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Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung.
* Revolution in Marburg. Am Sonn⸗ tag giebts Revolution! So konnte man in der vorigen Woche von Alt und Jung hören und jeder Spießer glaubte steif und fest daran. Marburger Reptil prophezeit, daß am 21. Januar ein Rauben, Norden, Sengen und Plündern beginnen werde. Aber schon Mitte der Woche wurde ein„Atben⸗ tat“ verübt. Nicht von Revolutionären, sondern von zwei Studenten, die eine blecherne Plakatsäule mit Pulver gefüllt und einer Zündschnur versehen hatten. Nach Mitternacht flog die Säule selbstverständlich unter donnerndem Getöse in die Luft. Nur gut, daß die Attentäter ertappt wurden, sonst wären selbstverständlich die Arbeiter dieses Attentates bezichtigt worden. Dies „Attentat“ mag der Grund gewesen sein, daß am nächsten Tage sämtliche Gendarmen der Umgebung mit langen Gewehren und noch längeren Säbeln in Marburg ein⸗ rückten. Nun stand der baldige Beginn der Revolution erst recht für jeden fest und noch mehr, als irgend ein Witzbold aus Spott das Gerü ht verbreitet hatte, daß am Sonntag um 3 Uhr nach ittags ein Zug der Revolutionären durch die Stadt marschieren würde, um alles zu rauben und zu plündern, was nicht niet⸗ und nagelfest sel. Das wurde bald Stadtgespräch und auch die Gendarmerie hatte davon Wind bekommen und sich am Bahnhofe eingefunden, um die Revolutionäre abzu⸗ fangen. Da aber nichts zu„fangen“ war, mußte man zum Gaudium der Schulkinder wieder abziehen. In⸗ zwischen wurde das Versammlungslokal von Neugierigen begafft. Auch die wohllöbliche Polizei ließ den ganzen Tag das Lokal nicht aus den Augen. Da nun am Tage kein Unheil geschah, auch noch keiner erschossen wurde, glaubten die Marburger Spießer, am Abend würde es losgehen. Vor dem Versammlungslokale fanden sich fortwährend Neugierige ein und warteten auf das Zeichen, wann es„losgehe“. Das Militär erhielt keinen Ausgang. Da es aber nach Ansicht diverser Behörden die Revolutionäre auf das Marburger Zeughaus(Saalbau) abgesehen haben könnten, hatte man schleunigst außer doppelten Posten noch eine halbe Kompagnie Soldaten hinkommandiert, die Hosen in den „Stiebeln“ und scharfe Patronen in den Patronentaschen, um so im Falle einer Mobilmachung kampfbereit zu sein, während die Gendarmen die Straßen abpatrouil⸗ lieren. Da es aber durchaus nichts zu„arbeiten“ gab, mußten die 20 Gendarmen abends um 10 Uhr ent⸗ lassen werden.— Inzwischen hatte sich unser Versamm⸗ lungslokal bis auf den letzten Platz gefüllt mit Ar⸗ beitern. Der geräumige Saal war nicht im Stande sämtliche Erschienenen zu assen, viele mußten fortgehen, da kein Platz zu finden war. Seit der letzten Reichs⸗ tagswahl hat die Marburger Arbeiterschaft eine derartige imposante Versammlung noch nicht wiedergesehen. Genosse Zimmermann⸗Frankfurt sprach über das Dreiklassen⸗ wahlrecht und die russische Revolution. In seinem 1% stündigen Vortrage verstand er es ausgezeichnet die Anwesenden, welche den Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörten, bis zum Ende zu fesseln. Als er seinen Vertrag mit den Worten endete, Nie der
mit dem Wahlunrecht, heraus mit dem gleichen
Wahlrecht, erscholl nicht endenwollender, rauschender Beifall. Die zwei Resolutionen des Parteivorstandes wurden einstimmig angenommen. Eine Tellersammlung zu Gunsten der russischen Freiheitskämpfer ergab 21 Mark. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie wurde die von 300 Personen besuchte Versammlung geschlossen.— Selbstverständlich verlief die Versammlung in vollster Ruhe und Ordnung, Daß die Bevölkerung so unnötig aufgeregt wurde, ist jenen edlen Blättern zu verdanken, die einen Mordartikel nach dem andern brachten und der unfinnigen Mobilmachung der Gendarmerie. S mancher ehemalige Genosse mag sich an seine Pflicht erinnert haben, daß es besser wäre, sich der politischen Organisation anzuschließen, als hinter den Flotten⸗ schwärmern herzulaufen, um sich uns ja nicht verdächtig zu machen, daß man eine umstürzlerische Gesinnung hegt. Durch den überaus starken Besuch der Protestversamm⸗ lung haben die Marburger Arbeiter gezeigt, daß sie Willens sind, jederzeit ihren Mann zu stellen, wenn es den Kampf für unsere wenigen Rechte gilt. Und nun ihr Marburger Arbeiter: Frisch ans Werk! In kurzer Zeit muß sich die Mitgliederzahl des Wahlvereins verdoppeln, ebenso die Abonnentenzahl der Arbeiterpresse. Vorwärts heißt die Losung, trotz Gendarmerie und Infanterie!
Das Gebet des Verbrechers.
Aus dem Elsaß schrieb man der Frkftr. Ztg. Kürzlich wurde ein Einbrecher erwischt und durch einen Schuß schwer verletzt. Der Ver⸗
brecher sagt, der Hunger habe ihn getrieben, da ihm als ehemals schon bestraften Menschen keine Arbeitsgelegenheit gewährt worden sei. Die Entdeckung beim letzten Einbruch erklärt er damit, daß er nicht wie in früheren Fällen um den Erfolg gebetet habe.— Wie Not
Hatte doch auch das
beten lehrt, davon noch ein anderes Beispiel: In bäuerlichen Kreisen bilden die für die arbeits⸗ unfähigen Eltern vertragsmäßig zu bringenden Opfer öfter den Gegenstand der Sorge. Und da soll es denn im Schwarzwald auch vor⸗ kommen, daß der Sohn um ein baldiges seliges Ende für den Vater betet.
Bluttat eines Bürgermeisters.
Von dem Augsburger Schwurgericht wurde der 53 jährige Bürgermeister Josef Dumbs aus dem bayerischen Orte Heret⸗ hausen, weil er den Dienstknecht Glas, als dieser von einem Tanzvergnügen heimkehrte, auf offener Straße erstochen hatte, zu drei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt.
Benjamin Franklin. Zur Erinnerung an die 200. Wiederkehr seines Geburts⸗ tages, 17. Januar 1706. 2 Von Dr. R. Strecker. (Fortsetzung.)
Er erkannte die Wesensgleichheit des Blitzes mit der elektrischen Kraft und konnte so den Blitzableiter erfinden. Mehrere Universitäten verliehen ihm daraufhin später ehrhalber den Doktortitel, nachdem die Gelehrtenwelt ihn erst eine zeitlang nicht hatte Ernst nehmer wollen. Dieser emsigen Arbeit an sich selbst entsprach auf der ande ren Seite das edle Streben, auch auf andere erzieherisch einzuwirken. Schon bet einem vorübergehenden Aufenthalt in London hatten seine englischen biertrinkenden Buchdrucker⸗ kollegen von dem„amerikanischen Wassermann“, wie sie ihn nannten, manches lernen können. In Philadelphia gründete er mit seinen Freun⸗ den eine Gesellschaft, die sich„Junto“ nannte. Sie tauschten Gedanken und Bücher mitein⸗ ander aus, übten in Rede und Schrift ihren Stil und verbreiteten je größer die Mitglieder⸗ zahl wurde, Aufklärung und Verständnis für viele Dinge in der Stadt. Um letzteres zu er⸗ reichen, wußte Franklin aber auch alle anderen Hebel in Bewegung zu setzen. Sein Haupt⸗ werkzeug war naturgemäß seine Zeitung, durch welche er die Stimmung für alle öffentlichen Unternehmungen vorzubereiten wußte. Dem gleichen Zweck diente aber auch der Volkska⸗ lender, den er alljährlich herausgab, und noch mehr die öffentliche Leihbibliothek, die geradezu seine Erfindung ist und von deren Wirkung er selbst schreibt:„Binnen weniger Jahre wurde es den Fremden bemerkbar, daß wir besser unterrichtet und einsichtsvoller waren, als ge⸗ wöhnlich Leute von demselben Stande in anderen Ländern sind.“
Seine phystkalischen Experimente machte er auch alle öffentlich, um durch ste gleichfalls zur Verbreitung von Bildung beizutragen.
Neben der geistigen Förderung seiner Mit⸗ menschen war er auch ebensosehr auf ihre all⸗ täglich praktische bedacht. Die Ordnung des Nachtwächterdienstes, die Einrichtung der Feuer⸗ wehr, die Einführung der Straßenreinigung und Beleuchtung, die Begründung einer höheren Lehranstalt und so manches audere geht auf seine alleinige Anregung zurück!
Diese seine geistige und moralische Tätigkeit, verbunden mit seinem ausgeprägten gemein⸗ nützigen Sinn, machten ihn naturgemäß für die verschiedensten öffentlichen Aemter berufen. So wurde er bald in den Stadtrat gewählt, kam dreißigjährig bereits als Schriftführer in die Generalversammlung von Pennsylvanien und wurde später darin selbst Abgeordneter für Phila⸗ delphia. Hier hatte er wiederholt Gelegenheit, seinen Ueberzeugungsmut und seinen Gerech⸗ tigkeitssinn zu bewähren. Pennsylvanien war näm⸗ lich gleich den übrigen nordamerikanischen Ko⸗ lonien Eigentum von Privaten(der Familie Penn, daher der Name zu deutsch: Penns⸗ Waldland). Diese Eigentümer suchten sich auf Grund alter Freibriefe jeder Besteuerung zu entziehen, sodaß die Abgeordneten der Kolonie mit ihnen einen ewigen Kampf zu kämpfen hatten. Franklin mußte sogar einmal selbst nach London, um dort dem Herrn Penn gegen⸗ über die Rechte der Kolonie zu verteidigen.
Fortsetzung folgt.
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Ans werk! Ans Werk, ans Werk, du Arbeitsschar, Ans Werk für deine Rechte, Die Muskeln stramm, die Sinne klar, And vorwärts gegen di Gefahr, Daß man nicht ganz dich knechte. Ans Werk, ans Werk, du Arbeitsschar, Eh alle Kräfte schwinden! Nicht zögre mehr— die Seit ist rar— Denn jede Stunde, jedes Jahr Wird dich sonst fester binden. Ans Werk, ans Werk, du Arbeitsschar, Die stets so vieles schaffet, Damit nicht jetzt und immerdar, Das, was durch dich erschaffen war, Ein andrer sich erraffet. Ans Werk, ans Werk, du Arbeitsschar, Du darfst nicht müde werden, Eh' nicht erkannt, was recht, was wahr, Eh nicht dein Schaffen dir gebar Den Himmel hier auf Erden! Herbei, Ihr Edlen, die das Leid Der Armut mit empfinden, Ist auch der Weg zum Siele weit, Kämpft ih nur mit zu rechter Seit, Wird schnell das Elend schwinden. Sur rechter Seit, am rechten Grt, Streut aus die Sukunftssaaten, Streut fleißig aus durch Schrift und Wort, Ermüdet nicht, streut fort und fort, Streut liebend aus durch Taten!
Gesellensahrten.
Eine Weih nachtsgeschichte von Philipp Schei deman u 6 Nachdr. verb.
(Fortsetzung.)
Mit Zuhtlfenahme unserer Spazierstöcke hatten wir die zierlichen Erzeugnisse der Porzel⸗ lanmanufaktur bald in unserem Besitz. Mit wahrer Todesverachtung begannen wir unser Kletter⸗ werk. Der Kupferschmied bestieg die Stacketen⸗ wand, ich mußte auf eine große Regentonne klettern, wie sie im Norden unter jeder Dach⸗ traufe stehen, damit sich die Frauen ihr Wasch⸗ wasser sammeln können. Ich band gerade den Knoten meines Taschentuchs, da ich ein anderes Bindemittel nicht hatte, fest, als mein neuer Freund, wohl als Zeichen, daß er sein Kunst⸗ werk glücklich vollendet habe, wieder zu singen begann: O, Susanna. In unserem Eifer, ein wichtig s und gutes Werk zu tun, hatten wir nicht bemerkt, daß zwei gefährliche Menschen leise heranschlichen: einer der beiden Schutz⸗ männer des Ortes und ein Nachtwächter. Und sie müssen uns wohl beide zu gleicher Zeit an die Beine geklopft haben, denn wie aus einem Munde erklangen unsere Schreckens⸗ rufe:O— ooh!
Mit einer Gewandtheit, die ich ihm niemals zugetraut hätte, sprang mein Associen von dem Stacketenzaun und lief auf und davon, der alte klapperige Nachtwächter hinter ihm her.
Ich konnte nicht auskneifen. Der Putz hielt mich krampfhaft an den Hosen fest und bei jeder heftigen Bewegung hätte ich in die riestge Regentonne fallen müssen. Ich blieb also auf der Tonne stehen und hielt mich an der Dachrinne fest.
„Was machen Sie denn da oben?“
„Ach, ich wollte mal sehen, wie sich so'n Topp zwischen den Barbierbecken macht.“
„So, nn kommen Sie mal runter, ich will mal sehen, wie Ste sich zwischen uns beiden machen.“
Der alte Nachtrat kam nämlich gerade un⸗ verrichteter Sache pustend und hustend zurück; der Kupferschmied war ihm längst durch die Lappen gegangen. Ich machte gar keine An⸗ stalten, von der Tonne herunterzukommen.
„Na, wird's bald? Kommen Sie jetzt bald herunter?“


