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Evangelische Warte

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Organ der Evangelischen Volksgemeinschaft

Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus.

Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert.

Schriftleitung: Edwin Hamburger in Staden(Oberh.)

Abonnements⸗ u. Anzeigen⸗Annahmestelle,

Druck und Verlag: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher 1362 und 1145. Postscheckkonto 8437 Frankfurt a. M.

2 Jahrgang.

Holtesherrjchaft im öffentlichen Leben. Von D. Jäger. (3. Fortsetzung.)

6. Freiheit und Verantwortlichkeit des Einzelnen.

Gott allein ist frei, niemand verantwortlich als sich elber, abhängig von niemanden. Wir alle sind ab⸗ hängig von ihm und ihm verantwortlich, für alles was wir sind und haben. Wir können weder mit uns, noch mit dem unseren tun und lassen, was wir wollen. Da⸗ durch erhält unsere Freiheit ihre ganz bestimmte Schranke in unserer Verantwortlichkeit.

Es ist zunächst Sache der Familie und dann der Schule, weiterhin der Kirche, den Einzelnen zu dieser Freiheit und Verantwortlichkeit zu erziehen. Nur solche, ihrer Verantwortung bewußte, freie Menschen, Männer und Frauen, sind imstande, eine liebevolle Gesellschaft, einen gerechten Staat und eine wahrhaftige Kirche auf zjubauen. Wir wollen nicht nach der Zeit des Indivi⸗ zualismus(Freiheit der Einzelnen) eine Zeit des So⸗ stalismus(Recht der Gesellschaft) heraufführen, in dem gun die Freiheit des Einzelnen zu Gunsten des Ganzen unterdrückt wird, sondern wir wollen das kostbare Gut, das uns die Entwicklung seit der Reformation geschenkt hat, die persönliche, die kirchliche, die politische, die ge⸗ ellschaftliche und auch die wirtschaftliche Freiheit uns bewahren. Wir betonen aber, daß jeder Freiheit auch wieder eine besondere Verantwortung entspricht und daß gerade der wahrhaft freie Mensch um seiner Bin⸗ dung an Gott willen seiner Verantwortung gegenüber der Kirche, dem Staate, der Gesellschaft, der Volkswirt⸗ schaft, der er angehört, sich in Denken und Reden, in Tun und Lassen stets bewußt ist.

Je mehr es gelingt, zunächst unsereschristlich-sozialen besinnungsgenossen und darnach das ganze Volk mit diesem Geiste der Freiheit und Verantwortlichkeit zu durchdringen, um so weniger Gesetze und noch weniger Ausnahmegesetze brauchen wir, um so deutlicher aber bird auch das Recht christlicher Eltern an eine christliche Schule. Nur wenn man die ihnen läßt und gibt, sind sie imstande, dem Volksganzen wahrhaft sozial denkende, ühlende und handelnde Männer und Frauen zu er⸗ ehen.

Wer die eigene Freiheit schätzt, der achtet auch die Freiheit des andern. Wenn wir mit diesem Grundsatze ernst machen, dann können wir unmöglich den Anders⸗ gesinnten unterdrücken, ihn vergewaltigen und beschimp sen, wir können nur noch versuchen, ihn zu überzeugen und zu gewinnen. Anser ganzes öffentliches Leben könnte bei dieser Achtung vor der Freiheit des andern ein ganz anderes, ein wahrhaft soziales, weil wirklich hristliches Gepräge erhalten, und darnach müssen wir treben, unserer Verantwortlichkeit gegen Gott und das banze, aber auch gegenüber dem Einzelnen bewußt. In diesem Bewußtsein der Verantwortlichkeit werden wir, auch wenn es Kampf gilt, in christlicher Wahrhaftigkeit 190 sozialer Gerechtigkeit unsere Freiheit zu wahren pissen.

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7. Friede zwischen Klassen und Völkern.

Gott nennt sich einen Gott des Friedens. Er hat Frieden und gibt Frieden. Das Reich, welches er auf⸗ richten will durch seinen Christus, ist das Reich des Friedens. Deshalb kann ein Christ gar nicht anders, als den Frieden auf seine Fahne schreiben. Er muß Frieden zu stiften suchen, insofern allerdings ist er Pazi⸗ fist, d. h. wörtlich übersetzt, Friedemacher.

Das aufbauendste Werk, das es auf Erden gibt, ist: Frieden stiften zwischen Mensch und Gott. Friede stif⸗ ten zwischen Mensch und Gott, das war die große Tat Jesu. Friede stiften in dem eigenen zerrissenen Innern des Andern, das ist die Arbeit eines jeden Seelsorgers. Frieden stiften in den Familien, Frieden stiften unter entzweiten Berufsgenossen(Kollegen, Kameraden, Kommilitonen) ist die herrliche Aufgabe jedes Christen und jeder Christin. Friede stiften im öffentlichen Le ben, das soll nun die Aufgabe der gesammelten Christen und Christinnen sein, an Stelle einer zerrissenen Gesell schaft eine versöhnte Gemeinschaft setzen. Sie erstreben deshalb die Volksgemeinschaft und die Völ⸗ kergemeinschaft.

Die Volksgemeinschaft ist heute gespalten durch die Spannung der Konfessionen, durch die Trennung in Stämme und Länder, durch die tiefe Entzweiung der Klassen. Mit Recht ertönt der Ruf an den Katholiken und Protestanten, sich als Söhne desselben Volkes die Hände zu reichen. Dieses Zusammengehen wird um so ehrlicher und um so dauernder sein, als man den Unter⸗ schied nicht zu verwischen sucht, als man nicht Verschie denes gewaltsam zusammendrängt, sondern jeder sich um sein Panier sammelt und man dann gemeinschaftlich marschiert.

Die Trennung der Länder droht in eine Spaltung des Reiches auszuarten. Von unsichtbarer feindlicher Hand wird der Hader geschürt. Darum ist die Mahnung berechtigt: wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr! Aber auch die Stämme werden um so freudiger zusammenstehen, je mehr man ihnen ihre Selbständigkeit läßt und je weni⸗ ger man den Versuch machtt, sie in eine Zwangsjacke zu stecken. Verschieden und doch geeint, das muß die Losung sein für die Glieder eines Leibes.

Weitaus die schwerste Aufgabe ist aber, die Kluft zwischen den Klassen zu überbrücken, und gerade dazu sind nur solche Christen und Christinnen fähig, welche mit voller Entschlossenheit die sozialen Forderungen des Evangeliums ziehen. Sie können zwischen dem Arbeit⸗ geber und dem Arbeitnehmer, dem Bürger und Bauern einerseits, dem Angestellten und Arbeiter andererseits vermitteln. Aber sie müssen durch keine Rücksicht gehin⸗ dert sein und, untereinander zusammengeschlossen, als das Gewissen des ganzen Volkes öffentlich auftreten können, nicht nur für die Wahrheit in Kirche und Schule, sondern ebenso für die Gerechtigkeit in Volk und Staat und für die Liebe in Gesellschaft und Wirtschaft. Dann entsteht eine Gemeinschaft, in der der Einzelne seine volle Freiheit, aber auch seine volle Verantwortlichkeit hat. Das muß das A und O unserer inneren Politik werden.

Sonnabend. den 9. Orieher 1929.

Anzeigenpreise: die 30mm breite Kleinzeile auswärts 24 Pfg., am Ort 12 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 96 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen

Der Christ aber kann nicht im Innern Frieden

stiften und nach außen Unfrieden säen. Er kann nicht nach innen lieben und zugleich auch nach außen hassen. Er kann nicht dem Volksgenossen Gutes tun und dem Volksfremden Böses, weil er volks⸗ fremd ist. Ja, er kann nicht in denHaßgesang gegen die Feinde einstimmen. Sein ernstlicher Wille muß auf den Frieden zwischen den Völkern gerichtet sein und eine Gemeinschaft oder Genossenschaft oder ein Bund von Christen muß sich für den Völkerfrieden einsetzen und kann nur eine äußere Politik gutheißen, welche ihn ehr⸗ lich zum Ziel hat. Das bedeutet kein Wegwerfen, keine Schwäche, keine Kriecherei, das kann mit viel Festigkeit und Entschiedenheit geschehen, aber es geht natürlich nicht ohne Anerkennung der Rechte und Bedürfnisse der andern, ohne Gerechtigkeit auch gegen sie. Unser großer Staatsmann hat im Hinblick auf eine verfehlte deutsche Politik den Satz geprägt, es sei unsittlich, einem großen Nachbarland die Lebensadern zu unterbinden. Was wir nicht wollen, das man uns tut, das dürfen wir auch andern nicht tun. Das ist das höhere Gottesgesetz, auch für die Völkerbeziehungen. Es wird nicht ungestraft mißachtet. Denn wir können nicht Gerechtigkeit für uns verlangen und nicht Rücksichtnahme auf uns, wenn wir nicht gleichzeitig bereit sind, gegenüber dem andern Ge⸗ rechtigkeit walten zu lassen und auf ihn Rücksicht zu neh⸗ men. Keine größere Aufgabe für einen deutschen Staats⸗ mann, als mitzuhelfen, daß das Wort des Friedefürsten wahr werde: Friede auf Erden! (Schluß folgt.)

Der politijche zufammenschluß der Evan⸗ gelischen und seine örtliche Bedeutung.

Politische Erregungen im engeren Kreise, wie z. B. in einer Landgemeinde, pflegt man nicht selten als Sturm im Wasserglas zu bezeichnen. Dennoch soll von solchen Dingen einmal gesprochen werden, weil sie schlaglichtartig beweisen, wie uns Evangelischen ein fester Zusammenschluß auch im Kleinen nottut.

Uns stehen Elternbeirats-Wahlen bevor. Bis zum festgesetzten Termin waren zwei Wahlvorschläge eingereicht, und zwar einer von zentrums⸗, ein anderer von sozialistischer Seite(dieFortschrittsliste!). Man mag über die Bedeutung von Elternbeiräten denken, wie man will, die Tatsache, daß kein evangelischer Wahl⸗ vorschlag eingereicht wurde, genügt, uns das Fehlen eines Zusammenhaltens auf evangelischer Seite schmerz⸗ lich vermissen zu lassen. Hinzu kommt, daß gerade ein tatkräftiger evangelischer Vertreter im Elternbeirat hie⸗ sigen Ortes ein dankbares Arbeitsfeld fände. Vielleicht genügt der Hinweis, daß die Grundsteinlegung der hiesi⸗ gen Elementarschule seinerzeitunter dem Pontifikat Sr. Heiligkeit des Papstes stattfand. Ein Drittel der Schüler und der Einwohner sind evangelischer Kon⸗ fession.

Unsere Zivilgemeinde hat vor einigen Jahrhunder⸗ ten dem Erzbistum Mainz gegenüber, dessen seinerzeitige

Nüchstenliebe.

Mathäus 22,39. Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst.

Jesus geht bei dem Gebot der Nächstenliebe von der Selbst⸗ ssebe aus. Daß der Mensch sich selbst liebt, scheint etwas ganz Klbstverständliches zu sein. Doch trifft man beim näher Kennen⸗ lernen der Menschen sehr viele an, die sich selbst nicht lieben. bewiß, sobald jemand in Gefahr kommt, dann sucht jeder nach Rettung. Der Ertinkende sucht nach einer Planke, um sich zu setten. Der Brennende sucht nach Wasser, um hineinzuspringen and die Flammen an seinem Körper zu löschen. Der Bankerotte ersucht alle Mittel, um sein Hab und Gut noch zu retten. Der Nörder erdenkt alle möglichen Entschuldigungen für seine Tat, in sein Leben noch zu erhalten. Bei diesen Fällen denkt der Nensch an sich. Die Selbstliebe lodert hoch empor. Aber das les sind ja auch ganz schlimme Verhältnisse, in die ein Nensch kommen kann. Wieviele besonders junge Leute sieht man f Wegen wandeln, von denen ein erfahrener Mann schon von eine sieht, daß sie nicht gut enden. Wie gedankenlos schlendern ele dem Abgrund oder dem Sumpfe zu auf einem scheinbar dönen, heiteren und bequemen Wege. Wie furchtbar ist am

brde die Erkenntnis: Ich habe mein Leben verpfuscht! Wie

siufig fehlt die Selbstliebe.

Wer sich selbst nicht liebt, der kann keinen Nächsten lieben. Inn für die Nächstenliebe muß doch ein Maßstab dasein. Du alst deinen Nächsten lieben als dich selbst. Damit will nicht ge⸗ gt sein, daß jeder, der Selbstliebe hat, auch den Nächsten wirk⸗ h liebt. Denn es gibt eine Selbstliebe, die den Menschen blind

macht, sodaß er keinen Nächsten um sich herum erkennt. Er sieht nur sich. Sein Vorteil, sein Genuß, die Befriedigung seiner Gelüste ist es allein, was er fühlt. Sein kleines Ich, seine Eitel⸗ keit will er befriedigen. Alles andere liegt außerhalb seines Denkens. Wieviel berechtigtes Leben zerstören diese Ichmenschen. Wieviel Unheil stiften sie an. Wem haben wir denn so viele trostlose Zustände in unserem Volke anders zuzuschreiben, als diesen Ichmenschen? Wir denken noch an die Zeit des Naffer⸗ Wucher⸗ und Schiebertums. Wir denken aber auch daran, wie die einzelnen Gruppen in unserem Volke nur an sich denken. Jeder dieser Gruppen hat eine für die Allgemeinheit gefährliche Selbstliebe.

Nur die Selbstliebe kann Maßstab für die Nächstenliebe sein, welche sich als Glied des Ganzen begriffen hat. Wer erkannt hat, daß er notwendig ist im Kreise seiner umgebung wie jedes einzelne Rädchen im Uhrwerk, der besitzt die rechte Selbstliebe. Er hat beim Blick auf sich selbst immer das große Ganze im Auge. Er denkt an die Erhaltung seiner selbst, um dienen und helfen zu können. Aus dieser Selbstliebe erwächst dann ganz von selbst die Nächstenliebe.

Am besten richten wir uns hierbei auch wieder nach dem Vorbild unseres Heilands. Was wir in Erklärungen nicht recht verstehen wollen, das macht uns verständlich ein Blick auf den Herrn. Auch Jesus besaß Selbstliebe. Auch Jesus ist geflohen vor den Nachstellungen seiner Feinde in das Heidenland. Nicht hat er dabei an seinen persönlichen Nutzen gedacht, sondern an das Werk, das er für die Menschheit zu vollbringen hatte. Seine Jünger waren noch nicht vorbereitet auf ihren Beruf. Erst mußte der Herr sie noch prüfen. Als er von Petrus gehört hatte ein freies und begeistertes Bekenntnis, wandte er sich nach Jerusalem,

um dort für die Gottessache zu sterben. Immer hatte Jesus seine Aufgabe für die Menschheit im Auge. Das bestimmte seine Selbstliebe, das war der Antrieb zu seiner vorbildlichen Nächsten liebe. Er nennt sich Meister, Weinstock, Wahrheit, Leben, König, Messias. Das alles aber hatte einen inneren Zusammenhang mit seinem Wirken. Dann aber gab er dies alles am Kreuz hin, dann opferte er seinen Körper, um seinen Brüdern zu dienen, ja den höchsten und größten Dienst zu erweisen.

Auch wir in unserem deutschen Volke haben diese rechte Selbstliebe bitter nötig, damit wir zur Nächstenliebe gelangen. Wo sehen wir denn Nächstenliebe? Es herrscht doch immer noch vor die robuste Art, den Schwachen zurückzustoßen und sich durch⸗ zusetzen mit aller Gewalt. Wieviele Anstrengungen sind schon gemacht worden, um zu erreichen, daß unser ganzes Volk sich wieder als ein Ganzes fühlt. Alle diese Bestrebungen waren seither vergeblich. Das Ich drang immer durch, das Wir fand keine Stätte. Ohne Rückkehr zu Jesus werden wir auch da leinen Wandel bemerken. Ohne vom Evangelium unseres Heilandes durchdrungen zu sein, werden wir aus der blutarmen Einsamkeit der Einzelseele nicht herauskommen zur kräftigen Zugehörigkeit zum größeren Ganzen. Nur der heilige Geist Jesu läßt unser Ich untertauchen in der Liebesflut christlicher Brüderlichkeit,

Laß uns so vereinigt werden,

Wie du mit dem Vater bist,

Bis schon hier auf dieser Erden

Kein getrenntes Glied mehr ist,

Und allein von deinem Brennen

Nehme unser Licht den Schein.

Also wird die Welt erkennen,

Daß wir deine Jünger sein. Amen. Hr.