Ausgabe 
26.8.1906
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 34.

aus den ste hervorgeht, könnten solchen Urtetlen unterworfen werden. Sie selbst ist an und für sich so wenig falsch oder richtig, vernünftig oder unvernünftig, sittlich oder unstttlich, wie das Wachstum des Baumes oder das Heranwogen der Flut. Die Aktion aber hat ihren Ursprung in vernünftigen und sittlichen Erwägungen, sie will dasRichtige, dasGute(d. h. was vom Standpunkte jener, die ste unternehmen, alsrichtig undgut erscheint) und unter⸗ liegt daher auch dem Urteil der Vernunft und der Moral. Die Evolution kann man nur analysieren(zerlegen), studieren wie einen Naturprozeß, die Aktion aber kann man kriti⸗ sieren, sowie man die Handlungen seines Nebenmenschen als klug oder töricht, edel oder verwerflich beurteilen kann.

Wie der Staat zur Gesellschaft, die Politik zur Wirtschaft, so verhält sich die Aktion zur Evolution. Die erste ist die Fortsetzung der 55 auf einer höheren Stufe des Bewußt⸗ eins.

Aufgabe der sozialdemokratischen Partei ist es, die Aktion des Proletariats zu führen. Die fozialdemokratische Partei pflegt die Kennt⸗ nis der bestehenden Zustände und ihrer Ent⸗ stehung nicht der bloßen Wißbegierde willen, noch weniger zu dem Zwecke, etwa aus dem bisherigen Verlauf der Geschichte eine Entwick⸗ lung zu prophezeten, die unabhängig vom mensch⸗ lichen Willenmechanisch oderautomatisch vor sich gehen müßte; sie studtert vielmehr die Evolution der Gesellschaft zum Zwecke und im Interesse der prole⸗ tarischen Aktion. Die Kenntnis der be⸗ stehenden Zustände wäre totes Wissen, die Prophezeiung künftiger leere Spielerei, wären wir uns nicht dessen bewußt, daß wir nicht bloß Zuschauer des großen Schauspiels, sondern auch Mitspieler, denkende und handelnde Per⸗ sonen sind. Der Klassenkampf, den wir führen, ist ein Akt bewußten Willens und ebenso muß die Erreichnung seines Zieles, die Ersetzung der kapitalistischen Gesellschaft durch die sozia⸗ listische ein Akt bewußten Willens, eine Aktion, sein. Im Anfang war die Tat die Tat steht auch am Eingange des neuen Zeitalters, das mit dem Abschluß der kapitalistischen Aera beginnt. Unermüdlich zu handeln, und ebenso unermüdlich die Erkenntnis revolutionärer Vor⸗ gänge zu lehren, die die Vorbedingung der Aktion ist das ist die Aufgabe der Partei.

Reform ist jede planmäßig und bewußt vorgenommene Aenderung der bestehenden Ord⸗ nung. Sie kann einzelne Teile dieser Ordnung oder ihr eigentliches Wesen erfassen, im letzteren Falle heißt ste eine Revolution. Das Ziel der proletarischen Aktion ist eine völlige Umge⸗ staltung oder Reformierung der bestehenden Gesellschaftsordnung, also eine Revolution. Die Evolution entwickelt die zunächst verborgenen und zerstreuten Kräfte, die sich der bewußte Wille zur revolutionären Aktion weckt und sammelt. Der gewöhnliche Sprachgebrauch be⸗ zeichnet als Revolution allerdings nur jenes letzte Stadium der revolutionären Aktion, in welchem sich alle Kräfte des Angriffs und der Verteidigung zu einem entscheidenden Kampfe anspannen, einem Kampfe, der nicht gewalt⸗ tätig und blutig sein muß, unter Umständen es aber wohl werden kann.

Revolution ist, wie wir bereits gesehen haben, keineswegs gleichbedeutend mit gewaltsamem Umsturz. Denn der Zweck des gewaltsamen Umsturzes kann nur die Aenderung der be⸗ stehenden Staatsform sein. Die von der Sozial⸗ demokratie gewollte Staatsform ist aber die reine Demokratie, wo diese besteht, haben die der Revolution feindlichen Kräfte der Reaktion und Kontrerevolution Ursache, einen gewalt⸗ samen Umsturz herbeizuführen, nicht aber die revolutionären Kräfte selbst; diese finden viel⸗ mehr in der Demokratie die Möglichkeit, die geplante Umwälzung mit Hilfe der auf gesetz⸗ lichem Wege eroberten Staatsgewalt durchzu⸗ führen. Die proletarische Revolutionsbewegung verteidigt daher in jeder bestehenden Staatsver⸗ fassung die vorhandenen Elemente der Demo⸗ kratie, sie arbeitet auf die Abänderung, und, wenn es sein muß, auf den Umsturz undemo⸗ kratischer Staatseinrichtungen hin. Ist ste auf

dem Boden der Demokratie angelangt, so kämpft ste fortan mit unangefochten gesetzlichen Mitteln für Aenderungen der Rechtsordnung und organi⸗ satorische Maßnahmen des Staates(Reformen), deren Zweck die schließliche Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu einer sozialistischen, diesoziale Revolution ist. So fließen Wort und Tat, Agitation und Aktion ineinander, Erkenntnis spornt zur Tätigkeit an, und in der Tätigkeit gewonnene Erfahrung erweitert die Erkenntnis. Selbst der Kampf um geringe Teilziele wirkt als ein Aufklärungs⸗ gefecht, in dem uns unsere wie unserer Gegner Macht und Stellung sichtbar werden. Sein Getümmel ruft neue Kämpfer unter die Fahne! Das wichtigste Aufklärungs- und Werbemittel der Sozialdemokratie ist und bleibt die Aktton! »̃̃̃ͤääͤͤͤ KKK

Politische Rundschau.

Gießen, den 23. August 1906.

Ueber die Fahrkartensteuer

mehren sich die Klagen des Publikums von Tag zu Tag. Das einzige Mittel, dieser Steuer zu entgehen, ist die Benutzung der vierten Wagenklasse. Aus Hannover wird be⸗ richtet, daß im Bereiche des Eisenbahndirektions⸗ bezirkes Hannover sowie auf allen hannoverschen Bahnen sich seit der Einführung der Fahrkarten⸗ steuer eine bedeutend stärkere Benutzung der vierten Wagenklasse bemerkbar macht. Besonders an den Sonn⸗ und Festtagen sind die von Touristen und Ausflüglern benutzten Züge stets von Passagieren der vierten Wagenklasse über⸗ füllt. Die Zahl der Reisenden vierter Klasse hat sich sett dem 1. August mindestens verdoppelt. Soviel steht fest: Was die Fahrkartensteuer im Direktionsbezirk Hannover in diesem Halbjahr einbringt, das geht doppelt und drei⸗ fach an Personenfahrgeldeinnahmen verloren. Vielleicht macht ein solcher Ausfall die Eisenbahnverwaltungen am ersten geneigt, auf die Beseitigung der Fahrkartensteuer hinzu⸗ arbeiten.

Aus Stuttgart wurde übrigens der Berl. Volksztg. geschrieben, daß die Wieder⸗ aufhebung der Fahrkartensteuer nur eine Frage der Zeit sei. Daß sie im Bundesrat erst nach Beschwichtigung ernster Bedenken zur Annahme gelangte, ist bekannt. Hauptsächlich befürchteten die Bundesregierungen eine Schmäle⸗ rung ihrer Eisenbahneinnahmen infolge des Ueberganges vieler Reisenden zu einer niederen Wagenklasse eine Besorgnis, die sich schon in den ersten Wochen nach Einführung der Steuer als begründet erweist. Was die Regierungen trozdem bewog, den Beschlüssen des Reichstages ihre Zustimmung zu erteilen, war folgende Erwägung: Behufz gründlicher Besserung der Reichsfinanzlage und Bestreitung der für die nächsten Jahre zu erwartenden Mehrausgaben wird eine stärkere steuerliche Heranziehung des Tabaks nicht zu umgehen sein, diese ist aber im Reichstag nur durchzu⸗ setzen, wenn man dafür eine Kompensation ge⸗ währt, die den Abgeordneten die Rechtfertigung einer Höherbesteuerung des Tabaks vor ihren Wählern erleichtert. Eine solche Kompensation soll nun die Aufhebung der Fahrkartensteuer sein. Im Reichsschatzamt dürfte man es daher gar nicht ungern sehen, wenn die Fahrkarten⸗ steuer recht vielem Widerstand begegnet.

Das sind etwa die Praktiken eines Briganten, der auf Lösegeld arbeitet. Denn dieser gibt seinen Raub gegen eine unter Umständen mäßige Abfindung wieder heraus. Die Reichssteuer⸗ preußen aber verlangen einen höheren Wert wie den gestohlenen, ehe ste ihre Beute freilassen.

In der Pobbielski-⸗Affaire

ist es noch nicht zu einer Entscheidung gekommen. Pod ist noch immer Minister, trotz seiner be⸗ denklichen Verbindung mit der Firma Tippels⸗ kirch, mit der ihm in der Presse schon so oft bor den Bauch gestoßen wurde. In jedem andern modernen Staatswesen wäre ein solcher Minister keinen Tag länger geduldet worden; in 1 8 wird aber nachgerade alles möglich.

Faule Posten für Offiztere, die dem Dienste entsagt haben oder entsagen mußten, sind, wie dieKöln. Volksztg. mit⸗ teilte, in letzter Zeit viele geschaffen worden. Das Blatt behauptet: In der gesamten Armee⸗ intendantur wird zurzeit eine ganze Reihe von

Subalternposten mit Offizieren

bis zum Obersten aufwärts besetzt, die früher von alten Unteroffizieren, Feldwebeln und Regi⸗ mentsschreibern versehen wurden. Disposittons⸗ offlztere werden Kommandanten von Schießplätzen, die im ganzen Jahre nur wenige Wochen lang beansprucht werden und sehr wohl durch kurze Abkommandierungen verwaltet werden könnten; jetzt sitzen auf einer solchen Stelle ein Oberst, ein Adjudant und ein Militär⸗ kommando vom Feldwebel abwärts und alle haben sie recht wenig zutun. Ein solcher Schießplatz ohne Arbeit ist zum Beispiel der Schießplatz Hammerstein in Westpreußen, der still und ruhig daltegt, aber alle Kompe⸗ tenzen und Kosten eines Regimentskommandeurs, mit allem was drum und dran hängt, ver⸗ schlingt. Solcher Versorgungspöstchen, die auf Kosten der Steuerzahler unterhalten werden, scheint es übrigens eine große Zahl zu geben. Vielleicht nimmt die Budgetkommission des Reichstags in der nächsten Session einmal eine gründliche Musterung vor, die bei scharfer Nutz⸗ anwendung finanziell gar nicht unbedeutend werden kann.

Ein Offiziers ⸗Skandälchen

aus einerkleinen Garnison kam am Freitag in Landau(Pfalz) zur Verhandlung. Der Leutnant Kurt Mühe vom bayrischen Che⸗ veauxleger⸗Regiment in Dieuze in Lothringen hatte sich wegen mehrerer Betrugsfälle zu ver⸗ antworten. Es handelt sich um eine Spteler⸗ Affaire, in die neben zahlreichen hohen Adligen auch der erst 18 jährige Sohn des Herzogs Karl Theodor, Herzog Franz Joseph verwickelt ist. Die Oeffentlichkeit wurde auf diese Dinge durch den Selbstmordversuch des bayrtschen Grafen Preysing aufmerksam, den dieser vor einiger Zeit in Florenz unternahm. Preysing, ein leidenschaftlicher Spieler und Trinker, hatte sich, um seine finanziellen Verhältnisse zu ran⸗ gieren, auf industrielle Spekulationen in Italien eingelassen. Er hatte damit kein Glück und die Vorwürfe der Verwandten veranlaßten ihn zum Revolver zu greifen. In Dieuze bestand so eine Art Harmlosenklub. In einer regelrechten Spielhölle sollen sich eine große Anzahl dort in Garnison stehenderKavaliere des Hochadels nicht nur Bayerns, sondern auch Oesterreichs, Preußens und ferner reiche bürger⸗ liche Kauf⸗ und Sportsleute zusammengefunden haben. Es wird auch behauptet, daß sich die Herren nicht nur an den Spielen, sondern auch aninteressanten Bällen in dekolletierten Ko⸗ stümen beteiligten und dabei von Wucherern und Künstlerinnen gerupft wurden. Es kommen dafür Offtziere, Kavallere, bekannte und bisher unbekannte Wucherer in München, Metz, Straß⸗ burg, Würzburg usw. in Betracht, und die bis⸗ herige Untersuchung hat ergeben, daß Mühe und Konsorten mit derBank auch auf Reisen gingen, um in vornehmen Hotels spiellustige Kavaliere um sich zu scharen. Es galten Ein⸗ sätze in bar und Wechsel. Zweimal wurden zwei Künstlerinnen, welche die Geliebten von zwei Kavalieren waren, ausge pielt. Sie gingen damals mit Aufzahlung in andere Hände über. Leutnant Mühe be⸗ zahlte die Gunst einer Künstlerin mit einem Wechsel und schlug gleich die Zinsen zu der Schuld. Die eine Diva war zuerst die 1 eines Konsuls in München. Der Konsul trat. ste an einem Abend, nachdem Graf Preysing an ihr Gefallen gefunden hatte, nach Waßfte Verlusten an den Grafen ab. Dieser za lte der Dame, nachdem er ihrer müde geworden, eine Abfindungssumme. 5

In der Verhandlung erklärte die Schwester des Angeklagten, daß die Mutter ihm a ein im letzten Winter über 30000 Mk. nach Dieuze geschickt habe. Er selbst gab u. a. an, daß er durch eine reiche Heirat seine Schulden zu tilgen hoffte. Der Vertreter der Anklage beantragte gegen den flottlebigen Leutnant 2