Ausgabe 
29.4.1906
 
Einzelbild herunterladen

el l⸗ fl l., 0 l 0 b f

e N

en ee e

Nr. 17.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

wir nochmals aufmerksam und erwarten eine zahlreiche Beteiligung der Genossen von Wieseck. Auch die Gießener Parteifreunde sind freund⸗ lichst dazu eingeladen. Frau Dr. Michels⸗ Marburg wird das Referat halten.(Siehe Inserat in der Beilage.).

In Alten⸗Buseck halten die Ge⸗ nossen ihre Maifeier⸗Versammlung Dienstag, den 1. Mai, abends 9 Uhr bei Wirt Becker ab. Genosse Vetters⸗Gießen wird über die Bedeutung des Weltfeiertags reden. Es wird zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet. Die Mitglieder des Wahl⸗ vereins wollen die Liederbücher mitbringen.

Trohe. Mit der Maifeier, die diesen Sonntag von 3 Uhr ab bei Wirt W. Seipp abgehalten wird, ist zugleich das Frühlingsfest mit Tanzbelustigung des Gesangvereins ver⸗ bunden. Unsere Parteifreunde werden noch⸗ mals zu recht zahlreicher Beteiligung eingeladen. Rödgen. Zur Beteiligung an der Malfeter versammeln sich die Genossen Sonntag (29. April) Nachmittag bei Wirt Balser zum Abmarsch nach Trohe. Es wird um recht zahl⸗ reiches und pünktliches Erscheinen ersucht. 3

ur

r. Watzenborn⸗Steinberg. Nach Beschluß des Wahlvereins

Matfeter. findet am Abend des 1. Mai im LokaleZum grünen Baum in Steinberg eine öffentliche Bersammlung statt. In derselben wird ein Referat über:Die Bedeutung des ersten Mai gehalten. Für alle Genossen und denkenden Arbeiter ist es eine Ehrenpflicht, für einen Massenbesuch dieser Versammlung zu sorgen. Die diesjährige Maifeier muß sich zu einer machtvollen Kundgebung zur Erringung polt⸗ tischer Rechte und Freiheiten und zu einem Ausdruck des Willens, der Abwerfung der Ketten, welcke den Proletarier in politischer und wirtschaftlicher Beziehung umschlingen, dokumentieren. Also sorgt für einen Massen⸗ besuch der Versammlung. Alles Nähere wird noch durch Plakate bekaunt gemacht. Die Maifeier am ersten Sonntag im Mai begehen die hiesigen Genossen mit der organisterten Arbeiterschaft in Gießen. Auch hierbei sei schon ausmerksam gemacht, das sich die Genossen so einrichten, daß ste am Festzuge in Gießen teil⸗ nehmen können. Näheres siehe im Inserat des Gewerkschaftskartells.

e In Ruttershausen findet Sonntag, den 29. April, nachm. 3 Uhr, im Lokale des Herrn Geißler an der Brücke eine öffentliche Turnerversammlung statt. Im An⸗ schluß hieran soll die Gründung eines Arbeiter⸗ Turnvereins erfolgen. Alle Arbeiter und Partei⸗ genossen von Ruttershausen und Umgegend sind zu dieser Versammlung freundlichst eingeladen.

In Leidhecken fand am Sonntag eine gut besuchte Versammlung des Wahlvereins statt, in welcher Genosse Beckmann ⸗Gießen sprach. Der vor Kurzem gegründete Wahlverein entwickelt sich gut; unsere dor⸗ tigen Parteifreunde sorgen hoffentlich dafür, daß er mehr und mehr erstarkt, damit wir auch dort den kom⸗ menden Kämpfen gerüstet gegenüber stehen. Jeder ein⸗ zelne unter uns muß dabei mithelfen und seine Partei⸗ pflicht voll und ganz erfüllen, so viel in seinen Kräften

steht, für unsere Sache agitieren und ihr immer neue Anhänger werben.

Aus dem Nreise Alssesd⸗Cauterbach.

Aus Alsfeld schreibt eine Genossin:

An die Alsfelder Genossen und Genossinnen er⸗ geht die Bitte, sich recht zahlreich Sonntag, 29. April im hiesigen Stadtpark einzufinden. Es ist hohe Zeit, daß man die Erinnerung vom zweiten Ostertage ver⸗ scheucht. Rückt doch jetzt der 1. Mat heran, unser hoͤchster Feiertag. Im Gedanken an die Malfeier schlägt doch jedem denkenden Arbeiter das Herz höher; früher scheuten wir auch keinen weiten Weg zur Feier. Soll das jetzt in Alsfeld einschlafen, wo wir im Stadt⸗ park ein bequemes und freundliches Lokal zur Verfügung haben? Eine schöne Gartenwirtschaft und die inneren Räume sind auch ausreichend, falls es regnen sollte. Der Wirt verdient ebenfalls unsere Unterstützung, er ist uns jederzeit freundlich entgegengekommen. Darum be⸗ telligt euch zahlreich an der Malfeler!

Aus dem RNreise Wetzlar.

An die Arbeiter von Wetzlar und um⸗ gegend! Während die Gewerkschafts⸗ und politische Arbeiterbewegung überall im deutschen Reiche, wo Ar⸗ beiter in größerer Zahl vorhanden sind, erfreuliche Fortschritte aufweist, stehen die Arbelter unserer Gegend

in dieser Beziehung noch weit zurück. Und doch leiden ste unter ebenso drückenden Verhältnissen, wie ihre Klassengenossen anderwärts. Die Lebensmittelteurung, die fast unerschwinglichen Fleischpreise, die sonstigen An⸗ sprüche, die an den Arbeiter gestellt werden, gestaltet die Lage der hiesigen Arbeiter immer prekärer. Man sollte meinen, dies müßte sie veranlassen, gemeinsam Besserung zu erstreben. Die meisten aber und be⸗ sonders die Berg⸗ und Hüttenarbeiter bekümmern sich um nichts und lassen alles gehen, wie es mag. Gerade die Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse der Berg⸗ arbeiter bedürften einer Besserung am allerdringendsten. Wollen sie warten, bis die Grubenfürsten mal Mitleid mit ihnen bekommen? Da können sie bis zum jüngsten Tage warten! Der Arbeiter muß vielmehr sel bst seine Klassenlage erkennen! Millionen haben sich bereits zu⸗ sammengeschlossen, Millionen sind noch zu gewinnen für den Befreiungskampf der Arbeit. Wir mülsen eine nachdrücklichere Agitation für unsere Sache entfalten! Dazu müssen wir die Frühlingsmonate benutzen; an schönen Sonntagen müssen bei Ausflügen die Arbeits⸗ brüder auf dem Lande aufgesucht und aufgeklärt werden. Natürlich soll man dabei nur diese Lokale besuchen, die uns zu Versammlungen zur Verfügung stehen, oder deren Juhaber den Arbeiter auch als Menschen achten. Vor allen ist es nötig, daß der Arbeiter von allem unter⸗ richtet wird, was sich unter seinen Klassengenossen in der Arbeiterbewegung abspielt. Dazu brauchen wir die Arbeiterpresse! Die bürperliche Presse hat bis jetzt ihr Teil dazu beigetragen, die Arbeiter gegenseitig zu entfremden. Mit keinem Wort der Entrüstung ist der Wetzlarer Anzeiger dem agrarischen Lebens mittelwucher, den volks verderblichen Steuerplänen und Flottenrüstungen entgegen getreten. Das war und wird auch in Zukunft der sozialdemokratischen Presse vorbehalten bleiben Aus diesem Grunde muß sich der Arbeiter aber auch erkenntlich zeigen und muß die Presse unterstztzen, welche sich seiner annimmt und seine Interessen vertritt. Darum, ihr Arbeiter von Wetzlar und Umgegend, weist die gegnerische Presse aus eurer Wohnung und abonniert auf dieMitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung! Schließt Euch Euren kämpfenden Brüdern und Klassen⸗ genossen an, werdet Mitglieder eurer Berufsorganisation und auch der politischen Organisation. Laßt allen per⸗ sönlichen Haß und Hader beiseite, zeigt, daß ihr Männer seid! Nur Vorwärts durch Kampf zum Sieg! Mit Gruß Hugo Joachim.

h. Zur Maifeier⸗Versammlung in Launsbach wird bestimmt Frau Zietz⸗Hamburg sprechen. Es wird nochmals zu recht zahlreicher Be⸗ telligung, besonders der Frauen und Mädchen, sowie der Parteigenossen aus Wetzlar und den umliegenden Orten aufgefordert. Ab Wetzlar geht der Zug nach⸗ mittags 1535.

m. Prügelpädagog. Daß sich nicht alle Lehrer zum Erzieheramt eignen, wurde schon oft festgestellt. Wenn aber ein Lehrer es den ihm unterstellten Kindern fühlen läßt, wenn er auf deren Eltern wegen abweichender polt⸗ tischer oder sonstiger Anschauung nicht gut zu sprechen ist, so muß dies ebenfalls entschieden verurteilt werden. Das tut aber der Kantor in einem Dorfe des Kreises Wetzlar. Das betr. Kind hat bereits 5 Jahre zur vollen Zufrieden⸗ heit seines Lehrers die Schule besucht. Nun wurde es zum Herrn Kantor versetzt, seitdem will es nicht mehr gehen, alles was das Kind tut, ist nicht recht. Offenbar glaubt der Herr Kantor ein Recht zu haben, das Kind dafür strafen zu können, weil der Vater sich erlaubt, eine andere Ansicht zu vertreten als der Herr Kantor. Soweit geht aber doch die Machtbe⸗ fugnts des Kantors nicht, das mag dem Herrn gesagt sein. Was ist das für eine Behandlung und Erziehung, wenn bei jeder Kleinigkeit das Kind geschlagen wird und noch so, wie es vom Gesetz nicht als zulässig erklärt werden dürfte. Vor kurzem hielt nach Ansicht des Lehrers das Kind den Federhalter nicht richtig, sofort schlug ihm der Lehrer so auf die Finger, daß es tage⸗ lang die Hand nicht bewegen konnte. Auch zur Strafarbeit wird es sehr oft herangezogen. Selbst Sonntags bekommt es keine Ruhe, der Kantor bestellt es, damit es die Sprüche her⸗ sagt, die es als Strafe aufbekommen hat, und zwar nur deshalb, weil es etwas aus dem Katechismus nicht ohne Anstoß hergesagt hatte. Hoffentlich bewirkt die öffentliche Beschwerde, daß eine bessere Behandlung des Kindes eintritt. t, Eine rohe Tat wurde kürzlich auf der Straße Gießen⸗Krofdorf ausgeübt, indem eines nacht⸗ 19 Stück junge Obstbäume abgebrochen wurden. Man ist aber den Tätern auf der Spur und es sind, wie berichtet wird, nicht eiwa rohe ungebildete Arbeiter,

sondern Seminaristen aus Wetzlar, die sich in Krof⸗

dorf bezecht hatten und spät abends auf dem Wege nach Gießen ihren Uebermut an den Bäumchen ausließen. Es sollte den Leutchen ein gehöriger Denkzettel verab⸗ folgt werden.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

Unser löblicher Magistrat scheint für die Marburger nicht viel Sympa⸗ thien zu hegen. Noch hat sich die Erregung unter den Schreinermeistern wegen Vergebung der Fensterlieferung für den Schulhausneubau kaum gelegt und schon gibt ein ähnlicher Fall den Bürgern Anlaß zur Kritik. Die Stadt⸗ verordnetenversammlung hatte beschlossen, einen Straßenmeister anzustellen und diese Stelle aus⸗ zuschreiben. Es meldeten sich hierzu z wei Lente aus Marburg und einer aus Weimar. Bei der Beschlußfassung über die Anstellung des Straßenmeisters hatte der Oberbürgermeister ganz vergessen(2), daß sich auch zwei Leute aus Marburg gemeldet hatten. Der Bewerber aus Weimar bekam infolgedessen die Stelle, weil er aus Weimar war und unser Oberbürger⸗ meister, wie es scheint für diese Stadt ein ganz besonderes Interesse hat. Wir sind allerdings nicht Lokalpatrioten genug, um darüber in große Aufregung zu geraten.

Der Millionenbankrott des Universttätsbuchhändlers Schramm, der hier und in der ganzen Umgegend riesiges Aufsehen erregt hat, übertrifft in der Tat alles, was Marburg bisher in dieser Beziehung zu ver⸗ zeichnen hatte. Ueber 800 Rechnungen sollen bisher eingegangen sein. Schramm hat sich nach Amerika geflüchtet, und laut Stadtgespräch ist seine Köchin mit, die eine qusttierte Rechnung von ihm hatte. Fortsetzung siehe Seite 6.

Aus den Gewerkschaften. Eine Gau⸗ konferenz der Dachdecker tagte am Sonn⸗ tag in Gießen im Wiener Hofe. Fast alle zum Bezirk gehörigen Orte waren vertreten. Der vom Gauvorsteher Erhard⸗Mainz erstattete Bericht ergiht eine erfreuliche Weiterentwicklung des Gaues sowohl in dem Auwachsen des Mit⸗ gliederstandes, als auch der Ortsvereine. Trotz der gesteigerten Ansprüche der Agitation schließt das Geschäftsjahr mit einem Bestand von 412,79 Mk. ab. Im großen und ganzen ist die Konferenz mit der Tätigkeit des Gauvor⸗ standes und seines bisherigen Vertreters in Frankfurt einverstanden und beschließt ein⸗ stimmig seine Entlastung. Bei den Berichten aus den einzelnen Orten war zu entnehmen, daß in bezug auf die Lohnhöhe eine unge⸗ wöhnlich große Verschiedenheit herrscht. Die Löhne schwanken zwischen 2,50 Mk. in Kassel und 6,30 Mk. in Frankfurt! Ferner wurden Klagen bezüglich des Bauarbeiterschutzes vorge⸗ bracht, der nur in Frankfurt, Mainz, Kassel, Darmstadt und Offen bach einigermaßen zufrieden⸗ stellend ist. Ueberall wird geklagt über die rapide Zunahme des Lehrlingswesens. Im weiteren wurde in lebhafter Aussprache über die Frage der zweckmäßigsten Agitation im Dachdeckerberuf beraten. 300 060 Mitglie- der zählt jetzt der Metallarbetterverband! Das ist ein Fortschritt, den man noch vor einem Jahrzehnt in unseren Reihen nicht zu hoffen wagte. Die Zahl ist eigentlich schon über⸗ schritten, die Metallarbeiterzeitung zählt 307000 Auflage! Die letzte Nummer derselben erschien 16 seitig, ist reichhaltig ausgestattet und ent⸗ hält mehrere interessante Artikel über die Ent⸗ wicklung des Verbandes. eee

VBersammlungskalender.

Samstag, den 28. April.

Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei b. Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8/ Uhr pünktlich Monatsversammlung bet Mitglied Jakob

Müller im Feldschlößchen. Sonntag, den 29. April.

Großen⸗Buseck. Wahlverein. Nachmittags

3 Uhr Versammlung bei Wirt Wagner Hausen. Arbeiter⸗Verein. Nachmittags 3 Uhr

Mitglieder⸗Versammlung bei Wirt Wallbott. Reißkirchen. Arbeiterverein. Nachmittags

2 Uhr Mitgliederversammlung bei Wirt Wild. Steinberg. Wahl verein. Nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Schwarz, Stadt Gießen