlich fällt ein Licht auf die zielbewußte Arbeit, die hier geleistet wird. So scheint es nach der„Germania“ vom 14. Dezember 1925—, ein Umstand, der so ziem⸗ lich unbeachtet geblieben ist,— daß das Zentrum sich sehr für das Verfassungsreferat im Reichsministerium des Inneren interessiert und es gern in die Hand einer ergebenen Persönlichkeit sehen möchte. Das Blatt läßt sich von befreundeter parlamentarischer Seite schreiben: „Wir sind der Meinung, daß, solange unsere inner— politischen Verhältnisse noch einer zuverlässigen be— ruhigenden Konsolidierung entbehren, es nicht gleich— gültig ist, wer an maßgebender Stelle in Sachen der Verfassung verwaltungsmäßig mitzureden hat. Noch niemals ist in den letzten Jahren das Zentrum für die Leitung der Verfassungsabteilung des Reichsministe⸗ riums herangezogen worden. Allmählich wird es Zeit, diese Versäumnisse nachzuholen und dem Zentrum bei
dem demnächstigen Revirement den Posten eines Min
ziehungen, zu sichern. 1 8 rungen erheben, umso mehr, da es jahrelang zurück⸗
rium des Innern hatten. Verantwortung zu tragen, ohne auf das Geschehen
beim parlamentarischen Regierungssystem nicht an.“ — Da die Konkordatsfragen auch zum Verfassungs⸗ referat gehören, so ist der Grund ziemlich durchsichtig, aus dem das Zentrum die Leitung dieser Abteilung er⸗
strebt.
Aus unjerer Bewegung.
Die amtliche Pfarrerkonferenz des Dekanats Cron⸗ berg, welche am 8. Februar in Höchst a. M. tagte, be⸗ schäftigte sich auch mit der E. V. Nachdem eine Ortz⸗ gruppe der E. V. in Höchst gegründet ist, konnte die Pfarrerschaft des Dekanats nicht ohne Stellungnahme zu ihr bleiben. Im Gegensatz zu einer kürzlich statt⸗ gefundenen Konferenz eines oberhessischen Dekanats muß gesagt sein, daß die Aussprache in Höchst von äußer⸗ ster Sachlichkeit war. Die Sache der E. V. wurde von Pfarrer Ide-Höchst vertreten, und aus den Ausfüh⸗ rungen der übrigen Redner sprach volles Verständnis für die Gründe, welche zur Bildung der E. V. geführt haben. Wenn auch die Mehrzahl sich noch nicht zun Mitarbeit entschließen konnte, da noch manches Be— denken sie bindet, so wurde doch Herrn Pfarrer Ide Glück und Segen zu seiner begonnenen Arbeit ge wünscht. Ja, einige näherten sich dem Standpunkt det E. V. soweit, daß sie eine eigene evangelische Vertretung zunächst in den Stadt⸗, Kreis⸗ und Provinzialparla⸗ menten für nötig und möglich hielten. Im übrigen wurde darauf hingewiesen, daß der„Evangelische Bund“ eifriger tätig sein müsse in der Aufklärungs⸗ arbeit der evangelischen Bevölkerung.
Aus der kirchlichen Vereinsarbeit.
Im„Evangelischen Männer- und Jünglingsver⸗ ein“ zu Höchst a. M. sprach am 9. Februar Herr Heinrich
der Zeit der Völkerwanderung ausgehend, zeigte er anschaulich und fesselnd die geschichtliche Entwick— lung des Hessenlandes, wobei er vor allem den Beifall der anwesenden Hessen fand, welche ihm freudig bei einem Gang durch die Geschichte ihrer engeren Heimat gefolgt waren. Der„Evangelische Männer- und Jüng⸗ lingsverein“ hat in diesem Winter mehrfach seinen Mitgliedern mit gediegenen Vorträgen gedient, z. B. „Geschichtliches von Höchst a. M.“,„Wohnungsfragen“, „Christentum und Wirtschaftsleben“ u. a. m. Solche Vortragsabende heben und beleben den Verein und seine Mitglieder, sodaß zu wünschen ist, daß sie sich stetz reichen Besuches erfreuen.
Aus Nah und Fern.
Großen⸗Linden, 11. Febr. Hier fand eine Dorfkirchen tagung statt, zu der etwa 300 Geistliche und Kirchenvorstehen aus dem westlichen Oberhessen und dem östlichen Kreise Wetzlal erschienen waren. In der altehrwürdigen Basilikakirche, die erf kurz vor dem Kriege renoviert wurde, predigte Prälat D. Di Diehl-Darmstadt. Die Hauptversammlung fand in der Turn, halle statt, bei der Pfarrer Heymann-Rodheim über„Dis Sonntagsheiligung auf dem Lande“ einen Vortrag hielt. An der regen Aussprache beteiligte sich auch der Superintendent fil Oberhessen, Oberkirchenrat Wagner-Gießen.
Usingen, 11. Febr. nar wird am 26. März, am Tage seiner Gründung vor 75 Jah ren, geschlossen. An der Abschiedsfeier werden wohl fast all Lehrer teilnehmen, die an dem Seminar ihre Ausbildung ge nossen haben.
sterialdirektors im Reichsministerium des Innern, vor 1 allem mit Nütksicht auf die soeben angedeuteten Be. Das Zentrum muß diese Forde.
stand und die anderen von den verschiedensten politi⸗ schen Gruppierungen die Führung im Reichsministe⸗ Es ist hohe Zeit, daß jetzt endlich einmal hierin Wandel eintritt, denn nur die
maßgeblichen Einfluß zu haben, geht auf die Dauer
Wilhelm über„Geschichtliches aus Hessen“. Von,
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