Ausgabe 
29.4.1906
 
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Nr. 17.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

zu was war denn die Polizei da und das Militär 21

Also bestürmte man die maßgebenden Stellen um Sicherheitsmaßregeln, und dem Wunsche ward mit Freuden gewillfahrt. Die Säbel der heiligen Hermandad wurden auf alle Fälle frisch geschliffen, die Truppen in den Kasernen kon⸗ signiert, Umzüge durch die Stadt, Tragen von Fahnen und Abzeichen verboten usw. Man hatte sogar in Erwägung gezogen, über die größeren Plätze für diesen Tag den Belagerungs⸗ zustand zu verhängen, man konnte ja doch nicht wissen, ob nichtwas passteren könnte.

So war er denn endlich herangekommen, der gefürchtete 1. Mai 1890.

Auch in L., einem kleinen Gebirgsstädtchen an der schlestsch⸗böhmischen Grenze, in dem sich einige Fabriken(zwei Flachsgarnspinnereien und eine Glashütte) befanden, hatte man um Militär petitioniert, da man dem Kampfesmut der zwei alten, wackeligen Stadtpoltzisten nicht recht traute; besonders seit dem letzten Sonntag, wo sie bei Gelegenheit einer solennen Tanzboden⸗ keilereti ganz erbärmliche Prügel bekommen hatten und mit Verlust ihrer polizeilichen At- tribute an die frische Luft gesetzt worden waren.

Das Gesuch war aber abschlägig beschieden worden, und man mußte sich wohl oder übel mit dem Schutze der erwähnten beiden Helden begnügen; auf alle Fälle wurden aber noch zweit Nachtwächter als Reserve aufgeboten, zu denen noch ein im Nachbardorfe stationterter berittener Gendarm stieß.

Auch der Feuerwehr wurde im Vertrauen mitgeteilt, sich bereit zu halten. So viel man wußte, wollte die organisterte Arbeiterschaft des Städtchens die Maifeier in L.... au, einem unten im Walde gelegenen Aus flugsorte, begehen.

Die Fabrikanten hatten sich allerdings beraten, was gegen die geplante Demonstration zu machen sei, waren aber, da ihnen die Situation noch zu neu war, zu keinem Entschluß gekommen; auch glaubten sie noch nicht recht an die Aus⸗ führung des geplanten Unternehmens.

Vom Bürgermeister und einigen Gemeinde⸗ räten waren sie überdies himmelhoch gebeten worden, die Leute nicht durch Gegenmaßregeln zu erbittern; denn besonders die Glas macher rauchten keinen guten, wenn man sie erst in die Hitze brachte. Das wußten sie aus Erfah⸗ rung. So hatte man sich in das Unvermeidliche ergeben.

Die Arbeiter waren wirklich schon am frühen Morgen mit Kind und Kegel, ein schnell impro⸗

vistertes Musikkorps an der Spitze, in ge⸗

schlossenem Trupp in musterhafter Ordnung ausgerückt. Unverhohlene Freude strahlte auf allen Gesichtern. Welche Wonne, einmal durch eigenes Wollen den staubigen Spinnsälen, der erschlaffenden Atmosphäre der Glasöfen zu ent⸗ fliehen und in den herrlichen, sonnigen Mai⸗ morgen hinauswandern zu dürfen.

Der Himmel hatte Einsehen gehabt und zeigte den feiernden Proletartern sein schönstes Gestcht, zum Aerger der verstohlen hinter den Gardinen hervorlugenden Spießbürger.

Mit gemischten Gefühlen durchwanderten die Fabrikanten ihre öden Räume; was ging ihnen doch heute für ein schönes Stück Geld verloren durch diese verdammte Maifeier. Nun, das ließe sich ja schließlich durch eine kleine Lohn⸗ abzwackeret wieder einholen, aber der moralische Eindruck, den diese demonstrative, selbstherrliche Feier machen mußte, da lag der Hund begraben; wo blieb denn da der Respekt? Nun, das nächste Jahr sollte es nicht ungestraft hingehen; für dieses Jahr war es nun einmal nicht zu ändern.

In der Villa des Kommerzieurats Bauer, des Besitzers der Glashütte, wartete man immer noch mit dem Mittagessen. Die Kinder waren noch nicht da von der Schule. Das war doch eigentlich sonderbar; gerade an diesem Tage, wo man auf alle Fälle gut tat, in seinen vier Pfählen zu bleiben.

Schon vor einer Stunde waren mehrere Trupps Schulkinder an der Villa vorüberge⸗ gangen. Es verging wieder eine halbe Stunde, als der Kommerzienrat endlich die Geduld ver⸗ lor. Das Dienstmädchen wurde in das Schul⸗

haus beordert, um nachzufragen.

Kinder wären nach Schulschluß mit den andern fortgegangen; unterwegs hätte ste erfahren, daß die Kinder mit einigen Kameraden nach dem Festplatz gelaufen seien.

Der Herr Kommerzienrat wurde kreideweiß, die Gnädige fiel in Ohnmacht. Um Gottes⸗ willen! in den Rachen des Löwen!

Was tun? Die ganze bewaffnete Macht des Städtchens war auf dem Festplatze; selbst der alte Christian, das Hausfaktotum, hatte es sich nicht nehmen lassen und war mit hinausge⸗ humpelt. Das Dienstmädchen weigerte sich ganz entschleden, die Kinder zu holen. Da half nur ein heroischer Entschluß; selbst hinaus und die Lieblinge demsicheren Tode entreißen. Oder fahren? Das wäre am Ende besser.

Madame, die unterdessen wieder zu sich ge⸗ kommen, drohte, als sie den Entschluß des Gatten vernahm, wieder umzusinken. Nein, Männchen, laß mich gehen, an einer wehrlosen Frau, einer Mutter werden ste sich nicht ver⸗ greifen! Nein, nein, um keinen Preis, wehrte der Kommerzienrot ab, ich gehe selbst! Nun, so gehe ich mit dir, wenn es denn sein muß, sterben wir vereint!

Das Mittagessen war natürlich mittlerweile kalt geworden; auch pflegt das Gefühl einer so nahe bevorstehenden Todesgefahr den Appetit zu verscheuchen. Es wurde also angespannt, und im scharfen Trab gings dem Festplatze zu. Die Kommerzienrätin schmiegte sich eng an den Gemahl. Ob wohl die Kinder noch am Leben waren? Schon von weitem hörten sie fröhlichen Gesang und Musik; dem Herrn Rat fuhr un⸗ willkürlich der alte Spruch durch den Sinn: Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.

Aber heute war der 1. Mai und man wußte doch nicht, was alles für Ueberraschungen ge⸗ plant sein konnten. Endlich angelangt, krauten sie kaum ihren Augen; ihre beiden Sprößlinge, ein munterer Bub von neun und ein zierliches Mädchen von zehn Jahren, drehten sich, eine breite, rote Schärpe über der Brust, in munterem Reigen mit den Arbeiterkindern; auch das Töchterchen des Bürgermeisters und die zweit Buben des Amtsdieners gewahrten sie unter den Spielenden.

Nun fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Als sie zudem sahen, wie die hohe Polizei, die zwei Nächtwächter inbegriffen, mit dem Fest⸗ komitee in der animiertesten Kneiperei begriffen war, getrauten sie sich endlich, den Festplatz zu betreten. Erst allgemeines Stutzen, dann ein hundertstimmiges Hurra! Man war natürlich der Meinung, der Herr Kommerzienrat sei ge⸗ kommen, die Feier mit seiner Anwesenheit zu verschönern, und war selbstverständlich höchst angenehm überrascht.

Der Hüttenbesitzer erfaßte die Situation, machte zum bösen Spiel gute Miene und ließ die Leute in dem Glauben. Die Frau Gemahlin, überglücklich, ihre Lieblinge gesund und munter wieder zu haben, hatte nichts dagegen, und so blieb man denn ein paar Stunden in schönster Harmonie beisammen; umsomehr, als sich auch nach einiger Zeit der Herr Bürgermeister in höchst eigener Person einfand, um gleichfalls nach seinem Töchterchen zu recherchieren. Nur, als einige Uebermütige versuchten, die Gäste gleichfalls mit roten Schärpen zu dekorieren, lehnten diese bescheiden ab. Abends erfolgte dann der Einzug in die Stadt, wohl in etwas animierter Stimmung, jedoch in bester Ordnung.

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Den Frauen!

Den Frauen heut ein Früglingsgruß!

Euch allen, die in harten Mühen

In Schmuz und Schweiß das Dasein schleppt Euch sͤllen Maienrosen blühen!

Greift lachend in die rote Pracat:

Ein Morgen glüht, den keine Wolke

In schwarze Schatten hüllen wird

Ein Festungsmorgen allem Volke!

Euch Frauen heut ein Festtagsgruß! Denn Ihr vor Allen seid berufen, Daß Ihr die Menschheit beten lehrt Fromm an der Freiheit Altarstufen,

Nach einer Weile kam dieses aber atemlos angekeucht, die

Daß Ihrk dem beutegierigen Speer Die Spitze brecht mit reinen Händen!: 22 Nicht Euer Kinder rotes Blut, Der Liebe Rosen sollt Ihr spenden!

Den Haß, der die Nationen trennt,

Soll Eure Liebe überwinden,

Wenn schwesterlich die Hände sich

Sum letzten großen Kampfe finden.

Des Sturmjahrhunderts Morgenschein

Soll Eurer Rechte Sieg verklären:) 2

Srst müßt Ihr freie Menschen ser n. Um freie Menschen zu gebären!

Aus märchenblauen Seiten klingt

Ein Segenswort: Den Fluch des Bösen, 259 Der auf das Haupt der Menschheit fiel, 5 Wird einst die Hand des Weibes lösen. 2 8

Aus Lügenschlamm und Gassenstaub Wird sie den Schatz der Wahrheit heben Und segnend ihn als Hort des Rechts Den kommenden Geschlechtern geben.

Den Frauen heut ein Segensgruß!

Aus alter Aindermärchen Ularheit

acht hell in all den Sonnenglanz

Das heilige Angesicht der Wahrheit.

Kein Traumglück mehr, kein Sehnsuchtlaut:

Es gilt den Kampf! Auch Euch, den Frauen

Und Eure Kinder werdet Ihr a 9

Der Freiheit Maitag feiern schauen! 8 Clara Müller..

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Der Verlag derKommunalen Praxis ist am 1. April 1906 an den Genossen Singer⸗Berlin übergegangen. In der Erschelnungsweise der Zeitschrift ändert sich nichts. Dle Herausgabe besorgt nach wie vor Genosse Dr. Südekum⸗Berlin. Im Interesse der kommunalpolitischen Betätigung der Partei liegt eine erheblich größere Verbreitung derKommunalen Praxis, als sie bis jetzt erreicht worden ist. Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen:

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Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

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Marktbericht.

Auf dem Wochenmarkt in Gießen kosteten am 24. April: Butter per Pfund Mk. 1,10 1,20, Hühnereier 1 St. 6 7 Pfg., Käse pr St. 68 Pfg., Käsematie 2 St. 56 Pfg., Erbsen per Liter 22 Pfg., Linsen per Liter 32 Pfg., Kartoffeln per 100 Kilo 0,00 6,00 Mk., Weißkraut pr. Stck. 20 30 Pfg., Zwiebeln per Ztr. Mk. 6,00 8,00, Tauben per Paar 0,80 bis 1,00 Mk., Hühner per St. 1,001,60 Mk. Hahnen per St. 0,80 1,80 Mk., Enten per St. 1,80 bis 2,20 Mk., Gänse per Pfd. 00 00 Pfg.

Von Otto

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