Ausgabe 
29.4.1906
 
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Seite 6.

Mitteldeulsche Sonntags⸗ Zeitung.

Nr. 17.

g. Flotten propaganda und g Geschäfts⸗ reklame, Herr Schuh warenfabrikant Euker versendet an die Marburger Einwohnerschaft einen äußerst ele⸗ ganten illustrierten Katalog seines Schuhlagers, dessen Faffeebraunen Umschlagkein großer weißer Schuh zlert, und der auf jeder Seite eine der Gelegenheit angepaßte geistreiche Devise wieein schöner Stiefel ziert den Fuß, nasse Füße sind die größten Feinde unserer Gesundheit, eine Wohltat für die Füße sind Eukers ꝛc. 2c. Wie erstaunt aber der zukünftige Kunde, wenn er beim Durch⸗ blättern hinter all den zierlichen Schuhchen und Pan⸗ töffelchen plötzlich ein Panzer ⸗Schlachtschiff in vollster Fahrt entdeckt! Doch bald wird die Lösung des Rätsels offenbar: Herr Euker ist nämlich in seinen stillen Stunden auch nochSchatzmeister der Ortsgruppe Marburg des deutschen Flottenvereins, und Jals solcher hat er das Bedürfnis gefühlt, nicht nur für seine Schuhe, sondern auch fürseine Schiffe Reklame zu machen! So fügt er seinen Anpreisungen von Ball- und Jagdstiefeln, Putz⸗ ereme und seidenen Damenstrümpfen einen zündenden Artikel überDeutschlands Seemacht an, der uns be⸗ richtet, daßdas Verlangen nach einer deutschen Kriegs⸗ marine so alt sei wie die Sehnsucht der deutschen Stämme nach einem einigen deutschen Reiche, daß verschiedentlich dieSchwäche der Flotteschmerzlich empfunden worden sei, daß aber trotzdem noch große Kreise der Bevölkerungkeine Ahnung davon hätten,wie sehr sie in ihren Daseinsbedingungen von einerstarken deutschen Kriegsflotte abhängig seien, weil sie noch nicht durch einen unglücklichen Seekrieg zahllose Existenzen hätten zusammenbrechen sehen ꝛc. ꝛc. und empfiehlt nach berühmtem Muster als sicheres Mittel zur Verhütung eines solchen Seekrieges die Schaffung der Möglichkeit desselben, durch den Bau immer neuer solcher Panzer⸗ kähne, wie er in seinem Schuh warenkataloge abgebildet hat Mit einer dringenden Aufforderung zum Beitritt in den Flottenverein schließt Herr Euker seinen äußerst lehrreichen Aufsatz. Weiter kann der Patriotismus kaum noch getrieben werden: selbst der Schuhwarenkatalog dient als Propagandamittel für die Flotte! Oder soll

die Flotte als Zugmittel für das Schuhwaren geschäft

gedacht sein?

Geborstene Ordnungsstütze.

In Leipzig wurde der 52 Jahre alte Kanzleisekretär am Reichsgericht Chr. Gorn wegen Urkundenfälschuug zu einem Mo⸗ nat Gefängnis verurteilt. Welch' tüchtige Ordnungsstütze Gorn war, geht aus den Aem⸗ tern hervor, die er bekleidete. Er war Armen⸗ Distriktsvorsteher, Kirchenvorstand, Vizeprästdent der Kinderbewahranstalt und Vorsttzender des Hausbesitzervereins im Osten Leipzigs ꝛc. In Leipzig⸗Reudnitz besaß er ein Grundstück im Werte von 140000 Mek. Da hatte er aller⸗ dings notwendig in seiner Eigenschaft als Kassen⸗ verwalter des Vereins für Gemeindepflege, sich an dessen Geldern zu vergreifen und in dem Kassabuch Rasuren vorzunehmen, wie ihm die Anklage zur Last legte. Um seine Unterschleife zu verdecken, ließ er sich von den Geldempfängern Quittungsduplikate ausstellen, womit er die Revisoren dann täuschte. Auffällig ist auch, daß die betrogene Gemeinde keine Anzeige er⸗ stattet hat, sondeen daß es erst einer anonymen Anzeige eines Eingeweihten bedurfte, ehe der Ordnungsmann vor das bürgerliche Gericht ge⸗ stellt werden konnte. Jedenfalls sollte die Sache im Interesse derOrdnung vertuscht werden.

FeineMusterarbeiter.

Das Schwurgericht in Nürnberg verur⸗ teilte den 32 jährigen Eisendreher Bodechtel, den 26 jährigen Buchdrucker Kreutzer und den 31 jährigen Mechaniker Weißkopf, welche die Witwe Bittermann am 13. Januar ermor⸗ deten und beraubten, und zwar Bodechtel und Kreutzer wegen Raubes mit Todesfolge,

ersteren zu lebenslänglichem Zuchthaus, letzteren

zu fünfzehn Jahren Zuchthaus, Weißkopf wegen Raubmordes zum Tode und wegen Totschlags⸗ versuch zu vier Jahren Zuchthaus. Die beiden erstgenannten sind Streikbrecher, die sich bei dem Streik in den Fränktschen Schuhfabriken zu Nürnberg im Sommer 1904 durch besonders aggresstves Vorgehen gegen die Streikenden auszeichneten und deswegen vom Unternehmer tum als Musterarbetiter gelobt worden sind.

Volksbildungsarbeit in Gießen.

Der Gießener Ausschuß für Volks vor⸗ lesungen und verwandte Bestrebungen im Winter 1906. Schon seit längerer Zeit war von

Männern, welche den neueren Bildungsbestrebungen ein lebhaftes Interesse entgegenbrachten, der Gedanke erwogen worden, auch in Gießen eine Einricht ung ins Leben zu rufen, welche diesen Zwecken dienen sollte. Aus wieder⸗ holten Besprechungen der Frage ging ein provisorischer Ausschuß hervor, der sich im Dezember 1905 an Ober⸗ bürgermeister und Stadtverordnete wandte, mit der Bitte, die Stadt möge auf ihre Kosten die Turnhalle des Realgymnasiums und der Oberrealschule welche von der Direktion dieser Schulen bereitwillig zur Verfügung gestellt worden war heizen, beleuchten und für Vor⸗ lesungszwecke herrichten lassen. Da diese Bitte sofort gewährt wurde, so konnte mit den Vorlesungen begonnen werden. Der Ausschuß, bestehend aus den Herren Ober⸗ lehrer Dr. Albert Klein, Antiquariatsbuchhändler Alex. Kuhr, Lehrer Val. Müller, Redakteur Vetters, Oberlehrer Otto Urstadt, stud, theol. H. Heschler, als Vertreter der akademischen Ortsgruppe des Dürerbundes, trat dem Rhein⸗Mainischen Verbande bei und eröffnete die Vorlesungen am 15. Januar 1906. Sie fanden an jedem Mittwoch statt(mit Ausnahme der beiden letzten Wochen des März) und dauerten bis zum 5. April. Eintrittsgeld wurde nicht erhoben.

Es war dabei die Absicht des Ausschusses: an Stelle der zersplitternden Einzelvorträge, die in dieser Woche dieses, in der nächsten jenes bieten und eine systematische, d. h. also wirklich bildende Führung der Hörer fast unmöglich machen, sollten Zyklen von mehreren innerlich zusammenhängenden Vorlesungen treten, die sich auch ihrerseits ergänzten und aufeinander beziehen ließen. Demgemäß wurde in diesem ersten Winter der deutsche Idealtsmus, seine Geschichte und Gegenwart behandelt, und es sprachen:

vom 15. Januar bis 7. Februar 1906 Oberlehrer Dr. A. Klein über: Die Entstehung des mo⸗ dernen Deutschlands an vier Abenden; Pfarrer Emil Fuchs, Rüsselsheim a. M., über: Grund⸗ fragen der Sittlichkeit an drei Abenden; am 5. April Oberlehrer Dr. R. Strecker, Bad Nauheim, über: Goethes Leben und Weltanschauung. Zwischen die Vorlesungen von Herrn Lic. Fuchs und Herrn Dr. Strecker schob sich eine geographische Schil⸗ derung von Herrn Oberlehrer U. Kraft aus Büdingen, der an zwei Abenden(am 7. und am 14. März) in höchst anschaulicher und fesselnder Weise von seinen Reisen in Südamerika erzählte.

Wenn schon die Durchführung dieses Programms hohe Anforderungen an die Geduld und Willigkeit der Hbrer stellte, so noch mehr die Diskusston, welche an jede Vorlesung des ersten(geschichtlichen) und des zweiten (ethischen) Zyklus sich anschloß. Es war doch ein Wag⸗ nis, einer Zuhörerschaft, die sich zum großem Teil nicht kannte und von des Tages Last und Mühe herkam, zu⸗ zumuten, daß sie sozusagen aus dem Stegreif über die schwierigen Fragen, die behandelt wurden, urteilen und ihr Urteil aussprechen lernen sollte. Wir sagten uns aber, daß die freie Diskussion die einzige, festa usgebildete, moderne Methode ist, um die Selbsttätigkelt und lebendige Teilnahme der Zuhörer zu wecken und wachzuhalten, und der Erfolg hat uns recht gegeben. Sie war be⸗ sonders bei den beiden letzten Vorlesungen des geschicht⸗ lichen und bei denen des ethischen Zyklus sehr rege und zeugte von dem erfreulichen Verständnis aller derer, die sich an ihr beteiligten. Auch der Besuch der Vorlesungen hielt sich auf der Höhe von durchschnittlich 150 Personen, Angehörigen aller Schichten der Bevölkerung, unter denen nur die Arbeiterschaft allzu sch wach vertreten war.

Neben den Vorlesungen bot der Ausschuß seinen Freunden auch edle Unterhaltung an zwei Volks unter⸗ haltungsabenden. Am 11. Februar veranstaltete einen solchen der akademische Dürerbund, der seine im ganzen Rhein⸗Main⸗Gebiet bekannten Lichtbilder aus Wilhelm Busch'sPlisch und Plum und zwel Fastnachtsspiele von Hans Sachs(der fahrende Schüler in Paradies; der Roßdieb von Fünfing) vorführte, mit einleitenden Vorträgen von Herrn Dr. Strecker, und am 11 März fand ein mustkalischer Volksunterhaltungs⸗ abend statt. Beide Abende waren sehr gut besucht und boten allen Zuhörern reichen Genuß und Anregung. Wir sagen allen Mitwirkenden nochmals unsern auf⸗ richtigen Dank. Der Ausschuß aber entnimmt dem Erfolg, den seine Veranstalungen gefunden hoben, das Recht und die Pflicht, seinen Grundsätzen auch im Winter 1906/7 treu zu bleiben und sie nach Möglichkeit. weiter auszugestalten. Volksunterhaltungsabende und Vorle⸗ sungszyklen werden neben einander hergehen, und zwar wird in diesen letzteren die Naturwissenschaft und dle Kunst stärker berücksichtigt werden. Daneben hoffen wir besondere Fortbildungs⸗ und Lernkurse in Sprachen, Geschichte, Literatur für eine kleine Anzahl besonders interessterter und strebsamer Personen durchführen zu können(nach dem Vorblld von Offenbach a. M).

Sollen aber diese und andere Erweiterungen des Programms, die im Igteresse der Teilnehmer noch ge⸗ plant sind, sich verwirklichen, so brauchen wir vor allem größere Geldmittel, die wir durch freiwillige Bei⸗ träge unserer Mitbürger aufzubringen hoffen. Wir bitten darum herzlich, daß sich zu den bisherigen Gebern,

denen hierdurch unser aufrichtiger Dank ausgesprochen sei. eine große Zahl opferwilliger Nachfolger gesellen möge. Danken werden wir mit erhöhten Leistungen, die in unser aller Interesse, zu unser aller Ehre und Nutzen geschehen.

Die Erdbeben-Ratastrophe von Kalifornien

ist eine der furchtbarsten, die sich seit vielen Jahrhunderten ereignet hat und stellt in ihren Folgen den Vesuv⸗Ausbruch in den Schatten. Die große und schöne Stadt San Franctsco, die fast 400 000 Einwohner zählte, ist in einen Trümmerhaufen verwandelt. Außerdem haben noch weitere Städte der Küste, Santa Rosa, San José, Sakramento, Oakland und andere furchtbar gelitten. Wieviel Menschenleben zu grunde gegangen sind, ist noch nicht festgestellt, doch dürften wohl einige tausende von Menschen das Leben eingebüßt haben; eine Meldung sprach von über 5000. In San Francisco hat erst die nach dem Erdbeben ausgebrochene Feuers⸗ brunst das Zerstörungswerk vollendet. Es war wegen Wassermangel, da die Leitung zer⸗ stört gewesen sein soll, nicht möglich, dem Brande Einhalt zu tun, auch nützte es nichts, daß viele Häuserblocks mit Dynamit gesprengt wurden. Die Zahl der Obdachlosen, die unter Hunger und Kälte furchtbar zu leiden haben, beträgt etwa 300 000. Der allgemeine Schrecken wurde noch durch mehrere später erfolgte Erdstöße ge⸗ steigert. Infolge des Schreckens, sowie vor Hunger und Durst sollen viele Personen wahn⸗ stunig geworden sein. Von Seiten der ameri⸗ kanischen Regierung wurden sofort die um⸗ fassendsten Hilfsaktionen eingeleitet und man muß sagen, mit mehr Energie als bei uns in solchen Fällen die Regierungen entwickeln. Präst⸗ dent Roosevelt hat sogar Hilfe von auswärts abgelehnt, weil die Vereinigten Staaten in der Lage seien selbst das nötige zu tun. Mittel genug besitzt Amerika allerdings.

San Francisco, dieHundert Hügelstadt oder, wie es andere zu bezeichnen belieben, das amerikanische Paris, ist nach dem ziemlich übereinstimmenden Urteile aller Reisenden, welche es besucht haben, eine der schönsten und groß⸗ artigsten Städte der Welt. In einem sowohl an edlen Metallen, wie in landwirtschaftlicher Beziehung reichen Distrikt gelegen, bildet diese Königin des stillen Ozeans nicht nur die Endstation für die Mehrzahl der von Asten und Australien kommenden Postdampfer, sondern auch den Hauptsammelpankt für die Schiffahrt an der ganzen westlichen Küste Amerikas, be⸗ deutet also für die letztere dasselbe, was Kew⸗ Pork für den Osten Amerikas vorstellt, nämlich die Metropole des Handels und den Haupthafen der Küste.

Maienangst. Eine Erinnerung.

Der Beschluß der internationalen Sozial- demokratie, den 1. Mai als Weltfeiertag zu begehen, hatte eine gewaltige Aufregung im Lager der gesamten Bourgeoisie hervorgerufen. Auch den hohen Regterungen der verschiedenen Vaterländer und Ländchen verursachte er ein gewisses Unbehagen. Was konnten da nicht alles für Gefahren im Hintergrunde lauern! 8

Und nun gar unseren ehrsamen Spießbürgern war der Schrecken in alle Glieder gefahren; die Angst um ihrehelligsten Güter ließ sie nicht mehr ruhig schlafen.

Mit banger Besorgnis sahen sie dem sonst

so sehr herbeigesehnten Wonnemonat entgegen. Sollte denn die verdammteTeilerei wirklich schon losgehen?

Nein! Das ging unter keinen Umständen!

Die Ordnung mußte aufrecht erhalten werden;

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