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Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus. Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert. Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.)

2. Jahren.

Eine volkstümliche Betrachtung von Pfarrer Haupt⸗Gießen.

Was ist ein Hühnerei?

Scheinbar eine merkwürdige Frage in dem Zusam menhang. Wie man nur so fragen kann? Jeder weiß doch, was ein Hühnerei ist. Mit Verlaub! Die Frage ist gar nicht merkwürdig. Denn das Hühnerei ist eines der gewaltigsten Welträtsel, die es gibt. Der Laie weiß zwar, daß ein Hühnerei von einer kalkigen Schale um⸗ geben ist, daß es Eiweiß und Eidotter enthält, daß dieser Eidotter mit Hilfe eines Bandes freischwebend aufge hängt ist, daß eine eigenartig gefärbte Stelle im be fruchteten Hühnerei der Hahnentritt heißt. Der Natur⸗ wissenschaftler wird mir stundenlang Vortrag halten können über diese Riesenzelle, wie er sie nennt. Und doch können beide das Rätsel nicht lösen, sie geben nur Beschreibungen, der eine oberflächlich, der andere tief gründiger, aber auch die tiefgründigsten Beschreibungen sind keine Erklärungen, d. h. keine Rätsellösungen.

Obwohl die Naturwissenschaft gerade dem Hühnerei schon soviel Aufmerksamkeit geschenkt hat, kann sie uns die Frage nicht restlos beantworten: Was ist ein Hühnerei? Man betrachte nur einmal Abbildungen, die uns zeigen, was im befruchteten Hühnerei vor sich geht. Die Größe des Rätsels wird uns da gleich aufgehen. Ich habe hier 6 solcher Abbildungen vor mir, photographi⸗ sche Aufnahmen des Hühnerei aus verschiedenen Zeiten der Bebrütung. Die erste zeigt die Gegend des sog. Hahnentritts aus einem 8 Stunde bebrüten Ei. Man sieht eine ovale helle Stelle. In der Mitte derselben einen rundlichen, dunklen Flecken, von dem zwei dunkle Längsstreifen ausgehen: Die ersten Anlagen des ent⸗ stehenden Hühnchen. Alles in Wirklichkeit mikroskopisch klein. Die nächste Abbildung stammt von einem 24 Stunden bebrüten Ei. Man sieht gewundene Stränge und die ersten Anlagen der Wirbelsäule. Auf dem näch⸗ sten Bild ist der Kopf schon deutlich zu sehen. Eine dicke Blase ist er, rechts und links sieht man die Augen ent⸗ stehen. Auf einem Bilde vom sechsten Tage sieht man den Rumpf mit einer Nabelschnur und viel gleichmäßig aussehenden Gliedmaßen. Am ersten Tage siehts schon aus wie ein Hühnchen, jedoch der Kopf ist noch unver hältnismäßig groß und die Federn fehlen. Am 14. Tag ist das Tierchen ziemlich fertig, nur der Anzug ist noch nicht ganz tadellos.

Wenn man so etwas sieht, kann mans nicht gleich wieder beiseite legen. Man muß sich seine Gedanken darüber machen. Besonders ein Gedanke wird einem kommen: Wunderbar, wie geht das nur zu? Da sieht man eine Henne auf einem Kästchen mit Kalkwänden

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Sonnabend, den 17. Juli 1926.

f Gott.

sitzen. Und drin in dem Kästchen entsteht ein Tierchen. Wie kann aus etwas Weißem und etwas Gelbem ein Hühnchen werden mit Knochen, Federn, Augen, Glied maßen, mit tausenden Organen? Da bin ich mitten drin in den Rätseln. Ich stehe ja vor einem Bauplatz, der viel, viel wunderbarer ist, als die Bauplätze, auf denen die Menschen arbeiten. Was ist schließlich ein Haus gegen den Organismus eines Hühnchens? Mit einem Haus kann man's ja wirklich vergleichen. Es sind auch Beisteine verwendet. Milliarden von kleinen Backsteinchen, die man Zellen nennt. Sie sind nur viel kunstvoller aneinander gefügt als die Backsteine beim Hause. Röhren werden auch gelegt, Pumpen aufgestellt und andere wunderbare Apparate man denke nur an die beiden photographischen Kameras im Kopfe elek trische Leitungen werden gespannt. Aber wie? Wer sind die Maurer und die Zimmerleute, die Schlosser, Mechaniker, Elektriker, Chemiker, wo vor allem steckt der Bauleiter?

Das sind die Fragen, auf die es keine wissenschaft⸗ lichen Antworten mehr gibt. Ein ehrfürchtiges Staunen kommt über uns, ein wundervolles Rätsel ist solch ein Hühnerei.

Dasselbe Staunen entsteht, wenn wir des abends aufsehen zum bestirnten Himmel. Stern flimmert neben Stern. Und doch sind es keine goldenen Nägel ins blaue Gewölbe eingeschlagen, wie die Alten glaubten. Un⸗ geheure Materialmassen sind es, die sich bewegen nach einem wohl ausgedachten Plan. So genau sind diese Bahnen, daß man sie mathematisch berechnen kann. Ein Fahrplan, gegen den unsere Eisenbahnfahrpläne sich sehr kümmerlich ausnehmen. Doch gleich kommen auch hier die Fragen ohne Antworten. Wer bewegt diese kolossalen Massen, wer schreibt ihnen ihren Kurs vor? Man redet von Schwerkraft, vom Gesetz der Er haltung der Kraft.

Worte, keine Erklärungen! kraft? Wie erhält sich die Kraft? Was ist überhaupt Kraft? Antwort: Wir wissen es nicht. Diese Kräfte sind ja selbst rätselhaft. Der Dichter hat Recht: Wo die Begriffe fehlen, stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Viele Menschen bleiben bei diesen Worten stehen. Sie sind ihnen das Letzte, bei dem sie sich beruhigen, und weil sie damit zufrieden sind, verriegeln ihnen diese Worte wie eine künstliche Wand den Ausblick in die Unendlich keit. Der religiöse Mensch aber läßt sich mit Worten nicht abspeisen. Er sieht gewissermaßen mit einem inneren Blick hinter dieser künstlichen Wand von Wor

Was ist Schwer⸗

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ten in ehrfürchtigem Staunen eine höhere Wirklichkeit: Die Welt Gottes. Er sieht sie nur schattenhaft, er kann sie nicht in feste Begriffe fassen. Der Ausdruck:Gott ist keine mathematische Formel, aber auch kein Wort ohne Begriff. Die göttliche Wirklichkeit ist Wirklichkeit, die wir ahnend in der Natur ergreifen. Sie ist nur zu groß, zu menschenfern, um voll erfaßt zu werden.

Wenn ich solchen Gedanken nachhänge, und es kommt mir dann einer und sagt: Es gibt keinen Gott!, dann kommt mir der Mensch vor wie ein kleiner Schul- bube, der Vorträge über Mathematik halten will, von der er nichts versteht. Ich möchte ausrufen: Mensch, du ahnst ja gar nicht, um was es sich eigentlich handelt. Ich glaube, du hast dir weder Gedanken gemacht über Gott, noch über die Natur. Du willst mit wenig Können so 0 eine Art geistiger Diktator sein. Es gibt keinen Gott, fertig, abgemacht, Schluß! Wir glauben dir nur nicht, 5 weil wir nicht können, denn wie kann man bei so viel Geist, Schönheit, Kunst um uns her bloß von sinnlosen Kräften reden und den Schöpfer leugnen? Du kommst mir vor, wie einer, der beim Bilde eines großen Malers bloß Leinwand sieht mit Farben darauf, aber nicht die Seele des Meistexs.

An eine alte Geschichte muß ich denken. Eines Tages geht Herr X. mit einem Professor durch den Früh⸗ lingswald spazieren, da stellt Herr X. die Frage: Sagen Sie mal, Herr Professor, wie denken Sie eigentlich über die Schöpfung der Welt? Nun, ich denke sagt de fessor, daß ein Gott, ein wunderbarer Geist hinter dem 1 allen steht. Wie Schiller sagt: 10

Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, N Wie auch der menschliche wanke,

Hoch über der Zeit und dem Raume webt 5 Lebend! der höchste Gedanke,

Und ob alles in ewigem Wechsel kreist, 17 Es beharret im Wechksel ein ruhiger Geist. 17

Daß ein Gott die Welt geschaffen scheint mir immer noch der vernünftigste Glaube zu sein. Ich glaube das 0 nicht, sagte Herr X., die Welt ist von selbst entstanden. Ein paar Tage später besucht Herr X. den Professor in 3 seinem Arbeitszimmer. Eine wundervolle Lampe auf 1 dem Tische des Professors fällt ihm auf. Sagen Sie ein? mal, wer hat denn diese Lampe gemacht? fragte er. Ach, die ist von selbst entstanden, antwortet der Professor. 1 Machen Sie doch keine Witze, entgegnete Herr X. solch 15 eine Lampe entsteht doch nicht von selbst, die muß doch einer gemacht haben. Selbstverständlich, meint der Ge⸗

Rithtet nitht! Lukas 6,37. Richtet nicht, so werdet ihr nicht ge

richtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht ver⸗ dammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Wir treffen oft bei unserem Herrn Jesus den Dreiklang. So auch heute, wo er uns warnt vor dem Richten und Verdammen. Jesus hat an dieser Stelle die Pharisäer vor sich, welche sich selbst für gerecht und fromm hielten. Wer aber von sich so hoch denkt, der erachtet es nicht für nötig, an sich noch zu arbeiten, Schäden und Fehler gut zu machen. Richten sich aber die Augen weg vom eignen Ich, dann richten sie sich von selbst auf die Mitmenschen. Die Mitmenschen aber werden einer scharfen Kritik unterworfen. Da wird jedes Fehlerchen genau beobachtet. Wo vielleicht ein⸗ mal etwas falsch gemacht sein könnte, dann wird solange daran herumgedeutelt, bis wirklich eine Sünde festgestellt ist. Dann wird verdammt und verurteilt. Wie steigt doch der eigne Wert auf dem Hintergrunde fremder Unvollkommenheit?

So findet es Jesus bei den selbstgerechten Pharisäern. So finden wir es in den Häusern, den Gemeinden und im ganzen Volke. Wenn im Hause einmal etwas nicht stimmt, dann schimpft der Mann über die Frau und die Frau stellt mit Sicherheit fest, daß es der Mann allein verschuldet hat. Die Folgen kennen wir alle. Der Unfriede kehrt ein und macht das Zusammenleben so ungemütlich. Wie schön ist es doch, im Schatten des Friedens zu leben.

Der Dorf- und Stadtklatsch lebt ja nur von dem Herunter⸗ reißen des anderen. Sagt man doch, daß manche Frauen von Leuten gar nicht sprechen wollen, wenn sie nicht Grund haben, über sie herzufallen.Von denen spricht man am Besten gar nicht. Nun wollen wir aber nicht selbst in den von Jesus so hart gerügten Fehler verfallen und zugeben, daß es auch viele männliche Weiber dieser Art gibt.

Oder wir denken an allerlei Vorfälle in den kirchlichen oder bürgerlichen Gemeinden. Ist etwas in diesen Gemeinden nicht ganz in Ordnung, dann wird über den Pfarrer oder über den Bürgermeister mit oft recht unflätigen Worten hergefallen.

dann gehörig gescholten wird.

Wird von frommen Gemeinschaften auch noch so sehr betont, daß sie mit der Kirche zu gehen und zu arbeiten haben, so trifft man es doch häufig an, daß gerade von diesen Kreisen die Kirche nur als Gegenstand der Kritik angesehen wird. Ja ist es nicht etwas unerhörtes, wenn solche Kreise über einen Pfarrer richten und wollen Unterschiede machen zwischengläubigen undun gläubigen Pfarrern? Genau so unchristlich ist es, wenn von kirchlicher Seite es ebenso gemacht wird und die frommen Ge meinschaften allgemein alsHeuchler abgetan werden. Wir sehen gerade hier, wie unvollkommen man auch in christlichen Krei⸗ sen ist.

Der Vollständigkeit halber will ich jetzt noch an das Leben in unserem deutschen Volke denken. Zerklüftet sind wir in viele Parteien und Grüppchen. Jede Partei aber stellt sich als ganz unschuldig hin. Fehler machen nur die anderen, auf welche Daß dabei mit vielen Lügen gearbeitet wird, zeigt uns, in welch schlechten Händen die Füh rung unseres Volkslebens sich befindet.

Richtet nicht, so werde ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht o werdet ihr nicht verdammt, mahnt unser Herr Jesus. Das gilt schon für unsere Erdenzeit. Wer so gerne über seine Mitmenschen herfällt, dem wird auch scharf auf die Finger und auf den Mund gesehen. Wehe ihm, wenn er einen beweisbaren Fehler sich zu schulden kommen läßt. Dann ist man auch unnach⸗ sichtig gegen ihn. Hat er andere verdammt, dann wird er auch ohne Schonung verurteilt. Das ist eine Tatsache, die Jesus be obachtet hat, und die wir ja selbst im Leben unserer Umgebung genug sehen können.Was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch, so drückt Jesus diese Erfahrungs⸗ tatsache an anderer Stelle aus.

Wir wissen aber auch, daß Jesus nicht bei dem Irdischen stehen bleibt. Wenn er uns androht, daß auch wir gerichtet werden, so denkt er nicht an menschliche Richter, sondern an das Gericht, das wir einmal über uns ergehen lassen müssen nach dem Wort:Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, dann aber das Gericht. Dort werden wir zur Rechenschaft gezogen über unser Richten und Verdammen. Liebe Leser, wir wollen vor diesem Gerichte unseres Gottes zittern. Heute denken alle

Leider erleben wir ähnliches auch in religiösen Kreisen.

5 2 nur an die Gnade unseres Gottes. Sind wir denn dieser Gnade wert? Wir wollen wieder zittern lernen vor Gottes Gericht.

Dies aber veranlaßt uns zu fragen:Was muß ich tun?

Jesus sagt es uns. Nicht richten, sondern vergeben sollen wir! 1 Wie schwer fällt es manchem Menschen wieder zu vergeben. Wie 1 wenig denken viele daran, daß Gott dem Schalksknecht seine Gnade wieder entzogen hat, weil er nicht auch vergeben konnte. Wie sind so viele Menschen empfindlich gegen ihre Mitmenschen, vergessen aber ganz, daß sie auch schon andere beleidigt und schwer gekränkt haben. Wie wollen diese im Gericht vor ihrem Gott stehen? Auf diese paßt so recht das Wort Jesu:Was 10 siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens 4 1

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in deinem Auge wirst du nicht gewahr? Vergeben werden wir erst, wenn wir gelernt haben, was uns noch alles fehlt, wenn wir von uns nicht hoch, sondern gering denken. Deshalb mahnt Jesus:Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und dann siehe zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest! Die Selbstgerechtigkeit müssen g wir überwinden. Mehr unser Augenmerk auf uns richten.Ein 1 jeder kehr vor seiner Tür, so steht es wohl im Stadtrevier, sagt N Dr. M. Luther. Welch ein Friede würde dann unter uns herr⸗ schen. Wie leicht könnten wir alle dann helfen, unser herunter⸗ 1 gekommenes Volk wieder in die Höhe zu bringen! 1 Kommt, Brüder, laßt uns wandern; N Wir gehen Hand in Hand; Eins freuet sich am andern N In diesem Fremden Land. 0 Kommt, laßt uns kindlich sein, 21 Uns auf dem Weg nicht streiten; 1 Die Engel selbst begleiten 4 Als Brüder unsre Reihn. 4 Und sollt ein Schwacher fallen, 1 So greif der Stärkre zu; Man trag, man helfe allen, Man pflanze Fried und Ruh. Kommt, schließt euch fester an! Ein jeder sei der Kleinste, Doch wohl auch gern der Reinste Auf unsrer Pilgerbahn. Amen.