Ausgabe 
25.2.1906
 
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Nr. 8.

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MNitteldentsche Sonnags⸗Zeitung.

Seite 3.

marschierte, obwohl er sonst ein guter Soldat war, auf, die Beine besser zu werfen. Da die Mahnung keinen Erfolg hatte, rief ihn der Leutnant zurück. Da Gloy diesem Befehl an⸗ geblich nicht schnell genug nachkam, solte er einmal um den Kasernenhof Laufschritt machen. Darauf nahm Gloy sein Gewehr beim Lauf und schlug den Leutnant über den Kopf, daß dieser bewußtlos zu Boden stürzte. Dann ließ sich Gloy widerstandslos verhaften. Ueble Folgen hatte der Schlag für den Leut⸗ nant, der sich rasch erholte, weiter nicht. Gloy erklärte, er wisse nicht, wie er zu der Tat, die ihn sogleich reute, gekommen sei. Sein Bewußt sein reiche nur bis zu dem Marsch⸗Marsch⸗Befehl des Leutnants, dann sei es ihm schwarz vor den Augen geworden. Als er wieder zu sich gekommen sei, habe der Leutnant blutend am Boden gelegen. Leutnant Heerlein stellt dem Gloy ein sehr gutes Zeugnis aus; noch zwei Tage vor dem Vorfall habe er ihm einen Preis für gutes Turnen geben können. Das Gericht verurteilte den Angeklagten Gloy wegen zwei tätlichen Angriffen auf Vorgesetzte zu 7 Jahren 9 Monaten Gefängnis; Unter⸗ offizter Hansen erhielt wegen Mißhandlung 38 Tage Mittelarrest.

Man wird es nach dem Lesen des Berichtes für sehr wahrscheinlich ansehen müssen, daß der Soldat zur Zeit, als er den Schlag gegen den Leutnant führte, tatsächlich nicht zurechnungs⸗ fähig war. Er bekommt aber fast acht Jahre Gefängnis! Der Uateroffizier dagegen, welcher durch nichtswürdige Soldatenschinderei den Fall verschuldet hat, kommt mit ein paar Tagen Arrest davon. Derartige Gegensätze müssen jedes Rechtsgefühl empören!

Soldatenschinderei

ganz niederträchtiger Art war es, mit der sich vorige Woche das Mainzer Gouvernements⸗ gericht zwei Tage lang zu beschäftigen hatte, und die in den Jahren 1903 und 1904 die Rekruten der 4. Korporalschaft des 3. Fuz⸗ Art.⸗Regts. in Mainz über sich ergehen lassen mußten. Angeklagt waren der Unteroffizier Adolf Desch aus Wetzlar, der frühere Ober⸗ gefreite Adolf Schnug, in Bockenheim wohnhaft, und der frühere Obergefreite August Dehler. Es wurde in der Verhandlung fest⸗ gestellt, daß besonders Schnug sich im Erfinden von Bosheiten und Roheiten ausgezeichnet hat. Desch sah meistens den brutalen Mißhandlungen zu. Die Rekruten mußten u. a. morgens früher aufstehen als befohlen war, ferner wurden sie durch Griffmachen, auf die Erde legen usw. derart beschäftigt, daß es ihnen unmöglich war, ihren Kaffee zu trinken, nüchtern marschierten ste nach dem Uebungsplatz. Trotz⸗ dem der Platz kaum drei Minuten von der Kaserne in Weisenau entfernt liegt, brauchten die Leute dorthin zuweilen eine Stunde, da die Soldaten unterwegs hin⸗ und zurückgejagt wurden, sich im größten Schmutz auf den Boden legen mußten und ermattet dann auf dem Uebungsplatz ankamen. Mittags wurden die Leute so herumgehetzt, daß sie nicht zum Essen kamen und die Mahlzeit in's Spülfaß geschüttet wurde. Um den Rekruten das Ausgehen am Sonntag zu vertreiben, wurde ihnen Samstag Abend bei der Besichtigung der Kleider das Futtertuch aufgeschnitten, ofters ins Tuch hineingeschnitten, außerdem wenn ein Knopf nicht saß, sämtliche Knöpfe abge⸗ schnitten. Dabei hieß es:So, Ihr Hal⸗ lunken, Ihr Hunde, jetzt vergeht Euch das Ausgehen! Der Obergefreite Schnug riß auch öfters, wenn er nicht bei Laune war, die Betten heraus, die dann wieder aufgebaut werden mußten. 5

Beim Turnen mußte sich der Rekrut Brü⸗ ning an die Leiter hängen, Schnug kletterte dann auf die Leiter und trat den Brüning auf die Hände, bis dieser blau im Gesicht wurde. Als der Zeuge Br. diesen Vorfall erzählte, zitterte er dermaßen, daß er sich auf einen Stuhl setzen durfte. Einem andern Rekruten zwang Schnug ein Stück Kautabak zu ver⸗ zehren, so daß es ihm unwohl wurde. Auch für das Seelenheil der Leute war Schuug be⸗

sorgt. Einige der Rekruten mußten nieder⸗ knieen und beten, er gab ihnen dann Wasser zu trinken, dann überschüttete er die Knieenden mit Wasser. Schnug stellte vor Gericht seine Schuftigkeiten alsScherze hin. Das Gericht verurteilte ihn zu fünf Monaten Gefängnis, den Unteroffizier Desch, der eigentlich die Aufstcht zu führen hatte, zu drei Monaten Gefängnis. Dehler wurde freigesprochen. Erstaunlich und betrübend zugleich ist, daß die Gequälten sich nicht handgreiflich zur Wehre setzten und Stöße und Schläge nicht auf der Stelle erwiderten. Der Kadabergehorsam muß verschwinden und dem Soldaten das Recht gegeben werden, sich gegen solche Mißhandlungen selbst zu verteidigen, sonst wird nte eine Besse⸗ rung eintreten.

Die Landtagswahlen in Schwarzburg⸗ Rudolstadt

fanden am Freitag unter einer äußerst starken Beteiligung der Wähler statt. Nicht wenkger als 87 Prozent gingen zur Urne. Die Gegner hatten unter Führung des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie das überhaupt Mög⸗ liche aufgeboten. Nicht weniger als 13 Agenten dieses Verbandes machten seit Wochen das Ländchen unsicher und arbeiteten in der denkbar schmutzigsten Weise. Sie stellten die Tatsachen direkt auf den Kopf, Lügen und Verleumdungen gegen unsere Partet und deren Führer waren die Waffen. Unter solchen Umständen darf es nicht verwundern, daß der Mischmasch 1300 Stimmen zunahm, doch auch wir steigerten unsere Stimmen von 5726 auf 6521. Wir stegten in Rudolstadt⸗Ost(Bloß), Königsee⸗ Stadt(Venter), Königsee⸗Land(Frötscher), Oberweißbach(Finke), Katzhütte(Kaiser), Frankenhausen⸗Stadt(Böttcher), Schlotheim (Winter). Verloren hat unsere Partei den Kreis Rudolstadt⸗West. Hier ist Genosse Hart⸗ mann unterlegen, er kommt jedoch im Kreise Leutenberg in Stichwahl. Die sozialdemokra⸗ tische Stimmenzunahme bedeutet selbst gegenüber dem Verlust des einen Mandate einen glänzen⸗ den Sieg, denn die Gegner haben durch un⸗ glaubliche Wahlschlepperet auch den letzten Mann an die Urne gebracht.

Man hatte auch einen Wahlrechtsraub in diesem Fürstentumchen geplant. Der Ent⸗ wurf dazu war bereits vor den Wahlen fertig, und wären diese der Reaktion günstig ausge⸗ fallen, so wäre er ohne Zweifel schnell durch⸗ gepeitscht worden. Nun aber haben die Bürger⸗ lichen, wenn sie alle zusammengehen und wenn die eine Stichwahl für die Sozialdemokratie ungünstig ausfällt, nur neun von den sechzehn Landtagsstimmen, und diese Majorität reicht für eine Verfassungsänderung nicht aus. So⸗ mit bleibt die gefürchtete sozialdemokratische Majorität immer noch eine nahe Möglichkeit.

Von der Chemnitzer Wahl

lautet das amtliche Resultat für Noske(Soz.) 31629; Hermsdorf(Kons.) 10 397; Günther (Freis.) 9056 Stimmen. Gegen die Wahl von 1903 haben wir einen Stimmenverlust von etwa 2637 zu verzeichnen, den verschiedene Partei⸗ blätter sehr beklagten. Es ist aber nicht so schlimm damit. Bei der letzten Wahl hatten wir zehntausend Stimmen Zunahme, was man fast als unnatürlich bezeichnen darf. Ge⸗ wiß wäre es für uns erfreulicher gewesen, wenn wir wieder zugenommen hätten; aber verglichen mit dem Resultat der vorletzten Wahl haben wir unsere Stimmenzahl, die seit 1890 auf gleicher Höhe geblieben war, um 7000 gesteigert.

Präsidentenwechsel in Frankreich.

Der neue Präsident der französischen Repu⸗ blik, Fallières, hat sein Amt übernommen, was ohne jeden öffentlichen Tamtam vor sich ging. Denn sowohl der bisherige Prästdent Loubet wie auch Fallieres sind der Reklame abhold und fühlen sich wirklich als Republikaner. So beschränkten sie sich auf kurze Ansprachen. Der Form halber überreichte Ministerprästdent Roupfer dem neuen Prästdenten das Entlassungs⸗ gesuch des Kabinetts. Fallléres ersuchte die Minister im Amte zu verbleiben, was auch ge⸗

schah. Welch' ein Unterschied zwischen Deutsch⸗ land und Frankreich! Wenn bei uns irgend 25 kleines Fürstchen dieRegierung übernimmt, gibt es wenigstens acht Tage Festlichkeiten.

Kleine politische Nachrichten.

Der frühere bairische Kriegsmluister v. Asch ist! am Sonntag plötzlich am Schlagfluß verstorben. Er gab s. Zt. infolge eines Konflikts mit dem Zentrums abgeordneten Pichler seine Entlassung, obwohl Pichler bei der Affäre auch nicht gut abschnltt.

Zwei Anarchisten in Berlin, Goldarbelter Poßwaag und Hutmacher Fritz Müller wurden wegen Aufrelzung zu je 6 Monaten Gefängnis verurteilt.

Sozialdemokratische Wahlerfolge. Bei der Gemeindewahl in Straß burg am Sonntag errang die Sozialdemokratie einen bedeutenden Erfolg. Trotz der verzweifeltsten Anstrengungen der Gegner und trotz eines zwischen Liberalen und Klerikalen abgeschlossenen Bündnisses gelang es unserer Partei, ein im Vorfahre für ungültig erklärtes Mandat mit 1947 gegen 1842 Stimmen wieder zu erobern. Und in dem andern zur Wahl stehenden Bezirke, wo vier Bürgerliche gewählt wurden, einer Domäne des Liberalismus, steigerten sich unsere Stimmen um mehr als 40 Prozent, während sich die Liberalen nur mit Mühe und Not auf ihrer früher erreichten Höhe behaupten konnten. Die Ergänz⸗ ungswahl war von der Regierung lediglich deshalb an⸗ gesest worden, um im Herbst bei der Landesausschuß⸗ wahl die Wahl des Sozialdemokraten, die sonst todsicher gewesen wäre, zu verhindern.

Revolution in Rußland.

Den Zarenhenkern fallen fortgesetzt massenhaft Menschen in den baltischen Provinzen zum Opfer. In Hasenpot wurden am 16. Februar 32 Personen erschossen, und am 17. weitere 3 Personen darunter ein Schullehrer. Bei Grobin wurden am 20. Februar 8 Menschen erschossen und in Riga vier. Wann wird der schuftigen Mörderbande Einhalt getan werden? In Otschakow begann am Dienstag vor dem Marinekriegsgericht der Prozeß gegen den Leutnant Schmidt, 37 Matrosen von der Bemannung des Kreuzers Otschakow.

Leo Deutsch, dem Verfasser des berannten BuchesSechzehn Jahre in Sibirien, ist es abermals, zum dritten Male, gelungen, sich aus den Händen der zarischen Häscher zu befreien. Der Petersburger Listok gibt folgende zuver⸗ lässige Erklärung seiner Flucht: Um den im Januar sich häufenden Verhaftungen zu ent⸗ gehen, traf Genosse Deutsch Vorbereitungen zu einer Reise ins Ausland. Zu diesem Zwecke wollte er sich einen auf den Namen Menschikow lautenden Paß verschaffen. Der Paß wurde ihm auch ausgefertigt, aber die Gendarmen verfolgten die Person, die den Paß abholte, und ermittelten dabei, daß Genosse Deutsch gerade einer Probe im Neuen Theater bei⸗ wohnte. Unverzüglich führten die Gendarmen ihn gefangen ab. Im Polizei⸗Departement er⸗ klärte man seine Verhaftung damit, daß sich die Amnestie vom Oktober v. J. auf ihn nicht anwenden lasse. Nach einer Haft von zehn Tagen gelang es Deutsch jedoch, am 29. Jan. zu entkommen. Als er während der Unter⸗ suchungshaft der Geheimpolizei zum Verhör vorgefuͤhrt wurde und sich ganz allein im Zimmer befand, benutzte er einen unbewachten Augenblick, um seine Hand durch ein zerbrochenes Türfenster zu stecken und die Tür zu öffnen. Ungehindert gelangte er alsdann auf den Hof und schließlich auch auf die Straße, wo ein Schlitten wartete, der ihn zur nächsten Station der finnländischen Eisenbahn brachte. Von Finnland führte ihn dann seine Flucht über Stockholm weiter, sodaß er jetzt für die Blut⸗ hunde des Zaren unerreichbar ist.

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Soziales.

Ein unverschämter Agrarier. Wie die preußischen Agrarier ihre Arbeiter bewerten und wieherrlich die Arbeitsverhältnisse auf den Höfen der Gutsbesttzer find, geht aus einem Brief hervor, der in der letzten Nummer der Allg. Deutschen Gärtnerzeitung veröffentlicht ist. Der Gutsbesitzer Karl Balke, Gr. Garz bei Krüden in der Altmark schrieb an den Ar⸗

beitsnachweis der Gärtner folgendes: