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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
den eingeschlossenen Kameraden sein! Benimmt trat das Gerückt auf, die Unglück⸗ lichen hätten sich auf der fünften oder sechsten Sohle, im Flöz 10 zu retten versucht, indem sie die Wettertüren mit Kleidungsstücken ver⸗ dichteten, um sich von den Brandgasen abzu⸗ sperren. Deshalb belagerten jammernde Frauen und Kinder tagelang das Zechentor, deshalb drängten sich die Kameraden immer wieder zur Einfahrt, deshalb auch die Erbitterung über das rasche Einstellen der Rettungsarbeiten.“ Auf jeden Fall müssen die Grubengesellschaften ven Staats- und Gesetzeswegen verpflichtet werden, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, um das Leben der Arbeiter zu schützen und deshalb ist obiger Antrag durchaus notwendig.
Der neueste Polizeispitzel⸗Skandal,
den bei der Interpellation über die Russen⸗ ausweisungen unser Genosse Bebel zur Sprache brachte, beschäftigt noch lebhaft die Presse. Auf die Anklagen Bebels hüllte sich die Regierung in Schweigen, weshalb die Frei⸗ sinnigen im preußischen Landtage die Regierung zur Rede stellten. Der preußische Polizeiminister Bethmann⸗Hollweg versuchte zwar die Anklagen abzuschwächen und die skandalöse Spitzelwirtschaft in weniger schlimmem Lichte erscheinen zu lassen, doch ist ihm das in den Augen aller verständigen Leute schauderhaft mißglückt. Seinen gewundenen Erklärungen im Landtage setzte Genosse Dr. Liebknecht, der Anwalt des russischen Kaufmanns, der zum Landesverrat verleitet werden sollte, wahrheits⸗ gemäße Feststellungen der Tatsachen entgegen. Namentlich protestierte Liebknecht gegen die Behauptung des Ministers, daß sein Klient ursprünglich bereit gewesen sei, Spionendienste zu leisten, später aber anderen Sinnes geworden sei. Der Minister hat im Uebrigen im Landtage die Angaben Bebels in keiner Weise zu er⸗ schüttern vermocht. Er bestritt nur, was er auch in den offiziösen Veröffentlichungen tut, daß der Polizeikommissar v. Schöne den Kaufmann habe verleiten wollen. Er stützt sich dabei auf die allgemein zugegebene Tatsache, daß die erste Anregung zu dem sauberen Handel von Herrn v. Brockhusen ausging, er ver⸗ schweigt aber, daß der von diesem privaten Edelmaun angesponnene Faden von seinem amtlichen Edelmann, dem Herrn v. Schöne, begierig aufgegriffen und fortgesponnen wurde. Daß Herr v. Schöne dem Russen die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt in Preußen versprochen habe, falls er sich bereit erkläre, Vaterlands⸗ verrat zu begehen, daß er ihn zu diesem Zwecke mit genauen Instruktionen ans gestattet und das russische Generalkonsulat durch Ausstellung ge⸗ fälschter Urkuaden an den vermeintlichen Spion hintergangen habe, leugnet Herr v. Bethmann⸗ Hollweg nicht. Sein krampfhaftes Bestreben, den Kommissar vom Verdacht der Verleitung zur Spionage reinzuwaschen, wird auf diese Weise nur noch verdächtiger. Der Minister wird damit mehr und mehr selber zur beteiligten Person des Skandals.
Dem Breslauer Handabbauer,
der sich bisher bescheiden im Hintergrunde hielt, scheint man auf der Spur zu sein. Wie unser Breslauer Parteiblatt mitteilt, hat ein Volks⸗ schüler, Sohn eines Schutzmanns, am Morgen nach den blutigen Auftritten zu seinen Mit⸗ schülern, als diese ihm fragten, ob sein Vater auch in der Nikolaivorstadt tätig gewesen sei, gesagt: Freilich, mein Vater hat sogar einem die Hand abgeschlagen. Der Schutzmanassohn wurde sofort vom Poltzei⸗ präsidenten vernommen, er zeigte sich aber un⸗ sicher und leugnete schließlich, überhaupt etwas seinen Klassengefährten erzählt zu haben. Auch der Knabe, der an ihn die verhängnisvolle Frage gestellt hatte, wurde in Gegenwart seiner Mutter vernommen; er blieb mit aller Vestimmt⸗ heit dabei, daß der Vorgang sich so abgespielt habe, wie er oben geschildert worden ist. Dar⸗ auf wurden die beiden Knaben einander gegen⸗ übergestellt, und nun gestand der Schutzmanns⸗ sohn zögernd und mit großem Widerstreben, daß er bei seiner früheren Aussage gelogen
habe, er habe wirklich gehört, wie sein Vater der Mutter mitgeteilt habe, daß er einem Manne die Hand abgeschlagen habe. Weiter weist unser Breslauer Parteiblatt auf die Tatsache hin, daß kurz nach dem 19. April in einem Breslauer Geschaͤfte ein mit Blut befleckter Schutzmannsmantel zur Reinigung abgegeben wurde, der die Nummer 145 trug. Ob man den Täter nun bald finden wird?— Gegen eine große Anzahl Arbeiter ist übrigens wegen„Aufruhr“ Untersuchung eingeleitet und es befinden sich deswegen viele in Haft. Das hat zu der Polizeitat noch gefehlt!
Neueren Mitteilungen zufolge wurde der Schutzmann Thursch als derjenige ermittelt, der die Bestialität an Biewald verübte.
Aufreizende Urteile.
Gegen verschiedene unserer Parteigenossen wurden in der letzten Zeit wieder Urteile gefällt, die allgemeines Kopfschütteln erregen müssen.
In Erfurt wurde unser Genosse Lojewsky zu acht Monaten Ge⸗
wegen„Aufreizung“ fänguts verurteilt. Diese Aufreizung soll Lojewsky durch mehrere Artikel in der„Thüringer Tribüne“, deren verantwortlicher Redakteur er ist, begangen haben.
Ferner wurden in Magdeburg die Ge⸗ nossen Holzapfel, Bethge und Haupt zu je sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Gegen Lackenmacher, Gorgas, Vater und König⸗ stedt wurde auf Freisprechung erkannt. Hier handelte es sich um die Wahlrechtsflugblätter vom Januar, wegen deren in vielen andern Orten zwar Anklage erhoben, aber das Verfahren wieder eingestellt wurde. 5
Der Sozialismus ist der Friede.
Anatole France, Frankreichs größter le⸗ bender Dichter, der auch dadurch sich einen Namen in der ganzen Welt erworben hat, daß er sich wie William Morris in die Reihen des kämpfenden Proletariats gestellt hat, schreibt in einem sehr interessanten Essay über die po⸗ litische Lage in Frankreich:
„.... Die französischen Bürger haben der Komödie in Algeciras nicht beigewohnt; sie waren nicht eingeweiht. Aber sie haben vollkommen erkannt, daß man dort Komödie spielte, und sich deshalb nicht einen Augenblick geängstigt. Sie wußten den Ausgang. Dieses Vertrauen war kein Kind der Ueberlegung. Schließlich doch vernünftiger als unsre Weisheit. Man kann zweifellos im hohen Rat der Könige und Kaiser, selbst der Republiken, immer noch auf die Furcht vor oder die Hoff⸗ nung auf einen Geschäftskrieg hinarbeiten. Es hat, offen gestanden, niemals andre als Geschäftskriege gegeben, und die Kreuzzüge waren in Wirklichkeit Kolonial warenkriege. Die Fortschritte Kaspars in Handel und Schiffahrt mögen wohl John Bull einige Sorge machen, und er mag Jacques Bon⸗ homme ins Ohr flüstern:„Wenn Ihr Kaspar eine Tracht Prügel verabreichen wollt, ich bin dabei.“ Ganz richtig das. Doch es gibt in Deutschland genug Sozialdemokraten, in Frank⸗ reich sind die soztalistischen Arbeiterorgani⸗ sationen tätig genug und in England haben die letz'en Wahlen die Kräfte der Labour Party lenglische Arbeiterpartei) hinreichend gestärkt, um einen europäischen Krieg zu verhindern. Das internationale Proletariat ist entschlossen friedliebend. Dies bietet die sichersten Bürg⸗ schaften für den allgemeinen Frieden. Die Kapitalisten aller Länder möchten wohl lieber, daß es anders wäre. Aber niemand ist da⸗ rüber mehr im unklaren, und das große Wort Anseeles beginnt Warheit zu werden:„Der Bund der Arbeiter wird der Welt friede sein.“
Die Wahlen in Frankreich
sind mit den am Sonntag stattgefundenen Stichwahlen beendet worden. Diese haben den entschiedenen Sieg der Republikaner zu einem vollständigen gemacht und ebenso die Niederlage der Realtionäre und Klerikalen besiegelt. Letztere verloren im Ganzen 59 Sitze, die bon der Linken erobert wurden. Die neue Kammer
Nr. 21.
setzt sich zusammen aus: 253 Radikalen und 1
Radikalsozialisten, 77 Mitgliedern der demokra⸗ tischen Union, 22 unabhängigen und 53 vereinigten Soztalisten. Zur Rechten gehören im Ganzen 181 Abgeordnete, darunter 64 Ge⸗ mäßigte, 23 Nationalisten und 94 Monarchisten.
Unsere Genossen haben ganz bedeutende Erfolge 5
erzielt; sie sind jetzt, wenn man bloß die ver⸗ Diese A Sozialisten rechnet, fast 60 Köpfe stark. Diese Wahl hat die Hoffnungen der Klerikalen und Monarchisten auf Beseitigung der Republik endgültig vernichtet. Noch nie waren in einem französischen Parlament die entschiedenen Repu⸗ blikaner und Sozialisten in dieser Stärke ver⸗ treten. Somit hat das französtsche Volk sich mit aller Deutlichkeit für die Demokrutie und gegen das Pfaffentum erklärt und es ist die Möglichkeit einer freiheitlichen und fortschritt⸗ lichen Weiterentwickelung gegeben. Es geht vorwärts allerwärts!
Kleine politische Nachrichten.
Graf Reventlow, der antisemitische Vertreter des Reichstagswahlkreises Rinteln⸗Hofgeismar, ist am Montag Nacht im städtischen Krankenhause in Wiesbaden, 42 Jahre alt, gestorben. Mit ihm hat die Liebermannsche Richtung der Antisemiten zweifellos ihr fähigstes Mit⸗ glied verloren. R. wurde 1903 in der Stichwahl mit 1 gegen unsern Genossen Vetterlein(4030) gewählt.
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Revolution in Rustland.
Die Antwortadresse der Duma auf die Thronrede wurde am Donnerstag nachts nach ausgiebiger Beratung von der Duma mit lebhaftem Beifall aufgenommen. In der Adresse sind alle Forderungen, die das Volk zur Her⸗ beiführung geordneter Verhältnisse stellen muß, aufgezählt. In erster Linie steht Amnestie, Freiheit der Persönlichkeit, Freiheit der Presse, Versammlungen ꝛc. Die Adresse sollte von dem Präsidenten überreicht werden, Nikolaus will ihn aber nicht empfangen.— Von einer Offi⸗ ziers⸗Verschwörung, die die Du ma auseinanderjagen und eine Militärdiktatur er⸗ richten will, sind Gerüchte im Umlauf.
Ueber die Zusammensetzung der Duma gibt die Wiener„Arbeiterzeitung“ fol⸗ gendes Bild: In diesem vlelartigen Gemenge (der Vertreter der verschiedenen Nationalitäten) überwiegen aber durchwegs die ursprünglichen Typen des russischen Volkslebens. Schon bei der Eröffnungsfeier im Thronsaale des Winter⸗ palastes fiel auf, daß im Gewoge der National⸗ trachten, Priesterröcke und Arbeiterkittel, die Fracks verschwanden, mit denen die Führer der konstitutionell⸗demokratischen Partei ihre Zuge⸗ hörigkeit zu den Sitten und Gewohnheiten des Westens zum Ausdruck brachten. Im Saale der Duma vertieft sich der Eindruck. In den Sitzreihen des sauftansteigenden Amphitheaters bilden die dichteste Schar die Männer in russt⸗ scher Bauerntracht, die Muschikt, die in ihren dunklen Kaftanen und mit ihren zumeist gut ⸗ mütigen gelb⸗ und 0 sozusagen die überwältigende seelische und körper⸗ liche Homogeneität“) des über Weltteilsweite aus⸗ gedehnten herrschenden großrusstschen Stammes repräsentieren. Bunter und farbiger wird es in kleineren Gruppen. Polnische und weiß⸗ russische Bauern in langen weißen Kaftauen, Tataren in schwarzen Mützen, die braunen schwarzumrahmten Gesichter der Steppenkirgisen in weißen Turbanen, einige orthodoxe Geistliche mit langen wallenden Locken, Donkosaken mit pludrigen Beinkleidern, blauen langschößigen Ueberrock, hochschäftigen Stiefeln, polnische Getst⸗ liche in Talaren, darunter mit den Zeichen des Erzbischofs der Pole von Ropp. Doch sind das mehr Kuriositäten, die dem Auge auffallen. Bezeichnender für das Wesen der Versammlung sind die Männer in unscheinbarer halbeuro⸗ pälscher Kleidung, doch mit schwarzem oder rotem Hemde, die Arbeitervertreter und die Dorfintelligenz, wie jener Dorfschreiber Onipko aus Stawropol. Semstwobeamte, Gemeinde- schreiber und Dorflehrer haben in unermüd⸗ licher, unscheinbarer Arbelt das Beste dazu ge⸗
) Gleichartigkeit.
grauumrahmten Gesichtern
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