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Seite 6.
Mitteldenische Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 34.
Die Berichte des Landeskomitees an die Landeskonferenz.
Aus dem Berichte der Fraktion, den Genosse Adelung erstattet, sei folgendes er⸗ wähnt.
Die Wahlen im Spätjahr 1905 haben die Zahl der sozialdemokratischen Abgeordneten im Landtage von 6 auf 7 erhöht. Es gelang, den Nattonalliberalen den 10. Starkenburger Wahl⸗ kreis, Pfungstadt⸗Eberstadt, abzunehmen, der jetzt vom Genossen Raab⸗Pfungstadt vertreten wird. An Stelle des Genossen Cramer, der eine Wiederwahl ablehnte, wurde im 15. Starken⸗ burger Wahlkreis, Langen⸗Neu⸗Isenburg, der Genosse Dr. Fulda trotz unerhörter niedriger Agitation der Gegner, unter Führung des Reichs⸗ verbands⸗Häuptlings Dr. Becker, mit überwäl⸗ tigender Mehrheit gewählt. In zwei anderen Wahlkreisen, Kastel⸗Kostheim und Vilbel unter⸗ lagen wir mit bedeutenden Minoritäten, die sich bei gerechterer behördlicher Handhabung der
Bestimmungen des elenden indirekten Wahl⸗
systems zweifellos auch in Majoritäten ver⸗ wandelt hätten. Die Sozialdemokratie ist im Landtage folgendermaßen vertreten: Mainz Stadt: Adelung und Dr. David, Offenbach Stadt: Ulrich, Pfungstadt: Raab, Groß⸗ Gerau: Berthold, Langen: Dr. Fulda, Bürgel: Orb.
Das Stärkeverhältnis der Parteien in der Zweiten Kammer überhaupt ist folgendes: Nationalliberale 18, Bauernbündler(Antisemiten) 13, Zentrum 7, Sozialdemokraten 7, Freisinnige 3 und Fraktionslose 2 Abgeordnete.
Auf Grund ihrer Stärke erhoben unsere Genossen beim Zusammentritt auch dieses Land⸗ tages Anspruch auf Vertretung im Kammer⸗ Präsidium, das aus 3 Prästdenten und 2 Schriftführern besteht. Aber siehe da; während auf dem vorigen Landtage unser Genosse Ulrich anstandslos als Schriftführer gewählt worden war, weigerten sich jetzt, trotzdem sich das Stärke⸗ verhältnis der Parteien zu Gunsten der Sozial⸗ demokraten verschoben hatte, die koalierten Nattonalliberalen, Ultramontanen und Bauern⸗ bündler, das Recht der Sozialdemokraten auf Vertretung im Prästdium anzuerkennen. Die Herren waren hiermit, zum Teil bewußt, zum Teil unbewußt, einer Inspiration aus der „Wormser Ecke“ gefolgt. Großmütig wollte man übrigens den Sozialdemokraten eine Ver⸗ tretung im Präsidium gewähren, wenn sich deren Vertreter verpflichte, allerhand dynastische und byzantinische Uebungen und Zeremo⸗ nien, die sich im Laufe der Jahre eingebürgert haben, mitzumachen. Unsere Genossen wiesen diese dreiste Zumutung natürlich entschieden zurück, erklärten sich indessen bereit, alle ver⸗ fassungsmäßigen Verpflichtungen, die dem Kammerpräsidium auferlegt, selbstverständlich zu übernehmen; sonst aber nichts. Die national⸗ liberal-antisemitisch⸗ultramontane Mehrheit teilte hierauf die Sitze des Prästdiums einfach ganz brüderlich unter sich und schloß die Sozial⸗ demokratie entgegen allem Recht aus.— Dieser Vorgang ist typisch, er zeigt, daß die bürger⸗ lichen Parteien aus Furcht vor der Sozial⸗ demokratie, gegebenenfalls auf Recht und Billig⸗ keit pfeifen in der naiven Meinung, dadurch die anstürmende Bewegung aufhalten zu können.
Bei Beginn des Landtags brachte die sozial⸗ demokratische Fraktion ihre prinzipiellen Anträge und Forderungen, die zum Teil schon frühere Landtage beschäftigt hatten, wieder ein.(Wir haben diese Anträge bet Eröffnung des jetzigen Landtages abgedruckt. D. R.)
Natürlich erschöpfen diese Anträge unsere Forderungen keineswegs.— Die beiden be⸗ deutendsten Materien, die den verflossenen Land⸗ tag beschäftigten, die Wahlrechtsreform und die Gemeindesteuervorlage, sind dem jetzigen Landtag von der Regierung bis⸗ lang noch nicht unterbreitet worden. Zwar sind ste in der sogenannten„Thronrede“ ange⸗ kündigt, jedoch soll dei der Wahlrechts vor⸗ lage erst„die Grundlage einer Verständigung“ gefunden und bei der Gemeindesteuervorlage erst eine„Einigung“ erzielt werden. Wie diese„Verständigung“ und„Einigung“ der Zweiten Kammer mit dem Einpauker der Ersten
Kammer Frhrn. v. Heyl, erfolgen soll, steht noch dahin. Beide für das hessische Volk so bedeutsamen Vorlagen wurden von den Privi⸗ legierten der Geburt und des Geldsacks in der Pairskammer unter Führung Heyls vereitelt. Ein durch viele Kautelen gemildertes gleiches Wahlrecht wollten die„Herren“ dem Volk dann gnädigst zugestehen, wenn durch eine Erweiterung der privilegierten Herrenrechte dieses wieder kompensiert würde. Die Gemeinde⸗ stenervorlage brachten die„Herren“ im Wesent⸗ lichen aus dem Grund zu Fall, weil sie eine stärkere Belastung der größeren Vermögen nicht wollten.
In einer devoten Ergebenheitsadresse als Antwort auf die Thronrede erklärten sich die bürgerlichen Landboten mit„lebhafter Freude“ und„Befriedigung“ bereit, in der Wahlrechts⸗ frage und bei einer„Einigung“ in der Gemeinde⸗ steuerfrage mitzuwirken. Nach so manchen Leistungen der bürgerlichen Landtagsmehrheit ist nicht ausgeschlossen, daß diese„Verständigung“ und„Einigung“ erfolgt zu Gunsten der Herren auf Kosten des Volkes. Die Sozialdemo⸗ kratie wird alles daran setzen, diese Möglichkeit zu nichte zu machen. Ein Zurückweichen der Volksvertretung vor dem Verlangen der Privi⸗ legierten darf nun und nimmer stattfinden. Da aber schwerlich anzunehmen ist, daß die Erste Kammer von ihren Forderungen abgeht und ste sich durchaus nicht scheut, jedem Volks⸗ empfinden frech in's Gesicht zu schlagen, so sind schwere parlamentarische Kämpfe für die nächste Zukunft wahrscheinlich.
Eine weitere, ebenso schwierige wie kompli⸗ zierte Aufgabe harrt der Fraktion bei der den Landtag demnächst beschäftigenden Revision der Verwaltungsgesetze. Wer da weiß, welche Unmenge fosstler, fortschrittsfeindlicher, bureaukratischer, ja direkt unsinniger Bestim⸗ mungen, z. B.— um nur eins zu nennen— Landgemeinde⸗ und Städteordnung enthalten, der wird verstehen, daß es auch hier harte Kämpfe absetzen wird. Erinnert sei bei dieser Gelegenheit auch an die Nichtbestätigung von Beigeordneten, von Baumpflegern und— Nacht⸗ wächtern, weil ste sich zur Sozial demokratie bekennen oder nur als Sozialdemokraten„ver⸗ dächtig“ waren. Schon der Hinweis darauf möge zeigen, daß die veralteten Verwaltungs⸗ gesetze der Bureaukratie die fadenscheinige Unter⸗ lage bilden gegen den Artikel 18 der Verfassung 11 5„Alle Hessen sind vor dem Gesetze gleich.“
Wenn die sozialbdemokratische Landtagsfrak⸗ tion vorstehend in gedrängter Kürze dem Landes⸗ parlament der hessischen Sozialdemokratte einen Bericht ihrer Tätigkeit unterbreitet, so tut sie das in dem Bewußtsein treuer Pflichterfüllung und gewissenhafter Arbeit.
von Nah und Lern. Ein teurer Prinz.
In der Frkftr. Ztg. vom 10. August wird in folgendem Inserat ein Prinz auf dem Kuppel⸗ markte ausgeboten:
Der Erzieher sucht für seinen mündigen Prinzen aus altem deutschen mediatisierten Fürstenhause eine
Lebensgefährtin mit mehreren Millionen Mark Mitgift. Die Dame erhält Würden und Rechte einer Fürstin. Briefe unter 21,914 an die Exped. d. Blattes.
Das Prinzlein will sich also nicht billig verkaufen! Außerdem ist aber das Inserat kenn⸗ zeichnend für die Anschauung, die in den fürst⸗ lichen Kreisen über die„Heiligkeit der Ehe“ herrscht.
Erdbeben in Chile.
Wieder ist Amerika von einer schweren Erd⸗ bebenkatastrophe heimgesucht worden und zwar ist diesmal Chile der Schauplatz des Unglücks,
durch das mehrere Städte, vor allem Val pa⸗
raiso zum großen Teil zerstört wurden. Valparatso, die bekannte, an der Küste des stillen Ozeans etwa unter dem 33. südlichen Breitengrad gelegene Haupthafenstadt Chiles,
zählt über 100000 Einwohner, zum weitaus größten Teile Weiße aller Nationen, worunter die Abkömmlinge der Spanier überwiegen.— Am vorigen Donnerstag Abend gegen 8 Uhr wurde die Stadt von einem furchtbaren Erd⸗ beben heimgesucht, ohne daß irgend welche An⸗ zeichen voraufgegangen wären. Hunderte von Menschen fanden den augenblick⸗ lichen Tod. Viele Hunderte liegen unter den Trümmern begraben, von denen wiederum viele den Tod in den Flammen gefunden haben. Sofort nach dem ersten Stoß brach Feuer aus und jeder öffentliche Verkehr hatte auf⸗ gehört. Die Panik und der allgemeine Schrecken, der hierauf folgte, waren unbeschreiblich. Das Geschäftsviertel der Stadt ist fast ganz vom Feuer zerstört. Der Brand wütete fort, und dichte Rauchwolken erfüllten die Straßen, wo Massen obdachlos Umhertrrender das furchtbare Unheil anstarrten. In den Theatern und Ver⸗ gnügungsetablissements, die zur Zeit der Kata⸗ strophe von einer sich dem Vergnügen hingebenden Menschenmenge gefüllt waren, spielten sich ent⸗ setzliche Szenen ab. Alles wollte den Ausgang gewinnen, wobei zahlreiche Personen totgetreten wurden.
Weitere Nachrichten besagten, daß auch Teile der chilenischen Ortschaften Andes, Santa Rosa und De Los Andes durch das Erdbeben zerstört und viele Menschen umgekommen seien.
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5 28 55 5 8 5 5. 8 5 „ Arer haltung Teil.
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Die Mönche. Von A. Tschechow.
Im fünften Jahrhundert, wie auch jetzt, stand die Sonne jeden Morgen auf und ging jeden Abend wieder zur Ruhe. Morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Tautropfen küßten, lebte die Erde auf, die Luft erfüllte sich mit Tönen der Freude, des Entzückens und der Hoffnung, abends aber wurde die Erde still und versank in düstere Finsternis. Ein Tag glich dem anderen, eine Nacht der anderen. Bisweilen kam eine Wolke gezogen, der Donner dröhnte zornig, oder es fiel vom Himmel ein allzu träumerischer Stern, oder ein blasser Mönch lief vorbei und erzählte den Kloster⸗ brüdern, er hätte unweit des Klosters einen Tiger gesehen— und das war alles; und nachdem glich wieder ein Tag dem anderen, eine Nacht der anderen.
Die Mönche arbeiteten und beteten zu Gott, und ihr alter Klostervorsteher spielte Orgel, dichtete lateinische Verse und schrieb Noten. Dieser wunderbare Greis besaß eine merkwür⸗ dige Gabe. Er spielte Orgel mit solch einer Kunst, daß selbst die ältesten Mönche, die an ihrem Lebensende fast das Gehör verloren hatten, nicht die Tränen zurückhalten konnten, wenn aus seiner Klause die Orgel ertönte. Wenn er von etwas sprach, sogar von gewöhn⸗ lichen Dingen, von Bäumen, Tieren, vom Meere, konnte man ihm nicht ohne Tränen oder ohne Lächeln lauschen, und es schien, als ob in der innersten Seele dieselben Töne hallten, wie in einer Orgel. Wenn er aber zornig wurde, oder auch sehr freudig, oder von etwas Furcht⸗ barem und Großem sprach, so schwebte leiden⸗ schaftliche Begeisterung auf ihn nieder, aus seinen flammenden Augen flossen Tränen, das Angesicht errötete, die Stimme dröhnte wie Donner, und die Mönche, welche ihm lauschten, fühlten, wie seine Begeisterung ihre Seelen in Fesseln schlug; in diesen herrlichen, wonnevollen Augenblicken war seine Macht grenzenlos, und hätte er seinen Mönchen befohlen, sich ins Meer zu stürzen, sie hätten sich alle mit Begeisterung beeilt, seinen Willen zu erfüllen.
Seine Mustk, seine Stimme und seine Verse, in denen er Gott, Himmel und Erde pries, waren für die Mönche ein Quell immerwährender Freude. Es kam manchmal vor, daß infolge
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