Ausgabe 
28.1.1906
 
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trug nach der Volkszählung am 1. Dezember

Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung.

Ar. 4.

Gräfliche Bauernleger.

Im Jahre 1844 kauften die Grafen von Erbach eine ganze Ortschaft auf und zwar das Dorf Dürr⸗Ellen bach im hessischen Kreise Heppenheim. Bei der letzten Volks⸗ zählung wurden hier nur 2 Einwohner gezählt, während noch im Jahre 1844 die Gemeinde eine Schule wit 12 Kindern hatte. Die Bauern wanderten dann nach dem Verkauf ihrer Güter nach Amerika aus. Die neuen Besitzer rissen alsdann alle Gebäulichkeiten nieder. Nur ein Haus blieb stehen, das heute dem Förster als Wohnung dient. Alles Land wurde in Wald verwandelt, so daß heute der Ort verschwunden ist. Die Grafen aber lieferten 1846 zum Bau der Main⸗Neckar⸗Bahn aus den erkauften Wäldern soviel eichenes Schwellenholz, daß sie hierfür mehr einnahmen, als der ganze Ort gekostet hatte. Sohschützen die großen Herren den Bauern.

Pon Rah und Fern.

Hessisches. Die Bevölkerung Hessens be⸗

1905: 1,210,719 Personen gegen 1,118,979 am 1. Dezember 1900. Die Zunahme beträgt also 91,740 oder 8,2 Prozent.

Gießener Angelegenheiten.

Amtsblatt⸗ Gemeinheit. In seiner Nummer vom Montag brachte derGieß. Anz. auch eine ihm angeblich anonym zuge⸗ gangene Zuschrift zum Abdruck, mit der er sich völlig einverstanden erklärte. Im Anschluß an die Hamburger Zuhälter⸗Krawalle heißt es da:

Man liest eben davon, daß es nicht die Sozialdemokraten wären, welche in Hamburg revolutionierten und Raub und Plünderung begingen, sondern nur der sogenannte Mob, das Gesindel und Lumpenzeug. Gut! Wer hat aber den Mob und das Gesindel aufgehetzt? Wer ist Schuld und trägt die Verantwortung an den Straßenkrawallen? Doch niemand anders als die Soztaldemo⸗ kraten. Und noch eins! Welcher pol i⸗ tischen Partei gehört denn der ge⸗ nannte Mob, das Lumpenzeug in den Großstädten an? Den bürgerlichen und staatserhaltenen Parteien doch ganz gewiß nicht. Der Prozentsatz, den aber der Mob und das Gesindel in den Großstädten einnimmt, beträgt etwa 30 bis 40% der übrigen Bevölkerung.

So sagt wörtlich der anonyme Einsender und das Amtsblatt erklärt sichdurchaus mit ihm einverstanden. Also die knappe Hälfte der Großstadtbewohner ist Gesindel! Von allen Albernen, was das Amtsblatt schon pro⸗ duzterte, ist das wohl das Albernste. Welcher politischen Partei gehört der großstädtische Mob an? Die Frage ist zu getistreich, als daß unsere bescheidenen Verstandskräfte zu ihrer Beantwortung ausreichten. Es gibt allerdings Leute, die vonGesindel innerhalb derOrd⸗ nungs parteien reden, indeß, wir geben uns nicht mit der Untersuchung dieser Frage ab. Mit demGesindel meint aber das Amts⸗ blatt die Arbeiter, die bei allem Fleiße ein kärgliches Leben führen und durch deren Arbeit die Kapitalisten Millionen aufhäufen. Ganz richtig sagt unser Offenbacher Parteiblatt dazu: Merkt's euch, Arbeiter! Bei der Wahl wird freilich das nationalliberale Ordnungsgesindel euch wiederum schmeicheln, wird buhlen um die

Gunst derbraven, ehrlichen Arbeiter. Dann schickt hohnlachend die Bande heim, die so denkt, wie der Gießener Anzeiger es ausspricht:Die Arbeiter sind Gesindel!

Antisemitische Agitation. Dieser Tage ging eine Notiz durch die Presse, nach welcher die hessischen Antisemiten unter Führung Hirschels und Köhlers zu denDeutsch⸗ Sozialen, der Fraktion Liebermann v. Sonnen⸗ berg abgeschwenkt wären. Von dem Friedberger Bündlerblatte wird das zwar bestritten, trotz⸗

berartiges im Werke ist. Gegenwärtig bereift der Sekretär der Deutsch⸗Sozialen unsere Ge⸗ gend und hielt auch in Gießen zwei Versamm⸗ lungen ab. Er gibt sich Mühe, durch Lock⸗ Artikel wie Befähigungsnachweis, Bekämpfung der Warenhäuser ꝛc. dem Bazar der Firma Liebermann u. Co. Kundschaft zuzuführen. Und er findet immerhin noch welche, von denen die nicht alle werden.

Zur Gewerbegerichtswahl. Alle Arbeiter, die nicht in der Ortskrauken⸗ kasse versichert sind, müssen sich als Legtti⸗ mation für die Wahl eine Bescheinigung ihres Arbeitgebers beschaffen. Die Wahl fi det bekanntlich Samstag, den 3. Februar in den Stunden von 12 Uhr mittags bis abends 6 Uhr im Bürgermeistereigebäude statt. Wahl⸗ berechtigt sind alle 25 Jahre alten Arbeiter, die in Gießen wohnen oder beschäftigt sind. Die von den freien Gewerkschaften Gteßens aufge⸗ stellte Liste für Arbeitnehmer beginnt mit dem Namen Christ, Wilhelm. Diejenige für Arbeitgeber beginnt mit dem Namen Krumm, Eduard.- Alle Gewerkschaftsmit⸗ glieder sollten sich an der Wahl beteiligen nud für die vom Kartell aufgestellte Liste stimmen. Ebenso werden alle Parteifreunde, die als Ar⸗ beitgeber wahlberechtigt sind, ersucht, für die oben bezeichnete Liste zu stimmen.

Die Demonstrations⸗Ver⸗ sammlung am Montag war sehr stark be⸗ sucht. Gen. Vetters schilderte in kurzen Zügen die Freiheitskämpfe in Rußland und die Ent⸗ rechtung des preußischen Volkes durch die Drei⸗ klassenwahl. Auch in Hessen müsse endlich der Kampf für die Wahlreform mit Energie aufgenommen werden. Die Resolution des Landeskomités fand unter lebhaftem Beifall einstimmige Annahme.

Der Maurerverband Gießen und Umgegend hat sich in der letzten Zeit erfreulich entwickelt. Es werden uns von der Verwaltung folgende Notizen zur Veröffentlichung über⸗ sandt. Die Mitgliederzahl betrug am Schlusse des Jahres 1904 341. Im Laufe des verflossenen Jahres traten 592 bei; zugereist sind 27. Wegen rückständiger Beiträge mußten 42 ausgeschlossen werden, 26 abgereist, 4 ge⸗ storben, 30 zum Militär eingezogen, sodaß am Schlusse 1905 858 Mitglieder vorhanden waren. Die Einnahme betrug 9071,15 Mark, wovon 6935,49 Mark an die Hauptikasse ab⸗ gesandt worden. Für Reiseunterstützung, Sterbeunterstützung, Krankenunterstützung und Rechtsschutz wurden 314,40 Mk. ausgegeben, an den Zweigverein abgeführter Betragsanteil 1821,26 Mk. Die Einnahme für die Lokal⸗ kasse betrug 3335,81 Mk., dem steht eine Ausgabe von 2898,75 Mk. gegenüber, bleibt also einen Lokalkassenbestand von 437,06 Mk. Lohnbewegungen haben stattgefunden in Wetzlar, Lich, Lollar und Alsfeld, das auch zum Zweigvereingebtet gehört. In Wetzlar mußten wir in einen Streik eintreten, der nach 3wöchentlicher Dauer zu Gunsten unserer Kollegen verlief. Es wurde eine Aufbesserung des Stundenlohns von 7 Pfg. erzielt. In Lich erreichten wir ohne Streik 4 Pfg. Stunden⸗ lohnerhöhung, ebenso teilweise in Lollar. In Alsfeld war unsere Bewegung für dies⸗ mal erfolglos. Um die geschäftlichen Arbeiten zu erledigen, waren 3 Mitgliederversammlungen, 14 öffentliche Versammlungen und 20 Sitzungen des Zweigvereinsvorstandes erforderlich. Außer- dem fanden viele Versammlungen und Sitzungen in den Ortschaften der Umgebung statt. Der Postverkehr des Zweigvereins betrug 327 Ein⸗ gänge und 1019 Ausgänge. f

Gewerkschaftsversammlung Sonntag, den 28. Januar, ½4 Uhr bei Orbig.

Eingesandt.

In der Stadtverordneten⸗Sitzung vom 18. Januar stand auch das Gesuch der Lesehalle betr. Be⸗ schaffung eines größeren Lokales mit auf der Tages⸗ ordnung. Hierbei erklärte Herr Löber, daß er die Frage, betreffs Beschaffung größerer Räume nicht für dringlich halte, denn so oft er in der Lesehalle war, seien nicht mehr als 34 Personen anwesend gewesen. Ich will nun gerne glauben, daß Herr Löber schon in

nachgehen müssen. 5 Einsender dieses, der von der Gründung an ein fleißiger Besucher der Lesehalle ist, kann nur bekunden, daß der Verkehr in den letzten zwei Jahren, und zwar in beiden Räumen sehr groß ist. Waren doch am Sonntag, den 14. ds., mittags zwischen 12 Uhr 28 Personen anwesend, und am letzten Sonntag 11 Uhr mittags 30 Personen. Da nur für 25 Personen Sitz⸗ gelegenheit vorhanden ist, so mußten die Uebrigen wieder fortgehen. Der Hauptbetrieb ist in den Abendstunden zwischen 6 10 Uhr. Außerdem handelt es sich auch uicht allein um die Lesehalle, sondern auch der Biblio⸗ thekraum hat sich jetzt als zu klein herausgestellt. Die Bibliothek allein hätte beide Räume vollständig zu brauchen. Eine schönere und gangbarere Lage als die jetzige, ist für eine Lesehalle mit Bibliothek in der Stadt wohl kaum anzutreffen. Und daß, wie von einer Seite behauptet wird, die Torhäuser keine Zierde für die Stadt wären, kann ich auch nicht einsehen. Wenn diese Häuser immer schön im Kleid gehalten werden, so erscheinen sie, weil in den Anlagen gelegen, und aus alter Zeit stammend, als Wahrzeichen Gießens dienend. recht interessant. Wie wäre es übrigens, wenn man z. B. in einem dieses Häuser eine Volksküche errichtete? Die vielen Arbeiter von außerhalb, die hier in Fabriken ꝛc. tätig sind, und denen Mittags nur eine Tasse schwarzen Kaffees zur Verfügung steht, würden es recht freudig begrüßen, wenn sie für wenig Geld ei warmes nahrhaftes Essen bekämen. B.

Aus dem Rreise gießen.

n. Wahlverein Wieseck. In der am Sonntag abgehaltenen Generalversammlung gab der Vorsitzende Schöffmann den Bericht vom verflossenen Jahre. Daraus ist zu entnehmen, daß auch im vergangenen Jahre ein gutes Stück Agitationsarbeit geleistet wurde. 11 Mit⸗ glieder⸗ und drei öffentliche Versammlungen fanden statt, außerdem wurden 19 Sitzungen abgehalten. An den Landes⸗ und Kreiskoafe⸗ renzen beteiligte sich der Verein mit der vor⸗ geschriebenen Zahl Delegierten und in 18 Orten wurden Landkalender durch die Wiesecker Ge⸗ nossen verteilt. Sämtliche vom Verein ver⸗ anstalteten Festlichkeiten, Weihnachtsfeier und Maifeier ꝛc. fielen zur größten Zufriedenheit aus; auch das Kreisfest wurde von Wieseck zahlreich besucht. Beigetreten sind dem Verein im verflossenen Jahre 32 Mitglieder, abgereist oder wegen gewerblichen und sonstigen Verhält⸗ nissen 10, gestorben 4 Mitglieder. Der vom Kassierer Körber erstattete Kassenbericht weist eine Einnahme von 645,61 Mark auf, der eine Ausgabe von 592,37 Mark gegenübersteht, sodaß also 53,24 Mark Bestand bleibt. Nach Wahl dreier Revisoren wurde die Vorstanrswahl vor⸗ genommen, die die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes ergab. Zu einem Rundschreiben des Kreiswahlvereins-Vorstandes wird bean⸗ tragt, daß eine Kreiskonferenz statlfinden soll und ferner wird vorläufig ein Beitrag für den Preßfonds bewilligt.

Aus Heuchelheim wird uns geschrieben: In der alten Fabrik an der Gießener Straße stritten sich kürzlich die Tabakarbelter lebhaft über den Wert des Verbandes. Es wurde da gesagt, der Verband habe keinen Zweck und weiter kam man auf den Streik bei Schaff⸗ städt zu reden, wo dann fremde Arbeiter die Stelle der alten eingenommen hätten. Letzteres ist nun durchaus unrichtig. Schaffstädts Ar⸗ beiter sind sämtlich wieder eingestellt worden, mit Ausnahme derjenigen natürlich, die abge⸗ gereist waren. Sie haben auch ihre Forderungen so ziemlich durchgesetzt. Und es wäre doch sehr

Verbande, der jetzt bei uns 50 Mitglieder zählt, anschließen würden, denn nur dadurch ist es möglich etwas zu erreichen.(Dem können wir uns nur anschließen. Uebrigens sollte sich doch der Arbeiter nicht so sehr vor seiner Entlassung fürchten, das kann ihm zu jeder Zeit und aus jedem Grunde passieren, ganz besonders dann, wenn er jahrzehntelang bei einem Arbeitgeber seine Kräfte verbraucht hat und nicht mehr voll arbeitsfähig ist. D. R.) 75 Lohnregulierung. In Nr. 1 unseres Blatt's erwähnten wir die Weihnachts⸗ gaben, die eine Anzahl Arbeiter der Main- Weserhütte in Lollar erhalten und fügten

dem neigen wir zu der Annahme, daß etwas

der Lesehalle war, und daß seine Erklärung auch der

hinzu, daß kurz darauf Lohnabzüge gemacht

Wahrheit entspricht, aber jedenfalls ist das in einer Zeit 1 1 gewesen, in der die regelmäßigen Besucher ihrer Arbeit

wünschenswert, wenn sich alle Tabakarbeiter dem 14