Sonnabend, den 9. Oktobere 1926.
angelische Warte“
Nr. 41.
Existenz manchem Mitbürger nicht mehr recht bekannt ist, die Verpflichtung zur Erhaltung des katholischen Kirchturmes übernommen. Dieser Kirchturm ist vor kurzem abgerissen und von der Zivilgemeinde neu auf⸗ gebaut worden. Sogar mit einer Gemeinde⸗Uhr ver⸗ sehen. Wer, wie der Berichterstatter, gesehen hat, mit welchem Sarkasmus und welcher Antipathie ein Antrag von evangelischer Seite wegen Reparatur des evange⸗ lischen Kirchturmes behandelt wurde, mußte erkennen, daß es mit der Wahrung der evangelischen Belange in unserem Ortsparlament recht übel bestellt ist. Dabei dürften die Kosten, um deren Uebernahme die evange⸗ lische Kirchengemeinde ersuchte, etwa ein Zwanzigstel von demjenigen betragen, die der Zivilgemeinde durch den Neubau des katholischen Kirchturms entstanden sind.
Preußen und dem Reich droht ein Konkordat. Im Kleinen wie im Großen ist unser Zusammenschluß ein Gebot der Stunde. Wir finden ihn in der Evangelischen Volksgemeinschaft, deren hiesige Ortsgruppe die evan⸗ gelischen Interessen zu wahren wissen wird. ser.
Die Fortjetzung der Stockholmer Wellkonferenz.
Von Prälat D. Schoell, Mitgl. des Fortsetzungsausschusses der Stockholmer Weltkonferenz.
Die Stockholmer Weltkonferenz für praktisches Christentum war ein Anfang. Der Fortgang hing davon ab, ob der in Stockholm eingesetzte Fortsetzungsausschuß und der noch kleinere Exekutivausschuß imstande sein würden, gute Arbeit zu leisten, Gegensätze auszugleichen, die innere Annäherung zu vertiefen und das praktische Zusammenwirken zu fördern. Die Probe darauf war die Tagung in Bern in der letzten Augustwoche, der schon im Mai ds. Is. eine Sitzung des Exekutivausschusses in Amsterdam vorausgegangen war. And diese Probe ist, um es gleich zu sagen, nicht schlecht ausgefallen.
Vertreten waren die verschiedensten Länder, Kirchen und kirchlichen Richtungen. Zwar fehlte diesmal Japan und China, dagegen waren drei Inder anwesend. Die Orthodoxen aus dem Osten und Südosten legten Wert darauf, festzustellen, daß sie nun⸗ mehr als amtlich beglaubigte Vertreter ihrer Kirchen teilnehmen, sie erfreuten, nebenbei gesagt, uns Deutsche auch dadurch, daß sie sich meist der deutschen Sprache bedienten. Die evangelischen Kirchen der Welt, von ganz kleinen Diasporakirchen abgesehen, waren fast alle vertreten.
Man wird fragen, ob bei der großen Verschiedenheit in nationaler und kirchlicher Hinsicht ein fruchtbares Zusammen⸗ arbeiten möglich gewesen sei. Diese Frage ist zu bejahen. Es hat natürlicher Weise an Meinungsverschiedenheiten nicht ge⸗ fehlt, aber der Ton der Aussprache war ein durchaus brüderlicher, der persönliche Verkehr lebhaft und freimütig und von Versuchen, irgend einer Nation oder Richtung die Vorherrschaft zu ver⸗ schaffen, war nichts zu merken. Daß man sich schon einigermaßen kannte und ungefähr wußte, wie man miteinander daran war, hat wesentlich dazu beigetragen, den amtlichen und persönlichen Verkehr angenehm zu gestalten. Auch auf deutscher Seite fehlte es ja nicht an Männern, die schon seit Jahren in regem Ge⸗ dankenaustausch mit Kirchenmännern anderer Länder stehen.
Gerade am heikelsten Punkt, der Behandlung der Kriegs⸗ schuldfrage, hat der Fortsetzungsausschuß die Probe bestanden. Als die deutsche Delegation vor einem Jahre am Schlusse der Stockholmer Tagung ihre bekannte Erklärung hierzu abgab, war sie selbstverständlich nicht der Meinung, der Fortsetzungsaus⸗ schuß solle oder könne von sich aus das endgültige Urteil dieser Frage sprechen. Das würde ja eine eingehende Durchforschung des risigen Materials vorausfetzen, zu der er schlechterdings nicht imstande und auch nicht berufen ist. Woran uns liegen mußte, das war die Feststellung der Tatsache, daß diese Frage als moralische Frage durch Versailles und die Mantelnote Clemencaus und das erzwungene Schuldbekenntnis Deutschlands nicht entschieden und erledigt ist. Als ein für allemal gebrand⸗ markte„Kriegsverbrecher“ konnten und durften wir nicht mittun. Was wir wollten, ist im wesentlichen erreicht worden. Wohl sieht man es der langen zur Kriegsschuldfrage gefaßten Erklärung an, daß ihr inhaltlich lange Vorbesprechungen vorausgegangen sein müssen. Aber man wird ihr das Zeugnis nicht versagen, daß sie
im Ton würdig und im Inhalt befriedigend ist und das nicht blos für die Deutschen. Ihr innerer Wert beruht gerade darauf, daß sie nicht abgetrotzt und widerwillig aufgenommen, sondern unter voller Würdigung auch der Schwierigkeiten, die die christ⸗ lichen Vertreter der uns ehemals feindlichen Länder damit haben könnten, zustande gekommen ist. Wir Deutsche wollten nicht als Sieger heimkehren, aber die Gewißheit haben, daß das Haupt- hindernis vertrauensvoller kirchlicher Zusammenarbeit aus dem Weg geräumt ist. Wer namentlich den entscheidenden zweiten Teil der Entschließung aufmerksam liest, wird zugeben, daß das erreicht ist. Das Hauptverdienst daran hat neben dem Vorsitzen⸗ den der hierfür eingesetzten Sonderkommission dem Schotten Dr. Garvie, der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchenaus⸗ schusses D. Kapler. Es war der Höhepunkt der ganzen Tagung, als vor der Abstimmung Professor Monod für die Franzosen und Präsident für die Deutschen ihre Erklärungen dazu abgaben, jener, sichtlich tief bewegt mit dem ganzen Temperament und der sprachlichen Schönheit der Franzosen, dieser in schlichter, ein⸗ drucksvoller deutscher Sachlichkeit.
Ein zweiter wichtiger Verhandlungsgegenstand war die Schaffung eines Sozialen Instituts und einer seinen Zweck dienenden dreisprachigen Zeitschrift. Hierfür hat sich ganz be⸗ sonders Professor D. Titius, der Vorsitzende der hierfür bestellten Sonderkommission eingesetzt. Die Versammlung selber entschied sich für ein langsames, schrittweises Vorgehen. Adolf Keller, einer der beiden Generalsekretäre der Weltkonferenz, wurde mit der Einleitung der Gründung beauftragt, auch wurden ihm die schon für den Anfang unentbehrlichen Kräfte und Mittel zuge⸗ sichert. Das Institut kommt nach Zürich. Mit der Herausgabe der Zeitschrift soll baldmöglichst begonnen werden, ohne daß schon ein genauer Termin festgelegt worden wäre.
Die weiteren Gegenstände der reichbesetzten Tagung können hier nur kurz berührt werden. Interessant waren die Berichte darüber, welche Aufnahme und Beurteilung die Stockholmer Weltkonferenz in den einzelnen Ländern erfahren hat. Daß nach Stockholm an dem ganzen Unternehmen, wie am Verlauf und Ergebnis der Konferenz von rechts und links Kritik geübt wor⸗ den ist, blieb nicht verschwiegen, aber weit überwiegend war doch der Eindruck, daß man von Stockholm aus einen großen Schritt vor⸗ wärts würdigt und begrüßt. Am lebhaftesten scheint das Inter⸗ esse daran doch in Deutschland gewesen zu sein, dank auch der zahlreichen mündlichen Berichterstattungen durch Teilnehmer. Er⸗ freulich war es zu hören, daß die Veröffentlichung der Stock⸗ holmer Protokolle in deutscher Sprache nahe bevorsteht. Pro⸗ fessor D. Deißmann hat sich dieser mühsamen Arbeit mit wissen⸗ schaftlicher Genauigkeit unterzogen und damit eine höchst dan⸗ kenswerte Arbeit geleistet.
Der Wille, das Stockholmer Werk fortzusetzen, ist da. Der Blick für die übernationalen christlichen Aufgaben hat sich ge⸗ weitet. Die persönliche Fühlungnahme zwischen den Vertretern der verschiedenen Kirchen und Völker hat sich in kirchlicher und nationaler Hinsicht als fruchtbar erwiesen. Was vielleicht noch fehlt, ist eine mehr ins einzelne gehende grundsätzliche Klarheit darüber, in welchem Sinn und in welchem Umfang ein gemein⸗ sames Vorgehen der beteiligten Kirchen möglich und erstrebungs⸗ wert ist, und auch die Klarheit darüber, wie weit die Kirchen per⸗ sönlich und finanziell zu Opfern für das ökumenische Werk bereit sind. Man ist weiter gekommen und doch noch nicht über das Anfangsstudium hinaus.
Vom Kampf um die Weltanschauung.
Jesuitentaktik.
In Nr. 50 der„Schöneren Zukunft“ klagt in einem Aufsatz:„Katholisches Literaturelend: Joseph August Lux bitter darüber, daß und aus welchen Gründen dem katholischen Schriftsteller die Gefolgschaft der eigenen Glaubensgenossen fehle. Bei dieser Gelegenheit führt er ein Wort des bekannten Redners aus dem Jesuiten⸗ orden Hermann Muckermann an, der zu ihm einmal ge⸗ sagt hat:„Wir müssen alles meiden, was irgendwie für die Protestanten Anstoß sein könnte.“ Das Wort ist ungemein bezeichnend für die Taktik, mit der heut⸗ zutage der Jesuitenorden seine alten, unverrückbaren, nie aufgegebenen Ziele verfolgt. Von hier fällt auch das richtige Licht auf den äußerlichen Austritt Hermann Muckermanns aus dem Jesuitenorden, der sich in vollem
Einvernehmen mit dem Orden und der Kurie vollzog. Hermann Muckermann ist auch nach seinem Austritt noch derselbe Jesuit und Schrittmacher jesuitischer Ziele, der er vorher war. Er löste äußerlich das Band mit dem Orden, eben„um alles zu meiden, was irgendwie für die Protestanten Anstoß sein konnte.“ Man wird in der protestantischen Welt gut tun, sich dessen immer deut⸗ lich bewußt zu sein, daß Hermann Muckermann heute mehr als je derselbe ist, der er war, ehe er aus taktischen Gründen das S. J. hinter seinem Namen tilgte. *
Beschämend.
Zu Reichenbach in Schlesien traf am 11. September der Kardinal von Breslau zur Firmelung ein. Er wurde von der Stadt an einer von der Stadt hergestell⸗ ten Ehrenpforte begrüßt. Das Rathaus trug Fahnen⸗ schmuck und ein weithin sichtbares Kreuz. Der Kardi⸗ nal wurde in Prozession über den Ring zur Kirche ge⸗ leitet. 5
Am 1. und 2. Mai desselben Jahres war der Führer der evangelischen Gemeinden Schlesiens, der Breslauer Generalsuperintendent, zur Generalkirchenvisitation in demselben Reichenbach. Die Stadt war ebenfalls zu den Veranstaltungen eingeladen und durch ein Magistrats⸗ mitglied vertreten. Der evangelische Generalsuper⸗ intendent wurde an keiner Ehrenpforte seitens des Ma⸗ gistrats empfangen, keine Fahnen wehten vom Rathaus⸗ turm, kein Kreuz grüßte den ersten evangelischen Kirchen⸗ beamten. Die Prozession fiel selbstverständlich weg.
Die evangelische Bürgerschaft von Reichenbach in Schlesien aber macht zwei Drittel der Bevölkerung aus,
*
Was leisten die Ernsten Bibelforscher?
Am 8. August haben die Ernsten Bibelforscher in dem rief gen Sportpalast in Berlin eine Werbeversammlung abgehalten, Am Tage zuvor wurden in allen Haushaltungen Groß⸗Berlinz Flugblätter mit einem Bilde Balzereit's, des Leiters des deut, schen Werkes, als Einladung gebracht. Die Versammlung wa gut organisiert. Ein Lautsprecher funktionierte tadellos. Ein Chor sang. Die Halle ganz gefüllt, Eintrittsgeld wurde nicht er hoben. In der Pause wurden Schriften verkauft. Die Rede brachte die bekannten Lehren der Bibelforscher. Die Hauptsache war, daß nun bald das Paradies auf Erden kommen werde, wo die Menschen weder sterben noch krank werden, wo alle Not auf, hört. Das wurde aus der Bibel vorgerechnet, aber ein bestimm, ter Termin wurde nicht genannt, wie man es früher tat. Die Massen hörten ruhig zu. Wieweit sie innerlich gefaßt waren, läßl sich nicht feststellen. Aber eine Frage drängt sich auf: Die Miele für den Sportpalast, die Zurüstung der Versammlung, die Her, stellung der Flugblätter für alle Häuser Groß⸗Berlins, die un⸗ geheure Reklame, die gemacht wurde, das alles kostet Unsummen, Woher stammt das Geld? Und kann man mit solchen Summen nichts Wirksameres tun, um die Not des Volkes zu lindern? Die Kirchen unterhalten große Anstalten für Kinder und Alte und Kranke und allerlei Notleidende und geben Millionen für christ⸗ liche Liebesarbeit aus. Die Bibelforscher tun nichts dergleichen, Sie schimpfen auf die Kirchen und tun das, was man den Kirchen fälschlich vorwirft: sie vertrösten die armen Menschen auf ein Paradies, das bald kommen wird, denken aber gar nicht daran, jetzt irgend etwas zur Beseitigung der Gegenwartsnöte zu un ternehmen. Wie groß ist doch die Urteilslosigkeit vieler, daß sie sich durch die leeren Verheißungen der Bibelforscher blenden lassen!
* Wann haben sie genug?
Der Eröffnungsrede des diesjährigen Katholikentages ent⸗ nehmen wir folgende sehr bezeichnende Stelle:
„Der fast völlige Ausschluß der Katholiken aus den höchsten
Reichs- und Staatsämtern, über den die früheren Generalver⸗
sammlungen mit Recht Beschwerde führten, hat zwar noch lange nicht einer gerechten Parität Platz gemacht; daß aber vieles sich zum Bessern gewendet hat, dafür als Beispiel nur einen Blick guf
Oberschlesien und die konfessionelle Zusammensetzung seines Be⸗
amtenkörpers vor zehn Jahren und heute oder auf die Tatsache,
daß der höchste Beamte des Reiches unserer Katholikenversamm⸗
lung als Mitglied anwohnte.
Das soziale zeilaller.
Von Paul Rüffer, Vorsitzender des Verbandes ev. Arbeiter⸗ und Volksvereine Groß⸗Berlin. 3. Fortsetzung.
In den sechziger Jahren wurde die deutsche Oeffentlichkeit von den nationalen Kämpfen in erster Linie beherrscht. Erst nach der Reichsgründung traten die sozialen Fragen wieder mehr in den Vordergrund. Die beiden Jahrzehnte zwischen 1870 und 1890 haben die grundlegenden Reichsversicherungsgesetze gebracht. Die Reichsgründungszeit steht politisch und wirtschaftlich im Zeichen des Liberalismus. Eine kurze, aber ungesunde Blüte des wirtschaftlichen Lebens, befruchtet durch den französischen Milliardensegen, schloß sich an die Reichsgründung. Die Schein⸗ blüte von damals endete in der großen Wirtschaftskrisis, deren Höhepunkt zwischen 1875 und 1878 lag. Besonders schwer hatte die Arbeiterschaft von damals unter der Erwerbslosigkeit zu leiden. In der Metallbranche in Berlin lagen 1878 mehr als 30 000 Menschen brotlos und unterstützungslos auf der Straße. Unter diesen ungesunden wirtschaftlichen Verhältnissen machte der marxistische Gedanke, namentlich unter der Berliner Bevöl⸗ kerung, außerordentliche Fortschritte. Bismarck entschloß sich, unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Krisis, zum Bruch mit dem liberalen Wirtschaftssystem 1881. Am 17. November, erschien die kaiserliche Botschaft, in der es unter anderem heißt:„Wir halten es für unsere kaiserliche Pflicht, dem Reichstag diese Auf⸗ gaben von neuem ans Herz zu legen, und würden mit um so grö⸗ ßerer Befriedigung auf alle Erfolge, mit denen Gott unsere Regierung sichtlich gesegnet hat, zurückblicken, wenn es uns ge⸗ länge, dereinst das Bewußtsein mitzunehmen, dem Vaterlande
neue und dauernde Bürgschaften seines inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen größere Sicherheiten und Ergiebigkeiten des Beistandes, auf den sie Anspruch haben, zu hinterlassen.“ Leo⸗ pold von Wiese urteilt über diese Novemberbotschaft:„Dieser Tag wird dauernd einer der wichtigsten in der inneren Geschichte des Deutschen Reiches bleiben. Für Millionen aus der breiten Masse des Volkes setzt eine neue Epoche in der Sicherheit und Wohlfahrt ihrer Existenz ein.“
Die kaiserliche Botschaft und die nachfolgenden Arbeiterver⸗ sicherungsgesetze waren offensichtlich beeinflußt, von dem Gedan⸗ ken des Programms der christlich-sozialen Arbeiterpartei, die Hofprediger Stoecker 1878 ins Leben gerufen hatte. Hofprediger Stoecker hatte, getrieben von schwerster Sorge für die Zukunft des deutschen Volkes und aus herzlicher Liebe zum Arbeiter- stande, 1878 sich in den politischen Strudel gestürzt und sich der sozialistischen Bewegung, die damals in Berlin unter der Füh⸗ rung des wilden Most stand, entgegengeworfen. Gemeinsam mit dem sozialgesinnten Professor Adolf Wagner hatte er das Pro⸗ gramm für die christlich⸗foziale Arbeiterpartei entworfen, das die Forderung nach Einführung der verschiedenen staatlichen Ver⸗ sicherungskassen für die Arbeiter aufwies. Mit seiner machtvollen volkstümlichen Beredsamkeit hat Stoecker die christlich⸗soziale Idee als ein unverlierbares Erbe der deutschen Volksseele einge⸗ pflanzt.
In rascher Folge erschienen nun die sozialpolitischen Ver⸗ sicherungsgesetze. Am 31. Mai 1883 wurde das Krankenkassen⸗ gesetz und am 27. Juni des folgenden Jahres das Unfallver⸗ sicherungsgesetz vom Reichstage verabschiedet und nach langen, sehr schwierigen Kämpfen gelang es auch im Jahre 1889 das Alters⸗ und Invaliden-Versicherungsgesetz mit 185 gegen 165 Stimmen im Reichstag durchzusetzen. Die Sozialdemokratie be⸗ kämpfte die sozialpolitische Gesetzgebung als„Bettelsuppen⸗
politik“, während die freisinnigen Wortführer sie als„Unglück“ für das Land bezeichneten. Gegenüber diesen ablehnenden Ur⸗ teilen ist die Ansicht eines italienischen Staatsmannes von be⸗ sonderer Bedeutung, der in der deutschen Sozialversicherung„ein riesenhaftes Werk, geschmiedet mit dem Hammer eines sozialen Zyklopen“ erblickte.
Der junge Kaiser Wilhelm II. verkündete in seiner Thron⸗ rede vom 25. Juni 1888:„Insbesondere eigne ich mir die am 17. November 1881 erlassene Botschaft ihrem vollen Umfange
nach an und ich werde im Sinne derselben fortfahren, dahin zu
wirken, daß die Reichsgesetzgebung für die arbeitende Bepal⸗ kerung auch ferner den Schutz erstrebt, den sie im Anschluß an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre den Schwachen und Be⸗ drängten im Kampf um das Dasein gewähren kann.“
Inzwischen hatte der Industrialisierungsprozeß im deulschen Volke weitere Fortschritte gemacht. Das Jahr 1889 ist in der sozialpolitischen Geschichte des deutschen Volkes gekennzeichnet durch den großen Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet.
Die Ursachen für diese große Bergarbeiterstreikbewegung sind darin zu suchen, daß trotz der günstigen Lage der Bergindustrie die Arbeitszeit in den Bergwerken verhältnismäßig lang und die Löhne niedrig waren. Nach Imbuschs Darstellung betrug der
Durchschnittslohn für Hauer und Lehrhauer 1876 3 Mark pro
Schicht, 1881 2,96 Mark. In einigen Bergrevieren war sogar trotz der gestiegen Lebenshaltungskosten der Lohn noch gesunken Der Kaiser hatte sich genau über die Ursachen der Streikbewegung unterrichten lassen, denn Bismarck erzählt im dritten Bande seiner„Gedanken und Erinnerungen“: Am 12. Mai sei der Kaiser in die Sitzung des Staatsministeriums gekommen und dort habe er erklärt:„Die Unternehmer und Aktionäre müßten nachgeben, die Arbeiter seien seine Antertanen, für die er zu sorgen habe.
Wollten die industriellen Millionäre ihm nicht zu Willen sein.
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