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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 8.
EE vorstellungenß zu möglichst gleichmäßigen und be⸗
deutend herabgesetzten Eintrittspreisen zu geben“. Aus den von der Direction dafür vorgeschlagenen Stücken hat man diesseits ausgewählt:„Don Car⸗ los, Nathan, Tell, Maria Stuart, Ehre, Heimath, Glück im Winkel, Uriel Acosta, Pfarrer von Kirch⸗ feld, Minna von Barnhelm, der Herr Senator und event. einige Einakter.“— Die Aufführung weiterer Stücke geringeren Werthes kennzeichnet sich somit mehr nur als eine von der Direction beliebte Zu⸗ gabe weiterer Ausführungen zu ermäßigten Preisen, für welche die Direction eben auch die Bezeichnung „Volksvorstellungen“ gewählt hat.
Unsere„Stadtväter“ waren also wol auch dabei nicht gar so schlimm.
Ergebenst F. Gnauth.
Für diese Aufklärung sind wir dem Herrn Oberbürgermeister sehr dankbar. Wir konnten von der Bewilligung einer Summe von 3000 Mk. keine Kenntnis haben, da weder im städtischen Voranschlag für 1898/99, noch im neuesten Ver⸗ waltungsbericht für 1897/8 irgend etwas davon bemerkt ist. Immerhin hätten wir wohl von der Bewilligung hören müssen, wenn sie in öffent⸗ licher Sitzung unserer Stadtväter erfolgt wäre. Da viele der Gießener Stadtverordneten, soweit sie bis Ende 1898 in Aktivität waren, nicht allein innerhalb, sondern auch außerhalb des Bürger⸗ meistereigebäudes fast ausnahmslos eine geradezu bewundernswerte Schweigsamkeit beobachteten, so blieb uns jener lobenswerte Beschluß, der die Oeffentlichkeit durchaus nicht zu scheuen brauchte, ein Geheimnis.
Wir wollen übrigens an dieser Stelle den Herrn Oberbürgermeister daran erinnern, daß er in der Stadtverordnetensitzung vom 3. März 1898 auf eine Anregung des Stadtv. Haubach hin die Zusage gab, der Presse Mitteilung von den in nicht öffentlichen Sitzungen gefaßten Beschlüssen zu machen.
Doch kommen wir zum Schreiben des Herrn Oberbürgermeisters zurück. Außer der erfreu⸗ lichen Thatsache, daß der Stadtvorstand das Theater mit einer nennenswerten Summe zu sub⸗ ventionieren beschlossen hat, geht aus der Zu⸗ schrift weiter hervor, daß der Theaterdirektion auch gewisse Verpflichtungen in bezug auf die Veranstaltung von Volksvorstellungen auf⸗ erlegt worden sind, also das bereits geschehen i st, was wir in voriger Nummer als wünschens⸗ wert bezeichneten. Da der Herr Oberbürger⸗ meister der Ansicht ist, daß sich verschiedene Auf⸗ führungen geringwertigerer Stücke nur als Zugaben der Direktion kennzeichnen, so ist wohl zu erwarten, daß in der laufenden Spiel⸗ zeit noch einige Volksvorstellungen stattfinden, in denen Stücke von unbestritten künstlerischem Wert zur Aufführung kommen. Daß sich genau nach der einmal getroffenen Wahl gerichtet werden müßte, halten wir für nicht absolut not⸗ wendig. Wenn 3. B. an Stelle der Maria Stuart Barthel Turaser über die Bühne ging, so hielten wir das ebenso wenig für ein Unglück, als wenn in einer Volksvorstellung Don Carlos dem Fuhrmann Henschel Platz machen müßte. Wir haben das Vertrauen zum Stadt⸗ vorstand, daß er auch in Zutunft bei der Aus⸗ wahl der Stücke sowohl die Alten wie auch die Jungen in der Litteratur gleichmäßig berück⸗ sichtigt, so, wie das nach dem Schreiben des Herrn Gnauth, bereits für die laufende Spiel⸗ zeit geschehen ist.
Da wir uns noch einmal so eingehend mit der Theaterangelegenheit befassen mußten, wollen wir gleichzeitig noch einem Wunsche Ausdruck geben, den die Theaterdirektion leicht zu erfüllen in der Lage ist. Es ist bekannt, daß die Volks⸗ vorstellungen jetzt in der Hauptsache von Leuten besucht werden, für die sie gar nicht in erster Linie bestimmt sind. Wenn die wirklich un⸗ bemittelten Leute um 7 Uhr von der Arbeit kommen, so können sie unmöglich um halb 8 Uhr bereits das Theater belagern, um nach fürchter⸗ lichem Kampfe vor jeder einzelnen Thür überhaupt noch ein bescheidenes Plätzchen zu erlangen. Leute, die soviel Zeit haben, daß sie schon von halb 7 Uhr ab im Theaterhof die Thürbffnung, die erst halb 8 Uhr erfolgt, abwarten können, mögen an den gewöhnlichen Spielabenden das Theater besuchen. Die Volksvorstellungen sollten
nes reserviert bleiben, die höhere Preise, als
in den Volksvorstellungen üblich, nicht zahlen können. Wir sind nun der Ansicht, daß es sehr leicht angängig wäre, den geringen Leuten Plätze zu sichern. Es wäre nur notwendig, mehrere Tage vor den Volksvorstellungen nummerierte Billets zu verkaufen. Dann wäre jedermann in der Lage, sich einen Platz zu sichern, auch wenn er erst wenige Minuten vor 8 Uhr ins Theater gehen kann.
Diesen Wunsch zu erfüllen läge im Interesse der Theaterdirektion selbst.
Von Nah und Fern.
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bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten, alle zum Druc bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Sozialdemokraten in Schulausschüssen.
* Daß in Hessen Sozialdemokraten ungestört in den Schulausschüssen sitzen dürfen, findet die„Kreuzztg.“, das Junkerblatt, auffällig, es meint,„daß dieses Entgegenkommen den hessischen Schulen sicherlich nicht zum Segen ge⸗ reichen werde“.— Das Blatt des Hammerstein kann unbesorgt sein. Wenn auch die hessischen Schulen nicht ganz unsern Wünschen ent⸗ sprechen, so sind sie doch ganz entschieden besser wie die preußischen. Sicherlich dürfte es auch ein hessischer Krautjunker nicht ris⸗ kieren, so über die Schulen zu reden, wie das in der preußischen Landrats⸗ und Junkerkammer wiederholt geschehen ist.
Der Arbeiter⸗Freund.
* Die Nr. 7 des von dem bekannten Pastor Hülle mit Unterstützung von Behörden und Unternehmern herausgegebenen Wurstblattes, das den Lügentitel:„Der Arbeiter-Freund“ führt, zeigt wieder in der üblichen Weise die „Arbeiter⸗Freund“schaft. Unter der Ueberschrift: „Ein neuer Ankläger“ wird eine Broschüre gegen unsere Partei ausgeschlachtet, die ein Magde⸗ burger Arbeiter unter dem Titel„15 Jahre Sozialdemokrat“ herausgegeben hat. Es sind die alten Lügen: hohe Gehälter, fette Diäten usw. Die Herren Unternehmer sollten eine Million von der Anklageschrift drucken lassen und gratis verteilen. Der Erfolg würde für uns nicht ausbleiben.— Noch besser als der Lü genartikel des„Arbeiter- Freundes“ be⸗ weist die er ste Notiz unter den politischen Nach⸗ richten, wie die Arbeiterfreundlichkeit des Lügen⸗ blättchens beschaffen ist. Die Notiz lautet:
Der Kaiser hat neuerdings auf das Ent⸗ schiedenste bekundet, daß das Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen noch in der laufenden Session zur Beratung und Ver⸗ abschiedung gelangen möchte, und daß ins⸗ besondere dem Un wesen des Streik⸗ postenstehens scharf vorgebeugt werde.
Hui, wie mag sich der christliche Pastor Hülle freuen, daß er in seinem Fabrikanten⸗ blatt mit dem Lügentitel:„Der Arbeiter⸗ freund“ den um bessere Ernährung ihrer Familien besorgten Arbeitern das Zuchthaus ankündigen kann. Und fortwährend jammern und heucheln die Unternehmer über den Terrorismus der Arbeiter. Kann es einen schlimmeren Terrorismus geben, als den auch von Gießener Fabrikanten ausgeübten: den Arbeitern Blätter aufzuzwingen, in denen die Arbeiterbewegung fortgesetzt ver⸗ leumdet und herabgesetzt wird?
Schneiderversammlung.
G. In einer am 6. Februar im Lokale des Herrn Orbig abgehaltenen Schneiderversammlung stand das Thema„Lohn- und Arbeits⸗ verhältnisse im Schneidergewerbe“ auf der Tagesordnung. Der Referent Mirus hob hervor, daß in keinem anderen Gewerbe so ungeordnete Verhältnisse vorherrschten, wie in der Schneiderei. Als Hauptursache bezeichnete er die sogenannte Heimarbeit, welche es unmöglich mache, geordnete Verhältnisse herbeizuführen. Die erste Forderung der Schneider müsse also bei Lohnbewegungen auf Abschaffung der Heimarbeit und Errichtung von Werkstätten lauten. Sind
z die letzteren erst eingeführt, dann könne man
auch auf die Lohnverhältnisse bessernd einwirken. Um nun dies zu erreichen, bedürfe es des Zu⸗
sammenschlusses aller Gehilfen in der Organi⸗ sation, welche der einzige Rückhalt für die Ar⸗ beiter in einer Lohnbewegung ist. Nach einer kurzen Diskussion über das Referat wurde der Tarif verlesen, welcher in diesem Frühjahr den Gießener Schneidermeistern vorgelegt
werden soll. Derselbe wurde einstimmig
angenommen und beschlossen, denselben in
kürzester Frist durch die Lohnkommission den
Meistern vorlegen zu lassen. Erwähnt sei noch, daß sich die Zahl der Mitglieder in der hiesigen Filiale des Schneiderverbandes mehr als ver⸗ doppelt hat. In Darmstadt wird vom April ab ein Arbeitersekretariat errichtet werden. drei Gewerkschaftsmitgliedern, drei Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei, sowie einem Mit⸗ gliede der Kreisorganisation hat die Vorbe⸗ reitungen so weit gefördert, daß die Errichtung gesichert erscheint. Die Arbeitgeber werden sich finanziell beteiligen. Freisinnige Oktroifreunde.
Die freisinnigen Hausagrarier, die den Mund nicht voll genug nehmen können, wenn es gilt, über die Begehrlichkeit der Vollblut⸗ agrarier herzuziehen, sind genau ebenso habgierig, wenn ihr Geldbeutel in Frage kommt. So hat dieser Tage die Breslauer Stadtverordneten⸗ Versammlung mit 62 gegen 30 Stimmen die Weitererhebung der Schlachtsteuer beschlossen. Die liberalen Hauspaschas sind zu filzig, diese schreiend ungerechte Steuer, die eine Durchschnitts⸗ Arbeiterfamilie mit 15—20 Mk. pro Jahr be⸗
lastet, auf direktem Wege aufzubringen. Solche
Freisinnige gibts selbstverständlich nicht nur in
Breslau. Aus Alsfeld.
w Hungerlöhne im wahren Sinn des Wortes werden in den hiesigen Holzschneidereieu und Holzhandlungen bezahlt. Dieselben betragen für einen erwachsenen Arbeiter Mk. 1,70 bis Mk. 2,— durchschnittlich bei einer Arbeitszeit von zwölf Stunden. Etwa 300 Arbeiter sind in den. verschiedenen Holzgeschäften beschäftigt, mehr als die Hälfte der Arbeiter muß jeden Morgen und Abend einen Weg von 1 bis 2 Stunden zurück⸗ legen. Rechnet man dieses hinzu, so ergiebt sich daß die Arbeiter täglich für einen Hungerlohn 14 bis 16 Stunden auf den Beinen sein müssen. Aber nicht allein in den Holzgeschäften herrschen solche erbärmliche Zustände; ist doch in der „Köster'schen Tabakfabrik“ 12 Mk. der höch ste
Wochenlohn, welchen ein Arbeiter erringen kann.
Trotzdem aber scheint fast unmöglich, die Leute
Ein Ausschuß, bestehend aus
davon zu überzeugen, daß es sich die verschiedenen
Organisationen, die Holz⸗ und Tabakarbeiter⸗ usw. Verbände zur Aufgaffe machen, bessere Zu⸗ stände zu schaffen, damit jeder Arbeiter ein anständiges Leben führen kann. Unsere Aufgabe, wird nach wie vor die sein, aufzuklären, damit es möglich wird, auch hier die Arbeiter gewerkschaftlich zu organisieren.
Aus Wetzlar.
f. Das Gewerbegericht für den hiesigen Kreis hat im Jahre 1898 insgesamt 20 Sitzungen abgehalten, davon nur 3 mit Hinzuziehung von Beisitzern. Anhängig wurden 73 Sachen. In 40 Fällen waren Arbeitgeber, in 33 Fällen Arbeiter Kläger. In Wetzlar ist also die wohl seltene Thatsache zu konstatieren, daß mehr Unternehmer
als Arbeiter klagten.
Aus Marburg.
b. Eine Ehrung. Der neue präsident von Hessen⸗Nassau v. Zedblitz⸗ Trützschler hat am Samstag Marburg besucht. Das Ereignis wurde in sinniger Weise gefeiert. Es wurden an diesem Tage alle statthabenden Mensuren abgefaßt oder durch Besetzung der Pauklokale durch Gendarmen unmöglich ge⸗ macht. Es wurde also so eine Art Gottesfrieden hergestellt, damit der heilige Tag des hohen Besuchs nicht durch Blut entweiht werde. Oder
ist der neue Oberpräsident überhaupt ein Feind ö
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