Ausgabe 
25.2.1906
 
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Mittel deutsche Senntags- Been ·

tanischer sckwarzer Suppe leben und aus angeblicher Feindschaft gegen den Handel nichts importieren? Wenn eine Partei für die Freiheit des Handels eingetreten ist, so war es gerade die Sozialdemokratie. Gleich un⸗ wissend zeigte sich Herr Bassermann, der fürchtete, wir würden in einem kleinen Staate wie Hamburg oder Lübeck eine Art Generalprobe auf den Zukunftsstaat machen. Da würden die Preußen wohl rasch einrücken. Herr Bassermann behauptete, die Nationalliberalen seien stets für zeitgemäße Wahlrechtsreformen eingetreten. Sie waren es, die 1895 im Bunde mit den Konservativen den sächsischen Arbeitern ihr Wahlrecht geraubt haben! Fürchten Sie unsere Alleinherrschaft, so führen Sie doch das Proportionalwahlrecht eln! Werden Sie also doch nicht gleich nervös über jeden Sozialdemokraten im Parlament mehr. Aber freilich, Ihnen ist der Gedank⸗ schrecklich, es könnten einmal 50 Sozialdemokraten im Abgeordnetenhause sitzen. Nein? Nun, dann lassen Sie uns doch hinein!(Sehr gut! links.) Man sagt, wir seien die schlimmsten Feinde der Sozialpolitik. Aber wer glaubt, das Bürgertum liebe die fortschreitende Sozlalreform, kennt es nicht oder belügt sich. Früher, namentlich wenn sie sich um unsre Stimmen bewarben, haben die Nationalliberalen sich ganz anders über uns ausgelassen. In Baden z. B. waren wir die guten lieben Freunde und Brüder.(Heiterkeit.) Und die viel⸗ gerühmtemildere Tonact der süddeutschen Sozial⸗ demokratie ist doch nur eine Folge ihrer besseren Be⸗ handlung durch den Staat.

Herr Bassermann warnte so sehr vor der Revolution. Diese Angst vor der Revolution hat er ererbt. Schon seine Vorfahren fürchteten die Revolution daher die Bassermannschen Gestalten. Um das Ziel der russischen

Kämpfe in die eigenen Wünsche aufzunehmen, braucht

man kein Sozialdemokrat, kein Liberaler, nur ein Menschenfreund zu sein. Wenn Sie daran denken, wofür Ihre Väter 1848 kämpften, müßten Sie mit uns das fluchwürdige Regiment des Zaren aufs tiefste hassen. Denken Ste doch an alle die andern bürgerlichen Revo⸗ lutionen. Trat nicht mit dem 18. März, dessen Jahres⸗ tap wir demnächst feiern werden, Preußen in die Reihe der modernen Staaten ein? Aber freilich, wenn man die Nachkommen der Revolutionäre, die Mugdan und Bassermann, jetzt arsieht, so fällt einem das Herz in die Hosen.

Herr Bassermann zitierte viel aus der sozialdemo⸗ kratischen Presse. Aber alle L iistungen unserer Presse und unserer Redner sind nur ein Säuseln gegenüber dem Sturmwind der jungen bürgerlichen Demokratie. Läse ich Ihnen Proben aus der Jugendzeit der Jordan, Rudolf v. Gottschall, Dingelstedt usw. vor, Ihre Haare würden sich sträuben, soweit Sie sie noch haben. Soll ich Sie au alle die Märtyrer und Vorkämpfer Ihrer Revolution erinnern? Wahrlich, hätten Sie noch eine Spur freiheitlichen Empfindens in sich, Sie müßten Ihre Geschichte lobpreisen! Einst bot Miquel sich Marx zur Organisierung von Baucrnaufständen an, aber noch

10 Jahre später alsgefestigter Mann drohte er den

Hohenzollerudas Schicksal der Bourbonen an. Da sollten Sie sich doch hüten, mit solchen Waffen gegen eine Partei zu kämpfen, die zunächst nur eine große Zahl von Forderungen des Bürgertums durchsetzen will. Aber das Bürgertum geht immer mehr zurück in den Sumpf und darum(laubt es, wir würden immer revolutionärer. Der Freisinn erklärt das allgemeine

Wahlrecht für eine Notwendigkeit; aber seit Rickerts

Tode hat er nichts dafür getan. Schon 1872 hat Ziegler, als der Freisinn uns wieder einmal im Bunde mit der Reaktion verriet, empört zu mir gesagt:Wenn Ihr einmal die Macht habt, hängt Ihr uns ja alle an die Laterne! Na, das habe ich ihm dann auch versprochen,(Stürmische Heiterkeit.) Wir wollen keinerlei Vorrecht, auch keins des Geschlechts. Aber der Freisinn leistet der Reaktion lieber Vorspann. Wir wissen ja, daß wir bet den nächsten Wahlen mit einer geschlossenen Gegnerschaft aller bürgerlichen Parteien zu rechnen haben werden. Aber je klarer die Situation, desto besser für uns, und je mehr Sie sich mit der Reaktion kompro⸗ mittieren, desto mehr freuen wir uns.

Es war mir charakteristisch, daß Graf Posadowskys Rede eine klare Absage an das allgemeine Wahlrecht in Preußen enthielt. Nur dann soll die Arbeiterklasse ihr Recht erhalten, wenn sie ihr ganzes politisches Glaubens⸗ belenntnis verleugnet. Niemals aber darf die Gesinnung, das Bekenntnis zur Voraussetzung politischer Rechte ge⸗ macht werden. Graf Posadowsly wählt selbst in der dritten Wählerklasse. Aber die Hunderttausende deuischer Arbeiter empfinden das Entwürdigende einer solchen politischen Entrechtung.

Am 21. Januar haben die herrschenden Klassen und Männer ihre ganze Gewalttätigkeit verraten, haben sich dem Hohngelächter der ganzen Welt preisgegeben. Mein Gerechtigkeitsgefühl aber zwingt mich, von dieser Stelle aus dem Berliner Polizeipräsidenten meine allerhöchste Anerkennung auszusprechen.(Stürmische Heiterkeit im ganzen Haufe, die lange Zeit sich immer wieder erneuert.) Mit seiner Besonnenheit verdanken wir es der freiwilligen Disziplin des Proletariats, daß

1 ö lief. D letariat 242 b. 8 d e g deb, ben ene Politische Nundschau.

die Gesetzlichkeit tötet Sie. Stöcker sollte uns wirklich

nicht für kreuzhageldumm 10 e 1165 Gießen, den 22. Februar 1906. die Kleinkalibrigen vorzugehen. en Kindern ist n von ihren sozlaldemekratischen Eltern, sondern von ihren Zur Reichserbschaftssteuer

Lehrern die Angst vor dem 21. Januar eingejagt 5 worden. Ich war immer ein großer Lehrerfreund, aber 1 95 ende un el Reichstags

am 21. Januar haben sie ein ungeheueres Maß von. Borniertheit gezeigt. Stöcker hat wirklich hier nicht J. Die Erbschaftssteuer beträgt:

als Ehrist geprochen. Sein Fanatismus zeigt sich in für jede Nachlaßmasse im Werke von

ne ans vom Hundert 2001 bis 3000 Me. seinem verzerrten Gesicht. Fürst Bülow merkt die agra b) eineinhalb. 3001 5000

rische Fliege hinter seinem Rücken, aber, wenn die Ar⸗ 5* beiter Befreiung aus ihrem Helotentum fordern: hat er 0 1 5 2 N 3. 29995 1 eine Rhinozeroshaut und der Freiherr v. Heyl findet, 5 4 2 20 001 5 30000 7 daß ihm die Rhinozeroshaut ausgezeichnet steht. Aber 3 fünf 5 2 30001 4 40000 1 die Bewegung ist im Fluß, und wenn nicht anders, 155 7 8 40001 2 50000 0 wird sie in einer neuen 4. August⸗Nacht endigen. Der 50 siebe 1 5. 50001 9 75000 2 Arbeiter fühlt sich als Staat 3bürger, er verlangt J acht 2 5 75001 2 100 000* seine Menschenrechte und wird sie sich nehmen, wenn] I neun 2. 100001 2 200 000 2 man sie ihm nicht gibt. Wir erobern uns die Zukunft, 9 zehn 25 25 200001 5 300 000 5 wir erobern uns unser Recht! 5 10 af 4 1 300001 6 400 000 7

Der Hamburgische Senator Klügmann sah n) zwölf 5 1 400 001 500 000 ein, daß es für ihn ein vergeblicher Versuch[o) dreizehn, 1 500 001 1000 000 gewesen wäre, die wuchtigen und eindringlichen[p) vierzehn 1 1000 001 5000 O00

Ausführungen Bebels zu widerlegen. Er) fünfzehn 5000 001 10 000 000 stammelte daher blos einige verlegene Bemer⸗) sechzehnn 10000 001 Mt. und darüber. kungen. Und die auf die prächtige Rede Bebels Mit dem Inkrafttreten dieser Steuer sollen folgende Debatte sank schnell von der Höhe die Salzsteuer und der Petroleumzoll herab. Der alte Nationalliberale Büsing außer Erhebung kommen.

hielt eine überpatriotische Pauke. Er wurde Nach einem Antrage des Zentrums soll gar poetisch und gab Kyffhäuserphantasten zum die Erbschaftssteuer so gestellt werden, daß sie besten, statt sich mit der aktuellen Prosa der statt der 48 Millionen Mark, die die Regierungs: Wahlrechtsfrage zu befassen; sein Fraktions. vorlage als Ergebnis vorgesehen hat, 132 genosse aus Hamburg, Semler, feierte das Millionen Mark einbringen soll. 4 Geldsackswahlrecht als historische Eigentüm⸗ Eine ganze Liste Steuerprojekte sind noch lichkeit der Elbstadt, wie der obotritische Junker eingebracht worden. Ein Zentrumsmann hat v. Malzan für die historischen Eigentümlich⸗ z. B. die Ansichtspostkarten⸗Steuer aus⸗

keiten des Landes mit dem Ochsenwappen ein⸗geheckt, die auf jede Karte 2 Pfg. betragen soll. 1

trat. Prügelheld Bruhn flegelte in gewohnter Außerdem soll noch die Wehrstener einge⸗ Weise und Liebermann v. Sonnenberg weinte führt werden, die 30 Millionen Mark ein⸗ i außen kreft 5 cen A. d bringen soll. nigermaßen kräftig sprachen Dr. Pachulcke von der Freisin igen Vereinigung, der darauf Zum Landtagswahlkampf in Bayern hinwies, daß Mecklenburg hinter Montenegro ruft unser dortiger Landes vorstand die Partei⸗ und[Persien marschiert, und der elsässische] genossen auf. Die nässten boherischen Wahlen Demokrat Dr. Blumenthal, der die schwarzen werden vermutlich im Mat 1907 statt finden. Listen der reichsländischen Behörden erwähnte. Zum ersten Male könne bei den direkten Diese schwarzen Listen erklärte alsdann der] Wahleu die Partei ihre Landtagswähler genau Geheimrat Halley für eine notwendige reichs⸗ zählen. Um so mehr bestehe die Pflicht, völlig ländische Institution. selbständig in die Wahlen einzutreten. Die * e 105 e e den Donnerstag wurde die Beratung der ein⸗ Hauptgrund des Wahlabkommens mit anderen zelnen Etats⸗Titel des Reichsamts des Innern Parteien. Die ersten Wahlen auf Grund 13 fortgesetzt und ein Antrag auf Reviston des direkten Systems müßten zur eee 2 Weingesetzes erörtert. Dazu hielt unser Genosse parlamentarischen Einflusses der baverishen

f. Ehrhardt eine mit witzigen Bemerkungen Sozialdemokratie und damit zur rascheren Ver⸗ 1

gewürzte Rede, in der er die Ehre des Pfälzer wirklichung unserer Programmforderungen bei⸗

Weins, die von vielen Weinpantschern xampo⸗ tragen. a

i 17 zu 8 5 feel Die 0 f Militärisches Schreckensurteil. arüber dauerte auch am Freitag noch ere; Vor dem Kriegsgericht in Lübeck kam am an welchem Tage Dr. David von unserer 16. Februar der Fall 115 Verhandlung, der

Seite sprach. Beim Reichsgesundheitsamt am Samstag kritisterte Genosse Hu in vor⸗ in ganz Demischtand großes Aufsehen erreßt

züglicher Rede die Gesundheitsverhältnisse im bach N gage n 5 J 5 Ruhrrevier und hielt gegenüber den Ausstellungen Leue lein nie des edlen Brüderpaares Beumer Stöcker seine Maunschaft beltebten 10 wege 1 Ausführungen über die grauenerregenden Zu⸗ dergeschlagen und hatts sich de 1 08 ben stände auf den Walzwerken und in den Zink⸗ antworten. Auf der Anklagebank hatte neben hütten vollinhaltlich aufrecht ihm der Unteroffizier Hansen Platz nehmen 7 müssen, um sich wegen vorschriftswidriger Be⸗ Am Montag wurde von unseren Genossen] handlung Untergebener und wegen Urderlasseug 5

Kästen, Stadthagen und Molkenbuhr einer Meldung zu verantworten. Dem F auf eine Reihe Mißstände im Versicherungs⸗ liegt folgender Tatbestand zu Grunde: Unter- wesen und der Rechtssprechung hingewiesen. offizter Hansen ließ am 6. Jau, morgens auf Unsere Reduer wiesen ferner die von bürger⸗ der Mannschaftsstube Griffe üben. Obwohl 5 licher Seite gegen die Sozialdemokratie er⸗ Gloy die Sache machte, so gut er konnte, erhielt hobenen Angriffe zurück und zeigten, daß nicht er von Hansen einen Stoß gegen die Brust, die Sozialdemokratie, sondern die bürgerlichen] daß er rückwärts an einen Schrank fiel. oh Parteien und besonders das Zentrum schuld stieß darauf mit dem Gewehrkolben nach den sind, an der Verschlechterung der Versicherungs⸗ Unterofftzier. Sofort ließ er dann die ganze

gesetze. Posadowsky kündigte dieReform] Korporalschaft in die Kniebeuge gehen und

des Krankenkassengesetzes au. Am in dieser Stellung ungefähr eine halbe Dienstag wendete sich Abgeordn. Ledebour Stunde Griffe üben. Infolge dieses gegen eine neue Forderung von 200 000 Mk.Schleifens waren die meisten Leute bei der für den Ausbau der Hohkönigsburg im darauf auf dem Kasernenhofe folgenden Uebung Elsaß. Er verlangte, daß der Kaiser, wie es unter dem Kommando des Leutnants Heerlein die Regierung früher versprochen habe, den schlapp. Sie marschierten so schlecht, daß es Rest der Bausumme selbst bezahlen solle. selbst einem anderen Korporalschaftsführer auf⸗

N fiel. Leutnant Heerlein, der von der voran⸗ egangenen langen Uebung keine Ahnung halte, forderte Gloy, der besonders schlecht

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