Ausgabe 
29.7.1906
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Ar. 30. a

Die Klasse hingegen ist eine Bevölkerungs⸗ gruppe, die in der Gesellschaft, und vor allem im wirtschaftlichen Leben der Ge⸗ sellschaft, im Produktions prozeß, eine be⸗ sondere Stellung einnimmt. Der herrschende Stand beherrscht kraft geschriebenen Rechts, die herrschende Klasse kraft ihrer tatsächlichen ge⸗ sellschaftlichen Machtstellung. Die Demokratte räumt jedem Staatsbürger das gleiche Recht ein, auf den Gang der Staatsgeschäfte tätigen Einfluß zu üben. Aber politische Tätigkeit kann nicht, oder nur unvollkommen ausgeübt werden ohne Wissen, ohne Muße, ohne wirtschaftliche Unabhängigkeit. Der freieBürger des freien Staates, der keine oder nur geringe und schlechte Schulbildung erhalten hat, dem die Notwendig⸗ keit des Erwerbs jede Möglichkeit nimmt, poli⸗ tische Fähigkeiten zu erwerben und auszuüben, und der sich am Ende bei den ersten ungefügen Versuchen, freien Gebrauch von seinen politischen Rechten zu machen, vom Hungertode bedroht findet, ist, da er wirtschaftlich unterdrückt ist, in Wirklichkeit auch politisch beherrscht. Hingegen ist eine Gruppe von Staatsbürgern, denen der Wortlaut der demokratischen Ver⸗ fassung nicht die mindesten Vorrechte einräumt, die aber ihr Wissen, ihre freie Zeit, ihre wirt⸗ schaftliche Machtstellung dazu benützen, ihre An⸗ sichten im Staate zu der herrschenden zu machen, in Wirklichkeit auch eine herrschende Klasse.

Ein Staat, in dem eine Klasse durch gesell⸗ schaftliche Macht herrscht, ist ein Klassenstaat. Darum kann man diebürgerliche Demokratie (ohne darum etwas zu ihrem Nachteil zu sagen) die reinste Form des Klassenstaats nennen, weil hier die Klasse gar nicht mehr als Stand, sondern nur noch als Klasse herrscht. Im übrigen wird der Ausdruck:bürgerliche Demokratie nur mit Vorsicht zu gebrauchen sein; denn wir wissen jetzt, daß er keine be⸗ sondere Staatsform bezeichnet(im Sinne der Staatsform gibt es keinen Unterschied zwischen z bürgerlicher undproletarischer Demokratie), sondern einen Gesellschaftszustand, innerhalb welcher die bürgerliche Klasse von der demo kratischen Staatsform zu Zwecken ihrer Herr⸗ schaft Gebrauch macht. Es ist damit natürlich nicht gesagt, daß andere Staaten, monarchische, oligarchische, nicht ebensogut oder noch besser Klassenstaaten, Instrumente der Klassenherr⸗ schaft sein könnten. Dann erscheint die beherrschte Klasse nicht nur wirtschaftlich unterdrückt, sondern auch politisch ganz und gar unfret, es fehlt ihr hier sogar jene formale Gleichberech⸗ tigung, aus der sie im Klassenkampfe ihre wirkliche Gleichberechtigung entwickeln kann.

Der Klassenkampf entsteht dadurch, daß die beherrschte Klasse die politische und gesellschaft⸗ liche Freiheit zu erringen trachtet, während die herrschende Klasse ihre Herrschaft verteidigt. Die Gegner der Sozialdemokratie verbinden mit dem Begriff des Klassenkampfes, den ste als verwerflich hinzustellen trachten, die falschesten und abenteuerlichsten Vorstellungen. Nichts ist

natürlicher, nichts selbstverständlicher, als daß

eine unterdrückte Klasse das System der Unter- drückung, unter dem sie leidet, bekämpft. Wer also dem Klassenkampf verwerfen will, dem liegt der Bewets ob, daß es innerhalb der heute

bestehenden Gesellschaftsordnung keine herrschende

und keine beherrschende Klasse gibt. Da jeder Versuch, diesen Beweis zu führen, an den Tat⸗ sachen scheitert, kann die Erklärung einer Partei, daß steüber dem Klassenkampfe stehe und den Klassenkampf verwerfe, nur so viel bedeuten, daß sie der beherrschten Klasse das Recht be⸗ streitet, den Kampf gegen die herrschende Klasse zu führen. Den Klassenkampf verwerfen, heißt ihn bewußt oder unbewußt führen auf Seiten der herrschen den Klasse!

Jede Bemühung der beherrschten Klasse, eine Machtstellung im Staate und in der Gesellschaft zu erwerben und die erworbene zu erhöhen, ist eine Aeußerung des Klassenkampfes. Der Ar⸗ beiter, der für gleiches Wahlrecht oder für besseren Lohn, für bessere und freiere Volks⸗ bildung oder für verkürzte Arbeitszeit, für poli⸗ tische oder wirtschaftliche Forderungen eintritt, ist bewußt oder unbewußt ein Klassen⸗

kämpfer. So wird der Klassenkampf vielfach

praktisch von Elementen geführt, die ihn theoretisch

weil ste ihn falsch verstehen nicht aner⸗ kennen. Man kann den Klassenkampf nicht abschaffen, wenn man die Lehre vom Klassen⸗ kampfewiderlegt. Die Angehörigen der unterdrückten Klasse führen aber den praktischen Klassenkampf, den sie im Interesse der Selbst⸗ erhaltung führen müssen, besser und erfolgreicher, wenn ste Einblick in die Zusammenhänge des Staates und der Gesellschaft gewinnen, wenn sie ihre Klassenzugehörigkeit erkennen, wenn sie klassenbewußt sind! f

Die Sozialdemokratie ist die Partei jener Klasse, die innerhalb der bestehenden Gesellschafts⸗ ordnung die beherrschte ist. Sie will keine neue dauernde Klassenherrschaft errichten, sondern jede Form der Klassenherrschaft beseitigen. Die Klassenherrschaft hat aber ihren Ursprung nicht in irgend einer Staatsform, sondern in der bestehenden Gesellschaftsordnung; gegen diese richtet sich also der Kampf der unterdrückten Klasse. Mit der Erringung der Demokratie hat der Klassenkampf noch kein Ende, aber die Demokratie ist die Staatsform, innerhalb welcher die unterdrückte Klasse ihren Befreiungskampf am besten führen kann; denn in der Demokratie kann ste kämpfen, durch den richtigen klassen⸗ bewußten Gebrauch staatsbürgerlicher Rechte, die ste in undemokratischen Staaten erst er⸗ obern muß. In der Demokratie ist der Wille des Volkes Gesetz; gelingt es hier der soztal⸗ demokrattschen Partei, trotz aller gesellschaftlicher Widerstände den Volkswillen durch die friedliche Kunst der Ueberredung in die Richtung ihrer Ziele zu drängen, so ist damit der Sieg der unterdrückten Klasse entschieden. Der monachische oder oligarchische Staat aber erkennt das Be⸗ fehlsrecht der Volksmehrheit nicht an, sondern stellt dem Volkswillen die Gewalt seiner Or⸗ ganisation entgegen die friedliche Ueber⸗ redungskunst reicht hier allein nicht aus, son⸗ dern Gewalt steht gegen Gewalt. Die Gefahr, daß der Klassenkampf zu gewalt⸗ samen Zusammenstößen führt, ist also hier viel größer als in der Demokratie; ste kann nur dadurch vermieden werden, daß der Staat im entscheidenden Augenblick das Befehlsrecht der Volksmehrheit anerkennt, sich also dem Recht der Demokratie unterwirft. Denn gegen den entschlossenen und beharrlichen Willen einer großen Volksmehrheit ist jede Staatsgewalt ohnmächtig!

Klassenkampf ist nicht gewaltsamer Umsturz und blutiger Bürgerkrieg. Inner⸗ halb der Demokratie können die gewalligsten Umwälzungen der Gesellschaftsordnung friedlich vollzogen werden; denn hier besteht keine Ge⸗ fahr eines Konfliktes der Volksmehrheit mit der organisterten Staatsgewalt. Minderheiten aber, die sich gewaltsam dem Volkswillen wider⸗ setzen, können unter Umständen auch gewaltsam gestürzt, die ihnen günstigen Staatsformen können gewaltsam gesprengt werden, wie das zurzeit in Rußland geschieht. Durch gewalt⸗ samen Umsturz können nur Staatsformen, nicht Gesellschaftsordnungen geändert werden! Alle bisherigen Revolutionen haben die Aenderung der Staatsform, nicht der Ge⸗ sellschaftsordnung zum Ziel gehabt. Es ist also unwahr, daß die Soztaldemokratie das Ziel ihres Klassenkampfes durch gewaltsamen Umsturz zu erreichen

sucht. (Fortsetzung folgt.) UPA

Politische Rundschau.

Gießen, den 26. Juli 1906.

Christliche Barbarei in Afrika.

Wie von Seiten der deutschenKulturträger gegen die Eingeborenen gehaust wird, davon gibt eine kürzlich in der junkerlichen Kreuzzeitung nach dem Generalstabswerke über den Krieg in Südwestafrika gegebene Schilderung ein Bild. Nach der Darstellung des Generalstabs betrug die Zahl der am Waterberg konzentrierten Hereros 50 bis 60000 Köpfe, darunter 6000 mit modernen Gewehren Bewaffnete. Diese

Massen wurden, trotzdem ihnen

n nur 1500 Munn mit 30 Geschützen und 12 Maschinengewehren gegenüberstanden, geworfen und zur Flucht in die wasserlose Sandwüste der Omaheke abge⸗ drängt. Die deutschen Verluste betrugen 26 Tote und 60 Verwundete. Ueber die Verluste der Herero berichtet dieKreuz⸗Ztg.: 5

Die Widerstandskraft der Hereros war völlig ge⸗ brochen, wie die am 13. beginnende Verfolgung zeigte. Die Szenen, die sich hierbei den verfolgenden Truppen boten, spotteten jeder Beschreibung. Das Straf⸗ gericht, das über die Hereros verhängt war, hatte seinen Anfang genommen und sollte in den Sandwüsten der Omaheke, wohin sich ihre Flucht wandte, sein Ende finden. Eine monatelange eiserne Abfperrung vollendete es. Die Berichte der deutschen Patrouillen⸗ führer geben erschütternde Bilder davon. So berichtet Oberleutnant Graf Schweinitz von seinem Ritte:

Von Ondown ab bezeichnete eine im Omuramba ausgetretene Fußspur, neben welcher Menschenschädel und Gerippe und Tausende gefallenen Viehes, besonders Groß⸗ viehes, lagen, den Weg, den anscheinend die nach Nord⸗ osten entwichenen Hereros genommen haben. Besonders in den dichten Gebüschen am Wege, wo die verdurstenden Tiere wohl Schutz vor den versengenden Strahlen der Sonne gesucht hatten, lagen die Kadaver zu Hun⸗ derten dicht neben⸗ und übereinander. An vielen Stellen war in 15 bis 20 m tiefen, aufgewühlten Löchern vergeblich nach Wasser gegraben... Alles läßt darauf schließen, daß der Rückzug ein Zug des Todes war. 5

In dem Berichte eines anderen Mitkämpfers heißt es darüber:Das Drama spielte sich auf der dunklen Bühne des Sandfeldes ab. Aher als die Regenzeit kam, als sich die Bühne allmählich erhellte, und unsere Patrouillen bis zur Grenze des Betschuanalandes vorstießen, da enthüllte stch ihrem Auge das grauenhafte Bild verdursteter Heeres⸗ züge. Das Röcheln der Sterbendeg und das Wutgeschrei des Wahnsinnes... sie verhallten in der erhabenen Stille der Unend⸗ lichkeit..... Die Hereros hatten aufgehört, ein selbstständiger Volksstamm zu sein.

Mindestens 40 000, vier zigtausend Menschen haben damals im Fieberwahnsinn des Verdurstens ihr Leben in der Omaheke ausgehaucht! Sie konnten nicht zurück infolge der monatelang durchgeführten etsernen Um⸗ klammerung. Trotha, dergroße General, hatte ja den Befehl gegeben, jeden Herero, ob bewaffnet oder unbewaffnet, niederzuschießen auch Frauen und Kluder sollten durch Flinten⸗ schüsse über die Köpfe weg wieder in den Tod des Verschmachtens zurückgetrieben werden! Und die Rassenvertilgung geschah! Vierzigtausend, darunter wohl dreißigtausend Frauen, Greise und Kinder, gingen im Delirium des Hungers und des Durstes zugrunde! f

Und diesechristliche Kolonialpolitik erhielt den Segen der geschettelten und tonsu rierten Pfaffen! Sind diese furchtbaren Menschen⸗ schlächtereien nicht der blutigste Hohn auf das Christentum und die europäischeKultur?

Zwei Reichstagsersatzwahlen.

Vorige Woche haben kurz nacheinander zwei Ersatzwahlen für verstorbene Reichstagsabge⸗ ordnete stattgefunden. Durch den Tod des Freisinnigen Richter war der Wahlkreis Hagen⸗ Schwelm verwaist und Hofgeismar⸗Rintelu hatte für den Antisemiten Reventlow Ersatz zu wählen. In beiden Kreisen war unsere Partei 1903 in der Stichwahl gewesen, doch konnten wir den. endgiltigen Sieg nicht erringen und ein solcher ist auch jetzt kaum zu erwarten. Doch haben wir in beiden Kreisen recht günstige Resultate zu verzeichnen. In Hagen erhielt am Donners⸗ tag unser Genosse König 16 298, Cuno(freis.) 11189, Becker(Zentr.) 5086, Moldenhauer(natl.) 4545, Mumm(Christlich⸗soztal.) 2158 und Coh⸗ zewskt(Pole) 149 Stimmen. Im Jahre 1903 erzielte der Sozialdemokrat 13 870, Richter 10 572, der Nationalliberale 5786, das Zentrum 4526 und die Christlichsozialen 1855 Stimmen. In der Stichwahl stegte Richter mit 20 987 gegen 15018 Stimmen. Die Sozialdemokratie hat 2400 Stimmen gewonnen, während die gesamten Gegner noch keine 200 Stimmen mehr als 1903 aufbrachten. Für die Nationalliberalen, die über 1200 Stimmen verloren haben, bedeutet auch diese Wahl ein Zeichen des un⸗ aufhaltsamen Niedergangs. Die Stichwahl