Einzelbild herunterladen

r ˙ÜWO- 2..N;N.]²˙

st⸗ er

t ht 5 90

e tel

Evangelische

Want

Organ der Evangelischen Volksgemeinschaft

Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus. Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert. Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.)

Abonnements⸗ u. Anzeigen⸗Annahmestelle, Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21.

Fernsprecher 1362. Postscheckkonto 8437 Frankfurt⸗M.

2. Jahrgang.

Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg.

am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg.,

Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung.

Sonnabend, den 19. Juni 1026.

Nummer 35.

Ländliche Sleuerkümpfe in Vergangenheit und Gegenwart.

Der schwere Kampf, den der deutsche Bauernstand für die steuerliche Gleichberechtigung der breiten Massen des Landvolkes führt, ist eine gradlinige und erfolg reiche Fortsetzung der Jahrhunderte alten Kämpfe um den Gedanken steuerlicher Gerechtigkeit. Reich an Rück⸗ schlägen, ist er letzten Endes doch siegreich gewesen, eine Position mittelalterlicher Vorrechte nach der anderen wegräumend.

Unvollendet sind die wechselnden Kämpfe um die ge rechte Ausgestaltung der Einkommen- und Umsatzsteuer. Noch trägt der Bauer hierin ungleich größere Last als das Rittergut. Aber sogar das Reichsfinanzministerium ist heute nicht mehr das unerschütterliche Bollwerk in der

Verteidigung des alten Unrechts. Aus seiner eigenen Mitte kam 1923 ein Vorschlag, das Einkommen der Landwirtschaft nach Durchschnittser⸗ trägen unter Berücksichtigung aller den Ertrag beein flussenden Momente, zu ermitteln. In der Begründung wurde gesagt, daß die Buchführung sich für die Steuer⸗ einschätzung nicht bewährt hätte und eine andere Be wertungsgrundlage gefunden werden müsse. Darauf wilder Ansturm des Landbundes. Durch das Mitregie ren der Deutschnationalen siegte sein Einfluß. Der Fi⸗ nanzminister von Schlieben stellte den Vorkriegszustand wieder her. Aber es knistert im Gebäude, zu stark ist die Mißstimmung darüber, daß z. B. ein Mann, der das höchste Ehrenamt der deutschen Landwirtschaft bekleidet, mit 5000 Morgen bestem Boden, unmittelbar an einer Stadt von 35 000, Einwohnern, unter günstigsten Ver⸗ kehrs⸗ und Absatzverhältnissen, mit Hilfe der Buchfüh⸗ rung steuerfrei ist, während die Bauern zum mindesten der mittleren Provinzen, des Westens und Südens, mit einer Bodenfläche von oft nur 1/200 seiner Bodenfläche, sich mit ihren Familienangehörigen bei kärglichster Le⸗ benshaltung plagen und abrackern müssen. Viele aber der Großgrundbesitzer weisen trotz hoher Lebensführung eigener Autos und Jagden, Badereisen und teurer Er⸗ ziehung ihrer Kinder ein Nichts auf. So aufreizend, so peinlich für den modernen, gerecht und natürlich em⸗ pfindenden Menschen ist dieser Gedanke, daß keine Macht der Erde, auch nicht die Organisation des Landbundes, solchen Zuständen Dauer verleihen kann. Wir glauben auch deshalb an den Fortschritt, weil alle geschichtliche Erfahrung den Siegeszugs der Gedanken steuerlicher Ge⸗ rechtigkeit bestätigt hat. Jahrhunderte lang hat in den meisten preußischen Provinzen der Adel die Grundsteuer⸗ freiheit gehabt, und von den Lasten der Bauern gibt Philippson auf Seite 449 seiner Geschichte des preußischen Staates

folgende Tatsache wieder:

Charaktere.

Lukas 15,7. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut,

vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen.

Dieser Tage weilte ich in einer Versammlung. Ein Redner hielt einen Vortrag. Er gebrauchte klar und scharf formulierte Spitzen. Als er geendet hatte, erhielt er den Beifall der über⸗ wiegenden Mehrheit aller Anwesenden. Nach ihm sprach ein an⸗ derer. Dieser sagte so ziemlich das gerade Gegenteil. Aber es war ein Mann von Autorität. Als er geendet hatte, erhielt er denselben Beifall. Wenn man nun die Beifallsklatscher ge⸗ fragt hätte:Wer hat recht?, dann hätten sie beiden recht ge⸗ geben. Bei der großen Herde hat jeder recht, der gut redet, scharfe Worte zu gebrauchen weiß, oder angesehen ist. Wir suchen Menschen, die nicht mit dieser stumpfsinnigen Herde gehen, bei der einer etwas tut, weil es der andere auch tut. Wir suchen Charaktere.

Auch Jesus Christus suchte solche Charaktermenschen, welche sich von der urteilslosen Menge unterschieden. Er selbst war ja ein unerreichbarer Charakter. Wäre er es nicht gewesen, dann hätte er sich nicht den Vorwurf der Maßgebenden zugezogen: Die⸗ ser nimmt die Sünder an, und ißet mit ihnen. Ein Charakter hat es nicht leicht. Denn alles, was nicht mit der Herde läuft, wird verspottet oder sogar totgeschlagen. Auch Jesus wurde an das Kreuz geschlagen, weil er nicht war, wie die anderen. Er hatte eine ganz andere Art, den Menschen zu beurteilen. Die Phari⸗ säer unterschieden Fromme von den Sündern. So gibt es ja heute noch Sekten, welche in den anderen verlorene, gottlose Sünder sehen und nur sich die Anwartschaft auf den Himmel zu⸗ sprechen. Jeder, der so überhebend von sich als einem Gläubigen spricht, den kann ich nicht voll als Christ anerkennen. Denn ein solcherGläubiger ist ein Pharisäer, der sich hoch über seine

Mitmenschen stellt, von denen er nicht weiß, ob sie vor Gott

Der kurmärkische Bauer mußte von jeder Hufe Ackers, die ihm einen Ueberschuß an Getreide von 9% Taler brachte, an den Staat allein 8 Taler 3 Ggr. be⸗ zahlen, ohne allen anderen Dienst und Abgaben an den Gutsherrn und die Kirche. Im Ravensbergischen zahlte er über die Hälfte seines Einkommens an den Staat; manche Bauernhöfe hatten mehr Abgabe als sie auch in den besten Jahren einbrachten. Im Kle⸗ vischen gab es Gegenden, wo die Besitzer ihre Höfe wegen der hohen Steuern im Stiche ließen.

Jahrhunderte ist der Kampf gegangen, um auch den Adel zur Grundsteuer heranzuziehen. Vergeblich ver⸗ suchte 1798 der König durch eine Kabinettsorder den Adel zur Grundsteuer heranzuziehen. Sofort regte sich die Opposition und der Versuch scheiterte. 1810 kündigte dann der Minister Hardenberg die

Aufhebung der Grundsteuerbefreiungen an. Vollzogen hat er dieses Programm nicht, obwohl ihn seine Räte flehentlich darum baten. In einem Be⸗ richt vom 4. Juli 1810,(Mamroth Geschichte der preu⸗ ßischen Staatsbesteuerung, Seite 196 bis 197) sagten sie:

Es sei die höchste Ungerechtigkeit, ja geradezu unmöglich, bei der Aufhebung aller Privilegien die Reform für den privilegiertesten Stand, den Adel hinauszuschieben.

Es war vergeblich. Die Grundsteuerfreiheit blieb dem Adel bis 1861 erhalten, aber mit dem Verfassungs⸗ staat fiel sie. In einigen wenigen Landesteilen, so in Preußen, war der Adel formell von der Grundsteuer nicht befreit, aber der Geschichtsforscher der damaligen Zeit, Dr. Rachel, stellt in Band 21 von Schmollers Forschungen fest:

Aber auch bei direkten Steuern wußte er, da Veranlagung, Erhebung, Verwaltung ganz in adli⸗ gen Händen war, durch Hinterziehung und Unter⸗ schleife im großen Maßstabe seinen Vorteil zu wahren und die Last auf die schwachen Schultern abzuschieben

und unter Friedrich Wilhelm 1. urteilte Graf Truchseß, der Beauftragte des Königs(Schmollers Forschungen Band 7588 Seite 8):

Je einflußreicher er sei, je enger er zur herr⸗ schenden Adelclique gehöre, desto weniger zahle er von der de jure auf ihnen 1 Steuer⸗ summen.

Von der Akzise der indirekten Steuer war der Adel nicht nur bei den Landgütern, sondern auch bei seinen städtischen Besitzungen befreit, ebenso von den Zöllen. Dagegen hat er in einigen Landesteilen mit seinen Brauereien und Brennereien das

Zwangsrecht gegenüber seinen Bauern, die Bier und Branntwein von ihm beziehen mußten. Alle diese Vorrechte sind heute gefallen, aber eine ge⸗ wisse Wahrheit enthält auch heute noch das Wort, womit Bornhak die damaligen Zustände charakterisiert. Er sagte auf Seite 258:

Diese verschiedenartige Besteuerung findet ihren Grund vorzugsweise darin, daß, je schwächer ein Stand politisch war, um so leichter und so intensiver ihn das neue Staatswesen der allgemeinen Steuerpflicht unter⸗ werfen konnte. Der Bauer zahlt daher die höchsten, der adlige Rittergutspächter die niedrigsten Steuern.

Mit zu den trübsten Kapiteln ständischer Selbstsucht gehört der erfolglose Kampf, den nach dem unglücklichen Kriege 18061807 der große Reformator Freiherr von Stein im Interesse des Wiederaufbaues des Staats für eine allgemeine, auch die privilegierten Schichten heran⸗ ziehende Einkommensteuer, führte. Nur in der Provinz Preußen wurde sie eingeführt, in Schlesien durch den Oberpräsidenten von Massow sabotiert, in Pommern hinter dem Rücken des Ministers beim König hinter⸗ trieben, in der Kurmark wurde das Gesetz angenommen, aber nicht durchgeführt. Dem Komitee, das es durch⸗ führen sollte, blieben die Adligen fern. Ja, die mär⸗ kischen Landtage von 1809 verlangten sogar die Natural⸗ lieferungen für die Armee wieder allein auf die Bauern auszuschreiben. Die Havelländer Ritterschaft versuchte nachzuweisen, daß die Bauern im Vergleich zu den Guts⸗ besitzern der reichere Stand seien und sich seit dem Kriege auf Kosten der Gutsbesitzer sehr bereichert hätten. Als Beweis führten sie an, daß die Bauern ihren steuerlichen Verpflichtungen nachgekommen seien, sie ihnen also nicht schwer gefallen sein mußten. Die Ruppiner Ritterschaft behauptete, daß die Bauern im Steuergesetz zu gut weg⸗ gekommen seien, da dasselbe nicht auf die Industrie der⸗ selben, ihren Viehhandel Rücksicht genommen hätte. Aus⸗ nahmslos haben die großen Staatsmänner der Freiheits⸗ kriege diese

Selbstsucht in schwerster Notlage des Staates gebrandmarkt. Am schärfsten der mit dem westfälischen Bauernstand aufs engste verwachsene Ober⸗ präsident Freiherr von Vincke, der auf das andersartige Verhalten des englischen Adels hinweisend feststellt:

dagegen der größere Haufe unseres Adels noch immer wähnt, der Staat könne nicht bestehen ohne seine eigene unbedingte Exemtion von allen we⸗ sentlichen Beiträgen, ohne Druck und Dienstbarkeit der anderen Stände, und die geringste Abänderung und Nachgiebigkeit müsse unfehlbar den Zusammen⸗ sturz des Gouvernements zur Folge haben.

in einem viel besseren Urteil stehen. Vielleicht sind solcheGläu⸗ bigen oft auch nur Herdentiere, die äußerlich etwas nachmachen, weil es irgend ein anderer auch getan hat.

Im Himmel, so sagte Jesus, ist Freude über einen Sünder. Jesus hat ja deswegen gerade die Sünder gesucht. Das waren seine Leute, für die er da war. Zu diesen Sündern will ich auch gehören. Gott möge mich bewahren, daß ich jemals in die Irre gehe zu jenen Parisäern, die den Heiland nicht brauchen.Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken! Wohl dem, der rechtzeitig seine Krankheit erkennt und den Arzt sucht. Wohl dem, der seine Sünde einfieht und den Seelenarzt Jesus Christus rechtzeitig aufsucht. Gewiß muß er sich dann lostrennen von der Herde. Ich denke da an einen jungen Mann, der von seinem Arzt wegen einer Krankheit das Wein- und Biertrinken verboten bekam. Aber er hielt das nicht. Er wäre sonst bei seiner Gesellschaft nicht mehr geachtet worden, wäre ver⸗ spottet und ausgelacht worden. Heute deckt ihn bereits der Rasen. Aber vielleicht kann man das noch verstehen, wenn man wegen körperlicher Krankheit etwas unterläßt und auf alte Ge⸗ wohnheiten verzichtet. Wenn aber jemand sagt:Ich muß um meiner Seele willen dies und jenes tun und anderes lassen, dann wird er von den Meisten für irrsinnig gehalten.

Solche Menschen aber sucht gerade Jesus. Das sind die Charaktere, die es wagen auch gegen den Strom zu schwimmen, die von sich aus eine Meinung und eigne Ueberzeugung haben. Schließlich läßt man jedem seine Ueberzeugung, daß er aber nach seiner Ueberzeugung auch leben will, das gilt als ein Verbre⸗ chen. Aber im Himmel wird Freude sein über einen solchen Sünder. Mehr Freude ist über ihn im Himmel als über neun⸗ undneunzig, die sich für fromm und gerecht halten. Denn wer sich einmal zu einer klaren Ueberzeugung durchgerungen hat, das ist ein wertvoller Mensch. Ein solcher hat keinen Gefallen mehr an Lippendienst und Herdengeist, sondern er geht seine klaren Wege. Was wissen jene Neunundneunzig von Buße? Er weiß genau, was das ist. Er hat Buße getan. Er hat eine spürbare Sinnesänderung durchgemacht.

Wir machen eben in unseren Kirchen eine schwere Zeit durch. Es ist heute nicht mehr ganz einfach, Glied einer christlichen Kirche zu sein. Da locken die Sekten, dort vergewaltigt das Freidenkertum die Seelen, hier drängt Rom. Die Kirchen müssen ihre Glieder zu klarer Entscheidung aufrufen nach dem Jesus⸗ wort:Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Da brauchen wir wieder Charaktermenschen, die sich von den Gewohnheits⸗ christen absondern und bewußte Christen sind. Uns helfen diese Herdenchristen gar nichts. Wir wollen Caraktere haben. Gott sei gedankt, daß wir die gegenwärtige Zeit durchmachen, in der wir aufgerüttelt werden. Wir wollen nicht jammern über die in unserer Zeit erfolgenden Kirchenaustritte. Wo nuenund⸗ neunzig sogenannte Christen waren, da wird ein Christ, der als Sünder durch Buße sich zu klarem Glauben hindurchgerungen hat, mehr bedeuten als diese Neunundneunzig. Es ist besser, die Welt deutet auf nur schraraktervolle Christen als auf eine Menge getaufter, konfirmierter und getrauter Heiden.

Das sind gewiß harte Worte. Aber sie passen in diese Zeit hinein, wo auf der einen Seite die Gleichgültigkeit, auf der an⸗ deren die Pharisäer stehen. Werden wir doch wieder demütige Menschen, die wieder Liebe gegen einander haben. Wir urteilen zu gerne über einander und wissen nicht, wie im Himmel ge⸗ urteilt wird. Wir denken zu viel an die anderen und zu wenig an uns. Nur dadurch, daß wir uns mit unseren Fehlern und Sünden beschäftigen, können auch wir zu Charakteren werden, über die im Himmel Freude ist.

Mein Jesu, schmücke mich Mit Weisheit und mit Liebe, Mit Keuschheit, mit Geduld Durch deines Geistes Triebe; Auch mit der Demut mich Vor allem kleide an,

So bin ich wohlgeschmückt

Und köstlich angetan. Amen. Hr. **

*