Ausgabe 
1.1.1899
 
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6. Jahrg.

Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

5 Mitteldentsche.

r Zeitung.

Juserate

nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Ex pe⸗ finden in derM. S.⸗Z. weiteste Verbreitung. Die ögespalt. dition in Gießen, Kirchenplatz 11, Schloßgasse, die] Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. Bei mindesteng Druckerei, Sonnenstraße 6, sowie jede Postanstalt und mal. Bestellung gewähren wir 25%, bei mal. Bestellung jeder Briefträger entgegen.(Post⸗Ztgs.⸗Katal. 43 12a.) 33 ½%% und bei mindestens 12mal. Aufgabe 50% Rabatt.

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Bestellungen

.

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Zeitung ist es, Udmständen die

zu sichern.

Sozialdemokraten

benutzen jede Gelegenheit, ihren Ideen Eingang in weitere Kreise zu schaffen. Wieihnachtsfeiertage bei der Agitation für die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung

Und wem die

nicht den gewünschten Erfolg brachten, oder wem gar

aus irgend welchen Gründen die nötige Zeit

und Gelegenheit fehlten zur Abonnentenwerbung, der wird am

Neujahrstage

um so eifriger für dieMitteldeutsche Soüntags⸗

Zeitung agitieren.

Aufklärung

über alle wichtigen politischen und wirtschaftlichen

Fragen zu verbreiten war von jeher das Be 5 unseres Blattes. Der

Anwalt der Kleinen

in Dorf und Stadt zu sein, ist seine höchste Aufgabe.

Pflicht aller Sozialdemokraten im Verbreiturgsgebiet derMitteld. Sonntags- ihrem Parteiblatt unter allen

weiteste Verbreitung Das aber kann nur geschehen durch

die lebhafteste und unverdrossenste. Einzelarbeit der Genossen.

Eine sozialistische Kolonie.

el. Die Thatsache, daß eine Reihe kommu⸗ nistischer Kolonieen nach längerem oder kürzerem Bestehen wieder zugrunde gegangen ist, ist von unseren Gegnern als Beweis für die Behauptung angesehen werden, daß der Sozialismus undurch⸗ führbar und mit der menschlichen Natur un⸗ vereinbar sei. Die religiösen kommunistischen

Gemeinden in Nordamerika sollen sich nur des⸗ halb eine Zeit lang gehalten haben, weil der

Kommunismus eine klösterliche Form gehabt habe. Diese Behauptungen sind völlig haltlos. Mit dem sozialistischen Gemeinwesen, wie wir es er⸗ streben, haben diese Kolonieen nicht das geringste gemein. Die Mitglieder der nordamerikanischen Kolonieen bestanden aus den rückständigsten Schichten der Gesell schaft. Jene Vielgestaltigteit der Berufsarten, wie sie heute besteht, fehlte in den Kolonieen gänzlich, und damit war den Kolonieen die Möglichkeit zu einem gedeihlichen Emporblühen genommen. Wurden sie von der modernen Gesellschaft berührt, dann flohen sie weiter hinaus in die Oede. Der moderne So

zialismus hingegen ist die JFortsetzung der mo⸗

dernen Gesellschaft. Alle Errungenschaften der Kultur und Technik macht er sich zu eigen, sie regelnd und ordnend. Dadurch gewinnt die Produktion einen ungeahnten Aufschwung und die Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft, die nicht in wilder Konkurrenz gegen einander, son⸗ dern einträchtiglich für einander arbeiten, genießen ein Leben, reich an Inhalt und Abwechselung, wie es heute nur die Bevorzugten unter den Menschen kennen, Leute, die aber in wahn⸗ . Luxus ihr Dasein verbringen auf Kosten er rastlos Arbeitenden und deren größte Plage

2 in 1 5 Faulenzerleben die Langeweile ist.

Trotz aller Mängel boten diese ihren Mitgliedern Vorteile, im kapitalistischen Staate vergebens erstrebt. Wenn ich, sagt Nordhoff in seinem Werke über die kommunistischen Gesellschaften,das Leben in einer blühenden und zufriedenen Ge⸗ meinde mit dem Leben der gewöhnlichen Farmer und Handwerker auf dem Lande oder noch mehr mit dem Leben der Arbeiter und ihrer Familien in unseren großen Städten vergleiche, so muß ich gestehen, daß das kommunistische Leben so viel freier von Sorge und Gefahr, so viel leichter nach vielen Richtungen hin und jedenfalls, was die materielle Seite angeht, so viel besser ist, daß ich aufrichtig wünsche, es möchte eine weitere Em wickelung in den Vereinigten Staaten haben. Und Hinds in seinem Werke über die ameri⸗ kanischen kommunistischen Gesellschaften äußert über denselben Punkt:Die Vorteile in diesen An en sind groß und zahlreich. Alle Unter⸗ schiede zwischen arm und reich sind abgeschafft. Der Kommunismus sorgt für die Kranken, Schwachen, Unglücklichen in gleicher Weise. Bei Verlust durch Feuer oder Flut wird die Last,

Kolonieen die der Proletarier

welche den Einzelnen ruinieren würde, von der Gesamtheit leicht getragen. In Nr. 558 vom 29. November v. J. be⸗

richtet sogar derHamburgische Korrespondent, ein bürgerliches Blatt nationalliberaler Richtung, aus England von den großartigen Erfolgen einer sozialistischen Kolonie und straft damit seine eigenen öden Tiraden über den Widersinn sozia⸗ listischer Organisationen Lügen. schreibt: Von den überraschenden Ergebnissen, die Fleiß, Intelligenz und Menschenverstand auch in Eng⸗ land erzielen, bietet ein Landgut in der Graf⸗ schaft Gloncestershire ein interessantes Beispiel. In einem der reichsten Landstriche jener Graf⸗ schaft hat eine kleine Kolonie von Sozialisten von dem Grundbesitzer, Lord Bathurst, auf eine Reihe von Jahren eine Farm erworben, und am Rande eines herrlichen Thales, the golden Valley genannt, aus diesem entsetzlich vernach

lässigten Grundstück eine geradezu ideale Besitzung geschaffen. Ein vor den Wohngebäuden gelegener Terrassengarten, der die lieblichste Fernsicht bietet, enthält eine Fülle der schönsten Blumen; nebenan, etwas tiefer gelegen, ist ein großer, vortrefflicher Gemüsegarten, und seitwärts führt eine Allee uralter Eiben, die im heißesten Sommer herr⸗ liche Kühle gewährte und in der Hängematten und Ruhesessel zu beschaulicher Rast einluden, nach den höher gelegenen Teilen der parkartigen Besitzung. Aehnliche Ueberraschungen erwarteten uns im Hause selbst. Das Wohnhaus, früher ein gewöhnliches, Farmgebäude, jetzt mit Gloire de Dijon⸗Rosen, Clematis und anderen Schling⸗ gewächsen reich umrankt, bot im Innern die eigenartigste Mischung einfacher, fast primitiver Emrichtung und gewählter, künstlerischer Ver⸗ feinerung. Ueberall herrschte einfache Behaglich⸗ keit ohne eigentlichen Luxus; nirgends war auch nur ein Stückchen Teppich zu sehen, der Fuß⸗

boden glänzte so blank und rein, daß man von

ihm hätte speisen können, der Herd war jener weite, ein fache der altenglischen Küchen, die, wie diese hier, zugleich als Wohnzimmer dienten. Auf dem Kaminsims und an den Wänden blinkte glänzendes Kupfer- und Messinggerät, unter dem

Querbalken des ziemlich niederen Zimmers stand auf einfach weißgestrichenen Holzregalen eine Anzahl Bücher, die fast die Zimmerdecke be⸗ rührten, hier und da sah man einen schön⸗ geformten Krug oder Topf von Porzellan oder Thon, eine Skizze, altertümlichen Hausrat, eine geschnitzte Truhe, einen kunstvoll gearbeiteten Tisch oder sonst ein altes Möbel alles schien sich hermonisch in ben einfachen Rahmen dieser Kolonie der Einrichtung einzufügen. Die der übrigen dieser Kolonie zugehörigen Wohnungen waren dieser ersten ähnlich.

Wo können uns die Gegner ein ähnliches Bild aus der kapitalistischen Gesellschaft vor⸗ führen?

Politische Bundschau.

* Gießen, den 30. Dezember.

Das freie Wort und der Reichstag.

Das Reichs⸗Parlament wird sich in dieser Session vielfach mit der Presse zu befassen haben. Von fast allen Parteien des Reichstages sind Anträge vorbereitet, die sich mit Abänderungen alter oder Hinzufügung neuer Paragraphen zum Strafgesetzbuch befassen, die die Presse in erster Linie angehen. Auch der Antrag unserer Frak⸗ tion auf Streichung des Majestätsbelei⸗ digungsparagraphen ist von höchstem Interesse und größter Wichtigkeit für die Frei⸗ heit der Kritik in Deutschland. Hoffentlich er⸗ möglicht es die Geschäftslage des Reichstages, daß dieser schon in der vorigen Legislaturperiode eingebrachte Antrag recht bald zur Verhandlung kommt. Die Anklagen wegen Majestätsbeleidi⸗ gung und die Verurteilungen haben sich ganz außerordentlich im Laufe der letzten zehn Jahre vermehrt. Es handelt sich nicht um eine Straf⸗ freiheit für Majestäts beleidigungen. Die Be⸗ leidigungsparagraphen des Gesetzes mit ihren recht erheblichen Strafen bleiben unberührt; ge⸗ fordert wird nur, daß die Ausnahme bestim⸗ mungen, die für Beleidigungen gegen gekrönte Häupter vorgesehen sind, gestrichen werden. Die Debatten, die dieser Antrag im Reichstage hervorrufen wird, werden sich jedenfalls zu einer umfassenden Aussprache über die Monarchie und ihre Stellung im öffentlichen Leben unseres Volkes gestalten.

Von großer Bedeutung für die Presse sind weiter die Anträge der freisinnigen Partei auf Abänderung des Groben Unfug⸗Para⸗ graphen und auf Beseitigung des Zeug nis⸗ zwanges gegen den verantwortlichen Redakteur und die sonst bei der Herstellung eines Preß⸗ erzeugnisses thätigen Personen. Der Grobe Un⸗ fugparagraph ist zu einem bequemen Mittel ge⸗ worden, da zu strafen, wo auf Grund anderer Paragraphen eine Bestrafung unmöglich wäre. Es ist wirklich an der Zeit, daß den juristischen Auslegungskünsten ein Ende gemacht und dem Paragraphen sein ursprünglicher Sinn wieder⸗ gegeben werde, der sich gegen nächtliche Lärm⸗ szenen auf der Straße, gegen die Streiche über⸗ mütiger Burschen richtet. Ebenso notwendig ist die Beseitigung des Zeugniszwangsverfahrens gegen die Presse. Der verantwortliche Redakteur