Ausgabe 
25.2.1906
 
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wacht

Seite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeuung.

Ne. 8.

Von Nah und Lern. Ein liebevoller Vater.

In Wackernheim(Rheinhessen) hat ein wohlhabender Bauer seine beiden Söhne, von denen einer gänzlich blind, der andere geistes⸗ schwach ist, gerichtlich aus dem elterlichen Hause treiben lassen. Von dem Gerichts⸗ vollzieher wurden die beiden armen Menschen nach dem Gemeindehause gebracht. Der Wagen mit den Betten folgte nach. Kein Auge blieb trocken, wo der traurige Zug vorbeikam, welcher die Herzlosigkeit eines Vaters, der seine Kinder auf die Straße wirft, dokumentierte.

Vornehmer Gauner im Gefängnis.

Aus Beuthen wird der BreslauerVolks⸗ gemeldet, daß der Landgerichtsrat Blumenberg, der wegen schwerer Amtsvergehen kürzlich zu langjährigen Gefängnis⸗ und ent⸗ ehrenden Nebenstrafen verurteilt worden ist,

während seiner Untersuchungshaft sein eigenes

Bett gehabt hat; ein Teppich zierte den Boden seiner Zelle, mancherlei im Gefängnis sonst ganz unbekannte Toilettengegenstände standen ihm zur Verfügung, ja, selbst sein ge⸗ wohntes Parfüm brauchte er nicht zu ent⸗ behren. Damit vergleiche man die unerhörte Behandlung, die oft sozialdemokratische Redak⸗ babe 1 preußischen Gefängnissen zu erdulden aben

Unterhalts

Die weber.

Im düstern Auge keine Träne,

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Sähne:

Deutschland, wir weben Dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Götzen, zu dem wir gebeten

In Winterskälte und Hungersnöten;

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem Hönig der Reichen, Den unser Elend nicht konnte erweichen, Der den letzten Groschen von uns erpreßt, Der uns wie Runde erschießen läßt Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande, Wo nur gedeihen Schmach und Schande, Wo jede Blume früh geknickt, Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt

Wir weben, wir weben! Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, Wir weben emsig Tag und Nacht Alldeutschland, wir weben Dein Ceichentuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluc'.

Wir weben, wir weben!

Heinrich Heine

Heinrich Heine.

Am 17. Februar waren es 50 Jahre, daß der deutsche Aristophanes, der Dichter der Loreley, aber auch des Weberliedes, Heinrich Heine, starb. Deshalb lohnt sich wohl eine kurze Biographie des Dichters und was der⸗ selbe der Welt gewesen, für unsere Leser, deren viele seine Werke noch immer nicht besttzen, obgleich die Heine⸗Ausgaben heute so billig sind, daß ste sich auch ein Arbeiter anzuschaffen in der Lage ist.

Heine, der sich selbst scherzweise den ersten Mann seines Jahrhunderts nannte, well er nach seiner Angabe in der Sylvester⸗ nacht 1799, nach auderen zuverlässigeren Nach⸗ richten aber am 13. Dezember 1799 geboren wurde, stammte aus Düsseldorf, und war mit dem großen Bankier Salomon Heine in Ham⸗ burg verwandt. Seine Jugendjahre in Düssel⸗ dorf hat er in launiger Weise selbst beschrieben. Von Geburt Jude, wurde ihm gleich seinem

roßen dee die Verachtung und

7 inderstellung der Juden so unerträg⸗ lich, daß er im Jahre 1825 zum Christentum übertrat. Viele haben ihm sein Renegatentum stark übelgenommen, dennoch hat sich der Dichter über das Christentum in seinen Schriften nicht weniger lustig gemacht, als über das Israeliten⸗ turm, und seine letzten Aufzeichnungen und Dichtungen, die er auf seinerMatratzengruft verfaßt hat, lassen ihn durchaus als einen Mann erkennen, der sich über Welt und Menschen eine völlig abgeklärte Meinung gebildet hatte, und tumrhoch über all den kleinen Neidern und Feinden stand, die ihm aus den unschuldigsten Prosazeilen einen Strick zu drehen beflissen waren. Wer unbefangen an das Studium der Heineschen Schriften herangeht, wird überall dem Flug des Genies begegnen, dem freilich auch menschliche Schwächen anhafteten, wie jedem andern Staubgeborenen.

Heine sollte anfangs Kaufmann lernen, doch wurde daraus nichts; er studierte in Bonn, Berlin und Göttingen Philosophie und Juris⸗ prudenz und wurde Dr. Heine, dann lebte er in Hamburg, Berlin und München, bis die Februarrevolution in Paris ausbrach und er 1830 seinen Aufenthalt in der französischen Hauptstadt nahm. Heines politische Stellung war durch eine geschichtliche Weltwende bezeichnet, da der Feudalismus des Mittelalters unter dem Donner der Revolutionskanonen eben zu⸗ sammenbrach und die jungbürgerliche Periode ihre ersten selbständigen Taten vollbrachte. Der bürgerliche Radikalismus und die Demokratie fanden daher an Heine einen eifrigen Förderer und Bewunderer. Literarisch aber knüpfte der junge Dichter an die vorhandene Dichtung an, an Goethe zumal, und später an Byron. In Heine kämpfte nicht nur sein Jahrhundert, sondern es lassen sich deutlich auch zwei Perioden unterscheiden, deren erste man mit: Goethe und Heine, die zweite dagegen mit: Heine und K. Marx bezeichnen könnte, wie denn der Dichter auch zu beiden Männern, wenn auch zu Goethe bloß flüchtig, persönlich in Beziehung getreten ist. Die erste Periode ist die lyrische, weltschmerzlich, pesst⸗ mistisch. Sie kommt in ihren Anklängen an die NapoleonslegendeNach Frankreich zogen zwei Grenadier und zum Teil selbst an die Reaktion gegen die große Revolution von 1789-1796 zum Ausdruck.

Als reiner Lyriker zeigt er sich imBuch der Lieder:Junge Leiden, betitelt. Dort finden sich die noch heute viel gesungenen Lieder: Im wunderschönen Monat Mai,Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,Das Meer er⸗ glänzte weit hinaus,Du hast Diamanten und Perlen,Ich wollt, meine Liebe ergösse sich usw. Es ist das Volkslied, das der Dichter in den Jahren 1817 bis 1824 besonders kultiviert. Kritischer wird er schon in der DichtungAuf der Harzreise, die im Jahre 1824 erschien und deren Prolog lautet:

Schwarze Röcke, seidne Strümpfe Weiße höfische Manschetten, Sanfte Reden, Embrassteren Ach, wenn sie nur Herzen hätten.

In seiner zweiten Periode herrscht die Tagessatire vor, die Verspottung politischer, religlöser, literarischer und sozialer Zustände. In Prosa wie in poetischer Form schwingt er seine Geißel; philosophisch knüpft er an Hegel und Feuerbach an, politisch an die Revolution und die französischen Sozlalisten, bis er auch Marx und Lassalle kennen lernt. In dieser zweiten Periode, wo Heine am stärksten ist, überragt er alle Zeitgenossen, selbst Ludwig Börne; mit Gutzkow, Laube, L. Wienbarg, Theodor Mundt und Gustav Kühne bildet er das sogenanntejunge Deutschland. Heines Neue Gedichte, welche 1831 erstmalig er⸗ schlenen, enthalten ein Gemisch lyrischer Dich- tungen und Balladen, so denTannhäuser, dieTragödie, während dieRomanzen vor⸗ wiegend in die Jahre 1839 bis 1842 fallen. Zum Teil entstehen in dieser Zeit auch die 5Zeitgedichte(1839 bis 1846), darunter das berühmteWeberlied, undDeutschland, jener Zyklus von Dichtungen, der in Arbeiter-

kreisen am beliebtesten geworden ist. Bekannt⸗ lich ist nach der DichtungDeutschland in neuerer Zeit auch eine Imitation: Heinrich Heine Revidivus, entstanden, die in Arbeiter⸗ kreisen sehr verbreitet ist und die Zustände im Neuen Deutschen Reiche geißelt. Aus der Dichtung: Deutschland, sind die im heutigen Proletariat oft zitierten Verse allgemein be⸗ kannt geworden:

Wir wollen auf Erden glücklich sein, Und wollen nicht mehr darben, Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hinieden Brot genug

Für alle Menschenkinder,

Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann, Sobald die Schoten platzen! Den Himmel überlassen wir Den Engeln und den Spatzen.

In derselben Zeit entsteht auch der Sommer⸗ nachtstraum:Atta Troll, dem sich die Poetische Nachlese anschließt. Später er⸗ schienen der Zyklus:Romanzero(Historien Lamentationen Lazarus Hebräische Melodien und Poetische Nachlese). ImLazarus befindet sich die von den Arbeitern ebenfalls oft zitierte Stelle:

Hat man viel, so wird man bald Noch viel mehr dazu bekommen, Wer nur wenig hat, dem wird Auch das Wenige genommen. Wenn du aber gar nichts hast Ach, dann lasse dich begraben, Denn ein Recht zu leben, Lump, Haben nur, die etwas haben!

(Schluß folgt.)

Gesellenfahrten.

Eine Weihnachtsgeschichte von Philipp Schei deman u 9 Nachdr. verb.

(Fortsetzung.)

Abschied.

Gottlieb Schulze erzählte weiter:

Es blieb uns nicht weiter übrig, wir mußten uns trennen, ich mußte Elbeck verlassen, wenn Liesbeth nicht lebenslänglichen Stubenarrest verbüßen sollte. Mit der Zeit würde sich der Alte wohl beruhigen. Ich wollte ihm nach einiger Zeit von auswärts schreiben und ihn zu überzeugen suchen, daß ich trotz allem Vor⸗ gefallenen ein ganz anständiger Kerl sei. Daß ich ihm diese Ueberzeugung am Orte selbst nicht beibringen konnte, das stand leider für alle diejenigen fest, denen ich mich anvertraut hatte, die den Alten und mich kannten.

Bis Weihnachten wollte ich bleiben, dann 5 du kleine Gasse, dann ade, du stilles

aus!

Der Weihnachtsabend kam heran. Es ge⸗ lang uns, in einer befreundeten Familie zu⸗ sammenzukommen. Liesbeth schenkte mir eine Zigarrentasche mit ihrer Photographie. Ich habe beides jetzt noch, fügte Gottlieb hinzu, und zog das Zigarrenetui heraus, um es uns zu zeigen. Ich schenkte ihr ein Buch. Der Abschied wurde uns schwer, aber wir schieden in dem bestimmten Bewußtsein, dereinst Mann und Weib zu werden.

Zwei Jahre waren in das Land gegangen. Zwei steinerweichende Briefe, die ich dem Alten schrieb, blieben unbeantwortet. Selbstverständ⸗ lich stand ich mit Liesbeth in regstem Brtef⸗ verkehr, den eine verschwiegene Freundin ver⸗ mittelte. ersten Weihnachten gewesen, nun rückte schon zum zweiten Male das Christfest heran seit 90 Trennung. Es war schier zum Ver⸗ zweifeln.

Aber Standhaftigkeit führt zum Ziele. Den dritten Brief beantwortete der Alte. Wenn ein Mensch im dritten Jahre nach der Trennung noch so treu seines Kindes gedenke und nicht locker lasse, dann ließe das darauf schließen, daß die Liebe echt sei. Ich sollte ihm Nachricht zukommen lassen über meine Zukunftspläne

Schmerzlich waren uns beiden die

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e.

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