Ausgabe 
26.8.1906
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung:

Ne. 34.

Von Nah und Fern.

Hessisches.

Das Innungswesen in Hessen eht immer mehr zurück. Nach einer Zu⸗ 1 der Handwerkskammer ist die Zahl der Zwangsinnungen auf 16 zu⸗ sammengeschrumpft. Merkwürdig dabei ist, daß die meisten davon und zwar 14 sich in Rhein⸗ hessen befinden, 8 allein in Mainz. Außerdem gibt es nur noch in Offenbach und Gießen je eine. Sämtliche Zwangsinnungen zusammen zählen nur 1093 Mitglieder. Die außerdem vorhandenen 44 freien Innungen zählen nur 1556 Mitglieder, sodaß das Innungswesen in Hessen überhaupt keine besondere Rolle spielt. Die Ortsgewerbevereine Hessens dagegen zählen rund 11000 Mitglieder. Die vor etwa 10 Jahren mit so großem Getöse von Miquel in Szene gesetzte gesetzgeberische Handwerksrettung ist kläglich gescheitert, wie unsere Genossen im Reichstage dargelegt und vorausgesagt haben.

Gießener Angelegenheiten.

Als Folge der Zollpolitik macht sich immer empfindlicher die kolossale Preissteigerung aller Lebensmittel bemerkbar, besonders aber sind in der letzten Zeit die Fleischpreise wieder ganz bedeutend in die Höhe gegangen. Aus allen Teilen des Reiches wird berichtet, daß die Viehpreise während der letzten Märkte um 56 Mark gestiegen sind. Speziell in Süddeutschland macht sich, wie dieDeutsche Fleischer⸗Zeitung meldet, ein großer Viehmangel bemerkbar, so daß sich Münchener Fleischer⸗Innungen gezwungen sehen, aufs neue bei der Regierung vorstellig zu werden. Die Innung wird daher beschließen, die Fleisch⸗ preise den Viehpreisen entsprechend zu erhöhen. Auch in Berlin und Leipzig sind die Preise um etwa 8 Mk. pro Zentner gestiegen. Bei uns in Gießen sind die Fleischpreise in den letzten Tagen wieder erhöht worden und es wird jetzt für Ochsenfleisch 86 Pfg. und mehr, für Rindfleisch 82 84 Pfg. verlangt. Schweine⸗ fleisch kostet noch mehr.

Der durchschnittliche Fleischverbrauch geht infolgedessen stetig zurück. Im laufenden Jahre ist der Verbrauch pro Kopf der Bevölkerung um rund 4 Pfund niedriger als 1904; das macht, auf eine vierköpfige Familie berechnet, für die Familie eine Einschränkung um 16 Pfund. Bedenkt man nun noch, meint dazu die Jastrow⸗ scheArbeitsmarkt⸗Korrespondenz, daß durch die hohen Fleischpreise die minder bemittelten Schichten stärker als die begüterten zu einer Verringerung der Fleischernährung gezwungen werden, so dürfte danach die Ernährung der großen Massen noch mehr gelitten haben, als aus diesen Ziffern ersichtlich ist. Jetzt muß die Masse des arbeitenden Volkes empfindlich dafür büßen, daß die Zollmehrheit des Reichs⸗ tags den Junkern die Taschen gefüllt hat!

Die Bierpreise sollten in Gießen nicht erhöht werden, hieß es vor Kurzem und es käme also hier nicht zu einem Bier⸗ kriege, wie in vielen anderen Orten. Wer aber etwa geglaubt hat, daß die Gießener Brauer⸗ kapitalisten anders geartet sind als ihre aus⸗ wärtigen Kollegen, der wird durch eine Er⸗ klärung eines Besseren belehrt, die Rechtsanwalt Müller imGieß. Anz. im Auftrag der Brauereibesitzer erläßt. Darin heißt es u. a., daß eine definitive Regelung der Bierpreisfrage noch nicht erzielt sei. Die Gefahr eines Bier- kriegs habe nicht bestanden,da die Wirte so verständig waren, die Gemeinschaftlichkeit ihrer Interessen mit denen der Brauereibesitzer zu würdigen. Schließlich wird dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß vom Publikum das Entgegenkommen der Brauer und Wirte er⸗ widert werden möge. Das heißt mit andern Worten, daß eine Preissteigerung geplant wird. Es fehlte gerade noch, daß zu den Preissteige⸗ rungen des Fleisches, der Butter und anderer Lebensmittel noch das Bier verteuert worden wäre, sodaß der arme Teufel sich auch keinen

Schluck Bier mehr leisten kann, womit es bei manchem Arbeiter schon ohnedies seine Schwierig⸗

keiten hat. Uebrigens war das Bier in Gießen bisher schon verhältnismäßig teurer als ander⸗ wärts, ein Preisaufschlag also noch weniger gerechtfertigt. Wenn übrigens die Wirte wirklich an eineGemeinschaftlichkeit ihrer Interessen mit denen der reichen Brauereibesitzer glauben sollten, so dürften sie bald zu der Ueber⸗ zeugung kommen, daß dies Aberglaube ist. Gegen eine Bierverteuerung würden sich auch die hiesigen Bierkonsumenten energisch wehren. Dem Majestätsbeleidigungs⸗ Paragraphen fiel am Dienstag in der Strafkammersitzung wieder ein Angeklagter zum Opfer. Der Maurermeister Jos. Kaiser aus Ober⸗Wöllstadt wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er dort in der Wirt- schaft, als die Geburt des ersten Kindes des Kronprinzen bekannt wurde, eine unschöne, aber sonst allgemein übliche Redensart gebrauchte, was die beiden Landwirte Schütz und Veith bezeugten. Was für Unheil durch den Maje⸗ stätsbeleidigungs⸗Paragraphen schon über die Menschheit gebracht worden ist, können seine Macher wahrhaftig nicht verantworten. Jeden Tag wird von irgend woher eine Bestrafung wegenMajestätsbeleidigung gemeldet und meistens handelt es sich um harmlose Bemer⸗ kungen, die irgend ein Schuft der Behörde hinterbringt. Diese bekundet deun auch einen bemerkenswerten Eifer in der Verfolgung solcher Delikte, jedenfalls um dem Volke die nötige monarchische Gesinnung undLiebe und Treue zum Fürstenhause beizubringen. Das Volk hätte es aber auch selbst in der Hand, die Denunziantenseuche einzudämmen: man müßte nur allgemein die Denunzianten behandeln, wie's solchen Menschen gehört, sie in jeder Be⸗ ziehung boykottieren, der allgemeinen Verachtung überliefern, sie wie Aussätztge meiden. Das dürfte erzieherisch wirken. Dabei muß natürlich immer wieder die Beseitigung des§ 95 ange⸗ strebt werden, was die sozialdemokratische Frak⸗ tion im Reichstage wiederholt beantragt hat. Lassallefeier. Wie bereits in voriger Nummer mitgeteilt wurde, hat der Wahlverein beschlossen, nächsten Sonntag, den 2. September, seine Lassallefeier in Klein⸗ Linden abzuhalten. Diese wird im Lokale Hinterlang stattfinden und in einem Vor⸗ trage über das Wirken und die Bedeutung unseres großen Vorkämpfers bestehen. Hieran sollen sich Gesangsvorträge des Gesangvereins Eintracht, Deklamationen ꝛc. anschließen. Es darf wohl erwartet werden, daß sich die Partei⸗

genossen und Gewerkschaftsmitglieder recht zahl

reich beteiligen.

Ausländische Arbeiter sind in Gießen und Umgebung jetzt in ziemlich großer Zahl beschäftigt. Zum größten Teile stammen ste aus den slavischen Ländern der uateren Donau, Kroatien, Slavontien ꝛc. Teilweise sind's sehr wenig vertrauenerweckende Gestalten, die Sonn⸗ tags durch die Straßen schlendern, sehen auch wenig sauber aus. Es kam schon vor, daß durch sie ansteckende Krankheiten eingeschleppt worden. Darach fragen aber unsere patriotischen Unternehmer nicht, ste wollen billige Arbeits- kräfte. Für ausländisches Vieh sind die Grenzen gesperrt, imInteresse der Volks⸗ gesundheit und für Fleisch werden Phantaste⸗ preise verlangt. Das nennt manvolkstümliche Politik.

Der Streik auf der Gail'schen Ziegelei dauert noch fort.

Aus dem Nreise gießen.

t. Alten-Buseck. Sonntag, den 9. September, feiert der hiesige Turnverein(Mitglied des Arbeiter⸗ turnerbundes) sein 5 jähriges Stiftungsfest. Der Verein, der sich jetzt eines starken Zuwachses erfreut, hat Ein⸗ ladungen an die Turnvereine des 3. Bezirks und an die Vereine unseres Ortes ergehen lassen, und es wird zu dem Feste bei guter Witterung zahlreicher Besuch erwartet. Morgens von 7-9/ ũ Uhr findet Preisturnen statt, um 2 Uhr geht ein Festzug durch den Ort. Als⸗ dann beginnt das Schau- und Riegenturnen, wobei die Kapelle Pauli⸗Marburg konzertieren wird, ein darauf folgendes Tanzvergnügen wird den Schluß des Festes bilden. Hoffentlich wird das Fest einen guten Verlauf nehmen und nicht minder zur Entwicklung des Arbeiterturnerbundes beitragen.

Bürgermeisterwahl in Langs dorf. In der Residenz des Vizepräsidenten der Zweiten Kammer und früheren Reichstagsabgeordneten Köhler, in Langs⸗ dorf, tobte vergangene Woche gewaltig der Wahlkampf um den Bürgermeisterposten, den bisher ebenfalls Herr Köhler inne hatte. Gegen ihn hatte sich aber eine starke Opposition erhoben, die mit ihrem Kandidaten Heinrich Schiel an der Spitze, gegen Köhler zu Felde zog. Die Gegner Köhlers warfen ihm in einem Wahlaufrufe vor, daß er infolge seiner politischen Tätigkeit, die er noch zu erweitern gedenke, die Gemeindeverwaltung ver⸗ nachlässige. Durch seine bisherige Verwaltung, die im Gegensatz' zu seinen früheren Versprechungen stehe, habe er das Vertrauen vieler verloren. Ferner habe er der Gemeinde eine große Schuldenlast aufgebürdet und für die Durchsetzung seiner persönlichen Wünsche und Ideen gearbeitet. Darauf antwortet Köhler in dem Friedberger Bündlerblatte mit folgendem, gewiß originellem Wahl⸗

aufrufe: Rache! Langs dorfer! Vor 9 Jahren habt Ihr mich gewählt aus Rache!!! gegen das andere Haus Köhlerll! Heute wollt Ihr mich erschlagen aus

Rache!!! für die tausendfachen Wohltaten, die ich ö

Euch erzeigt habe! Und der gute alte Heinrich Schiel soll Euch das Werkzeug sein!

Rache nichts als Rache!!!

Loki-Hödur gegen Zaldr! Loki, der haßerfüllte Wühler und Hetzer, Hödur, der blinde König der Nacht, Baldr, der Gott des Lichts, des Frühlings und des Lebens Kennt Ihr die Sage vom Mistelzweig, mit dem auf Lokt's Geheiß, Hödur den Baldr erschlug?! Christliches Langs dorf! Das Du allsonntäglich in Schaaren Deine Kirche

1

ChristlicheBrüder! Wie ist doch die heidnische Nache so süß 11! Köhler, Langsdorf.

Diese Musterleistung verdient wirklich für die Nach⸗ welt erhalten zu bleiben. Wenn in der Gemeindever⸗ waltung ähnliche Konfusion herrscht, wie sie in diesem Aufrufe zu tage tritt, dann haben die Gegner Köhlers allen Grund zu ihren Beschwerden. Die Wahl findet diesen Samstag statt und es kann leicht möglich sein, daß derLichtgott gestürzt wird!

Aus dem Rreise Jriedberg⸗Büdingen.

Bad Nauheim. Der aus den üblichen politischen und religiösen Vorurteilen viel angefeindeteBildungs⸗ verein hat bis Ende August im Restaurant Saalburg (bei der neuen Dankeskirche) eine schöne und reichhaltige Bilderausstellung eröffnet. Wir finden da die Werke

der bedeutendsten Maler unserer und alter Zeit, teils

als Originale(Künstlersteinzeichnungen), teils in guter Nachbildung. Viele der schönen Bilder sind auch zu so⸗ billigem Preise(25 Pfg.) durch alle Buchhandlungen zu beziehen, daß selbst ein bescheidenes Heim sich mit einigen von ihnen schmücken kann. Als Geschenke bei Geburtstagen, zu Weihnachten usw. sind sie recht geeignet. Sie sind unvergleichlich viel preiswerter als die klecksigen Oeldrucke und Fensterbilder, für die z. B. auf den Messen mehr Geld als recht ist, bezahlt wird. Wir empfehlen unsern Lesern im dortigen Kreise sich die Sammlung einmal anzusehen. Es sind u. a. auch

prächtige Arbeiterbilder dabei(Lokomotivwerkstatt, Bet

Krupp, Vulkan werft). Wo es angeht, sollten diese billigen Sochen auch für die kleinen Volksschulen angeschafft werden. Bei Besuch durch mehrere Personen übernimmt Herr Dr. Strecker selbst die Führung und ermäßigt sich der Eintrittspreis dann auf 20 Pfennig. Geöffnet ist alle Nachmittage von 37 Uhr. Samstag oder Sonn⸗

tag wird wohl auch der eine oder andere unserer Leser 92 8

die gute Gelegenheit benutzen können. a * In die Kasse gegriffen hatte der Stations⸗ vorsteher Meyer in Echzell.

Stationskasse heraus.

Aus dem Nreise Alsfesd-Cauterbach.

J Erbärmliche Löhne zahlt auch die Stadt Alsfeld ihren Arbeitern. Sind hier die Löhne ohnehin kümmerlich genug, so sollte doch die Stadtverwaltung nicht noch schlechter als Privatunternehmer bezahlen: zwei ganze Mark den Tag! Dafür stellt sich selbst hier niemand mehr zur Verfügung, man bekam vor einiger Zeit infolgedessen niemand für die Heuernte auf den städtischen Wiesen. Daher sah sich der Herr Bürger⸗ meister genötigt, im Verein mit zwei Polizisten und zwei Schreibern, selbst Heu aufzuladen. Das war ja

Als Reviston ange⸗ 5 kündigt wurde, nahm er den Revolver und erschoß sich. Erst später stellte sich ein bedeutendes Defizit in der