Ausgabe 
25.2.1906
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 3.

Bin Gutsbesitzer, möchte neben Landwirtschaft

Bienenzucht betreiben. Sind Sie vielleicht im Besttze eines Gärtners, der Bienenzucht versteht? Selbiger kann ein Mann von 40 bis 50 Jahren sein, ohne Anhang und darf derselbe keine großen Ansprüche machen. Lohn wird nicht gezahlt, außer vereinbartem Trinkgeld. Wäre daher wünschenswert, wenn der⸗ selbe Halb⸗In valide ist und sich aus seiner Rente bezahlt macht. Bienen besorgen, im Winter Gerätschaften, z. B. Kasten für Bienen machen usw., auch darf sich derselbe nicht scheuen vor einer landwirtschaftlichen Arbeit, so daß er im Winter auch mal Kühe oder Pferde füttert. Es wäre aber dann auch event. eine Lebensstellung und wäre für Un bemittelte nicht so übel. Kost ist gute Landkost, ferner erhält der Mann ein heizbares Zimmer zum Essen und Schlafen.

Arbeit ist: Im Sommer Garten und

Verwunderlich ist, daß der Mensch nicht noch Miete für das Zimmer verlangt. Em pö⸗

rende Unverschämtheit!

von Nah und Lern.

Hessisches.

Landtag. Die Zweite Kammer nimmt am nächsten Mittwoch ihre Sitzungen wieder auf. Auf der Tagesordnung stehen zu⸗ nächst eine Reihe Vorstellungen verschiedener Beamtenkategorien 2c. wegen Gehaltszulagen und ferner andere kleinere Gegenstände.

Zur Reichstagsersatzwahl in Darmstadt haben die Vertrauensleute des Kreises am Sonntag Stellung genommen und beschlossen, die Wahlkreiskonferenz am 4. März abzuhalten. Die Resolution der Darmstädter Parteiversammlung wurde angenommen und ferner beschlossen, in der Wahlkreiskonferenz den Genossen Berthold⸗Darmstadt als Kan⸗ didaten vorzuschlagen. Ueber die Affäre Cramer hat die gegnerische Presse schon manches Kilo Druckerschwärze verschmiert und dabei nicht wenig dummes Zeug gefaselt. Allem voran der Gießener Anzeiger. Am Montag fabelte das Amtsblatt davon, daß Cramer jetzt sein Reichstagsmandat nicht niederlegen würde, weil die Sozialdemokratie Angst habe, das Mandat zu verlieren. Von solcher Angst werden jedenfalls die Leute von der Drehscheiben⸗Partei mehr geplagt als die Sozialdemokratte, und auch mit allem Grund. Denn seit 1871 haben die Nattonalmiserablen fortwährend Schläge bekommen. Die Sozialdemokratie hat jederzeit bewiesen, daß sie den Kampf nicht scheut und nicht zu scheuen braucht, obwohl ihr nicht Bürger⸗ meister und Ortspolizisten als Wahlhelfer zur Verfügung stehen, wie denOrdnungsparteien.

Gießener Angelegenheiten.

Aus dem städtischen Verwal⸗ tungsbericht ist noch anzuführen, daß die Anzahl der Steuerpflichtigen für die staatliche Einkommensteuer 6954 beträgt. Davon ent⸗ fallen 5510 auf die zweite Abteilung(unter 2600 Mk. Einkommen), 1444 auf die erste. Insgesamt wurden 809067 Mk. Gemeinde⸗ steuern aufgebracht. Kirchensteuern wurden 52 788 Mk. evangelische und 5669 Mk. katho⸗ lische erhoben. Die Oktrot⸗Einnahme betrug 123195 Mk. Man sieht also daraus schon, welch' bedeutende Sum me die Abgaben auf die notwendigsten Gebrauchsartikel einbringen. Das Oktroi fällt zum größten Teile den Minder⸗ bemittelten zur Last!

Ueber den Austritt aus einer Religtonsgemeinschaft wurde kürzlich im Wahlverein diskutiert, das heißt über die Formalitäten, die dazu nötig seien. Da wir hierüber schon vielfach befragt wurden, sei an dleser Stelle das Nötige mitgeteilt. Wer aus der Landeskirche austreten will, muß einen hierauf gerichteten Antrag an das Amts⸗ gericht seines Wohnortes schriftlich oder münd⸗ lich(zu Protokoll) erklären. Es genügt ein an das Amtsgericht zu richtendes Schreiben mit folgendem Inhalt:

Ich melde hiermit meinen Austritt aus der Landeskirche an und beantrage, meinen Austritt zur Notiz nehmen zu wollen.

Natürlich muß das Schriftstück datiert und unterschrieben sein. Das Amtsgericht stellt nun den Antrag dem Vorstand der Kirchengemeinde

abschriftlich zu, der der Antragsteller angehört. Der Austritt selbst erfolgt dann durch persön⸗ liche Erklärung des Austretenden vor dem Richter. Ohne eine Ladung abzuwarten, hat der Austrittswillige nicht vor Ablauf von vier Wochen und spätestens innerhalb sechs Wochen nach Eingang seines Antrages(frühestens also am 29. Tage, spätestens am 42. Tage) sich persönlich bei Gericht zur Abgabe seiner Austrittserklärung zu melden. Irgendwelche rechtliche Nachteile zieht der Austritt aus der Kirche nicht nach sich. Er hat aber die Wirkung, daß man endlich von der Kirchensteuerpflicht befreit wird. Der Ausgetretene ist nämlich zu persönlichen Kirchensteuern vom Schluß des laufenden Rechnungsjahres ab nicht mehr ver⸗ pflichtet. Der Austritt hat nur für den, der ihn erklärt, rechtliche Wirkung. Die Frau und schulerwachsene Kinder müssen, wenn sie aus⸗ treten wollen, dies ebenfalls persönlich erklären. Die Kosten betragen in Hessen 6 Mk., in Preußen 3 Mk. und Schreibgebühr. Es ist nicht richtig, wie mehrfach geglaubt wird, daß die Gebühren verringert würden, wenn etwa mehrere Personen zusammen ihren Aus⸗ tritt erklären. Nur für Mann und Frau bleibt der Betrag derselbe.

Die Kreiskonferenz am Sonntag war von 40 Delegierten aus 17 Orten besucht. Zum ersten Punkt der Tagesordnung erstattete der Vorsitzende Beckmann Bericht über das ver- flossene Halbjahr. Im Kreise bestehen jetzt 20 Vereine mit 831 Mitgliedern, es ist demnach eine erfreuliche Steigerung der Mitgliederzahl zu verzeichnen. Im Laufe des Halbjahres wurden zahlreiche Versaamlungen abgehalten, besonders zur Zeit der Landtagswahl. Die letztere sei leider nicht zu unsern Gunsten aus⸗ gefallen; einige Ortschaften versagten, die früher soztaldemokratische Wahlmänner wählten. Unsere Genossen müßten bei solchen Gelegenheiten be⸗ deutend mehr in Kleinarbeit leisten, zumal die Gegner meist mit Hilfe von Bürgermeister und Ortspolizist den letzten Mann an die Urne bringen. Der von Kassierer Bock hierauf er⸗ stattete Kassenbericht weist in Einnahme 856,35 Mark, in Ausgabe 750,03 Mk. nach. Es bleibt somit 106,32 Mk. Bestand. Die Unterstützungs⸗ kasse hatte 255,63 Mk. Einnahme, Ausgabe 121,50 Mk.(5 Sterbefälle à 20 Mk. Unter- stützung). Der Bestand der Sterbekasse beträgt 474,13 Mk. In der Diskussion wurde nament⸗ lich darauf hingewiesen, daß man sich nicht immer auf die Zentrale verlassen soll; es müsse ein jeder Genosse tüchtig arbeiten. Ferner wurde den Mitgliedschaften empfohlen, den Genossen bei Erwerbung der hessischen Staats ange⸗ hörigkeit an die Hand zu gehen. Dem Kassierer wird auf Antrag der Revisoren Ent⸗ lastung erteilt. Ueber die Preßfrage ent⸗ spinnt sich eine kurze, aber erschöpfende Debatte, die mit der Annahme eines Antrages endet, daß der Vorstand mit den übrigen Parteiinstanzen wegen Schaffung eines Tageblattes in Ver⸗ bindung treten soll. Schließlich wurde noch über 3 Anträge beschlossen. Der eine, von den Lol⸗ larer Genossen gestellte, will eine der beiden alljährlich abzuhaltenden Konferenzen in einem andern Orte des Wahlkreises abgehalten wissen. Der zweite von Altenbuseck ausgehende will eine allgemeine Maifeier am ersten Sonntag im Mat, die in Gießen stattfinden soll. Wahl des Parteitagsdelegierten durch die Gesamtheit der Genossen des Kreises, will ein dritter vom Gießener Wahlverein gestellter Antrag. Nach längerer Debatte werden sämtliche Anträge a b⸗ gelehnt. Darauf erfolgt Schluß der Konferenz.

Ein Eisenbahner gab uns neulich seine tiefe Entrüstung zu erkennen über den schofeln, denunziatorischen Artikel, den das Friedberger Bündlerblatt vor einiger Zeit brachte. Wir haben das kosakische Machwerk in Nr. 3 abgedruckt und gebührend zurückge wiesen. Mit Recht meinte der Eisenbahner, es set doch skandalös, wenn ein Blatt den Staats- arbeitern die Gleichberechtigung mit anderen Staatsbürgern abspreche und Maßregelung wegen politischer Gesinnung befürworte. Kein Arbeiter ließe sich die politische Bevormundung von seinem Arbeitgeber gefallen! Besonders

die kleinen Beamten spürten die antisemitisch⸗ bündlerische Lebensmittel ⸗Verteuerungspolitik am eigenen Geldbeutel. Und ihre Bezahlung sei wirklich nicht derart, daß ste höhere Preise bezahlen könnten. Privatarbeiter stünden sich meistens besser. Die meisten Eisenbahner hielten freilich zu den sogenannten Ordnungsparteien oder kümmerten sich überhaupt nicht um Politik, aus Furcht, entlassen zu werden. Trotzdem wären die Sozialdemokraten stets für Besser⸗ stellung der Unterbeamten eingetreten.

Das ist ganz richtig!

Auch im hessischen Landtage hat sich die sozialdemokratische Partei der Staatsarbeiter und Hilfsangestellten angenommen, deren Ver⸗ härtnisse sie zu verbessern sucht, indem ste be⸗ antragt: 1. Durchführung eines achtstündigen Normalarbeitstages. 2. Festsetzung eines je⸗ weils mit den Arbeiterausschüssen zu verein⸗ barenden Minimallohnes. 3. Zusicherung fester Alters⸗ und Pensiouszulagen. 4. Einrichtung von Arbeiterausschüssen, die aus geheimer Wahl hervorgehen und in allen Fragen der Arbeits⸗ und Lohnverhältnisse zu hören sind. 5. Garan⸗ tierung der freien Ausübung des polttischen und wirtschaftlichen Koalitionsrechts.

Ueber die Verhältnisse, unter denen die Eisenbahner zu leiden haben, schrieb kürzlich ein Hilfsbremser aus Königsberg dem gut patrliotischen BlatteEisen⸗ bahnfahrbeamte folgendes:Alte gediente Soldaten, welche Feldzüge mitgemacht, können trotz aller Bemüh⸗ ungen die Anstellung als Beamter nicht erreichen. Am betrübendsten ist es für uns alte Hilfsbremser, wenn man uns die durch das hohe Lebensalter ver⸗ ringerte körperliche Rüstigkeit vorhält... Tatsächlich aber besteht dieseVerringerung der körperlichen Rüstig⸗ keit nur, wenn es sich darum handelt, unsere Bitte um Anstellung abzulehnen. Im Dienst selbst wird darauf keine Rücksicht genommen. Da müssen wir das⸗ selbe tun wie die angestellten Beamten. Ja, wir alten Hilfsbremser haben gerade die körperlich anstrengendste Arbeit zu verrichten... Und was erhalten wir dafür? Nach langem Bitten bekommen wir ältesten Hilfs⸗ bremser in Königsberg 2,30 Mark Tagelohn. Daß wir mit unsern Familien damit, namentlich bei den Teue⸗ rungsverhältnissen, nicht auskommen können, kann sich ein jeder klarmachen. Oft genug herrscht Hunger im Hause. Unsere Frauen müssen, soweit es in ihren Kräften steht, mit verdkenen, aber trotzdem reicht es nicht. Um unsere Einnahmen nur ein wenig aufzubessern, drängen wir uns zum Dienst und setzen unsere letzte Kraft daran, um einige Groschen mehr her⸗ auszuschlagen. Und der Dienst als solcher? Oft genug haben wir... ununterbrochen in einer Tour 14 Stunden Dien st... Wie streng man uns sonst behandelt, geht unter anderm daraus hervor,

es aber nicht aus und muß etwas essen..

Kürzung des Stundengeldes ꝛc. Das genannte Blatt wir wiederholen, einpatriotisches meint dann noch, daß der Hilfsbremser seine Hoffaung auf den Minister setzt. Da wird der Mann wohl vergeblich hoffen, denn der Eisen⸗ bahnminister ist dazu da, hohe Ueberschüsse aus der Bahn herauszuwirtschaften. Da muß der Angestellte hintanstehen. Eine Besserung kann

sich organistert! Und vor allen Dingen muß

Volksvertretung kommen, die sich der Interessen

nehmen. Das haben aber bisher nur die So⸗ zialdemokraten getan!

Der Weg nach dem Gleiberg befindet sich bei nassem Wetter in einem uner⸗ hörten Zustande. Ein Schmutz kaum zum Durchkommen! Für die in der Stadt beschäf⸗ tigten Arbeiter, die den Weg jeden Tag zwel⸗ mal machen müssen, ist das eine wahre Plage. Ja, der Staat verpulvert zwecklos Hunderte von Millionen Mark in Afrika, alte Ruinen werden mit Aufwendung ungeheuerer Summen de aber für ordentliche Wege ist kein

eld da.

Aus dem Nreise gießen. J. Ein schönes Beispiel von Arbeitersol darität

gaben dieser Tage die Arbeiter der Zigarrenfabrik Haas in Heuchelheim. Dort wurde ein Arbeiter entlassen,

daß ein Hilfsbremser, der einen einstündigen Aufenthalt auf einer Station dazu benutzt hatte, sein mitgenommeneß Essen zu wärmen, in Strafe genommen wurde, weil er einen Teil der durch die Direktlon bezahlten, also ihr gehörigen Zeit für sich verwendet hatte. Mancher hät

Weiter beklagt sich der Einsender noch über

nur erzielt werden, wenn auch der Elsenbahner 4 er bei Wahlen dafür sorgen, daß Leute in die

der unteren Staatsbeamten und Arbeiter an⸗ 1

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