Ausgabe 
29.7.1906
 
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Nr. 30.

Gießen, den 29. Juli 1906.

13. Jahrgang.

Redaktion: Mirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Sonntags⸗Zeitu

Nebaktionsschluß: Dounenztag Nachmittag 4 Uh.

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Parteigenossen!

Laut Beschluß des letzten Parteitages findet der diesjährige in Mannheim statt. Auf Grund der Bestimmungen der Parteiorganisation beruft die Partei⸗ leitung den diesjährigen Parteitag auf

Sonntag, den 23. September, abends 7 Uhr, nach Mannheim in das LokalApollo⸗ theater, G. 6, 8 ein.

Als provisorische Tagesordnung itt festgesetzt: Sonntag, den 23. September, abends 7 Uhr: Vorversammlung. Konstituierung des Parteitages. Fest⸗ setzung der Geschäfts⸗ und Tagesordnung. Wahl der Mandatsprüfungs⸗Kommission.

Montag, den 24. September und die folgenden Tage:

1. Geschäftsbericht des Vorstandes. Berichterstatter: W. Pfannkuch und A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrollkommisston.

Berichterstatter: A. Kaden.

3. Parlamentarischer Bericht.

Berichterstatter: G. Schöpflin.

4. Maifeier. Berichterstatter: R. Fisch er. 5. Der politische Massenstreik. Berichterstatter: A. Bebel. .Der internationale Kongreß 1907. Berichterstatter: P. Singer.

7. Sozialdemokratie und Volkserziehung.

Berichterstatter: C. Zetkin und H. Schulz.

8. Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug.

Berichterstatter: H. Haase.

9. Sonstige Anträge.

10. Wahl des Vorstandes, der Kontrollkommisstion und des Ortes, an dem der nächste Parteitag stattfinden soll.

Parteigenossen! Der Parteivorstand richtet an euch die Aufforderung, die Vorarbeiten für den Parteitag also die Wahl von Delegierten wie die Stellung von Anträgen rechtzeitig zu bewirken.

Die Anträge müssen spätestens am 27. August im Besitze des Vorstandes, Adresse:

J. Auer, Berlin SW. 68, Lindenstr. 69,

sein, wenn ste entsprechend den Bestimmungen des§ 14,

Absatz 2 der Parteiorganisation imVorwärts ver⸗

öffentlicht und in die gedruckte Vorlage Aufnahme finden

sollen.

Berlin, den 28. Juli 1906.

Mit sozialdemokratischem Gruß Der Parteivorstand.

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Zaristischer Staatsstreich.

Die russische Hof⸗ und Beamtenklique, die sich leider jetzt noch im Besitze der Macht befindet, hat einen Schlag gegen das Volk und die Revolution geführt. Sie brachte den schwäch⸗ lichen und willenlosen Selbstherrscher dazu, die Duma aufzulösen. Damit glaubt die herrschende Verbrechergesellschaft ihre Situation zu verbessern und ihre Macht aufs neue zu befestigen. Sie wird sich täuschen; der Stein ist im Rollen, die Tage der russischen Willkür⸗ herrschaft sind gezählt, das Volk wird nicht ruhen, bis es die Blut⸗ und Gewaltherrschaft abgeschüttelt und die verworfene und verlotterte Sippe der Zarenkreaturen davon gejagt hat. So wenig wie es vor hundert Jahren dem französischen Königtum gelang, durch Gewalt⸗ mittel die Befreiungsbewegung des Volkes auf. zuhalten, so wenig wird es Nikolaus mit seinen Kumpanen und Kosaken möglich sein, das poltttsch erwachte russische Volk auf die Dauer zu knebeln. 5 Revolution wird jetzt in ein neues Stadium reten.

Der Erlaß, welcher die Auflösung der Duma verfügt, erschien am Sonntag spät in der Nacht. Er führt eine ziemlich unverschämte Sprache, spricht von Ungesetzlichkeiten undUngehorsam der Duma und davon, daß die Gesetze nur durchunsern kaiserlichen Willen geändert werden könnten. Schließlich wird es ist der reine Hohn! eine neue Duma auf den 5. März 1907 einberufen! Bei dem jetzigen Verhalten des Zaren und seiner Einbläser möchten wir nicht dafür garantieren, daß Nikolaus diesen Termin noch erlebt! Nach Petersburg und anderen größeren Städten waren ungeheuere Truppenmassen zusammen⸗ gezogen worden und es ist klar, daß der Staats⸗ streich von langer Hand vorbereitet war, und er wurde längst erwartet.

Die Auflösung des Parlamentes, das nur zwei Monate lebte, dürfte einen Wendepunkt in der revolutionären Bewegung bedeuten. Beide Teile, das Zarentum auf der einen, das nach Freiheit dürstende Volk auf der andern Seite, werden jetzt auf's Ganze gehen müssen. Zarenherrschaft oder Republik ist jetzt die Frage. Nikolaus hat den Beweis erbracht, daß auch in Rußland das monarchische Prinzip unsinnig ist. Schließlich werden selbst alle Monarchisten Rußlands, wenn sie ehrlich sind, erkennen, daß es der Würde eines mündigen Volkes nicht entspricht, das Amt eines Staats⸗ oberhauptes, das immer mit einer Fülle von Machtmitteln verbunden ist, in einer Familie erblich sein zu lassen, auf die Gefahr hin, daß Dummköpfe oder Schurken an das Regiment kommen.

Die feierlichen Versprechungen des Zaren in seinem Oktober⸗Manifest sind einfach gebrochen worden, ganz nach dem Beisplel anderer Fürsten, die den Wortbruch sozusagen zum monarchischen Handwerksgebrauch machten. Der Hof wird es mit Blut und Eisen versuchen, wenn ihm das Eisen, die Armee, noch zur Verfügung steht. Er wird die Freiheit im Blut zu ersticken trachten. Der Zarismus setzt alles auf eine Karte, die letzte Karte.

Die russische Volksvertretung hat mehr ge⸗ leistet, als man zuerst von ihr erwarten konnte. Sie hat monatelang die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gezogen, ste hat entschieden Klärung gebracht und dadurch die Revolution gewaltig gefördert. Es ist zu hoffen, daß der nunmehr neu entbrannte Kampf mit sicherem Zielbewußtsein geführt und nicht mehr durch lügenhafte Versprechungen zum Stillstand ge⸗ bracht werden wird.

*

Der größte Teil der Dumamitglieder trat in Wyborg(die Stadt liegt in Finnland, wo größere Bewegungsfreiheit herrscht und die russische Regierung wenig Einfluß besitzt) zu⸗ sammen, um über die Lage zu beraten. Dort wurde folgendes Manifest an das Volk beschlossen:

Bürger des gesamten Rußland! Durch Ukas vom 8. 7.(alten Stils) ist die Reichs duma aufgelöst worden. Ihr habt uns zu Euren Vertretern gewählt und uns beauftragt, Land und Freiheit zu erkämpfen. In Wahrung Eures Auftrags und unser Pflicht verfaßten wir Gesetze, um dem Volk die Freiheit zu sichern. Wir forderten die Entfernung der der Verantwort⸗

lichkeit baren Minister, die, indem ste ungestraft die Gesetze verletzten, die Freiheit unterdrückten. Zu allererst jedoch wollten wir ein Gesetz er⸗ lassen betr. Verteilung von Land an die arbeitenden Bauern, nach welchem zu diesem Zweck Ländereien, die der Krone, der Apanagen verwaltung, den Klöstern und den Kirchen gehörten, diesen angewiesen werden, und die Zwangsenteignung von in Privatbestitz befindlichen Ländereien vorgenommen werden sollte. Die Regierung fand, daß ein solches Gesetz unzulässig sei, und als die Duma noch⸗ mals dringend ihren Beschluß betr. die Zwangs⸗ enteignung betonte, erfolgte die Dumaauflösung. Die Regierung verspricht, eine neue Duma nach sieben Monaten einzuberufen. Ganze sieben Monate muß Rußland ohne Volksvertretung bleiben, um eine Zeit, wo das Volk am Rande seines Ruins steht, wo Industrie und Handel untergraben sind, wo das ganze Land von Un⸗ ruhen erfaßt ist, das Ministerfum endgültig seine Unfähigkeit bewiesen hat, den Bedürfnissen des Volkes gerecht zu werden. Sieben Monate wird die Regierung voll Willkür handeln und gegen die Volksbewegung ankämpfen, um eine fügsame und dienstbeflissene Duma zu bekommen. Wenn es der Regierung jedoch gelingen sollte, die Volksbewegung vollständig zu unterdrücken, wird ste gar keine Duma einberufen.

Bürger! Tretet für die mit Füßen getretenen Rechte der Volksver⸗ tretung und für die Reichsdum a ein. Nicht einen Tag darf Rußland ohne eine Volksvertretung bleiben. Ihr besitzt die Mittel, um diese zu erlangen. Die Regierung ist nicht berechtigt, ohne Einverständnis mit der Volksvertretung vom Volke Steuern zu erheben und das Volk zu Militärdienst einzuberufen. Daher seid Ihr jetzt, wo die Regierung die Duma aufgelöst hat, berechtigt, weder Geld noch Soldaten zu geben Gebt also bis zur Berufung der Volksvertretung keine Kopeke der Krone und keinen Soldaten der Armee. Seid standhaft in Eurer Weigerung!

Bürger! In diesem erzwungenen, doch un⸗ umgänglichen Kampfe werden Eure Vertreter mit Euch sein!

Zugleich mit der Auflösung der Duma wurde die Entlassung des bisherigen Minister⸗ präsidenten Goremykin und seine Ersetzung durch den Minister des Junern Stolypin veröffentlicht. Dieser ist natürlich aus keinem besseren Holze geschnitzt als seine ehrenwerten Vorgänger. Er wird so wenig wie diese in der Lage sein, den politischen und finanziellen Bankrott des Zarentums aufzuhalten. Möge das Volk recht bald zum Siege gelangen!

Grundbegriffe der Politik).

(Fortsetzung.)

Ein Stand ist eine Bevölkerungsgruppe, die im Staate politische Sonderrechte und Sonderpflichten besitzt. Der Ständestaat glie⸗ dert seine Angehörigen nach ihrer Herkunft und ihrem Beruf, in verschtedene Schichten(Adel, Geistlichkeit, Bürgertum, Bauernschaft), für deren jede besondere Vorschriften gelten.

) Siehe die beiden Artikel in Nr. 28 und 29,

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