27
— 2
er 1
e k.
ur 15
% uc
Nr. 4.
eee
Mitteldesztsche Sonnags⸗Zeitung.
Seite 3.
Rechten, möchten die Diäten gar zum Gegen⸗ stand eines kleinen Kuhhandels machen und Verschlechterungen der Geschäftsordnung oder gar der Verfassung dafür einheimsen. Die Pläne der reaktionären Kuhhändler nagelte Ge⸗ nosse Singer fest, der auch den schönen Traum des Abg. Bassermann, daß die Diäten die Sozialdemokraten schädigen würden, mit unbarmherziger Hand zerstörte. Der nattonal⸗ liberale Antrag gelangte zur Annahme.
Donnerstag und Freitag verhandelte man über Kolontalpolitisches. Es stand der Bau einer Eisenbahn in Kamerun auf der Tagesordnung. Die Sitzung lieferte den Be⸗ weiß, daß der Widerstand gegen die Kolontal⸗ politik innerhalb der bürgerlichen Parteien fast erloschen ist. Herr Erzberger vom Zentrum, der tags zuvor noch mit Abstrichen am Kolonial⸗ etat gedroht hatte, begeisterte sich für den ge⸗ forderten Bahnbau: den süddeutschen Volks⸗ partetler Storz hat seine Woermannfahrt zu einem glühenden Kolontalschwärmer gemacht, der Freisinnige Volksparteiler Goller, der Nach⸗ folger des famosen Münch⸗Ferber in der Ver⸗ tretung des Ordnungsbreis von Hof, schwang . Jungfernrede zugunsten der Kolonial⸗ politik.
Nur Genosse Ledebour übte eine prinzi⸗ pielle Kritik von ätzender Schärfe an der ganzen Kolonialpolitik und vergaß auch nicht, die hohen Provisionen zu beleuchten, die gewissen sehr hohen Herrn bei Gelegenheit des projektierten Bahnbaus in den Schoß fallen. Dieser Kritik fügte er am Freitag noch einiges hinzu. Er geißte noch einmal das ungeheuerliche Urteil gegen die Akwaleute, den Kolonial⸗Assessorismus und das Provlstonswesen. Alsdann ging die Vorlage an die Budgetkommisston. Samstag war keine Sitzung. Ueber die Verhandlungen am Montag und Dienstag ist nichts von Be⸗ deutung zu berichten.
Revolution in Nußland.
Ein Aufruf des jüd. soz.⸗dem. Bundes sagt:
„Ein Sturm der großen Revolution hat fich über Rußland entladen und hat das ganze un⸗ ermeßliche Land von einem Ende bis zum anderen erschüttert. Und diesem gewaltigen Sturme folgt auf dem Fuße der Wirbelwind eines blutigen und schonungslosen Bürgerkrieges, wie ihn nur die fiusteren reaktionären Kräfte eines rückständigen Landes, das so lange in den eisernen Fesseln der Selbstherrschaft geschmachtet hat, hervorrufen konnten.
Die Reaktion mobilistert alle ihre Kräfte. Das sterbende Regime hat einen festen Bund mit dem Abschaum der Gesellschaft geschlossen. Sie hat diese finstere Macht gesammelt, sie organistert und bewaffnet, und diese Armee, die ihrer Führer würdig ist, zu einem blutigen Kriege, voll endloser Schrecken und tterischer Greuel, ausgerüstet.
Das Maschinengewehr kracht in den Straßen der russischen Städte; es fallen Opfer ohne Zahl, das Blut fließt in Strömen. Das alte bewährte Mittel ist wieder in Gang gesetzt; die Jubenmetzeleten flammen wieder in so uner⸗ meßlichen Dimenstonen auf, daß vor ihnen alle bisherigen Schrecken der zahllosen Verbrechen des Zartsmus erbleichen und in ein Nichts zu⸗ sammensinken. Unter dem Schutz des Militärs und der Mitwirkung der Behörden, und der Oberleitung Trepows, nach einem einheitlichen Plane, bewußt und kaltblütig, morden die „schwarzen Hunderte“ der Regierung die jüdische Bevölkerung Rußland zu Tausenden dahin. Ganze Viertel werden ausgeschlachtet. Ganze Städte stehen in Flammen. Anarchie und Schrecken herrschen in Rußland. Das Werk der Befretung ist in Gefahr. Wir, die Ver⸗ treter der kämpfenden jüdischen Arbeitermassen, des Proletariats jener Nakion, die unter den bedrückten die am meisten bedrückte ist, haben längst unseren Befrelungskampf, mit der Idee der Selbstverteidigung vereinigt. Die jüdischen Proletarier haben stets in den vordersten Reihen des revolutionären Kampfes gestanden, und auf ste fielen stets die schwersten Schläge des schonungslosen Feindes; und gegenwärtig, wo diese Schläge mit unglaublicher Wucht auf ste
niederfallen, ersteht die Aufgabe der Selbstver⸗ teidigung mit nie dagewesener Schärfe und Dringlichkeit vor ihnen. Indem sie sich zur Wehr setzen, dienen ste den Interessen der Re⸗ volution. Ihr Kampf um das Leben ist der Kampf für die Sache der Freiheit. Und alle, denen diese Sache teuer ist, müssen ihnen zu Hülfe kommen.
Die russische Revolution ist gekommen. Wir haben den Sieg gesehen. Mag es ein Sieg für einen Augenblick gewesen sein— es ist dennoch ein Sieg gewesen. Wir sahen die Morgenröte eine neuen Tages hell aufleuchten, wir haben die Luft der Freiheit eingeatmet, und das, was wir durch Tausende von Opfern erkauft haben, wir werden es uns um keinen Preis entreißen lassen! Unsere Losung lautet: Tod oder Sieg! Wir erwarten den Sieg, wir glauben fest an den Triumpf unserer Sache, und wir rufen alle, die gleich uns den Triumpf der Freiheit wünschen, uns in dieser schweren Stunde zu Hülfe zu kommen.“
Hinrichtungen sind an der Tagesord⸗ nung. In Warschau sind in der Zitadelle vier Revolutionäre stand recht⸗ lich erschossen worden. Die bal⸗ tischen Provinzen werden seit Wochen durch Erschießung von Gefangenen „pacifiziert“.
Ein anarchistisches Komplott gegen den Moskauer Generalgouverneur Dubasso w wurde nach dem Berichte bürgerlicher Blätter am Freitag aufgedeckt. Dieser sollte mittags bei der Zeremonie der Wasserweihe einer Bombe zum Opfer fallen. Die Leiterin des Komplotts war eine 25 jährige, in der Moskauer Gesell⸗ schaft sehr belannte Fürst in Koslowskaja, die sich bei ihrer Verhaftung so heftig zur Wehr setzte, daß ste durch einen Bajonettstich ver⸗ wundet wurde. Bei der Haussuchung fand man acht fertige Bomben und Dokumente, welche das Bestehen eines Komplottes bestätigten. Während der Hauss chung fanden sich ein Student und zwei Studentinnen ein, von denen man annimmt, daß sie den Mord Dubassows ausführen und die Bomben abholen wollten. Die Verhafteten weigerten sich, ihren Namen zu nennen. Weiter wurde berichtet: Die an⸗ 9 55 Fürstin Koslowskaja, in deren Wohnung
omben gefunden wurden, ist eine Tochter des Generalleutnants Keller.
Ueber einen gelungenen Streich der Revolutionäre wird aus Kiew berichtet: Revolutionäre drangen unbewaffnet in die Kanzlei des Gewehrdepots und eigneten sich dort Schlüssel und Passterscheine an. Zwel Personen, als Artllleristen verkleidet, begaben sich hierauf nach dem Gewehrdepot und wurden, da sie die Passterscheine vorwiesen, in das Ge⸗ wehr magazin eingelasseu. Dort öffneten ste alle Schränke, holten Gewehre, Muuition und Expostonsstoffe heraus und beluden damit vor dem Depot haltende Wagen. Erst am anderen Morgen wurde der Betrug entdeckt. Die Wache sagt, es wären so viele Explostonsstoffe fortgeführt worden, daß ganz Kiew damit in die Luft gesprengt werden kön ne.
Politische Rundschau.
Gießen, den 25. Januar 1906.
Der sozialdemokratische Kriegerverein.
Unserem Parteiorgan in Ludwigs⸗ hafen wird aus Nlederauerbach(Pfalz) geschrieben:„Ein Sozialdemokrat— Kriegervereins⸗Vorstand! So un⸗ Pact wie dieses klingt, ist es hier doch zur
atsache geworden. Am vergangenen Sonntag hielt der seit ungefähr 26 Jahre bestehende Kriegerverein seine Neuwahl ab. Dabei wurde der seit der ganzen Zeit immer gewählte Vor⸗ stand zum Ehrenmitglied ernannt und ein Parteigenosse, der bei der letzten Land⸗ tagswahl als sozialdemokratischer Wahlmann fungierte, zum Vorsitzenden gewählt. Wie man in letzter Zeit wahrnahm, haben stch in diesem Verein zwei Strömungen bemerkbar gemacht. Diesem Umstande ist es auch zuzu⸗
schreiben, daß der Neugewählte das Amt als Vorstand annahm. Anstatt, wie sonst immer üblich war, mit Hoch⸗ und Hurrarufen die Versammlungen zu schließen, endete sie mit den Worten:„Freiheit, Gleichheit und Brüder⸗ lichkeit!“
Das ist ja nicht übel. Wir sind aber trotz⸗ dem der Meinuag, daß es für unsere Genossen richtiger wäre, dem Kriegerverein Valet zu sagen. Welchen Sinn hat es denn, für eine Sache Beiträge zu opfern und sie dadurch zu unterstützen, die der unseren schnurstracks zu⸗ widerläuft?
„Vermögenskonsiskation.“
Von den durch die neuen Steuerüberrasch⸗ ungen beglückten Unternehmer, z. B. aus der Brennindustrie— schreibt der„Vorwärts“— hört man jetzt öfter den Vorwurf, der Staat übe durch seine Steuerpolitik Vermögenskonfis⸗ kation. So sagt z. B. das Böhmische Brau⸗ haus in Berlin in seinem Geschäftsbericht, die Aussichten für die Zukunft seien trübe, wenn die von der Regierung in Vorschlag gebrachten Steuersätze Annahme finden würden. Deren Sätze ergäben eine Erhöhung der Brausteuer um zirka 11 Proz. des Aktienkapitals. Das komme einer Vermögenskonfiskation gleich. Aber, es ist noch ein„Wenn“ dabei. Der Be⸗ richt macht den Vorbehalt, wenn„eine Ab⸗ wälzung unmöglich wäre“! Das heißt, mau wünscht die Steuer eventuell auf die Kon su⸗ menten abzuwälzen. Durch die indirekten Steuern werden den Aermsten der Armen nicht nur 10 Prozent von ihrem Vermögen, son dern von ihrem Existenzminimum genommen. Solche Konfiiskation macht das Bürgertum mit, und es wehrt sich gegen neue indirekte Steuern, wenn nicht die Aussicht besteht, die Konfiskation den Konsumenten aufzupacken. Wir sind gegen jede indirekte Stener, die Unternehmer zeigen aber mit solchen Hinterge⸗ danken, daß ste fich verteufelt wenig um das Allgemeininteresse kümmern. Sie reflektieren auf unsere Hülfe, sind aber damit einverstanden, daß die Aermsten noch mehr belastet werden.
Die Wehrsteuer
findet in den Kreisen, die immer neue Mil⸗ lionen für Militärtsmus, Marinismus uad Weltpolitik wegzuwerfen bereit sind, allem An⸗ schein nach mehr Anklang als früher. Der nationallib. Abg. Bassermann, hat sogar schon in einer Versammlung erklärt, daß er mit Sicherheit auf die„fast einmütige Annahme“ einer Wehrsteuer rechne. Soweit sind wir nun noch nicht. Bekanntlich hat der Reichstag 1881 eine Wehrsteuer mit großer Majorität abgelehnt, weil, abgesehen von den prinzipiellen Fragen, die praktische Ausführung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieß. Auf diese Schwierigkeiten hat Finanzminister Frhr. b. Rheinbaben auch in der Steuerkommisston des Reichstags jüngst schon hingewiesen. Gleich⸗ wohl ist es nicht undenkbar, daß die auf neue Steuern brennende Mehrheit sich jetzt zu einem sehr bedenklichen Expertment entschließt. Bei den Stengelschen Steuerprojekten sind ja schon soviele Schädigungen des gewerblichen Lebens und Verkehrserschwerungen in Aussicht genom⸗ men, daß man nachgerade glauben muß, die Steuersucher seien zu allen Tollheiten fähig.
Dekorierte Scharfmacher.
Zu dem sogenannten Ordensfeste, das der Berliner Hof am Sonntag abgehalten hat, sind einige Ordensverleihungen erfolgt, die als poli⸗ tische Zeichen der Zeit Beachtung verdienen. Es wurden nämlich zahlreiche Politiker, die in der letzten Zeit als fanatische Gegner des gleichen Wahlrechts hervortraten, mit hohen Ordeusauszeichnungen bedacht. Dekoriert wurden u. a.: der Frhr. v. Zedlitz⸗ Neukirch, der im Landtag und in der Presse gegen das Reichstagswahlrecht und das gleiche Landtagswahlrecht südlich der Mainlinie hetzt. — Ferner erhielten Orden die beiden Chef- redakteure Rippler von der„Tägl. Rund⸗ schau“ und Runge von der„Nordd. Allg. Ztg.“, die sich in wüster Hetzerei gegen das Volk
hervorgetan haben.
—]7§j§


