Ausgabe 
25.3.1906
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeltung.

Nr. 12.

Mk., jetzt hat er das Gut für 128,000 Mark verkauft. 8

Das Herrn Robitzkt gehörige Lippau im Kr. Neidenburg(Ostpreußen) wurde von diesem vor fünf Jahren mit 240000 Mk. bezahlt, vor ein paar Monaten erwarb es Herr Kittler für 510,000 Mk.

Das Gut Kegelsmühle Nr. 2 im Kreise Deutsch⸗Krone bei Schneidemühl bekommt dem⸗ nächst seit einem Jahr den vierten neuen Besttzer, Herr Reichert hat es für 350,000 Mk. er⸗ worben. Das Gut hat 60,000 Mk. mehr ge⸗ bracht als vor einem Jahre, und jeder der Besitzer hat in den wenigen Monaten je 20,000 Mark daran verdient.

Das Gut Lubahn im Kr. Berent, Herrn John gehörig, ist im September v. J. von einem Herrn aus Westfalen für 314,000 Mk. gekauft worden. Vor nicht zu langer Zeit hat. Herr John das Gut für 210,000 Mk. von den Erben übernommen.

Herr Pahl hat sein Gut Schützen B. im Kreise Rastenburg an Herrn Roll verkauft für 340,000 Mk. Vor vier Jahren brachte das Gut beim Verkauf 240,000 Mk.

Gutsbesitzer Peters in Ludwigshorst, Kreis Wittkowo, hat seine Besttzung von 300 Morgen für 120,000 Mk. verkauft. Das Gut hat vor sieben Jahren 66,000 Mk. gekostet.

Das sind nur wenige Beispiele. Sie zeigen aber den Kleinbauern und Arbeiter auf das Deutlichste, für wen der Zolltarif gemacht worden ist. Die Großgrundbesitzer⸗ und Junkergesellschaft wußte ja ganz gut, daß ihnen ungehcuere Summen zufließen würden und deshalb schrieen sie auch nach den Zöllen. Lange wird es nicht

dauern und es werden die neuen Besitzer wieder

nach dem alten Schreirezept über dieNot der Landwirtschaft klagen und neue Zollerhöhungen verlangen.

Die Folgen des Hungertarifs.

Aus vielen Orten wird eine auffällige Ab⸗ nahme der Schwei ne⸗ und zum Teil auch der Rindviehschlachtungen berichtet. Besonders stark zeigt sich das in Düsseldorf. Dort wurden nach den statistischen Aufzeichnungen im Februar vorigen Jahres 5126 Schweine

eschlachtet, im gleichen Monat dieses Jahres doch nur 1938, also weit wentger als die Hälfte des vorjährigen Verbrauchs! Pferde wurden dogegen 191 geschlachtet, im Februar vorigen Jahres nur 142. Auch im städtischen Schlachthof in Dortmund wurden im Februar 1100 Schweine weniger geschlachtet als im gleichen Monat des Vorjahres, obwohl im Vorfahre zu dieser Zeit dort der Bergarbeiter⸗ streik den Fleischkonsum ganz bedeutend ver⸗ minderte. So betrachtet, weiß man erst, was diese fehlenden 1100 Schlachtungen bedeuten.

Im Saarrevier kostet jetzt das Pfund Schweinefleisch eine Mark. Die Metzger müssen selbst 78 bis 82 Pfennige für das Pfund Lebendgewicht bezahlen. Für ein Sechswochenferkel fordert und erhält der Bauers⸗ mann 30 Mark, das Doppelte des früheren normalen Preises.

*

Um die Wirkung der Zölle den Konsu⸗ menten klar und deutlich vor Augen zu führen, macht Genosse Scheidemann in Kassel einen nach unserer Meinung sehr acceptablen Vorschlag. In der in Berlin erscheinenden Wochenschrift Neue Gesellschaft empfiehlt er nämlich, nach⸗ dem er darauf hingewiesen hat, daß die Lebens⸗ mittelpreise in nächster Zeit nicht herabgehen, sondern eher noch steigen dürften, daß man Plakate anfertigen solle, auf denen die Ver⸗ teuerung des Fleisches durch die Zölle anschau⸗ lich zum Ausdruck gebracht wird. Diese Plakate 055 in Metzgerläden, Wirtschaften ꝛc. zum

ushang gebracht werden und ungefähr so aussehen:

70 Bemüht Parteifreunde! cs le; nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!

Woher die hohen Fleischpreise?

1. Infolge der Grenzsperren für Schlachtvieh. 2. Infolge der hohen Zölle auf Schlachtvieh.

Der neue Zolltarif ist am 1. März 1906 in Wirksamkeit getreten.

Auf 1 Kilo Schlachtgewicht 5 stellen sich die neuen Mindest⸗Zollsätze au

28,8 Pfennig bei Kuhfleisch

28,8 Stierfleisch

28,8 Ochsenfleisch

28,8 Kalbfleisch

36,0 Hammelffleisch

18,0 Schweinefleisch. Die Reichstagsmehrheit, die den Zolltarif geschaffen hat und die Grenzsperren billigt, setzt sich zusammen aus konservativen, antise⸗ mitischen, nationalliberalen und Zent⸗

rums⸗ Abgeordneten.

JJC

Da bis jetzt solche Plakate noch nicht ange⸗ schafft sind, haben wir den Inhalt abgedruckt. Wir empfehlen unsern Lesern obiges auszuschneiden und überall für beste Verbreitung zu sorgen.

Polizeigeist in Baden.

Im badischen Landtage gab es an einigen Sitzuugstagen voriger Woche lebhafte Debatten, bei denen unsere Parteigenossen der Regierung und besonders dem Minister Schenkel gehörig die Meinung sagten. Ueber die mehrfach erfolgte Auflösung sozialdemokratischer Ver⸗ sammlungen wurde lebhaft Beschwerde er hoben. Genosse Eichhorn stellte fest, daß seine Partei in sozialer wie politischer Beziehung zu dem Ministerium des Innern kein Vertrauen abe. Mit der Liebedienerei gegen Preußen und damit auch gegen Rußland, wie ste sich in

den Auflösungen und Verboten von Volksver⸗

sammlungen gezeigt habe, sollte man doch endlich einmal aufhören. Auch die Sozialdemokratie habe ihre Vaterlandsliebe, wenn sie sich auch nicht wie eine Hammelherde in den Krieg treiben lasse. Die ewige Rücksichtnahme auf Preußen, das sei eigentlich der stärkste Vorwurf, den man dem Minister des Innern machen müsse. Auch auf soztalem Gebiete bleibe Baden bedauerlicherweise im Rückstand. Das zeige ein Blick auf das Budget, das wohl Millionen für die Landwirt schaft gewähre, aber nur wenig für die sozialen Einrichtungen auf dem Arbeitergebiete. Minister Schenkel schwieg sich zu diesen Vorwürfen aus. Es ging ja wohl auch nicht gut an, daß er die Liebedienerei gegen Preußen leugnete. Die Tatsachen reden eine zu offene Sprache.

Bei den weiteren Beratungen kam es am Sams⸗ tage zu einem heftigen Zusammenstoße unserer Parteigenossen mit dem Minister Schenkel. Es handelte sich um Forderungen der Schutz⸗ leute, die letzteren hatten auch bei den soztal⸗ demokratischen Abgeordneten ihre Beschwerden eingebracht. f

In der Kammersttzung erklärte der Minister Schenkel, er halte es für eine Pflicht⸗ widrigkett, wenn Schutzleute sich mit ihren Beschwerden an die Partei wenden, welche die Autorität der Beamten zu untergraben bemüht ist. Abg. Geck: Wir sind zu recht in diesem Hause: das ist eine Beleidigung der Ab⸗ geordneten. Minister Schenkel: Den Schutz⸗ leuten werde ich verbieten, sich an die Sozialdemokratie zu wenden. Abg. Geck: Nein, das werden Sie nicht tun! Ich bitte den Präsidenten, den Minister zur Ordnung zu rufen wegen dieser Frivolität. Minister Schenkel: Ich behaupte nach wie vor, daß die Schutzmannschaft das nicht darf. Geck (laut schreiend): Das dürfen Sie nicht. Das ist eine Beleidigung des Hauses und meiner Fraktion. Prästdent Dr. Wilckens: Ich rufe den Abg. Geck zur Ordnung und drohe ihm mit dem Eintrag in das Protokollbuch und werde die Sitzung schließen. Abg. Geck erklärt zur Geschäftsordnung, daß die Erklärung des

Fraktion sei, und daß diese sich weitere Schritte vorbehalte. Präsident Dr. Wilkens: Ich habe eingreifen müssen, weil der Abg. Geck in hef⸗ tigster und leidenschaftlichster Weise den Minister unterbrochen hat. Abg. Eichhorn: Wir haben die Empfindung gehabt, daß die Auffassung des Ministers eine Beleidigung des Hauses ist. Hier gibt es nur Abgeordnete, keine Parteien. Der Prästdent hätte das an der Rede des Ministers rügen sollen, dann wäre der Zwischenfall nicht eingetreten. 0

Die Debatten über diesen Zwischenfall und die Aeußerungen des Ministers setzten sich noch am Montag und Dienstag fort, wo von unseren Genossen die Maßnahmen des Mannheimer Poltzeidirektors gegen die Märzfeier scharf kriti⸗ sterte wurde, während der Minister den Poltzei⸗ mann zu verteidigen suchte.

Die Hetze gegen die Sozialdemokratie

wird noch immer fortgesetzt und dabei von Behörden und Gerichten Unglaubliches geleistet. Unser Erfurter Parteiblatt, dieTribüne, ist wegen nicht weniger als 57 Notizen und Ar⸗ tikeln angeklagt, die in 28 Nummern erschienen sind. Darunter ist auch unter anderem ein Lichtbildervortrag angeführt, der man denke! die russische Revolution behandeln sollte. In drei Fällen soll Aufreizung zu Gewalttätig⸗ keiten, in vier Verächtlichmachung von Staats⸗ einrichtungen vorliegen. Wenn die Suppe so heiß vom Gericht gegessen würde, wie sie die Staatsanwaltschaft kocht, dann käme Genosse v. Brjewski aus dem königlich preußischen Ge⸗ fängnis überhaupt nicht wieder heraus. Auch die bekannte Genossin Zietz aus Hamburg hat der Erfurter Staatsanwalt angeklagt. Sie soll in einem Artikel in der Erfurter Tribüne Staatseinrichtungenverächtlich gemacht haben. Wegen eines Artikels über den Hamburger Wahlrechtsraub wurde Genosse Däumig vom Halle'schen Volksblatt zu der unerhörten Strafe von drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte sogar 6 Monate beantragt. Das Gericht führte in seiner Begründung aus, der Schlußsatz in dem Artikel:Und setzet Ihr nicht das Leben ein, nie wird Euch das Leben gewonnen sein, wirke in Verbindung mit den Dar⸗ legungen im Artikel zweifellos aufreizend. We sich das, was der Angeklagte beabsichtigt hat, abspielen könnte, bleibe dahingestellt. Fest⸗ gestellt() sei, daß eineStimmung zu Gewalttätigkeiten erzeugt(22) worden ist. In der deutschen Rechtsprechung ist nach t alles möglich. Schiller hätte sich gewiß ni träumen lassen, daß im zwanzigsten Jahrhundert ein Zitat aus seinem Reiterlied einem Zeitungs- redakteur drei Monate Gefängnis wegen Auf⸗ reizung zu Gewalttätigk⸗iten einbringen würde. Welch einFortschritt der deutschen Justiz!

Merkwürdige Geschichtsauffassung.

Vor Kurzem hat Wilhelm II. eine Ansprache au die Marinerekruten in Wilhelmshaven ge⸗ halten, in der er unter anderem gesagt haben soll: Hundert Jahre sind seit einem der trübsten Unglückstage vergangen, der unser Volk l der Schlacht bei Jena 1806. Ihr alle wißt von dieser Schlacht und dem großen Un. glück, das sie über das ganze deutsche Vo gebracht hat. Lernt daraus erkennen, da wahres Gott vertrauen allein eine Stütze im Unglück ist, und daß das Unglück kommt, wo die wahre Religtosität fehlt, wo man die Gottesfurcht nicht kennt. 3

Daß ein Hohenzoller an die Schlacht von Jena erinnert, ist sehr interessant.* scheint uns Wilhelms II. Auffassung von der Urfache dieses grandiosen Zusammenbruchs des alten Preußen nicht ganz richtig zu sein. An offizieller Gottesfurcht und Religiosität hat es kaum gefehlt, und die st⸗greichen Feinde, die Franzosen, waren sicherlich alles Andere, nur nicht gottesfürchtig oder religiös. Unser Untertanenverstand und die paß ep der Ge⸗ schichte sagen uns vielmehr, daß Preußen ein Jena finden mußte, weil eine unfählge Re⸗ gierung ihre Zeit nicht begriff und der Idee

Minfsterg eine Beleidigung der sozlaldemakralsschen