—
e
r
——— x ⁰:M—VH—
Milteldentsche Sonntags⸗ Zeitung.
Seite 7.
„Ne, mir gefällt's ganz gut hier oben. Was wollen Sie deen igentlich von mir?“
„Ich will blos Ihre Personalien feststellen, weiter nichts, wenn sie vernünftig sind und lommen herunter.“
Na, das ließ sich ja hören und ich kletterte herunter.
„Sie heißen?“
„Gottlieb Schulze.“
„Was sind Sie?“
„Künstler!“
„Ach, machen sie keine fau en Witze. Hier giebt's keine Künstler.“
„Ich muß aber doch sehr bitten, Herr Wacht⸗ meister, ich bin ein Künstler, ich bin Typograph, ich kann die schwierigste Visitkarte setzen.“
„Na ja! Wenn ich's mir dicht gedacht habe: wieder ein Buchdrucker von Jungmüller. Sie wohnen auch dort?“
„Jawohl.“
„Wie heißt denn Ihr Kollege, der ausge⸗ kniffen ist?“
„Den kenn ich nicht.“
„Das ist doch fauler Zauber.“
„Herr Wachtmeister, mein großes Ehren⸗ wort, ich habe den neten jungen Mann erst heute Abend kennen gelernt. Wie er heißt, weiß sch wirklich nicht.“
„Und dann machen Sie gleich solche Manöver mit einem Menschen dessen Namen Sie nicht einmal kennen?“
„Aber Herr Wachtmeister, das kommt doch bei solchen großen eschäften nicht auf den Namen an, sondern auf die Talente.“
„Na, gehen Sie mal heim, wir werden Ihren Geschäftsfreund schon ausfindig machen.“
(Fortsetzung folgt.)
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
(Fortsetzung.)
Aber wohl bemerkte die Welt, so weit sie mit der Familie Taubermann in Berührung kam und nicht blind war für das Guste, das ste dort antraf, daß das Hauswesen des Krämers ein? günstige Veränderung erfahren hatte, die vier Prinzeßchen, die trotz ihrer kostbaren Kleider und dem Anfalle von Hochmut, doch mit den Vergnügungen der Straßenjugend zu sympati⸗ sieren schtenen, waren bedächtiger unb manter⸗ licher geworden. Man sah sie nicht mehr mit Schuljungen sich prügeln, eine Lieberei, der sie früher ganz besonders ergeben waren; auch wurden die Vorübergehenden nicht mehr aus den Ladenfenstern mit Bohnen geworfen, und die jungen Hunde, von denen gesagt wurde, daß die Prinzeßchen sie groß ziehen wollten, die aber zu einem martervollen Tode bestimmt schienen, wurden außer dem Hause groß ge⸗ füttert. Auch die Käufer wurden nicht mehr als Barrikaden gebraucht, wenn sich die jungen Mädchen im Laden einen Kampf lieferten. Man fand sie jetzt in den freien Stunden auf einem Spaziergange und während der Unterrichts- stunden im Lernzimmer. Dies alles mußte man bemerken, aber die weisten Menschen sahen nur, daß Taubermanns eine Gouvernante hatten und fanden dies höchst lächerlich, uamentlich, weil Frau Taubermann in einem Band⸗ und Schnurladen groß geworden war. Solche Menschen durften keine Gouvernante nehmen; so etwas können sich nur Damen erlauben, die von vornehmer Abkunft und Stellung sind! Wohin sollte es in der Welt kommen, wenn Krämersleute sich Gouvernanten hielten! In der Familie Taubermann führte dieser Umstand dazu, daß die Frau des Hauses ihren Geburts⸗ tag, jenen Donnerstag, don dem wir vorhin sprachen, lieber in dem häuslichen Kreise ver⸗ leben wollte, als, wie es sonst geschah, eine Gesellschaft fremder Menschen um sich zu ver⸗ sammeln.
Dadurch hatte Taubermann das Vorrecht, sich behaglich in seinen einfachen Kleidern zu be⸗ wegen können, ohne daß er, wie sonst, genötigt war, im steifen Frack seine Gäste zu empfangen. Früher ging man gegen elf Uhr, nach einem
11
Gespräch über Dinge, die Jeder bereits wußte,
zu Tisch und gegen drei trennte man sich, wor⸗
auf sich am folgenden Tage bet den meisten Teilnehmern des Festes eine verdrießliche Stim⸗ mung geltend machte. Der Krämer trank den folgenden Tag gewöhnlich zwei Schnäpfe an⸗ statt einen und seine Frau hatte zwei Tage Kopfschmerzen.
Gewöhnlich hatte Frau Taubermann bei solchen Gelegenheiten allerlei spitze Redensarten von Seiten ihrer Verwandten zu hören be⸗ kommen, und ste fürchtete, daß in diesem Jahre jedenfalls die Gouvernante zur Sprache kommen würde, über welche die Hausfrau in der letzten Zeit bereits genug zu hören bekommen hatte. Dies war ein Grund mehr, weshalb sie von der gewohnten Regel abging. Es versteht sich von selbst, daß von der anderen Seite diese Abwech iung einzig und allein dem immer größer werdenden Hochmut zugeschrieben wurde.
Der Donnerstag kam und was noch nie an diesem Tage geschehen war, die Kinder
waren schon zum Frühstück vollständig ange⸗
zogen. Als Taubermann dies sah, zog er schnell seine alte Lodenjacke aus, und einen Rock an, wobei er mit einem Gelegenheitsgestchte am Frühstückstische Platz nahm. Aber hierauf
folgte ein etwas schwieriger Augenblick. Bei
früheren Geburtstagen hatte das Haupt der Familie sich den Glückwünschungen dadurch er⸗ lebigt, daß er sehr rasch etwas sagte, was Nie⸗ mand verstand und dann sofort in den Laden eilte, indem er es den anderen überließ, ihre Gratulationen in angemessener Form zu äußern. In Gegenwart der Goubernante konnte dies nicht geschehen und während er über den pas— senden Anfang einer Rede nachdachte, wurde ihm nun die Mühe erspart, indem das füngste der vier Mädchen eines jener kleinen Gedichte aufsagte, welche wenig bedeuten und doch von den Eltean so gerne gehört werden. Auch die zwei folgenden rezitierten darauf in abwech⸗ selnden Versen ein Geburtstagsgedicht und zum Schluß fiel die älteste mit einem ernsthaft ge⸗ haltenen Verse ein, während die jüngsten das Zimmer verlassen hatte und mit zwei großen Bouquets und einem zusammengerollten Papier wieder hereinkamen. Während die Mutter das Papier aufrollte und die Verse durchlas, welche die Kinder selbst niedergeschrieben hatten, rollten die Tränen über ihre Wangen und das bunte Taschentuch des Krämers wurde sehr lebhaft in Anspruch genommen. So lange Frau Taubermann verheiratet war, hatte sie niemals eine Träne an ihrem Geburtstage vergossen und seit jener heftigen Erkältung, welche sich Taubermann bei einem zu langen Gespräche auf der Treppe zugezogen, hatte er nicht mehr geweint. Natürlich kamen damit andere ähn⸗ liche Erinnerungen zum Vorschein. Frau Tau- bermann wußte gewiß, daß ihr Mann einmal bei Gelegenheit einer Erzählung, die ihr nicht mehr ersinnlich war, Tränen vergossen habe. Herr Taubermann meinte, es wäre ihm, als sei es gestern gewesen, daß seine Frau an einem ihrer Geburtsta e durch einen Toast des Vetters Johann, der später mit der Kasse durch⸗ gebrannt war, vor Rührung geweint hatte. (Fortsetzung folgt.)
Allerlei.
Bekämpfung der Tuberkulose.
Robert Koch veröffentlicht in der Deutschen Medtzinischen Wochenschrift einen Vortrag über den jetzigen Stand der Tuberkulosebekämpfung. Er bespricht zunächst in großen 8 Nel alle die Beftrebungen, die bisher auf die Bekämpfung der Schwindsucht erichtet waren. Er bekennt sich auch heute noch zu der Anschauung, daß der Erreger der Perlsucht beim Vieh für den Menschen unschädlich ist. Für die Schwind⸗ suchtbekämpfung kommen nach ihm mithin nur die vom Menschen ausgehenden Schwindsuchts⸗ keime in Betracht. Zu den schweren Waffen im Kampfe gegen die Tuberkulose zählt er die Anzeigepflicht der Aerzte, die gesetzlich eingeführt werden müsse, die Unterbringung der Schwindsüchtigen in geeigneten Anstalten, und zwar der Schwerkranken in besonderen Kranken⸗ häusern und der Leichtkranken in den Heilstätten
und Fürsorgestellen, die den Kranken und seine
Familie jederzeit mit Rat und Tat unterstützen ⸗ Zu den leichteren Waffen, die nicht so ein⸗ schneidend wirken, trotzdem aber nicht zu ent⸗ behren sind, rechnet Koch die ausgedehnte Be⸗ lehrung des Publikums über die Ansteckungs⸗ gefahr bei Tuberkulose. Die Hauptaufgaben, die dem Staate im Kampfe gegen die Seuche zufallen, bestehen in der baldigen Einführung der gesetzlichen Anzeigepflicht und in der Ver⸗ besserung der ungünstigen Wohnungsverhältnisse. Diesem Uebelstande gegenüber ist die private Tätigkeit fast machtlos, während der Staat durch geeignete Gesetze leicht Abhilfe schaffen kann. Koch hält den Kampf gegen die Schwind⸗ sucht, der von dem Volke geführt wird, für einen aussichtsreichen.„Der Kampf“, so schließt
er,„ist auf der ganzen Linie entbrannt, und
die Begeisterung für das hohe Ziel ist eine so allgemeine, daß ein Nachlassen nicht mehr zu befürchten ist. Wenn in dieser kraftvollen Weise weiter gearbeitet wird, dann muß der Sieg errungen werden.“—
Humoristisches
Die größte Sorge.„Schrecklich sieht's in Ruß⸗ land aus! Ueberall Empörung, Raub, Mord, Totschlag, Attentate, Plünderungen und Streiks!“—„Ach, liebes Männchen, dann wird wohl auch der russische Katar
nächstens theurer werden?“(W Jak.) Gut abgefertigt. Flottenvereinler: Wir brauchen entschleden mehr Schiffe! Das Volk
muß tiefer in die Taschen greifen!
Arbeiter: Ja— wenn das Volk ein Spitzbub oder ein Flottenvereinler wär', der seine Hände immer in fremden Taschen hat!
Die Hauptsache. Der Schwager eines Arztes ist schwer erkrankt und der berühmte Professor F. wird zu gemeinsamer Untersuchung und Besprechung des Falles hinzugezogen.— Als sich beide Doctores mit ernsten Gesichtern in ein Nebenzimmer zurückgezogen haben, sagt der Professor, der die verwandschaftlichen Beziehungen mittlerweile vergessen hat:„Also zunächst die Haupt⸗ sache, Herr Kollege— zu machen ist ja nichts mehr— was kann man dem Mann abknöpfen?“
Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhre Gold- und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert.
Geschichtskalender.
28. Januar. 1887 Puttkamers Lockspitzeleien im Reichstag enthüllt.
29. 1887 4. Sozialistenges.⸗Verlängerungs⸗Debatte im Reichstag.
30. 1905. f Corrodi. Landschaftsmaler. 1640 König Karl I. von England geköpft,
1893 Bachem⸗Richtersche Zukunftsstaatsdebatte im Reichstag. 1. Februar.
Düsseldorf. 2. 1904 f Labriola, ital. Soztald. 1868 f Leden⸗ Rollin, franz. Sozialdemokrat. 3. 1899 Löbtauer Urteil, 53 Jahre Zuchthaus 8 Jahre Gefängnis.
64 Beherzigens werte
worte!
Di Millionen Abonnenten und Leser der feindlichen Presse sind größtenteils Glieder des arbeitenden Volkes, und gerade sie sind es, welche dieser zu ihrer Knechtung bestimmten Presse die ungeheure Macht ver⸗ leiht, über welche sie verfügt. Der Ar⸗ beiter, der statt eines Arbeiter⸗ blattes ein Organ der Arbeiterfeinde hält, begeht einen geistigen Selbstmord, e in Verbrechen an seinen Brüdern, einen Verrat an seiner Klasse⸗ Die Presse ist heute das wirksamste Mittel der Knechtung. Bemächtigen wir uns dieses Nebels und die Presse wird das wir k- samste Mittel der Befreiung sein.
31. 1905 4 Oswald Achenbach, Maler,
wilhelm Liebknecht. eee eee
. 4 0 0 1 . 1 1 5 10 0
11 0 5
0 N. 0 0


