Sonnabend, den 18. September 1926.
des diesjährigen Breslauer Katholikentages, Dr. Horion, Worte, als er sagte:„Wichtiger aber als diese doch mehr äußerlichen Dinge ist die Fragen, wie es mit dem katholischen Geiste in Deutschland und bei den deutschen Katholiken steht. Es sind ge⸗ wiß zuständigere Stellen, die diese Frage entscheidend zu beant⸗ worten haben. Aber keinem Beobachter kann entgehen, daß als trauriges Kriegserbe(natürlich!) Unglaube und Unmoral, das Abwenden von der Kirche und ihrer Autorität, daß religiöse Interesselosigkeit und Kritiksucht auch unter uns Katholiken einen erschreckend großen Umfang angenommen haben. Darüber dürfen uns nicht hinwegtäuschen eine verhältnismäßig kleine Zahl religiös stark Interessierter, oder die gelegentliche Anerkennung und Bewunderung der katholischen Religion und der katholischen Kirche durch Andersgläubige oder auch die wenigen, die den Weg zurück zu uns finden. Darüber darf uns auch nicht hinweg⸗ täuschen die Abkehr der weltlichen Philosophie von dem Subjek⸗ tivismus zu einer der katholischen Lehre näherstehenden Würdi⸗ gung des Objekts, auch nicht das Interesse weiter Kreise für die ästhetische Schönheit der Kirche in Liturgie, in Musik, in bilden⸗ der Kunst. Alles das wird aufgewogen durch einen vielfach be⸗ obachteten Massenabfall der auch bei uns die bange Frage ent⸗ stehen läßt, ob wir nicht auch einmal, wie in der katholischen Kirche mancher romanischen Länder, ein Heer von Offizieren ohne
Soldaten werden.“ .— Allerlei.
Gottesdienst für Sonntagslose.
In Breslau wurde an einem Dienstag(6. Juli 1926) zum ersten Male ein Gottesdienst für Sonntagslose gehalten. Manche Berufe, gewisse Geschäftsleute und Angestellte sind am Sonntag zur Kirchenzeit nicht arbeitsfrei, ihnen soll auf diese Weise die Möglichteit der Teilnahme an einer gottesdienstlichen Feier ge— schaffen werden.
* Von der Bibel.
Ueber zehn Millionen Bibeln wurden in einem der letzten Jahre allein von der Britischen und Ausländischen Bibelgesell— schaft verbreitet. Wollte man die Bibeln und Bibelteile, die auf Veranlassung der genannten Bibelgesellschaften in die Welt hin⸗ ausgegangen sind, aufeinanderlegen, so würde das eine Säule von mehr als 50 Kilometern ergeben, wenn durchschnittlich jedes Buch eine Dicke von 5 Zentimetern besitzt.— Bekanntlich gibt es gegenwärtig Bibelübersetzungen in 835 verschiedenen Sprachen. Man kann heute die Bibel in sieben Zehnteln aller gesprochenen Sprachen käuflich erwerben. Diese sieben Zehntel aller Sprachen reden 1330 Millionen Menschen, während die Gesamtbevölkerung der Welt auf etwa 1900 Millionen Menschen geschätzt wird.
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Diakonissen im öffentlichen Leben.
Der Kaiserwerther Verband der deutschen Diakonissinnen⸗ Mutterhäuser veranstaltete zusammen mit der Kaiserwerther Generalkonferenz eine große öffentliche Kundgebung. Zu der außerordentlich stark besuchten Festversammlung, die in den Räumen der Kaiserwerther Anstalt stattfand, waren u. a. er⸗ schienen: der Vizepräsident des Evangelischen Oberkirchenrates
Landen keineswegs sehr glänzend. Dem lieh sogar der Präsident
„Evangelische Warte“
und des Deutsch-Evangelischen Kirchenausschusses, D. Dr. Dus le, Ministerialdirektor Dr. Luther als Vertreter des Reichsarbeits⸗ ministeriums, der Landeshauptmann der Rheinprovinz Dr. Horion, der Vorsitzende der Rheinischen Provinzialsynode Dr. Wolff, Landesbischof Dr. Mahrarens⸗Hannover und mehrere Vertreter der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege.
In den Begrüßungsreden kam übereinstimmend die große Bedeutung zum Ausdruck, die der Dienst der Diakonissen gegen⸗ wärtig im öffentlichen und sozialen Leben hat. Aus der An⸗ sprache des Direktors des Kaiserwerther Verbandes ging hervor, daß die Kaiserswerther Generalkonferenz in den letzten Jahren eine überraschend große Entwicklung durchgemacht hat. Es gibt heute 66 deutsche und 40 außerdeutsche Mutterhäuser und ins⸗ gesamt 29 000 Schwestern, die auf etwa 10 000 Arbeitsfeldern tätig sind. An den Reichspräsidenten von Hindenburg wurde ein Begrüßungstelegramm abgeschickt, in dem dem Reichspräsidenten der Dank für sein bisheriges tatkräftiges Verständnis zum Aus⸗ gebracht und die Bitte angeschlossen wird, auch weiterhin der Sache der evangelischen Diakonie ein warmes Herz zu bewahren.
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Unzeitgemäß. Die„Frkf. Ztg.“ berichtet von der Anordnung eines Berliner Lyzeumsdirektors, Schillers„Lied von der Glocke“ in seiner
Schule nicht mehr durchzunehmen. Das Gedicht sei nicht mehr zeitgemäß. Wenn das deutsche Leben sich ändere, könne man wieder darauf zurückgreifen. Schade, meint
das genannte Blatt dazu, daß die jungen Berlinerinnen unseres Nationaldichters idealistisches Bild des Lebens nicht mehr kennenlernen sollen. Aber so unrecht habe der Direktor eben nich Seit Schiller sang, habe sich einiges geändert: Nicht mehr sam⸗ melt die züchtige Hausfrau die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein, sondern sie kauft Seidenstrümpfe und rennt in Ausverkäufe, um hauchleichte Garnituren zu erstehen; der Vater zählt die Häupter seiner Lieben nur am Sonntagabend, wenn die Kinder ihre Sonntagsfahrkarte abgefahren haben oder aus dem Stadion kommen. Und was den Jüngling betrifft, so kauft er Blumen im Geschäft, falls für Florens Kinder überhaupt Neigung besteht und die Ueberreichung eines Faltbootes nicht lieber gesehen wird. Am weitesten kommt er, wenn er über ein Motorrad ver⸗ fügt mit Soziussitz. Später wird man heiraten, möbliert woh⸗ nen, oder in eine Pension ziehen, vielleicht auch in eine Wohnung, falls das Wohnungsamt einwilligt. Dann kommt nach langen Jahren ein Kind, vorausgesetzt, daß Skisport, Autotouren, Alpen⸗ besteigungen, Zimmergymnastik u. dergl. für das Kind Zeit übriglassen.
* Die zionistische Bewegung.
Trotz der„schweren Krise“ der zionistischen Bewegung in Palästina, von der der Londoner Delegierte Felix Rosenblueth auf dem Erfurter Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland berichtete, beabsichtigt die zionistische Exekutive, in den nächsten zehn Jahren jährlich 30 000 Einwanderer nach Palästina zu bringen und sie dort wirtschaftlich zu verwurzeln. Auch im deutschen Zionismus stellte man eine Krisis fest; jedoch könne von einem Altern der Bewegung nicht die Rede sein. In Palästina müsse die Entscheidungsschlacht des Zionismus ge⸗
schlagen werden; dabei gelte es aber, die Zionisten außerhalb
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Palästinas jahrzehntelang in einer Spannung zu erhalten, die nötig sei, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Das Tempo müsse dabei soweit als möglich beschleunigt werden. Eine der wichtigsten Aufgaben sei es, höchstqualifizierte zionistische Führer in Palästina ansässig zu machen. Dazu sei auch ein zionistisches Schulwesen nötig.
Aus unjerer Bewegung.
Bingen, 10. September. Am letzten Mittwoch Abend hielt die E. V. im Bahnhofssaal die erste öffentliche Versammlung ab. Nach Eröffnung der Versammlung durch Studienrat Pröscher⸗ Mainz sprach Pfarrer Weidner über das Thema„Warum brau⸗ chen wir im Landtag eine evangelische Partei!“ Seine inter⸗ essanten Ausführungen fanden den lebhaften Beifall der Zu⸗ hörer. In der sich anschließenden Aussprache ergriff der Ver⸗ sammlungsleiter und Pfarrer Palmer⸗Bingen das Wort. Die Gründung einer Ortsgruppe steht bevor. Ihre Leitung über⸗ nimmt Justizinspektor Clemens und Bahnbeamter Enenkel.— Am Nachmittag fand im„Deutschen Haus“ die erste Kreistagung statt. In der Versammlung wurde von Landwirten der Wunsch geäußert, es möge in Bälde eine Versammlung in Gensingen ein⸗ berufen werden.
Worms, 10. September. Gestern fand die erste öffentliche Versammlung der E. V. in den„12 Aposteln“ statt. Wenn auch die Versammlung nicht in dem Maße besucht war, wie es der Ernst der Sache erfordert, so war es immerhin ein gutes Zeichen, daß Bürger, besonders aus dem Arbeiter- und Mittelstand ge⸗ kommen waren, um zu hören, was diese neue Partei will. Mit Spannung und größter Aufmerksamkeit lauschten die Erschienenen den klaren Ausführungen des Hauptreferenten Herrn Pfarrer Weidner, der Zweck und Ziele der Partei darlegte. Die darauf⸗ folgende Aussprache, an der sehr viele der Anwesenden teil⸗ nahmen, erstreckte sich bis nach Mitternacht; allgemein wurde der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß diese neue Partei un⸗ bedingt notwendig sei, wenn nicht unsere evangelischen Rechte, die schon jahrelang mit Füßen getreten werden, auch in Zukunft vollkommen unbeachtet bleiben sollen. Selbst ein Diskussions⸗ redner, der früher einer Linkspartei angehört hat, gab seiner Freude über die Gründung der Partei Ausdruck. Ein Redner aus dem Handwerkerstande, der auch über die Ziele der Partei sehr froh ist, gab in längeren Ausführungen bekannt, wie auch gerade in den evangelischen Gemeinden in Worms der Zu⸗ sammenhalt fehle und deshalb unbedingt auf politischem Gebiet ein Zusammenschluß gefunden werden müsse, um die evangelischen Belange auch in den Parlamenten zu vertreten. Daß keiner der Herren Pfarrer von hier anwesend war, wurde allgemein sehr be⸗ dauert. Sehr erfreulich dagegen war, daß auch Glaubensgenossen aus der nahen Pfalz, auch ein Pfarrer, gekommen war, um sich
mit dem bekannt zu machen, was eigentlich die E. V. will. Am Schlusse äußerte der Pfälzer Redner, daß Pfarrer Weidner auch in die Pfalz bald kommen möge, um den dortigen Glau⸗ bensgenossen Zweck und Ziel der Partei zu schildern. Fast alle Erschienenen erklärten ihren Eintritt in die Partei. Die Leitung der Ortsgruppe liegt in den Händen des Kaufmann Jakob Gög, Worms, Roonstraße 8.— Nachmittags tagte im Bahnhofsholel die erste Kreisversammlung; sie war auch von Geistlichen des Kreises Worms gut besucht.
Wichtige Mitteilung der Reichsgeschüftsstelle!
An die Vorsitzenden der Ortsgruppen!
Die Frankfurter Reichstagung bringt viele Ausgaben. Es ist darum unbedingt nötig, daß die noch rückständigen Beiträge für 1926 vor dem 1. Oktober eingezogen und auf unser Konto Nr. 593 bei der Bezirkssparkasse Nidda(Postscheckkonto 8907 Frankfurt am Main) überwiesen werden.
Wir nehmen als selbstverständlich an, daß jede Ortsgruppe mindestens durch den Vorsitzenden
auf der Reichstagung vertreten ist.
Mit evangelischem Gruß!
Weidner.
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