Ausgabe 
24.6.1906
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung.

Nr. 25.

Von Nah und Fern.

Humor im Lohnkampf.

In Mannheim wo jetzt die Weißbinder schon 10 Wochen streiken, stellte ein Tüncher⸗ meister, um die an seinem Hause auf und ab⸗ marschterenden Streikposten zu verhöhnen, ein rot angestrichenes Schilderhauns auf die Straße. Die Streikenden säumten nicht lange, diese Einrichtung in Gebrauch zu nehmen. Die nächste Ablösung marschierte mit blumen⸗ geschmückten alten Schießprügelhn auf, die um billiges Geld bei einem Trödler erstanden worden waren, und der Meister erhielt einen Doppelehrenposten. Die Polizei fand aber ein Haar darin, daß sich eine große Menge vor dem Hause ansammelte und sich an der spassigen Ehrenwache belustigte. Sie zwang den Meister, das Schilderhaus wegzunehmen, und die Posten, ihre Schießeisen heimzutragen.

Der versilberte Innungsbecher.

Die Breslauer Fleischerinnung hat einen Innungsbecher um 15000 Mark an den Münchener Antiquitätenhändler Leopold Stern verkauft. Nun verlangte ste die Rückgabe, weil sie zu dem Verkauf nicht berechtigt gewesen wäre. Stern verweigerte die Rückgabe. Es kam zur Klage und am Mittwoch sollte die Verhandlung stattfinden. Inzwischen hat die Fleischerinnung vom Stadtmagistrat Breslau wegen des Ver⸗ kaufs, zu dem sie nicht berechtigt gewesen sei, ein Strafmandat von 150 Mk. erhalten. Gegen dieses hat die Fleischerinnung mit der Begrün⸗ dung Einspruch erhoben, daß sie berechtigt ge⸗ wesen sei. Es wurde deshalb beschlossen, bis zur Entscheidung des Breslauer Prozesses die Münchener Verhandlung auszusetzen.

Sozialdemokratie und Freidenkertum,

zugleich eine Betrachtung über das Wesen des Letzteren. Von einem Freidenker.

Im Hinblick auf das 25jährige Bestehen des deutschen Freidenkerbundes, das vor wenigen Tagen, vom 9. bis 12. Juni 1906, in Stettin gefeiert wurde, ist es wohl angebracht, über die Beziehungen zu reden, die zwischen der Sozialdemokratie und dem Freidenkertum be⸗ stehen. Auf die langdauernde Mißstimmung, ja Feindschaft, die einst die Arbeiterschaft gegen⸗ über den Freidenkern hegte, näher einzugehen, ist überflüssig, denn alles Wissenswerte darüber ist nachzulesen in dem prächtigen Aufsatz von Fr. Wilh. Gerling)(Wiesbaden). Hier soll vielmehr die Rede sein von den Ursachen, die auch jetzt noch weite Kreise der Arbeiterschaft von allen freidenkerischen Bestrebungen fern halten. Das ist um so mehr der Erörterung bedürftig, als der einst starren Opposttion settens der Arbeiter gegenüber den Freigeistern doch schon seit langer Zeit gegenwärtig ein intenstves Begehren nach Aufklärung auf allen Gebieten des Wissens, der Kunst, der Religion usw. sich innerhalb des arbeitenden Volkes kundgibt. Trotz der bedeutenden Arbeiten hervorragender Naturforscher, die es sich zur Aufgabe machen, die Naturerkenntnis und deren Gesetze immer mehr im Volke zu verbreiten, speziell die ma⸗ türliche Entwickelungsgeschichte des Menschen klar zu 50 5(vor Allem: Darwins Haupt⸗ werk(1859):Ueber die Entstehung der Arten im Tier⸗ und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampf um's Dasein; ferner die Werke derjenigen Forscher, die Darwin's Er⸗ gebnisse fortsetzen: Haeckel'sNatürliche Schöpfungsgeschichte(1868), Welträtsel 1899) undLebenswunder, Büchner's Arbeiten, Wilh. Bölsche's Aufsätze ꝛc.), verhält sich die Arbeiterschaft im Großen und Ganzen recht bassiv. Umso auffallender ist diese Tatsache, als ja die Meisten unter ihnen innerlich schon längst jedes Glaubensbekenntnis abgestreift haben

) In der ZeitschriftDer Freidenker, Doppel⸗ nummer 11 und 12 vom 1. Juni 1906. Zu beziehen bei jedem Postamt, auch von der Gießener Freidenker⸗ Vereinigung. Schriftführer: Herr Siegel, Löberstr. 26.

und die Befreiung des Individnums von allen Ketten kirchlicher, polizeilicher und sonstiger Willkür sehnsüchtig herbeiwünschen, d. h. mit anderen Worten: Freunde einer allgemeinen Menschheitserneuerung sind.

Dem kundigen Betrachter fällt da sofort als deutliche Erklärung für diese Erscheinung ein Satz in's Auge, der in dem Programm der sozialdemokratischen Partei festgelegt ist:

Religion ist Privatsache). Das soll doch heißen: Das Glaubensbekenntnis irgend Jemandes ist eine reine Angelegenheit seiner selbst und hat weder einen anderen Menschen noch den Staat irgend etwas zu kümmern. An und für sich ist dieser Satz gewiß ein sehr eklatanter Ausdruck des allgemeinen Freiheits⸗ dranges, der für das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts so charakteristisch ist.

Und die Wirkung dieses programmatisch verkündeten Satzes? DieReligion wurde so sehr zurPrivatsache, daß die Sozialdemokratie, getreu ihrem Beschluß, jede Erörterung religiöser Fragen perhorreszierte(ablehnte) und sich nur mit den sozialen Angelegenheiten nach wie vor beschäftigte.

Es fragt sich aber: Ist die Voraus setzung für diese Auffassung richtig? Ist unter dem WorteReligion immer und überall der Be⸗ griffGlaubensbekenntnis zu verstehen? Nach der Auffassung der Gläubigen und der Mog Zahl Gedankenloser zweifellos. Welche religlöse Gemeinschaft es auch gibt, ob Protestanten, Juden, Katholiken oder sonstige Anhänger irgend eines Religionssystems, immer wieder ist der Glaube an das Vorhandensein eines Gottes oder mehrerer Götter das Wesentliche der Religionen. Der oder die Götter erschaffen die Welt und alles, was auf ihr existiert, ste sind allmächtig, thronen über der Erde und gebieten über Leben und Tod. Mit einem Glauben wird natürlich Niemand geboren, vielmehr wird jener anerzogen, d. h. die Phan⸗ tasie des Kindes wird mit allen möglichen biblischen Vorstellungen und Begriffen so stark überschwemmt, daß sie den Verstand in Sachen der natürlichen Vorgänge völlig unterjocht und derGlaube ist da.

Wer trotz der mächtig fortschreitenden Auf⸗ klärung, die uns die Naturwissenschaften brachten und noch täglich darbieten(z. B. der durch Darwin begonnene und durch Haeckel in seinerGenerellen Morphologie der Organismen (1866) im Einzelnen erbrachte Nachweis, daß jeder Mensch ursprünglich aus niederen Tier⸗ formen stamme und erst durch allmähliche Ent⸗ wickel ung aus jenen, die dem Neugeborenen eigentümliche Beschaffenheit aufweise) wer trotzdem an der bliblischen Schöpfungsgeschichte mit allen ihrenWundern ehrlich festhält, von demAllmächtigen Hilfe in der Not und Bedrängnis erwartet, wenn er, der sterbliche Mensch, dieses oder jenes gute Werk tut, der wird natürlich niemals von einem Freidenker eines Anderen belehrt werden können. Hier ist also der Satz:Religion ist Privatsache voll⸗ kommen verständlich und berechtigt.

Ganz anders aber wirkt der Spruch da, wo es sich um dieReligion der sogenannten Gläubigen handelt. Bekanntlich gehört ihr Glaube zum guten Ton, genau so, wie moderne Kleider, Hüte ꝛc. Die infame Lüge ist also da, denn das Leben dieser Leute ist mit ihrem geheuchelten Bekenntnis unver⸗ einbar. Hier eine Privatsache konstituteren, indem man sich nicht um die Heuchelei jener kümmert, heißt dieser Tür und Tor öffnen und sich an dem kulturellen Fortschritt schwer ver⸗ gehen. Kampf ist hier die einzige Lösung, also vorher: Zusammenschluß aller freidenkeri⸗ schen Kräfte.

Das kührt uns zu der wichtigsten Gruppe, der übergroßen Mehrzahl der Arbeiter. Sie sind wirkliche Freidenker, d. h. frei zum Denken, nicht etwa, wie unsere Gegner zu behaupten wagen: frei vom Denken!Frei

) So steht dieser Satz nicht im Programm. Es heißt vielmehr: Die Sozialdemokratie fordert: Er⸗ klärung der Religion zur Privatsache. Doch ist die Auslegung, die der Verfasser unserer Pro⸗ grammforderung gibt, durchaus richtig.

zum Denken sind ste insoweit, als ste sich von

dem Zwang irgend einer erstarrten Lebensformel kirchlicher oder sonstiger Art( Dogma) be⸗ wußt losgemacht haben und nun erst fähig werden, ihr ganzes Denken und Fühlen unter eigene Gesetze zu stellen, die ewig wechseln je nach der bunten Beschaffenheit der Einzelwesen (Individuen), immer aber die Freiheit eigener Bestimmung zum Ziele haben. Die Freidenker

zählen nach Millionen gleich ihren Gestnnungs⸗

genossen in allen übrigen Gesellschaftsschichten,

die Geistlichen nicht ausgenommen! (Fortsetzung folgt.)

2 1 r Zwischen Beichte und Kommunion. Nach einer wahren Begebenheit von E. Rieger.

(Schluß.)

An einem Sonntag im Herbst wurde Marie Dörfler die Mutter des Knaben vor den versammelten Gemeindeausschuß geladen. Die Taglöhnerin erschten. Der Vorsteher der Ge⸗ meinde ein robuster Bauer stellte an das Weib die Frage, ob ste einwillige, daß Adolf nach Brünn überstellt werde. Die Mutter er⸗ schrak nicht wenig. Sie hatte von der Absicht der Dorfregierung wohl schon früher gehört, aber ste wollte nicht daran glauben, daß man ihr Kind ernsthaft von ihr trennen wolle. Ihr

ind, das ihrem Herzen so nahe stand! Von ihrem einzigen Kinde sich trennen? Nein, das wollte sie nicht. Und so weigerte sie sich ent⸗ schieden, ihre Einwilligung zu erteilen.

Daß die Mutter sobeschränkt sein werde, darauf waren die Bauern nicht gefaßt gewesen. Doch der Vorsteher ließ sich nicht irre machen.

Wir brauchen Dich nicht, erklärte er un⸗ wirsch der geängstigten Mutter,wir werden den Vormund fragen.

Auf den Vormund setzten die Bauern ihre Hoffnung. Aber auch der Vormund ein Onkel des Knaben verweigerte seine Zu⸗ stimmung.

Die Bauern ließen indes nicht locker. Sie hatten es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, das Kind der Taglöhnerin zuretten und waren von ihrem Vorhaben nicht abzubringen. Sie traten mit der Obervormundschaft in engere Verbindung. Und die bewog den Vormund einen Taglöhner und armen, eingeschüchterten Menschen, zurückzutreten. Der Mann ließ sich überreden. g

Zum neuen Vormund wurde ein Bauer aus Strozengrund bestellt, und er willigte in die Ueberstellung seines Mündels nach Brünn ohne Zögern ein. Die Bauern hatten den rechten Vormund gefunden, das Schicksal des kleinen Adolf war bestegelt. Die Arbeiterin mußte sich mit dem Gedanken vertraut machen, ihr Liebstes zu verlieren.

III.

Acht Tage vor Ostern am Palmsonntag wurde die Mutter desgefährlichen Knaben abermals vor den versammelten Gemeindeaus⸗ schuß geladen. Wieder fragte sie der Vorsteher, ob sie die Einwilligung zu der Trennung von ihrem Kinde erteilte. Und wieder antwortete ste mit einem entschiedenen Nein.

Wenn Du ihn nicht Hergos, so wird der Censdarm ihn holen, erklärte kategorisch das Oberhaupt des Dorfes. Und als die Mutter darauf wissen wollte, an welchem Tage man den Jungen abholen werde, erhielt sie zur Ant⸗ wort:In der Mitte der Woch.

Für den folgenden Tag war die Schuljugend von Strozengrund zur Beichte und Kommunion bestimmt. Sie mußte am frühen Morgen um halb fünf Uhr nach dem benachbarten Pfarrdorf aufbrechen. Die Kinder legten in gehobener Stimmung den Weg gemeinsam und in Begleitung ihrer Angehörigen zurück. Alle angetan mit dem sonntäglichen Gewande.