Sonnabend, den 13. November 1926.
„Evangelische Warte“
Volksabstimmung über Auflösung des Landtages in Hessen!
Stimmen die Mitglieder der Evangelischen Volksgemeinschaft am 5. Dezember 1926 in Hessen für oder gegen die Auflösung des
Landtages e?
Die Evangelische Volksgemeinschaft stimmt mit„Ja“ für die Auflösung!
Warum?
Nicht aus den Gründen, aus denen der Wirtschafts- und Ordnungsblock eine Auflösung wünscht, sondern aus Gründen der
Kulturpolitik.
Ein ausführlicher Aufsatz, enthaltend den Vortrag des Reichsgeschäftsführers auf der Tagung am 7. November ds. Is. erscheint
in einer der nächsten Nummern der„Evangelischen Warte“.
(Siehe kurzer Bericht).
Aus unjerer Bewegung.
Tagung am 7. November in Frankfurt(Main).
Der 1. Vorsitzende der Evangelischen Volksgemein⸗ schaft, Herr Dr. Moegenburg⸗Frankfurt a. M., begrüßte die Erschienenen mit herzlichen Worten. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen, unter denen beson— ders auf den Zugang eines Schreibens vom Ausland hingewiesen sei, ergriff Herr Reichsgeschäftsführer Pfarrer Weidner das Wort zu dem Vortrag! Aus welchen Gründen stimmt die Evangelische Volksgemein⸗ schaft in Hessen am 5. Dezember für die Landtagsauf⸗ lösung? Der Redner führte dabei aus, daß die Evan⸗ gelische Volksgemeinschaft die Gründe, die der Wirt⸗ schafts⸗ und Ordnungsblock ins Feld für die Auflösung führt, von uns nicht gebilligt werden. Der Block spricht nur von der Finanzpolitik und schweigt sich über die Kulturpolitik vollkommen aus. Die Kulturpolitik ist für uns aber eine der wichtigsten Fragen, und sie be— wegt uns, für die Auflösung des Landtages zu stimmen. Der Redner zeigte eindringlich an Hand von Beispielen wie die jetzige Regierung, deren Zusammensetzung durch die Mehrheitskoalition des Landtages bestimmt ist, kulturpolitische Mißwirtschaft treibt. Besteht doch selbst die allergrößte Gefahr, daß wir in Hessen unter diesem Landtag zum Konkordat kommen. Gegen diese Uebel— stände und Gefahren müssen wir mit voller Kraft an⸗ kämpfen und für die Auflösung des Landtages stimmen. (Ausführlicher Bericht folgt.) Reicher Beifall dankte dem Redner. Es wurde ein Vorstand für Hessen ge⸗ bildet, der aber noch erweitert werden soll. Mit Dankesworten schloß der 1. Vorsitzende die Versamm⸗ lung.
Was sagt das Ausland 5 1 Volksgemein⸗ 0 af
Vor wenigen Tagen ist bei der Reichsgeschäftsstelle
folgendes Schreiben eingegangen: Konstantinopel⸗Pera, 28. Oktober 1926. Ainali⸗Tscheschme: Deutsche Kirche.
In der Zeitschrift„Das Evangelische Deutschland“ Nr. 32 und 43 75 ich mit großem Interesse von Ihren Bestrebungen u. bitte mir Ihre zur Orientierung über die Ziele, Wege und Mitarbeiter der Evangelischen Volksgemeinschaft geeigneten Druckschriften gütigst über⸗ senden zu wollen. Auch für einen Abdruck des im „Evangelischen Deutschland“ Nr. 43, Seite 342, erwähn⸗ ten Artikels von Dr. Bornemann: Ein evangelisches Zentrum? in der Zeitschrift„Der Zusammenschluß“ wäre ich sehr dankbar. Vielleicht können Sie mir das betr. Heft des„Zusammenschluß“ als Probenummer zu⸗ senden lassen.
In dieser evangelischen Verbundenheit
Berckenhagen, Pfarrer.
zum Nathdenken.
Wir Eltern.
1. Wir Eltern gehören zusammen nicht in erster Linie in einem Elternbunde, auch nicht im christlichen Elternbunde, der seine Rechte verteidigen will, sondern wir gehören vor allem zusammen als Glieder der einen erwählten und geheiligten Ge⸗ meinde Jesu Christi, der das unvergängliche Wort geschenkt worden ist; als ihre Glieder besinnen wir Eltern uns auf unsere Gabe, auf unsere Pflichten und auf unsere Rechte.
2. Wir Eltern haben Grund, jeden Tag dankbar des Ewigen Gnade zu preisen, daß er uns Kinder anvertraute. Ein Haus :
himmlischer Vater gepflanzt hatte, zu sammeln, die anderen aber
ohne Kinder— ist es nicht wie ein Garten ohne Blumen? Und warum ward uns so Großes geschenkt?
3. Wir Eltern haben in den Herzen unserer Kinder unmittel—⸗ bar vor uns das Ackerland, auf das nur guter Same gehört. Drängt sich uns aber nicht das Bewußtsein unserer Verantwor⸗ tung unseren Kindern gegenüber am ernstesten auf durch das Wort Jesu:„Ihrer ist das Himmelreich!?“
4. Wir Eltern würden unsere Stellung vollkommen ver⸗ kennen, wenn wir an Kirche oder Staat oder Schule das ab— treten wollten, was doch unsere heiligste Verpflichtung ist: das Beste unsern Kindern zu vermitteln. Niemand kann uns die Veranwortung abnehmen, die wir einst dem Herrn für die Er⸗ ziehung unserer Kinder ablegen müssen.
5. Wir Eltern sollten uns freilich wohl hüten, uns„Gottes Stellvertreter“ zu nennen. Aber wir sind die Seelsorger unserer Kinder; und können wir sie auch nimmer in das Reich Gottes hineindrängen und zwängen, so bleibt es doch unsere ernste Aufgabe, in Wort und Wandel den Finger auszustrecken: Ihr Kinder, da ist euer Gott, da ist sein Reich, da ist der Erlöser, da ist eure ewige Heimat!“
6. Wir Eltern sollen mit allem Ernst bedenken, daß unsere Kinder unsere schärfsten Beobachter sind, und daß die schwerste Rache eines verkehrten und gottfernen Lebens durch unsere Kinder über uns hereinbricht.„Die Hölle ist nicht leichter ver⸗ dient, denn an den eignen Kindern“, sagt Luther.
7. Wir Eltern werden uns nie schlimmer versündigen an den Kindern als durch Unwahrhaftigkeit in unserem religiösen Leben. Was soll ein Kind von Gott denken, dem die Eltern hie und da einen Sonntagsbesuch machen? Den sie zur Stütze einer notwendiger Moral für notwendig erachten, dem sie aber keine Macht über ihr eigenes persönliches Leben ein⸗ räumen?
8. Wir Eltern haben das Recht, und wir müssen es um unserer Kinder willen mit allem Nachdruck geltend machen, Sicherheit dafür zu fordern, daß das, was im Elternhause dem Kinde heilig und ehrwürdig war, nie und nimmer verletzt und niedergetreten wird durch irgend welche, denen wir sie zur wei— teren Bildung in die Hand geben müssen.
9. Wir Eltern dürfen eine Schule verlangen, in der nicht der Götze der Bildung, der Kultur, der Vielwisserei verehrt wird, sondern in der der Geist Jesu Christi Macht und Gewalt hat; der Geist, der Weisheit schenkt und den Charakter prägt. Wir sollen aber auch bedenken, daß nie und nimmer eine christ⸗ liche Schule den Unsegen eines unchristlichen Hauses aus der Welt schafft.
10. Wir Eltern haben viel Grund, für unsere Kinder zu beten; wir haben am meisten Grund, zu flehen:„Vergib uns unsere Schuld!“ H. Klugk. H. im„Sehrohr“.
*
Reichtum der Gnade.
Ein reicher Herr führte eines Tages seinen Besucher vor sein Haus und zeigte ihm die Ausdehnung seiner Besitzungen. Indem er mit der Hand rund herum zeigte, sagte er:„Das ist alles mein Eigentum.“ Dann fuhr er fort: Sehen Sie jene große Farm dort hinten und das schöne Haus? Auch das ge⸗ hört noch aller mir.“
Darauf fragte der Besucher:„Sehen Sie jenes kleine Dorf ganz unten? Dort wohnt eine arme, alte Frau, die noch mehr besitzt als dies alles zusammen genommen.“
„Nun, und was wäre denn das?“
„Sie kann sagen: Christus gehört mir.“
Der Reiche sah zur Erde und sagte nichts mehr.
*
Jesus ein Gätner!
Maria hält den Herrn für einen Gärtner; und ist er es denn nicht? Kam er nicht hernieder, die Pflanzen, die sein
e Feed Bürkels: „Guftav Adolfs deutjche Sendung
Eine Einführung von Gust. Hildebrant.
Mit der dramatischen Dichtung„Gustav Adolfs deutsche Sendung“ versetze ich meine Zuhörer in die Zeit des 30 jährigen Krieges. Des Schwedenkönigs Gustav Adolfs Eingriff in den deutschen Glaubenskampf und sein Ringen bis zu seinem Tri⸗ umph bei Breitenfeld sind die weltgeschichtlichen Begebenheiten, die diesem Drama zu Grunde liegen.
Warum hat der Dichter Friedrich Bartels gerade diesen Stoff gewählt? Ich könnte auch fragen, warum gerade dieser Stoff heutzutage seinen dichterischen Gestalter gefunden hat; denn keinesfalls wird ein echter Künstler sich einen Stoff zur Gestaltung mit kühlem Verstande aussuchen, sondern er ergreift ihn, indem er von ihm ergriffen wird. Dabei macht es auch keinen Unterschied, ob der zündende Gegenstand dem Dichter durch fein geschichtliches Wissen oder durch sein Wissen um die lebendige Gegenwart vor die Phantasie gerückt wird. Ist der Gegenstand aber wie hier ein geschichtlicher, so ist auch klar, daß er innerlich nicht der Vergangenheit angehört, sondern noch Lebenskräfte birgt, die auch den Gegenwartsmenschen bewegen.
Die Frage, warum der Dichter gerade diesen Stoff gewählt hat, deckt sich also im allgemeinen mit der Frage, welche innere
Mus jeder Evangelische wisjen muß.
Geisteshöhe jesuitischer Festrethoril.
Die in Wien erscheinende„Reichspost“ vom 1. Fe⸗ bruar 1926 bringt einen ausführlichen Festbericht über die 25 Jahrfeier der Wiener Männer⸗Kongregation Regina Angelorum, die am 31. Januar stattfand. Bei der Festivität marschierten auf die sämtlichen katholi⸗ schen Vereine, viel Klerus, Gemeinderäte, Vertreter anderer Kongregationen, ein zahlreiches Publikum und Kardinal Pfiffl. Die Festrede hielt der Jesuiten⸗ pater Bichlmair. Er leistete sich dabei die kraftvolle Wendung:„Heute kann man sagen: nur die Blöden sind nicht kaholisch!“ Die„Reichspost“ fand dieses Ur⸗ teil so schön, daß sie dasselbe durch Sperrdruck hervor⸗ hob.— Die Wendung des Paters Bichlmair beweist nur eins, das aber deutlich, daß ihm die gute Kinder⸗ stube fehlt. 7
Nom und der konfessionelle Frieden.
Am 28. September fand in Rom ein Kongreß für moralische Erziehung statt. Er stand unter dem Patro⸗ nat des Königs und Mussolinis. Der„Osservatore Ro⸗ mano“ vom 30/31. August 1926, das Organ der Kurie, nimmt im Leitartikel zu dieser Veranstaltung Stellung. Mit einer nicht undeutlichen Sprache wird dem Befremden Ausdruck gegeben, daß für einen Kon⸗ greß, der die Behandlung von Fragen der sittlichen Er⸗ ziehung, ohne Rücksicht auf Rasse, Nationalität und Re⸗ ligion sich zur Aufgabe gesetzt habe, als Tagungsort ge⸗ rade Rom ausersehen, das Patronat der Regierung und alle die materiellen Forderungen gewährt worden seien, wie sie im anno santo und sonst für Pilgerzüge gegeben wurden. Nom, der Sitz des Statthalters Christi, die Hauptstadt der katholischen Kirche, sei kein Ort für eine unter der Führung des Freimauertums stehende Versammlung von Buddhisten, Hebräern, Nro⸗ testanten und Atheisten, die glaube, bei der Behand⸗ lung von Fragen der sittlichen Erziehung der ewigen Wahrheiten der Religion entbehren zu können. Die katholische Welt, die seit 20 Jahrhunderten den wahren „Internationalen Kongreß für sittliche Erziehung“ in ständiger Tagung in Rom, in der Kirche sehe, könne in dem Kongreß nur eine„positive und direkte Beleidi⸗ gung“ des höchsten sittlichen Lehramts des heiligen Vaters und eine Herausforderung sehen.
dem Gerichte zu überlassen, daß sie ausgereutet würden? Hat er nicht mit treuer Hand diese Pflanzen gepflegt und großge⸗ zogen? Hat er nicht Samen gestreut, wie kein menschlicher Gärtner, so viel und so fruchtbar, daß in jeder neuen Generation eine neue Ernte daraus hervorwächst? Hat er nicht bei den Seinen wilde Sprößlinge abgeschnitten mit scharfem Messer der Strafe, bei anderen mit Geduld gegraben um die Wurzel, andere festgebunden an den Stab des Glaubens und der Hoffnung? Ja, er war und ist ein Gärtner, der nun gewiß auch droben im Paradiese seine edlen Himmelspflanzen zieht. *
Furchtlose Todesbewährung.
In einer in Riga erscheinenden Schrift:„Woche in Wort und Bild“ wird Mitteilung gemacht von Männern, die unter der blutigen Hand der Bolschewisten den Märtyrertod starben. Unter den genannten, Märtyrern waren 5 Pröpste, und einer, Dr. Tr. Hahn, war ein Dorpater Theologieprofessor. Der letz⸗ tere predigte vor seinem Sterben:„Er, der nun einmal der Herr der Märtyrer ist, braucht das Sterben der Seinen je und je, als die köstlichste Aussaat Seines Reiches. Er braucht furcht⸗ lose Todesbewährung, damit es vor der Welt sich als eindrucks⸗
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Verwandtschaft zwischen der Zeit des 30jährigen Krieges und unseren eigenen Tagen besteht. Wenig Worte über die damali⸗ gen Zustände in Deutschland werden genügen, um die innere Verwandtschaft zwischen damals und heute empfinden zu lassen.
Martin Luthers Werk hatte seine Sieghaftigkeit noch lange über den Tod des Reformators hinaus bewahrt. Ueberall in Deutschland erlangte es das Uebergewicht, sogar in den kaiser⸗ lich⸗österreichischen Kronländern. Von den großen Herrscher⸗ häusern beharrten außer den Habsburgern selbst nur die Wit⸗ telsbacher in Bayern beim Papsttum. Ein italienischer Ge— sandter beurteilte die Lage in Deutschland dahin, daß die katho⸗ lische Kirche hier vor dem Untergang stehe, da kaum noch ein Zehntel des deutschen Volkes zu ihr halte. In Rom selbst rech⸗ nete man mit der Wahl eines protestantischen Fürsten zum deut⸗ schen Kaiser.
Dennoch sollte es nicht dahin kommen, daß unser Volk seine geistige Einheit nun auf evangelischem Boden zurückgewann. Die Schuld daran verteilt sich gleichermaßen auf das Papsttum, das angesichts der drohenden Niederlage wieder zu erstarken verstand, und auf das Protestantentum selbst, das sich den end⸗ gültigen Sieg durch Lauheit und Zerrissenheit verscherzte. Zwietracht herrschte hier zwischen den Lutheranern und den Kalvinisten und Zwietracht zwischen den Lutheranern selbst, ein Theologen⸗Gezänk, das schon dem sanftmütigen Philipp
Melanchton den Lebensabend verbittert hatte. Bei den welt⸗
lichen Häuptern im protestantischen Lager aber verhielt es sich so: waren sie Männer wie die Herzöge von Weimar und die Landgrafen von Hessen-Kassel, so fehlte es ihnen doch an Macht und Einfluß im Reiche, und wo die Macht vorhanden oder möglich war wie in Kursachsen und Kurbrandenburg, da fehlte es wieder an Männern, die das evangelische und völkische Ge⸗ meinwesen über die Grenzen einer kurzsichtigen Hauspolitik hinaus vertreten hätten.
Dieser Zerrissenheit und eigennützigen Beschränktheit gegen⸗ über gedieh das Papsttum dagegen auf Grund der Tridentiner Beschlüsse, die der römisch⸗katholischen Kirche noch heute ihr Ge⸗ präge geben, zu straffer Ordnung und Stoßkraft. Nicht mehr die Reformation, sondern die Gegenreformation machte jetzt Fortschritte, und ihr Vortrupp war der Jesuiten⸗Orden.
Diese wohlgeschulte, monarchisch und militärisch geformte Gesellschaft Jesu ging aufs Ganze, nicht auf einen Vergleich mit dem Protestantentum, sondern auf seine Vernichtung. Sie wußte sich genügend Stiftungen zu verschaffen, damit sie für ihre Geistesgaben vom Volke keine Bezahlung zu fordern brauchte. Vor allem verstand sie es, die gewandtesten, ver⸗ schlagensten ihrer Mitglieder an den Fürstenhöfen als Prinzen⸗ erzieher und Beichtväter, die gelehrtesten an den Universitäten als Lehrer unterzubringen und überhaupt sich des Jugend⸗ unterrichts zu bemächtigen. Wer die Jugend hat, hat die Zu⸗ kunft— dieser pfeudopädagogische Grundsatz ist eine politische
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