Nr. 34.
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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Stite 3.
Jahre 4 Monate Gefängnts, der Ver⸗ teidiger, Rechtsanwalt Hauck-Landau, Frei⸗ sprechung. Das Urteil lautet auf 15 ganze Tage Gefängnis und Dienstentlassung wegen Betrugs versuchs und Belügen eines Vorgesetzten.
Wir haben nichts dagegen, wenn sich Thron⸗ und Altarstützen des Reiches der Gottesfurcht und der frommen Sitte bis auf die Knochen blamieren. Es sind nur neue Bestätigungen der längst bekannten Tatsache, daß der Nieder⸗ gang der herrschenden Klassen unaufhaltsam vorwärts schreitet.
Aus der Ferienkolonie.
Das Kieler Militärgericht hatte sich mit einigen Stellvertretern Gottes der Marine zu beschäftigen, die des Mißbrauchs der Dienst⸗ gewalt und der schuldhaften Duldung der Rekrutenmißhandlung angeklagt waren. Der Torpeboheizer Roggenbrod hatte wegen seiner Ungeschicklichkeit schwer an Bord zu leiden. Die Vorgesetzten und seine Kʒameraden bereiteten ihm trübe Stunden und miß handelten ihn aufs grausamste. Der Rekrut erkrankte und lag fünf Wochen im Marinelazarett Wilhelmshaven. Das Kriegs⸗ gericht verurteilte den Oberfeuerwerksmaaten Brüning, der selbst den Roggenbrod mißhandelt hatte, und einen Obermaschinistenmaaten zur Degradation und zu 6 bezw. 4 Monaten, einen Maschinistenmaaten zu 43 Tagen Gefängnis. Die schuldigen Kameraden Roggenbrods, zwei Oberheizer und zwei Stammheizer, erhielten wegen Körperverletzung 14 Tage bis 4 Monate Gefängnis.
Wieder ein polizeilicher Totschlag.
In Berlin wurden am Samstag an der Friedrichstraße zwei Rollkutscher namens Lunau und Veting, die an ihrem Wagen keine Laterne hatten, von dem Schutzmann Krüger sistiert und ohne erstchtliche Ursache mit dem Säbel überfallen. Einem der beiden wurde der Schädel gespalten— er liegt tötlich verwundet im Krankenhaus— während der zweite bei dem vergeblichen Versuch, dem Kameraden das Leben zu retten, zwei Finger der rechten Hand verlor. Die Berichte über diesen Vorfall stimmen darin überein, daß sich die vorerst völlig ruhige Szene — die beiden Kutscher kamen der Aufforderung des Schutzmanns, weiterzufahren, ruhig nach— plötzlich und ohne Schuld der Arbeiter zu einem Handgemenge verwandelte, indem der Schutz⸗ mann wie ein Wütender um sich schlug. Das Publikum nahm daraufhin eine„drohende Haltung“ an; es ist erstaunlich, daß diese Haltung nicht in energische Handlungen über⸗ ging; jedenfalls hing es an einem Haar, daß die belebteste Straße Berlins zum Schauplatz eines Straßenkampfes geworden wäre.
Von deutscher Gerechtigkeit.
Ein Arbeitswilliger in Bayreuth bedrohte einen anderen Arbeiter mit Erstechen. Er erhielt dafür vom dortigen Schöffengericht zwei Tage Gefängnis.— Ein Streikender sagte einem Arbeitswilligen einige gering⸗ fügige Beleidigungen. Der Streikende wurde vom nämlichen Gericht() zu vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt.
Ein anderes Stück Streikjustiz wird aus Schweinfurt berichtet. Der Schlosser Wilh. Tröster von dort erhielt einen Strafbefehl, lautend auf 3 Tage Haft, weil er als Streikender in Gemeinschaft mit einem anderen unter dem Schutze eines Regenschirms auf dem Trottoir gegangen ist und dadurch„verkehrsstörend“ gewirkt habe. Das Opfer der Poltzeijustiz er⸗ hob Einspruch und glücklicherweise sprach ihn das Schöffengericht frei.— Es wird immer netter in unserem„Rechtsstaat“ Deutschland!
Wegen Beleidigung der Inster⸗ burger Richter wurde auch Genosse Donath, Redakteur vom„Volkswille“ in Hannover, zu 20 Mk. Geldstrafe und in die Nebenstrafen verurteilt. Die Beleidigung
wurde gefunden in einer der„Leipz. Volksztg.“ entnommenen Notiz, die die Freisprechung des der fahrlässigen Tötung eines Arbeiters ange⸗
klagten Inspektors Neufang durch die Inster⸗ burger Strafkammer glossterte und wegen der Genosse Seeger von der„Leipz. Volksztg.“ unlängst zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Der Angeklagte sollzdas Insterburger Urteil und damit die Richter verhöhnt haben, indem er die Urteilsgründe abdruckte und an ver⸗ schiedenen Stellen Frage- und Ausrufungszeichen einschaltete.
Mordtat eines Streikbrechers.
In der Automobilfabrik Unton in Nürn⸗ berg stehen die Schlosser und Dreher seit 11 Wochen im Ausstand. Die Streikenden führen ihren Kampf in völliger Ruhe durch. Am Freitag mittag nun benahmen sich die Streik⸗ brecher derart frech, daß es zwischen ihnen und den Streikposten zu einem kleinen Geplänkel kam. Darauf empfing der Direktor Maurer seine Streikbrecher unter dem Fabriktor mit den Worten:„Ihr habt doch Messer in der Tasche, zeigt ihnen doch, daß ihr euch nicht fürchtet“ usw. Als um 6 Uhr abends die Streikbrecher die Fabrik verließen, warfen sie sofort nach den Posten mit Steinen. Einer zeigte einen Re⸗ volver und rief:„Der erste, der herkommt, den schieße ich nieder!“ Die anderen waren mit zugespitzten Eisenstangen und anderen Mordwerkzeugen versehen und ihre herausfor⸗ dernde Haltung führte bald den wohl erwünschten Zusammenstoß herbei. Die Poltzei schritt nicht ein. Die Angreifer waren nicht die Streikenden, sondern die Arbeitswilligen. Der Fabrikdirektor Maurer kam selĩst mit einem Automobil ange⸗ fahren und schlug mit einer Luftpumpe aus dem Wagen heraus. Nachdem dies einige Minuten gedauert hatte, ging bald darauf die Schlägerei von neuem los. Die Streikbrecher waren ja in der Uebermacht und mit Waffen gut versehen. Außerdem hatten sie von der Polizei nichts zu fürchten. Inzwischen war der Streikleiter herbeigeeilt. Kaum war er am Platze erschienen, da schoß ein Streik⸗ brecher auf ihn, ohne daß er auch nur eine Miene zum Angriff gemacht hatte. Die Kugel drang ihm mitten in die Brust und blieb in der Lunge stecken. Der Streikbrecher feuerte auf den Zurückgehenden noch zwei Schüsse ab, die ebenfalls trafen. Dann ergriff der Mord⸗ bube die Flucht. Nun erst trat die Polizei in Tätigkeit. In einem Automobil fuhr man dem Fliehenden nach und verhaftete ihn. Der schwer verwundete Streikleiter heißt Melchior Fleisch⸗ mann, ist 29 Jahre alt und Vater von vier Kindern. Am Sonntag ist Fleischmann an den erhaltenen Wunden gestor bein. Sollte man es für möglich halten, daß es noch„Arheiter“ von so erbärmlichem Charakter und niedriger Gesinnung gibt, die sich zu solchen Dingen ge⸗ brauchen lassen? Dieses Vorkommnis beweist wieder, welche gewaltige Agitationsarbeit noch zu leisten ist!
Kleine politische Nachrichten.
In den norwegischen Landtag(Storthing) wurde der erste Sozialdemokrat in Trondhjem gewählt. Dort siegte der Genosse Redakteur Buen
mit 688 Stimmen über den Sammlungskandidaten, der 129 Stimmen erhielt.
Revolution in Rußland.
Parvus und Leo Deutsch.
Nachrichten aus Rußland bestätigen, daß die Genossen Parvus und Leo Deutsch nun⸗ mehr tatsächlich verschickt worden sind. Und zwar ist ihnen das kleine, wenig mehr als 200 Einwohner zählende sibirische Dorf Tur u⸗ chan sk am Flusse Jenisset als Aufent- haltsort angewiesen worden. Dieses Turuchansk gilt unter den russischen Revolutionären als ein Platz ganz besonderer Qualen— die Nach⸗ richt aus Rußland bezeichnet den im nördlichsten Sibirien, dicht am Polarkreise liegenden Ver⸗ bannungsort ausdrücklich als„furchtbar“. Je drei Jahre sollen unsere wackeren Mitämpfer dort zubringen!
Besonders tragisch ist das Schicksal von Leo Deutsch; er steht seit den stebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Vorder⸗ treffen des russischen Befreiungskampfes. Nach⸗
dem er 1877 in die Hände der Zarenschergen gefallen war, gelang es ihm nur unter den größten Schwierigkeiten und Gefahren, aus dem Gefängnis zu entfliehen und die Grenze zu gewinnen. Von der Schweiz aus wurde er dann einer der eifrigsten Organisatoren des Schmuggels revolutionärer Schriften nach Ruß⸗ land. Als er 1884 bei dieser Tätigkeit einmal deutschen Boden betrat, wurde er in Freiburg im Breisgau verhaftet und schließlich auf Be⸗ treiben des Fürsten Bismark, dem aus poli⸗ tischen Gründen gerade damals besonders viel daran lag, dem Zaren„Gefälligkeiten“ solcher Art zu erweisen, an Rußland ausgeliefert. Auf die deutschen folgten die russischen Kerker: die Bastillen von Kiew, Odessa, Petersburg, Mos⸗ kau und andere. So ging es ein Jahr und drei Monate; endlich wurde das Urteil ge⸗ sprochen: Zwangsarbeit in Sibirien. Sech⸗ zehn Jahre hat Leo Deutsch dort zuge⸗ bracht, und die unerhörten seelischen und körper⸗ lichen Oualen, denen er ausgesetzt war, hat er uns, ohne Pathos und ohne Sentimentalität, aber deshalb nur um so greifender geschildert in seinem später bei Dietz in Stuttgart er⸗ schienenen Buche: Sechzehn Jahre in Sibirien. Endlich, im Jahre 1901, gelang es ihm, zu entfliehen und auf allerlei Umwegen Europa wieder zu erreichen. Aber die lange Kerker⸗ haft in Deutschland und Rußland und die sechs⸗ zehn Jahre der Zwangsarbeit hatten den Tapferen nicht zu brechen vermocht: kaum zu⸗ rückgekehrt, stürzte er sich von neuem in den sozialistischen Kampf, und als in seinem Vater⸗ lande die Sturmglocken der Revolution zu läuten begannen, da eilte— gleich Parvus, Rosa Luxemburg und vielen Hunderten anderer Exilierter— auch Leo Deutsch an die Stätte des Kampfes und stürzte sich dort in das Schlacht⸗ getümmel, wo es am heißesten tobte. Bald aber fiel auch Leo Deutsch von neuem den Henkersknechten der russischen Reaktion in die Hände.
Die Offiziere laufen davon. Unter den russischen Marineoffizieren ist Mutlosigkeit eingetreten wegen der Unwahrscheinlichkeit, die Ordnung und Manneszucht unter den Matrosen bald wieder herzustellen. Infolgedessen wollen viele den Dienst quittieren. In Kronstadt allein haben 97 Markneofftiziere ihren Abschted einge⸗ reicht, angeblich wegen der großen Lauheit(ö) des Kriegsgerichts gegenüber den Meuterern; in Wirklichkett aber ist der oben angezogene Grund die Ursache dieser Erscheinung.
Henkerarbeit. Das Kriegsgericht in Reval hat 17 Matrosen vom„Pamjak Azowa“ und einen Agitator zum Tode ver⸗ urteilt. Das Urteil ist an allen 18 Personen vollstreckt worden. Ferner sind verurteilt: 12 Matrosen zu Zwangsarbeit von 6 bis zu 10 Jahren, 13 zur Versetzung in eine Strafabteilung mit zeitweiliger Haft und 15 zu Disziplinarstrafen. 34 Angeklagte sind frei ⸗ gesprochen und 3 Zivilpersonen den Zivilgerichten übergeben worden.— Das Krtegsgericht in Kronstadt verurteilte 10 Tetlnehmer an dem bewaffneten Aufstand zum Tode und 122 zu Zwangsarbeit; 15 Angeklagte wurden frei⸗ gesprochen.
Vom revolutionären Schlachtfelde. Nach offtzieller Bekanntmachung wurden in der letzten Woche in Rußland 72 politische Morde an Amtspersonen verübt, 42 Beamte wurden schwer verwundet. Ferner wurden 120 Bomben gefunden, 12 Geheim⸗ druckereien entdeckt, 13 Kron⸗Schnapsbuden und 18 Staatskassen beraubt, wobei 22 Angestellte getötet und verwundet wurden. Aus politischen Gründen wurden 276 Personen verhaftet.— In Samara wurde der Kommandeur des Borriswoschen Regiments in seiner Wohnung von einem Unbekannten ermordet.— In Sjedletz wurde der Polizeimeister durch eine Bombe getötet.
Zahlreiche Polizisten wurden vorige Woche in Warschau und Polen ermordet. Das wird als Antwort auf die Hinrichtung von neun Revolutionären angesehen, die am 9. August in der Warschauer Zitadelle erfolgt ist.
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