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Mitternacht, ein nationalgeeinigtes Volk geworden sind,
Wirtschaftskreise eingebrochen,
von dieser Stunde an bekehrt.
eines seiner Jünger, wenn er schreibt, wesen.
9 Volke.
angelische
Organ der Evangtlischen Volksgemeinschaft
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Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.)
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2. Jahrgang.
Sonnabend, den 14. August 1926.
Nummer 33.
Die Versöhnung der Klassen.
Ansprache von Arbeitersekretär August Springer,
Stuttgart⸗Ludwigsburg, gehalten beim Volksabend des Weltbundes
für Freundschaftsarbeit der Kirche am 4. Mai 1926.
Ist es nicht ein schweres, schier unmöglich erschei⸗ nendes, Unterfangen, die Klassen gerade unseres Volkes miteinander versöhnen zu wollen? Wir wissen, wie schwer und leidvoll die deutsche Geschichte gewesen ist. Wie wir erst in allerletzter Stunde, fünf Minuten vor
zu einer Stunde also, da bereits riesengroß die soziale Frage aufgestanden und eine Klasse geformt war, von der das Deutschland von ehedem nichts wußte. Der Klas— senwille ist stärker geworden als der Wille zum Volk. Es ist ein Gegensatz da zwischen der wirklich vorhandenen Wertung, die unausgesprochen, geheim aber ganz stark in den Herzen sitzt, und der Wertung, die in schönen Zei— tungsaufsätzen und schwungvollen Festreden sich immer wieder zu äußern pflegt. Es wird gesagt, daß nur die Arbeiterschaft einen Klassenkampf führe. Mag sein, daß sie die einzige Klasse darstellt, die, mit einem Klassen— kampf⸗Programm ausgerüstet, ihre Schicksalswege geht. Aber es ist nicht wahr, daß die anderen Klassen nicht auch kämpfen. Wenn sie gar nichts anderes tun, als ihre politische und gesellschaftliche Position unerbittlich zu verteidigen, wenn sie sich nicht dareinfügen können, daß es heute nun einmal nicht mehr ist wie früher, daß die Menschen eben da sind, schicksalhaft in eine Klasse hinein— gezwungen, dann führen sie auch einen Klassenkampf. Mir kommen die Worte Grillparzers aus der„Jüdin von Toledo“ in den Sinn:„Ihr lähmet uns und scheltet, wenn wir hinken.“
Die Versöhnung der Klassen wäre leichter zu er— reichen, wenn mehr Sicherheit und klare Grenzen der Klassen vorhanden wären.
Aber wo ist heute die Klasse, der es ganz wohl ist, die nicht selber von Gegensätzen heimgesucht und zer— rissen ist, die eine ganz ungeknickte Gesinnung hat? Allen fehlen heute die metallenen Linien der Sicherheit und Zuversicht, alle sind sie erschüttert. Keine kann mehr mit spartanischer Selbstbeherrschung den Fuchs verber— gen, der ihr heimlich unter dem Mantel die Brust zer—⸗ beißt. Ein großes Sterben ist selbst in die führenden der Bauernstand ist schwer bedroht, die„Gebildeten“ sind weithin proletari⸗ siert, große Schichten des Mittelstandes sind zusammen— gebrochen. Und nun sucht man allenthalben die Schuld am Bedrohtsein der eigenen Klasse schlechthin bei den anderen. Da sie alle gefährdet sind, ihre Grenzen wo⸗ gend zerfließen, der Boden unsicher unter ihren Füßen zuckt, so kämpfen sie um ihr Sein in heißer Angst und mit einer Lebensgier, die freilich eher dazu angetan ist, ihre Lebensgrundlage zu zerstören, als sie zu erhalten.
Ist denn nicht das schwere deutsche Schicksal im⸗ stande, die Klassen zusammenzuschweißen? 2 Was haben wir doch erlebt? Nahezu zwei Millionen deutscher To— ten aus allen Klassen sind in die Felder der halben Welt zerstreut. Es ist fürchterlich, daran zu denken, wie viel gestorben worden ist, für die anderen, auch für die an— deren Klassen, mit denen man noch nicht versöhnt war. Traurig genug, daß wir zu wenig auf die Sprache der Gräber und der Wunden hörten; im tiefsten Grunde sind sie alle schon gestorben für etwas, was größer war als die Klasse, für Leben und Sein ihres Volkes. Die deutschen Fluren sollten nicht zerstampft, unsere Häuser nicht verbrannt, unser Arbeitsleben nicht vernichtet, unser Geistesleben nicht erstickt werden. Und nun sind wir mehrmals in den letzten Jahren dicht am Rande des Bürgerkrieges gestanden, in Gefahr gewesen, daß der Deutsche sein Deutschland zum Land der Totenschädel und der Ruinen machte. Wenn so etwas geschähe— und wenn es nicht zu einer Versöhnung der Klassen kommt, wird es geschehen,— dann liegt auf allen eine unermeß⸗ liche Schuld, denn dann ist es, als wäre dem Millionen⸗ sterben der Sinn genommen. Man hat von einer Pro⸗ letarisierung unseres Volkes gesprochen. Es ist wahr, was früher die Arbeiterklasse geneigt war, als ihre Schicksalslinien anzusehen, das ist heute dem ganzen Polke ins Gesicht gegraben. Eine große Existenzunsicher⸗ heit bedroht uns, wir haben manches Mal das Gefühl, als sei unser Volk Verwaltungs- oder gar Ausbeutungs⸗ gegenstand der anderen. Was hätten wir nötiger, als daß uns der hinreißende Schwung jenes Solidaritäts⸗ gefühls belebte, das der Arbeiterbewegung in ihren An⸗ fangszeiten Unwiderstehlichteit verlieh. Doch wir wollen uns nichts vormachen: die nationale Not hat nicht wie
sondern wie ein Keil, der sie auseinandertreibt. Aus allen Klassen bricht der Schrei nach Entlastung von dieser Not.
Aber es ist doch so viel Menschennot da, die ge— meinsam ist und nach keiner Klasse, oder besser gesagt nach allen Klassen fragt. Krankheit, Alter, Tod, viel innerlicher Jammer, werfen sich auf alle. Könnte das nicht zusammenführen 2 Vielleicht da, wo ein gewisses Maß äußeren Geborgenseins vorhanden ist und Schick⸗ salsmacht mit klassenlosem Angesicht in die Stuben tritt. Wo aber dieses gewisse Maß des äußeren Geborgenseins nicht da ist, wo Existenzunsicherheit und Kargheit der Lebenshaltung herrschen, da werden Krankheit, Alter und Sterben in ihrer Wirkung so gesteigert, daß sie als Klassenlos auftreten und angesehen werden:„Mein
Die rethte Frömmigkeit.
Lulas 18,10. Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Wenn Menschen sich umwandeln, aus Weltkindern Gläubige werden, dann redet man von einer Bekehrung dieser Menschen. Leider wird mit diesem Worte oft ein grober Unfug getrieben. Das zeigt, daß viele Christen, auch solche, die fromm sein wollen, noch lange nicht nach dem Herzen unseres Heilands Christen sind. Der Pharisäer, von dem uns Jesus da erzählt, daß er in den Tempel gegangen sei, der war früher auch ein Weltkind gewesen. Da eines Tages wird er vielleicht durch Freunde geworben für die Pharisäerpartei. Nach einigem Kampf mit sich, entschließt er sich zum Eintritt. Nun war er ein„bekehrter“,„gläubiger“ Jude. So gibt es doch heute noch sektierisch angelegte Leute, die sich von der Kirche absondern und in einen engen Kreis von so⸗ genannten„Gläubigen“ eintreten und dann meinen, sie seien Wie der Pharisäer die Zugehörig— keit zu der Pharisäerpartei als ein Siegel seiner besonderen Frömmigkeit ansah, so tun es viele ihnen nach mit ihrer Zuge⸗ hörigkeit zu einem engen Kreise.
Nun ist es doch auffallend, daß unser Herr Jesus sich gar nicht einem solchen engen Kreise angeschlossen hat! Wir gläubige evangelische Christen wollen ja immer auf unseren Heiland schauen und nur von ihm lernen. Da erkennen wir immer wieder, wie der Herr in seinem Volke drinnen stand, wie er zu reich und arm sich hielt, wie er viel in den Tempel ging, sich also nicht von seiner Kirche abschloß. Als er von Bethanien kam und am, Palmsonntag in Jerusalem einzog, da war sein erster Gang in den Tempel. Kein Wort hören wir von ihm, daß er und seine Jünger wollten frömmer sein, wie die anderen. Es ist ein Arteil Jesus sei ohne Sünde ge— Seine Jünger werden oft von ihrem Meister gescholten
ein Reifen gewirkt, der die Klassen zusammenzwingt,
Kind wäre 10 1 5 wenn 1 hätte rechtzeitig in eine Erholung schicken können. Meine Frau hätte die Schwindsucht nicht, wenn 100 eine andere Wohnung und mehr Geld gehabt hätten, so wie die Menschen der anderen Klasse es haben.“ Das ist das Schwere: das Klassenschicksal verschärft das persönliche Schicksal und das persönliche wiederum steigert das Klassengeschick, denn nun ist man noch viel hilfloser, abhängiger, prole⸗ tarisierter geworden. Auch hier ist die Not kein Kitt, sondern ein zersetzendes Ferment. (Schluß folgt.)
Evangelische Volksgemeinschaft und kirchliche Presse.
Zu dem unter obiger Ueberschrift in Nr. 26 der„Warte“ er—
schienenen Artikel sandte Herr Pfarrer Deiten beck der Reichsgeschäftsstelle folgende
Berichtigung.
Die„Evangelische Warte“ hat in einem Artikel„Evange— lische Volksgemeinschaft und Evangelische Presse“ in der Num— mer vom 26. Juni ds. Is. dem Unterzeichneten als dem Schrift— leiter des„Evangel. Kirchenboten“ den Vorwurf des Wort- bruchs gegenüber Herrn Pfarrer Ide-Höchst a. M. gemacht.
Dazu bemerkte der Unterzeichnete, daß er in mehreren Unterredungen wiederholt Herrn Pfarrer Ide gegenüber betont hat, daß der Schlußsatz seines für den Evangelischen Kirchenboten bestimmten Artikels„Evangelische Volksgemeinschaft“ und der Nachsatz„wodurch die Kirche in weiten politisch links gerichteten Volkskreisen den Boden verloren hat“, von der Aufnahme aus⸗ geschlossen bleiben müsse; der Schlußsatz, weil er in keiner sach— lichen Beziehung zu dem ersten im Kirchenboten erschienenen Artikel stünde, der Nachsatz, weil er in dieser Form historisch unzutreffend sei und demagogisch wirke. Im übrigen versprach der Unterzeichnete keine Aenderung vorzunehmen, ohne Herrn Pfarrer Ide Mitteilung zu machen. Dieses Versprechen ist voll und ganz gehalten. Vom Wortbruch kann demnach keine Rede sein.
Sossenheim. L. Deitenbeck, Pfarrer.
Zu obiger„Berichtigung“ des Herrn Pfarrer Deitenbeck teilt uns unser Gewährsmann, Herr Pfarrer Ide-Höchst a. M., welcher den Artikel über die E. V. im„Kirchenboten“ geschrieben hat, folgendes mit:
Vor Veröffentlichung meines Artikels im„Kirchenboten“ hatte ich eine Besprechung mit dem Schriftleiter, Herrn Pfarrer Deitenbeck, wobei dieser noch unschlüssig war, ob er den Artikel überhaupt aufnehmen werde; er versprach aber im Falle der Aufnahme keine Aenderungen ohne mein Wissen vorzunehmen. Seine jetzige Behauptung, daß die von uns beanstandeten Streichungen schon vorher bestimmt angesagt seien und nicht un— ter sein Versprechen fielen, muß ich nach wie vor als irrig be— zeichnen.
Die Pharisäer jedoch taten dies. Wir wollen gar nicht an⸗ nehmen, daß alle Angehörigen dieser frommen Kreise sich nur aus selbstsüchtigen oder ruhmsüchtigen Gründen angeschlossen haben. Sicher waren sehr viele aufrichtige Leute dabei, welche es mit ihrer Frömigkeit recht ernst genommen haben. Jesus sagt auch nichts von dem Pharisäer im Tempel. daß er schlechte Beweggründe gehabt habe. Weil er es gerade so ernst nahm, war er froh, daß er es soweit gebracht hatte. Stolz sah er auf sein Leben, das frei war von groben Sünden. Hoch stellte er sich über die Weltmenschen, die diesen Weg noch nicht gefunden hatten.„Ich danke dir Gott, daß ich nicht so bin wie die an— deren Leute!“ Ein Blick wirft er auf den, der mit ihm zum Tempel gegangen ist. Es war ein Zöllner. Den Pharisäer überfällt ein leises Grauen. Wenn er wäre wie die großen Sün⸗ der, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner War es doch im ganzen Lande bekannt, daß es kein Zollpächter in einem römischen Zollhause gab, der nicht ein Spitzbub war. „Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie er!“
So reden heute auch in unseren evangelischen Landen viele über andere, die sie nicht für„fromm und gläubig“ halten. Der Zöllner war es für den Pharisäer auch nicht. Der Zöllner fastete nicht, er betete nicht zur bestimmten Stunde, er gab nicht den Zehnten dem Buchstaben genau von allem, war er hatte. Aber er erkannte, daß er ein Sünder sei. Diese Erkenntnis kann er nicht in geübten Gebetsworten in seiner Herzensnot vor Gott bringen, sondern nur in einem unbeholfenen Stammeln. Da stand er an der Türe des Vorhofs, die Hand auf seine Brust gelegt. Keinen Blick warf er auf andere, die noch im Vorhof waren. Seine Not, seine Sünde, seine Unvollkommenheit be— schäftigten ihn allein. Da stand der Sünder neben dem braven Ehrenmann, der Plebejer neben dem Aristokraten der Fröm— migkeit. Der eine sah, was ihm fehlte, der andere, was er leistete. So stellt Jesus zwei fromme Menschen vor unsere Augen und fragt uns:„Welchem wollt ihr gleichen?“
wegen ihres Kleinglaubens oder ihrer Sünden. Nein Jesus wollte mit seinem Jüngerkreis nicht sich abschließen von seinem
Für uns gilt die Entscheidung, die der Herr selbst zuletzt gibt:„Der Zöllner ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden;
und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden.“ Wer sich selbst erhöht, der kann sich nicht beherrschen, seine Mit⸗ menschen zu richten. Das aber ist ein von Jesus hart getadelter Fehler.
Leider finden wir dieses Richten über andere heute bei manchen sogenannt„frommen Leuten“. Erst sollen diese das Richten lassen, dann erst kann ich an ihre Belehrung glauben. Ja was ist denn nun Bekehrung?
Ich las gerade in dem Vierteljahresblatt„Im Dienste des Kinderfreundes“ Nr. 1—3(1925) im Briefkasten die Anfrage: „Dürfen Unbekehrte zum Helferdienst(des Kindergottesdienstes. D. Schriftl.) herangezogen werden?“ Sehr gut fand ich in der Antwort darauf die Frage der Bekehrung erklärt. Nicht darin be⸗ steht die Bekehrung, daß jemand sagt: Ich bin bekehrt.„Ich verstehe nach meiner biblischen Erkenntnis unter Bekehrung: Hinlehr zu Jesus“, so schreibt Samuel Spörri in Elberfeld. Wer bekehrt ist, der mag es selbst an der Ruhe seines Gewissens merken. Gott aber der Herzenskündiger wird allein Wahrheit und Ein— bildung unterscheiden können.
Für uns gibt es nur ein Mittel, das uns der Herr selbst lehrte, um rechte Frömmigkeit zu erkennen: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Fromme Worte, Zugehörigkeit zu einem frommen Kreis, geläufiges Beten können, das alles ist kein Zeichen der Frömigkeit. Wer fromm sein will, der muß erst seine Fehler und Unvollkommenheit fühlen, wie ein Paulus, der da spricht:„Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den wir an Gott haben sollen.“ Auch muß ein solcher Liebe haben zu seinen Mitmenschen, die er nicht wie der Phari— säer den Zöllner verurteilen darf. Er muß Jesus als seinem Heiland sich hingeben mit seinem Herzen, aber nicht nur mit seiner Zunge. Der Gottsucher ist Gott angenehmer als der, der sich für fertig hält. So wollen auch wir trachten nach rechter Frömmigkeit im Zöllnergeist:„Gott sei mir armen Sünder gnädig.“„Nicht daß ich es schon ergriffen hätte oder vollkommen sei. Ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin.“ Amen. Hr.
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