Sonnabend, den 6. März 1926.
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Neue Büther.
„Eine Fürstin“. Von Maria Schade, Königsberg 1926, Verlag Unter dem Kreuz, 104 S., Preis 1,50 f. Landgraf Wilhelm VIII. von Hessen⸗Kassel war der letzte bedeutende Regent unter den Nachfolgern Phi⸗ lipps des Großmütigen, einer der politischen Führer der Reformation. Er stand in nahen Beziehungen zu den mächtigsten Fürsten seiner Zeit, zu Friedrich dem Gro— ßen, der während des siebenjährigen Krieges an dem Landgrafen einen treuen Verbündeten hatte und ihn zu seinen besten Freunden zählte, zu Kaiser Karl VII und Georg II. von England⸗Hannover. Die Verbindung mit letzterem wurde noch enger, als Wilhelms Sohn, Erbprinz Friedrich, sich mit Maria, der edlen, willens⸗ starken, hochgebildeten Tochter des englischen Königs
vermählte.— Mit liebevollem Verständnis hat Maria Schade ein scharf umrissenes Lebensbild dieser von ihren
Zeitgenossen hochverehrten Fürstin gezeichnet. Sie zeigt, wie die junge Prinzessin schon am Hofe ihres leichtlebigen Vaters bittere Erfahrungen sammelte, wie sie schon mit 6 Jahren mit dem hessischen Erbprinzen verlobt wurde, ohne ihn auch nachher bis zur Vermäh⸗ lung auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben, wie dann ihre Ehe bei dem unsteten Charakter ihres Ge⸗ mahls, von dem Friedrich der Große sagte:... er ist immer der Meinung derjenigen Person, die gerade zu— letzt mit ihm spricht“, eine unglückliche ward. Während Maria den Krieg verabscheute, war der Prinz häufig auf Kriegszügen und Reisen.„Maria kämpfte und— ging aus diesem verlorenen Kampfe als Siegerin her⸗ vor. Täglich brach der Prinz ihr in Gedanken und Taten die Treue. Und sie: Je mehr sie von der Schwäche seines Wesens überzeugt war, je mehr wuchs in ihr die Kraft, treu zu sein, rein zu bleiben.“ Zur völligen Entfremdung bezw. Trennung der beiden Ehe— gatten kam es, als der Prinz zum Katholizismus über⸗ trat. Man fragt mit Recht: wie erklärt sich die auf— sehenerregende Tatsache, daß ein Nachkomme Philipps von Hessen dem Glauben seiner Väter untreu wurde? Nicht religiöse Gründe, sondern äußere Einflüsse waren es, die den Uebertritt des willensschwachen, ehrgeizigen Prinzen veranlaßten. Seine Verbindungen mit Karl VII. und dessen Bruder, dem Erzbischof von Köln, ferner weibliche Einflüsse— Gräfin Leiningen, Gräfin Hatzfeld— schließlich die unsichere Hoffnung auf die polnische Königskrone, deren Glanz ein halbes Jahr- hundert vorher den sächsischen Kurfürsten August II. ge⸗ blendet hatte, so daß er zum Verräter an seinem pro⸗ testantischem Glauben wurde, dazu der schwankende Charakter des Prinzen— alle diese Umstände wirkten mit, um den verhängnisvollen Entschluß herbeizuführen. Fünf Jahre hielt Friedrich den Uebertritt geheim. Erst im Herbst 1754 erfuhr der alte Landgraf den Religions⸗ wechsel seines Sohnes. Es war ein schwerer Schlag für den greisen Fürsten und seine Schwiegertochter, die Friedrich beide hintergangen hatte. Mit staunenswerter
tionsakte übernahmen sämtliche protestantischen Mächte:
„Evangelische Warte“
Energie ergriff Landgraf Wilhelm umfassende Maß⸗ nahmen, um die politischen Folgen des Uebertritts von seinem Hause, seinem Lande und dem Reiche fern⸗ zuhalten. In der bekannten„Assekurationsakte ver⸗ zichtete der Erbprinz auf jeglichen Einfluß in kirchlichen Angelegenheiten auch für die Zeit seiner eigenen Re⸗ gierung, auf die Mitwirkung bei der Erziehung seiner Söhne, auf die seit 1736 an Hessen⸗Kassel gefallene Grafschaft Hanau⸗Münzenberg, deren Einkünfte für den Unterhalt seiner sortan von ihm getrennt lebenden Gemahlin und der 3 Söhne Wilhelm, Karl und Fried⸗ rich bestimmt wurden. Die Garantie für die Assekura⸗
Preußen, England, Schweden, Dänemark, Holland. (M. Schade wird der Bedeutung und dem Anteil des Landgrafen Wilhelm, des Schwiegervaters ihrer Hel⸗ din, in dieser Frage nicht völlig gerecht.) Um die jungen Prinzen aus der Umgebung des Vaters zu entfernen, bestimmte der Landgraf seinen Enkeln Göttingen und später Kopenhagen als Aufenthaltsort. Groß war der Trennungsschmerz vor allem für die Mutter, die mit doppelter Liebe an ihren Kindern hing. Maria wirkte, auch wenn ihre Söhne fern von ihr weilten, uner⸗ müdlich erzieherisch auf sie ein; fast 1000 Briefe der Mutter hat der älteste Sohn, Wilhelm, ihr geliebter „Bylly“, gesammelt und aufbewahrt.„Welch ein Reichtum in diesen Dokumenten! Kein Ton der Seele und des Herzens, der hier nicht widerklänge“. M. Schade teilt eine kreffliche Auswahl dieser Briefe(nach E. Meyer, Maria, Landgräfin von Hessen, geb. Prinzessin von England. Ein Beitrag zur Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts. Gotha 1894) ihren Lesern mit. Einige Proben seien hier mitgeteilt.„Für was hat Gott Fürsten geschaffen, wenn nicht, um Gerechtigkeit
und Ordnung unter denjenigen, die ihnen anvertraut
sind, aufrecht zu erhalten? Und ist ein Fürst nicht dazu da, ihr Vater zu sein und ihnen alles Gute zu tun, das in seiner Macht liegt, was nicht allein darin besteht, daß er ihnen kein Unrecht tut, sondern daß er zum Besten seiner Untertanen seine Eitelkeiten und Lüste einschränkt? Denn ist nicht ein Fürst, der ein fühlen⸗ des Herz hat, glücklicher, wenn er sein Volk glücklich, wohlhabend, ja selbst reich weiß, als wenn er ein paar Pferde mehr oder eine reichere Tafel oder sonst eine Eitelkeit mehr hat....“(S. 34.) Der früh sich zeigende Trotz und das heftige Wesen ihres Aeltesten machte ihr viel Sorge. Um den Jähzorn zu dämpfen, rät sie ihm, immer ein Glas Wasser auf dem Tische zu haben. Wenn der Anfall kommt, soll er einen Schluck daraus nehmen und das Wasser solange im Munde behalten, bis der Anfall vorüber ist.„... Möchtest du lieber sterben, ehe ich das Unglück habe, zu erfahren, daß du ein ver⸗ dorbenes Geschöpf geworden bist, unwürdig all der Sorgen und Mühen, die man sich mit dir und für dich macht.“(S. 42.) Auf einen Bericht des Erziehers, daß die Prinzen eine Abneigung gegen die lateinische Sprache hätten, schreibt sie:„.. Ohne tüchtige Kennt⸗
der lateinischen Sprache gibt es nur langsame und schwache Fortschritte in den Wissenschaften, die den Rechtsgelehrten und den Staatsmann ausmachen 855 „Wie verschwindet die eigene Erfahrung gegenüber der⸗ jenigen, die man aus der Geschichte schöpft. Die Ueber⸗ setzungen sind kein vollständiger Ersatz.“ Schließlich ermahnt sie ihren Wilhelm„den Uebersetzungen bald⸗ möglichst den Abschied zu geben, deren Schönheiten, wie ich wohl fühlte, nur der Schatten derjenigen der Origi⸗ nale sein können...(S. 52.) Mit großer Gewissen⸗ haftigkeit überwachte sie die Privatlektüre ihrer Söhne. die Hand bekamen, las
N Jedes Buch, das die Prinzen in a a Bemühen war es, die
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sie selbst vorher. Ihr eifrigstes B Söhne mit echt christlicher Gesinnung zu Scheinheilige, wortreiche Frömmigkeit war ihr ve Nenne Gottes Namen seltener und denke öfters
Du weißt, ich verabscheue Heuchler...“(S. 55.) inzen an das Gebet gewöhnen, jedoch Gelegenheit wie bei allen Frömmig⸗ gerechte und christliche Mäßigung
an ihn. „Man soll die Pr so, daß bei dieser keitsübungen eine angewendet werde, e a n möglich durch Neigung und eigenen Trieb hingeleitet und auf alle Weise verhindert werden, sich an die äußerlichen Werke zu klammen.“ inneren Anteil nahm sie an der Vorbereitung des Prinzen Wilhelm zur Konfirmation. Nach der Ein⸗ segnung des Prinzen schreibt sie: das Glaubensbekenntnis nicht wie ein Papagei aus⸗ wendig gelernt, sondern als etwas, das als Grund jeder Handlung Deines Lebens zu dienen hat... Bedenke, meine Seele, jetzt nimmst du auf dich, was bei der Taufe für dich versprochen worden ist, und du mußt am jüngsten Tag vor Gott für jede Handlung deines Le⸗ bens Rechenschaft ablegen...“(S. 60.) Ueber die wei⸗ teren Lebensschicksale der edlen Frau sei kurz folgendes mitgeteilt: Der siebenjährige Krieg zwang sie samt dem ganzen Kasseler Hof zur Flucht nach Hamburg bezw. Bremen. Treu harrte sie aus an der Seite ihres greisen Schwiegervaters, dem sie während seiner Krank⸗ heit eine unentbehrliche Pflegerin ward. Nach dem Tod des Landgrafen Wilhelm folgte sein Sohn Fried⸗ rich II., Marias Gemahl, dem Vater in der Regierung, während sie selbst nach Friedensschluß für ihre unmün⸗ digen Söhne die Grafschaft Hanau verwaltete. Schloß Philippsruh wurde ihre Residenz. Dort starb die schwergeprüfte Fürstin schon 1772 im 49. Lebensjahr. In der Gruft der Grafen von Hanau in der Marien⸗ kirche wurde sie beigesetzt.— Maria Schade hat ihr neuerdings ein schönes, literarisches Denkmal gesetzt. Mit den Augen der Dichterin, die tiefer blicken als die des zünftigen Historikers, hat sie das Bild der„weit über ihre Zeit sich erhebenden“ Landgräfin geschaut. Ich kann das Büchlein M. Schades, die schon vor 20 Jahren als Romanschriftstellerin hervorgetreten ist, den Lesern der„Evangelischen Warte“ warm empfehlen. Studienrat Fr. Schöne wolf.
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