Ausgabe 
29.4.1906
 
Einzelbild herunterladen

kamen hinzu,

Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 17.

wortete:Mit Ihnen habe ich garnichts zu tun, nur mit dem Vorsitzenden. Andere Herren man packte mich bei den Schultern, ich erhielt einen heftigen Stoß, der mich seitwärts rücklings zwischen zwei Tische hineinschleuderte, wobet ich über einen Stuhl hinweg zu Boden stürzte. Ich erhob mich, und während das LiedDeutsch⸗ land über Alles erklang, drängte mich eine ganze Gruppe meist älterer Herren nach der Tür. Hier sprangen andere Herren, wohl meist Arbeiter, hinzu, um mich zu schützen, riefen: Der Mann hat ja garnichts getan und sich am ganzen Abend ruhig verhalten. Ein Herr lief mir im Gedränge nach, um sich namens des Vorstandes zu entschuldigen, ich drehte ihm den Rücken und rief dann dem Herrn zu: Das ist die Einigung des Liberalismus, die Sie heute Abend gepredigt haben! Pfui, schämen Sie sich! Als man sich wiederholt bei mir entschuldigen wollte, drehte ich dem betreffenden Herrn nochmals den Rücken zu mit den Worten: Mit den Herren habe ich nichts mehr zu reden.

Und solches geschah unter den Augen des nationalliberalen Kandidaten und anderer Führer dieser Partei, z. B. des berühmten Herrn Dr. Becker aus Sprendlingen! Diese Leute aber werden nicht müde in ihren Versammlungen und ihrer Presse täglich vonsozialdemokrati⸗ schen Terrorismus zu fabeln! Diesegebildete Gesellschaft sollte erst mal bei den Arbeitern Disziplin und politischen Anstand lernen. Jeden⸗ falls haben sich die Darmstädter Nationalltbe⸗ ralen den feinen Herrn Mahr, der im Eisen⸗ bahnwagen friedliche Reisende anpöbelte, zum Anstandslehrer bestellt!

Die Därmstädter Ersatzwahl hat leider nicht, wie wir hofften, mit unserm Siege im ersten Wahlgange geendet, sondern es hat Stichwahl zwischen unserm Genossen Berthold und dem nationalliberalen⸗bünd⸗ lerischen Kandidaten Dr. Stein stattzufinden. Unsere Stimmenzahl ist fast dieselbe wie 1903, für Berthold wurden 13855 abgegeben, immer⸗ hin 300 weniger als Cramer erhielt. Die andern Kandidaten erhielten: Stein 10320, Korell(freis.) 5828. Am 16. Juni 1903 wurden für Nationalliberale, Bündler und Zentrum, die diesmal zusammengingen, 11187 Stimmen abgegeben. Eine bedeutende Zunahme haben die Freisinnigen zu verzeichnen. Ihr Kandidat brachte vor 3 Jahren nur 1900 Stimmen auf, ste erzielten also fast 4000 mehr. Es kann sein, daß sich ein paar Hundert unserer Mitläufer diesmal zu dem Freisinn schlugen; nachkontrollteren läßt sich das natürlich nicht. Derentschiedene Liberaltsmus wird über dieses Wahlergebnis unbändig jubeln und von einer liberalen Morgenröte träumen. Darin dürfte er sich indessen täuschen. Wir halten den Erfolg des Freisinns für eine vorüber⸗ gehende Erscheinung. Für unsere Genossen heißt's nun, den Stichwahlkampf mit allen ge aufzunehmen, damit der Sieg unser werde.

Gießener Angelegenheiten.

Zur Maffeier. Wie alljährlich, begeht auch die Gießener Arbeiterschaft den Weltfeiertag der Arbeit durch entsprechende Veranstaltungen, deren Einzelheiten aus dem Inserat in der Beilage ersichtlich sind. Es darf wohl erwartet werden, daß die Beteiligung hieran die der früheren Jahre übertrifft, denn unsere Bewegung hat ja auch in Gießen und der Umgebung ganz gute Fortschritte gemacht. Es kommen doch immer mehr diejenigen zur Erkenntnis, die in der von den Reichen und Satten als göttlich gepriesenen Weltordnung die Rolle der Lastträger sptelen müssen. Sie erheben auch nach und nach die Frage, warum einige wenige ein herrliches Leben führen, wäh⸗ rend es dem Arbeitenden am Nötigsten gebricht. Sie wissen auch die Frage zu beantworten und erkennen trotz aller Verhetzung der Gegner die Richtigkeit der sozialdemokratischen Forderungen. Mit Freuden vernehmen sie daher die Maibot⸗ schaft und strömen herzu zur wahren Frühlings⸗ feier! Das sollte allerdings nicht nur des Sonntags geschehen, es müßte endlich auch ein⸗

mal an die Arbeitsruhe am 1. Mat ge⸗ dacht werden!

r Die Wahlvereinsversammlung am Samstag war gut besucht. Es wurde zu⸗ erst der Kartellbericht entgegengenommen. Be⸗ merkenswert war hierbei, zu hören, daß das Kartell es abgelehnt hatte, einen kleinen Beitrag dem Ausschuß für Volksvorlesungen zu bewilli⸗ gen. In der hieran sich anschließenden Debatte wurde von sämtlichen Rednern das Verhalten des Kartells getadelt und zum Schlusse ein Antrag Beckmann angenommen, der den Dele⸗ legterten aufgibt, bei der ersten Gelegenheit die Bewilligung des Betrages zu beantragen. Gen. Krumm teilt hierauf der Versammlung einige statistische Zahlen über die Wirkung der Zoll⸗ politik des deutschen Reiches mit. Aus den⸗ selben konnte man klar entnehmen, daß das deutsche Volk durch diese Politik zu gunsten einer Handvoll Agrarter auf das schamloseste aus geplündert wird. Die Versammlung ersuchte den Gen. Krumm, das Vorgetragene in der M. S.-Z. welteren Kreisen bekannt zu geben, da in dieser Beziehung immer noch viel Un⸗ 15 0 herrsche. Krumm erklärte sich hierzu ereit.

Tabakarbeiter⸗Aussperrung! In Gießen haben sich ja auch schon gewerkschaft⸗ liche Kämpfe abgespielt, von denen einige immer⸗ hin von Bedeutung waren. Bei allen trat aber unseres Wissens nicht eine derartige Schroffheit hervor, wie das anderwärts der Fall ist. Was aber Herr Tabakfabrikant Gail am Dienstag vollbrachte, das reiht sich wirklich den schlimm⸗ sten Scharfmacher⸗Praktiken an und steht in Gießen vereinzelt da. 8 Tabakspinner wurden plötzlich entlassen. Warum? In letzter Zeit erfolgten immerwährend Abzüge an den Akkordlöhnen, die für den einzelnen Arbeiter 50 60 Pfg. die Woche ausmachten. Die Abzüge wurden in Form von Strafen für zu reichlichen Materialverbrauch gemacht. Die Spinner waren nun dahin vorstellig geworden, diese Abzüge einzustellen und hatten, falls das nicht geschehe, ihre Kündigung in Aussicht ge⸗ stellt. Daraufhin erfolgte die Entlassung der 8 Spinner. Die übrigen etwa 45 Kautabak⸗ arbeiter, fast ausnahmslos Frauen und Mäd⸗ chen, legten nach Aussperrung der Spinner nun ihrersetts die Arbeit nieder und gaben damit ein schönes Beispiel kollegialer Solidarität. Es haben bereits Verhandlungen über die Differenz⸗ punkte stattgefunden, die aber resultatlos ver⸗ liefen. Dabei zeigte sich übrigens, daß die erwähnten Abzüge und damit der ganze Streit selbst mehe auf einen Geschäftsführer des Hrn. Gail als auf diesen selbst zurückzufüsren ist. Die Firma verschickt ein Zirkular an ihre Kund⸗ schaft, in welchem um Nachsicht bet langsamerer Lieferung gebeten wird. Darin wird auch von einer vonlanger Hand vorbereiteten Bewe⸗ gung gesprochen, daß es sich um eine Macht⸗ frage handle, daß die Arbeiter Forderungen gestellt hätten, diegrundsätzlich nicht gewährt werden könnten usw. Diese Darstellung ist völlig unricktig; die Arbeiter forderten nichts weiter, als Einstellung der Abzüge. Die bis⸗ herigen Verhandlungen scheiterten an der Wei⸗ gerung der Firma, 2 Spinner, die sich um die Gewerkschaft verdient gemacht haben aber sonst sehr tüchtige Arbeiter sind, wieder einzustellen. Selbstverständlich konnte nicht darauf einge⸗ gangen werden. Wäre auch noch schöner, wenn die Arbeiter diejenigen preisgeben wollten, die ihre Interessen vertraten. Hoffentlich bestunt sich die Firma bald eines besseren. Auf ste fällt die Verantwortung, wenn sich hieraus aus noch weitere, umfangreichere, die Gesamt⸗ heit schädigende Kämpfe entwickeln sollten.

Schweinburg⸗ Produkte. Der Gießener Anzeiger hält es mit seinem zeitweise an den Tag gelegtenLiberalismus vereinbar, bodenlos schmutzige Angriffe gegen unsere Partei, die aus dem bekannten Schweinburg'schen Futter⸗ trog stammen, mit Behagen breitzutreten. In der Samstags⸗Nummer druckte er einen der⸗ artigen Anwurf aus derklonservativen Korre⸗ spondenz ab, in dem von der gewerkschaftlichen Organtisation unter den Landarbeitern die Rede ist. Es wurde nämlich in einer an Ostern

stattgefundenen Konferenz des Fabrik⸗ und Landarbeiter⸗Verbandes für Brandenburg und Westpreußen beschlossen, unter den Lan darbeitern

eine rege gewerkschaftliche Agitation für

den Verband zu entfalten. in echt kosakisch⸗junkerlicher Weise glosstert. Zum Schluß heißt es:Für die Landarbeiter aber, die mit jedem Pfennig rechnen müssen, ist diese Geldausgabe von 5,20 Mk. oder 2,60 Mk. auf das Jahr noch viel zu hoch; denn von den sogen. Gegenleistungen können ste keinen Gebrauch machen. Außerdem ist die Zumutung für sie, sich den roten Gewerkschaften als revolutionäres Kanonenfutter zu verschreiben, zu stark. Sie werden also wohl von der Re⸗ klametrommel des Gewerkschaftsverbandes sich nicht locken lassen. Ob dieGenossen auf das platte Land gewerkschaftlich oder sozial⸗ demokratisch kommen, macht keinen Unterschied. Ihr Zweck ist Verhetzung, und dem wird man nach wie vor entgegenzutreten wissen. Und umso erfolgreicher wird dies geschehen können, je sorgsamer die Wohlfahrtspflege auf dem Lande getrieben wird. In diesen Sätzen zeigt sich so recht unverhüllt arbeiterfeindliche Gehässigkeit und Borniertheit zugleich. Wohl⸗ fahrtspflege auf dem Lande! Und in Ostelblen! Hat das Amtsblatt noch nichts von den elenden Wohnungen, der miserablen Behandlung der Arbeiter auf den dortigen Gutshöfen gehört? Der Kaiser selbst bezeichnete die Arbeiterwoh⸗ nungen auf Cadinen in drasttscher Weise als Schweineställe! Und wie traurig müssen die Löhne sein, wenn 10 oder gar 5 Pfg. Wochen⸗ beitrag nicht geleistet werden können! Aber das Gießener Amtsblatt wird nebst der von ihm gehätschelten Junkerstppe noch den Schmerz erleben, daß auch die Landarbeiter ihre Lage erkennen und sich der sozialdemokratischen Ar⸗ beiterbewegung anschließen werden.

In der Lohnbewegung der Stein⸗ arbeiter Gießens ist in allen Betrieben eine Einigung erzielt worden, der von den Arbeitern vorgelegte Tarif fand bei den Unternehmern in allen wesertlichen Punkten Zustimmung. Auch die Beseitigung der Akkordarbeit wurde erreicht. So haben die Arbeiter wenigstens eine kleine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durchgesetzt. Damit das Erreichte nicht wieder verloren geht, sollten sie für die Kräftigung ihres Verbandes sorgen, denn ohne einigen Zusammenschluß kommt man nicht vorwärts! Das gilt auch auf politischem Gebiete, weshalb jeder denkende Arbeiter sich der sozialdemokratischen Partei anschließen muß.

Aus dem Rreise gießen.

f Auf den Buderuswerken in Lol⸗ lar greift das Maßregelungsfieber immer mehr um sich. Ende voriger Woche wurde wieder ein lange Jahre im Betriebe beschäftigter Ar⸗ beiter vom Betriebsleiter Allgaier entlassen, weil er vor 8 Wochen einen Kollegen gefragt hatte, ob er nicht dem Verbande beitreten wollte. Und

Diese Tatsache wird

hier handelt es sich um einen Familienvater*

mit 4 Kindern. Weitere Kündigungen sind anfangs voriger Woche erfolgt und es werden hiervon 3 oder 4 Mann betroffen. Die Zu⸗ stände haben sich in einer Weise zugespitzt, daß die Arbeiterschaft in einer Freitag(27.) statt⸗ findenden großen öffentlichen Versammlung Stel⸗ lung nehmen wird. Es scheint, als wolle man die Arbeiterschaft mit diesem Vorgehen provo⸗ zieren; vielleicht geschieht dies auf Anweisung der Metallindustriellen in Frankfurt, Dresden,

Hannover usw., wo Zehntausende von Formerrn

ausgesperrt wurden. Nebenbet lassen die sonstigen Verhältnisse im Betrieb sehr viel zu wünschen übrig. Wie oft passiert es dem Former, daß infolge mangelhafter Betriebs⸗ einrichtung seine ganze Tagesarbeit verloren ist. Entschädigung gibts für Fehlguß nur in den seltensten Fällen. In der Gußputzeret herrscht fürchterlicher, für die dort Beschäftigten unerträglicher Staub. Eine Kontrolle durch die Gewerbeinspektion wäre sehr zweckdienlich! Für die Arbeiter heißts aber: Laßt euch nicht verblüffen, schützt euch durch Zusammenschluß!

Wieseck. Auf unsere am Sonntag

bei Wacker stattfindende Malfeter machen