8 N
15 der
gen be⸗
1
——
adresse mehr,
Nr. 8.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 7.
und wenn ich keine Schilder mehr aushängen und keine Regentonnen mehr umwerfen wollte, dürfe ich nächste Weihnachten zu Besuch kommen.
Hul, wie ich jubelte! Und wie mein Schatz in den nächsten Briefen das hohe Lied von der Treue sang! Wir brauchten jetzt keine Deck. der Alte wußte nun, daß wir unausgesetzt miteinander korrespondiert hatten.
Weihnachten kam zum dritten Male heran und sch reiste gen Norden. Ach, wie kroch der Schnellzug auf den Schienen hin. Wie lange dauerte diese Reise. Endlich die vorletzte Station! Ich war nervös geworden und guckte in der Minute dreimal nach der Uhr. Nun pfiff es. Also jetzt gleich stebst du sie. Wird ste sich verändert haben? Ist sie noch so hübsch wie früher? Ist sie stärker geworden? Hager er? Blitzten die Augen noch so freudig? Ich say ste wieder vor mir stehen auf jenem Hausflur, wo ich focht— d
Da, der Zug hält. Ein Ruck, ein Sprung — wir lagen uns in den Armen. Und ich küßte sie so heißhungrig und wahrscheinlich auch zu lange, denn ich ließ sie erst los, als mir der alte Putz, den ich kaum beachtet hatte, die Hand auf den Arm legte mit den Worten: Sie sind mein Arrestant.
Einverstanden! antwortete ich freudig und sah nun erst, daß der Alte auch lachen konnte. Wir trotteten zu Fuß dem kleinen Häuschen zu. Eine halbe Stunde später hatte der Alte Ja gesagt. Er war dienstfrei und wir feierten nun sofort Verlobung. Wir waren zu fünft. Außer uns, dem Brautpaar, waren noch an⸗ wesend der Alte, mein Schwager in spe Her⸗ mann und eine Speztalfreundin Liesbeths, eine Zeugin meines Fechtdebats auf dem Büglerinnen⸗ korrkdor. Sie freute sich unbändig.„Das ist doch der reine Roman“, rief sie ein über das andere mal, bis sie bei dem vierten— viel⸗ leicht war es auch das fünfte— Glas Grog eingeschlummert war.
Und der Alte wurde fidel! Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Gegen zwölf Uhr bestand er darauf, daß die Mädchen von der Bildfläche verschwinden sollten, da er mit mir noch reden wollte. Dabei blinzelte er mir zu.
Eine Viertelstunde später waren wir allein. Hermann hatte Liesbeths Freundin, die ganz in der Nähe wohnte, heimgebracht und war sofort zurückgekehrt. Und nun vertraute uns der Alte an: er habe die Mädchen bei Seite geschafft, damit wir noch einmal zu Hans Peter Jakobsen gehen und einen Schoppen stechen könnten!
Das paßte uns. Wir gingen zu Hans Peter Jakobsen und wir tranken mehr wie einen Schoppen. Ach, war das eine fidele Blase dort. Und gesungen wurde, daß kein Mensch in der Nachbarschaft schlafen konnte. Der Alte, den ich zum ersten Male in Zivil sah diesen Abend, saug am lautesten und nannte mich Du. Ich sprach Schwiegervater zu ihm.
Schließlich machten wir uns auf den Heim⸗ weg. Hermann links, Gottlieb rechts, der Alte in der Mitte.
Als wir an das Haus des Schneiders Jensen kamen, wollte Schwiegerpapachen unter allen Umständen seinem Spezel noch guten Abend sagen. Unverdrossen klopfte er an das Fenster links von der Haustüre. Da schläft Jensen, so versicherte mein Schwiegervater, seit 20 Jahren, während seine Frau, mit der er auf dem Kriegs- fuße lebt, ihre Schlafstätte im ersten Stock auf⸗ geschlagen hat. Aber Jensen schlief eben nicht mehr unten, wie sich sehr bald herausstellte, hatte vielmehr seit einigen Tagen mit seiner besseren Hälfte das Quartier getauscht.
(Fortsetzung folgt.)
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. (Fortsetzung.) Inzwischen war es bereits dunkel geworden, der Regen schlug heftig gegen die Fenster, der
Wind heulte und alles war düster und unfreund⸗ lich. Endlich zündete Frau Werner die Lampe
15)
wie sein Tritt verriet, folgte den Schritten des Töchterchens, welches in Erwartung, daß es einen Dienst annehmen werde, bereits im Hause 1 einer Aufwärterin übernommen atte.
Die Türe öffnete sich und Werners unmittel- barer Chef trat in das Zimmer, eine Ehre, die seiner Wohnung noch nie zu Teil geworden war. Die Familie war denn auch ziemlich erschrocken über diesen Besuch und empfand das seltsame und ungelegene desselben in so auf⸗ fallender Weise, daß Morsen es bemerken mußte. Das zukünftige Dienstmädchen mußte mit der Mutter in die Küche, um Theewasser zu besorgen. Der zwölfjährige Bruder wurde nach Zucker geschickt, während die zwei jünasten mit lästiger Dienstfertigkeit dreimal von der Küche in die Wohnstube und von der Wohnstube nach der Küche liefen und durchaus helfen wollten, um den vornehmen Besucher nach Würden zu empfangen. Einer davon wurde vom Vater nach Zigarren geschickt und stieß im Dunkeln gegen den Zucker holenden Bruder an, so daß die Häfte verloren ging, worüber das Asptrant⸗ dienstmädchen seiner tiefen Entrüstung Luft gab. Kurzum, es herrschte eine allgemeine Konster⸗ nation. Endlich kehrte die Ruhe in den häus⸗ lichen Kreis zurück; auch Franz kam wieder nach Hause und setzte sich mit einem höchst ernsthaften Gesichte und einem dicken Buche an den Tisch, um zu lesen. Er war nämlich der Meinung, daß er sich seinem Beschützer gegen⸗ über ein gewisses Ansehen geben müsse.
„Ich komme hauptsächlich Ihretwegen, Herr Werner,“ sagte Morsen zu dem Jüngling, dem das Herr wie Musik in den Ohren klang und der bis hinter die Ohren errötete.„Ihr Vater hat mit mir über Sie gesprochen und ich könnte Ihnen jetzt eine Beschäftigung geben; es ist nicht viel für's erste, aber es kann mit der Zeit mehr werden. Sind Sie während des Tages frei?“
„Während des Tages und des Abends und des Nachts,“ antwortete Franz mit zitternden Lippen:„Immer.“
„Sieh, das trifft sich gut; vorläufig werden Sie nicht allzuviel zu tun haben. Was können Sie ungefähr?“ l
Der junge Werner gab eine lange Liste dessen, was er gelernt hatte, und diese Llste schien in des Vaters Ohren von so viel Hoch⸗ mut zu zeugen, daß er verbessernd darauf folgen ließ:„Ja, ja, Herr Morsen, er kennt von einem und dem anderen die Anfangsgründe.“ Der brave bescheidene Werner kannte den wichtigen Grundsatz nicht, daß man so viel gilt, als man sich gelten läßt.
Franz wurde verdrießlich, aber Morsen lächelte und sagte:„Er hat ja auch das wenigste davon nötig; er braucht nur anfänglich zu kopieren und nach und nach gibt es dann mehr zu tun. Was den Gehalt betrifft—“
„Ach,“ sagte Werner,„für Franz ist es genug, wenn er nur Arbeit hat.“
Franz biß sich auf die Lippen.
„Nein, nein,“ sagte Morsen,„das geht nicht. Ich dachte fünfzig Thaler für das Quartal, was meinen Sie dazu?“
Franz zitterte von Kopf bis zu den Füßen; er hätte fast gesagt, daß es zu viel set. Zwei⸗ hundert Thaler jedes Jahr! Und dann, wle Morsen hinzusetzte, die Aussicht, mit der Zeit, wenn er Geschicklichkeit zeigte, eine sehr gute Stellung zu erhalten. Kein noch so glühender Ofen, kein noch so großer Genuß konnte Franz die Röte derart in das Gesicht treiben und seinen Augen einen solchen Glanz verleihen, als die Aussicht auf einen halben Thaler für den Tag. Es war ein Vermögen für Jemand, der siebzehn Jahre alt war und nur vier lebende und eine tote Sprache kannte und in der Ma⸗ thematik bewandert war.
Morsen erklärte hierauf, welcher Art die Beschäftigung sel, wozu er Franz bestimmt habe: Es war die Taubermann'sche Assekuranzgesell⸗ schaft, und nachdem sie noch eine Weile darüber gesprochen hatten, fing der Vorgesetzte an, un⸗ ruhig zu werden, auf seinem Stuhle hin und her zu rücken und wie es schien, nach einem
an, und kaum hatte man sich wieder nieder⸗ gesetzt, so wurde geschellt, und ein Fremder,
Gegenstande der Unterhaltung zu suchen. Auch
Werner überlegte, auf welche Weise er nun seine andere Angelegenheit zur Sprache bringen könne und so kam es, daß beide fast zu gleicher Zeit den Wunsch aussprachen, sich unter vier Augen zu sprechen.
„Darf ich die Lampe eben mitnehmen?“ frug Werner seine Frau, während er den in Rede stehenden Gegenstand aufnahm und seinem Besucher vorausschritt, indem er die Familie in tiefster Dunkelheit zurückließ.
„Ich stehe zu Diensten,“ sagte Werner, als sie auf eine Hinterstube gekommen waren und dort Platz genommen hatten, und er erwartete nichts anderes, als daß Morsen sagen werde, er habe die Geldverlegenheit seines Kollegen bemerkt und wolle ihm nach Kräften beistehen.
„Noch Ihnen,“ antwortete dieser, während es ihm bereits in die Ohren klang: Ihr Ver⸗ halten meiner Tochter gegenüber kann nicht länger so bleiben.
„Nein, nein,“ entgegnete der erste, dem ein Anerbieten lieber war, als daß er ein Gesuch stellen sollte.
„Nun denn,“ sagte Morsen,„wenn ich denn zuerst sprechen muß; der eigentliche Zweck meines Kommens gilt Ihrer Tochter.“
„Was— meinen Sie?“ frug Werner.
„Ihrer Tochter, Herr Werner! Ich weiß wohl, daß ste biellet yt manche bessere Partie wird machen können und daß ich kein Jüngling mehr bin, aber ob sie eine aafrichtigere, stand⸗ haf ere Liebe finden kann, als bei mir, das glaube ich nicht, Herr Werner.“
Werner war die Beute des äußersten Er⸗ staunens. Er starrte seinen Besucher mit einem gläsernen Blicke an, worin der geschickteste Phystognomiker nichts anderes hätte lesen können, als Erstaunen und wieder Erstaunen.
(Fortsetzung folgt.)
Splitter.
Toleranz. So höret denn, ich will Euch zeigen, Wie duldsam ich, wie tolerant ich sei: Zwar reden dürft Ihr nicht, nein, Ihr müßt schweigen, Allein das Denken steht Euch frei.
Hagemann. * Ha b sucht. Wie doch die Habsucht sich betrügt, So Mancher ißt uurelfe Beeren Aus Furcht, wenn sie erst schmackhaft werden, Daß sie alsdann ein Anderer kriegt,
Ein kleiner Fehler.
Er ist ein achtenswerter Mann,
Nichts Böses ist ihn nachzusagen;
Nur Widerspruch, den kann er nicht ertragen; Weil er ihn nicht ertragen kann,
Nimmt er sofort des Gegners Meinung an.
Trojan. *
Von aller Herrschaft, die auf Erden waltet Und der die Völker pflichten oder frönen, Ist eine nur, je herrischer sie schaltet, Uu so gepries'ner selbst der Freiheit Söhnen: Es ist das Königtum, das nie veraltet, Das heil'ge Reich des Wahren, Guten, Schönen. Vor dieser unbedingten Herrschaft beugen Der Freiheit Kämpfer sich und Bluteszeugen. Lud. Uhland. nme Die Firma D. Kaminka, Marktplatz 11, am Kriegerdenkmal, hält sich als anerkannt reelles und leistungsfähiges Geschäft am Platze, zum Bezuge von Uhren Gold⸗ und Silberwaren auf das Angelegent⸗ lichste empfohlen. Reparaturen und Gravierungen prompt und preiswert.
Geschichts kalender.
25. Februar. 1634 Wallenstein ermordet.
26. 1901 Minister⸗Hinrichtung in Peking. 1897 Wilh. II. sozialist. Pest⸗Ausrottungs⸗Rede.
27. 1902 Attentat auf den russ. Minister Bogol⸗ jepow. 1531 Schmalkaldischer Bund.
28. Wilh. II. Depesche„Ehristlich⸗Sozial ist Un⸗ sinn.“
1. März. 180 Lassalles offenes Antwortschreiben an die Leipziger Arbeiter.
2. 1903 Wahl eines sozial. Bürgermelsters in
Kopenhagen. 1861 Bauernbefreiung in Rußland. 3. 1806 Prof. Roßmäßler, demokr. Polltlker, Leipzig.


