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Mitteldenische Sountags⸗Zeitung.
Nr. 24.
Non Rah und Lern.
Hessisches.
— Erfolg sozialdemokratischer Kritik. Wie erinnerlich, brachte die Mainzer „Volkszeitung“ die Meldung, daß in den hesst⸗ schen Domänenwaldungen oftmals eine unpünkt⸗ liche Auszahlung der Löhne erfolge. In dieser Frage waren unsere Genossen im Landtag auch vorstellig. Jetzt wird berichtet:„Infolge ein⸗ gelaufener Beschwerden, daß die in hessischen Staatswal dungen beschäftigten Holz⸗ und Kulturarbeiter durch die Schuld einzelner Ober⸗ förstereien 6 bis 11 Wochen warten mußten, bis ihnen der Lohn ausbezahlt wurde, hat die oberste Forstbehörde jetzt durch eine generelle Verfügung angeordnet, daß die Abnahme der Arbeiten durch die Forstbeamten so zeitig zu geschehen habe, daß den Arbeitern der Lohn entweder ganz oder teilweise höchstens alle 14 Tage zur Auszahlung gelange.“ Warum geht es denn jetzt!
— Gemaßregelter Pastor. Der liberale Kandidat bei der Darmstädter Reichs⸗ tagsersatzwahl, Pfarrer Korell in Königstädten, hat vom Oberkonsistorium einen Rüffel er⸗ halten und zwar wegen seines Verhaltens bei der Stichwahl. Hierbei habe er, wie es in der langen, in der Darmstädter Zeitung veröffent⸗ lichten Begründung heißt, seine Pflichten als Geistlicher verletzt, weil er nicht gegen die revolutionäre, religions⸗ und kirchenfeindliche Sozialdemokratie Stellung genommen habe und dadurch die Meinung aufkommen ließ, daß er deren Sieg billige. Deshalb wird er mit einem Verweise bestraft. Also: der Geistliche, der Diener der Kirche, Verkünder des Evangeliums, muß die Interessen und die Politik der b e⸗ sitzenden und herrschenden Klassen ver⸗ ireten oder er ist unmöglich!— Herr Korell soll nach Mitteilung eines Frankfurter Blattes „den Kampf für seine Ueberzeugungstreue bis zum äußersten Ende durchführen“ wollen. Man wird ja sehen, was er zu diesem Zwecke unter⸗ nehmen wird.
— Einige gewerbsmäßige Ver⸗ leumder der Sozialdemokratie werden sich demnächst in Darmstadt vor Gericht zu verant⸗ worten haben. Es handelt sich um die gemeinen Verleumdungen, die vor Kurzem von Darmstadt aus gegen den Genossen Berthold in die Welt gesetzt wurden und diesen als Trunkenbold und Rowdy hinstellten. Als Haupttäter kommt der Jouralist Haunemann in Betracht, der sich Inhaber eines Redaktionsbureaus für die Heyl⸗ sche Wormser Zeitung nennt. Außer gegen diesen hat Rechtsanwalt Dr. Fulda als Ver⸗ treter Bertholds noch gegen einige andere ehren⸗ werte Darmstädter Bürger, die sich bei der Verbreitung jener Lügen hervorgetan haben, Strafantrag bei der Staatsanwallschaft gestellt und man darf gespannt sein, wie diese Behörde, die sich dem Abgeordneten Becker gegenüber so bereitwillig zeigte, sich im Fall Berthold stellt. Sollte sich die Staatsanwaltschaft ablehnend verhalten, so wird gegen die Betreffenden Privat- klage erhoben werden. Hannemann soll bei Dr. Fulda verschiedentlich um Zurücknahme der Klage ersucht haben, man sollte aber diesem groben rücksichtslosen Verleumder gegenüber keine Nachficht üben.
— Die Landtagsersatzwahl in Wörr⸗ stadt hat mit dem„Siege“ des Bündlers Wolf⸗Stadecken geendet, nachdem der erste Wahlgang infolge Wegbleibens der freistnnigen Wahlmänner, ergebnislos geblieben war. Wolf bekam 17 Simmen, 15 fielen auf den national⸗ liberalen Bürgermeister Geil⸗Schornsheim. Der freisinnige Kandidat und bisherige Abge⸗ ordnete Chr ist hatte also seine Kandidatur zurückgezogen und es war Geil aufgestellt worden, der vorher als Kandidat nirgends genannt wurde und nicht in Betracht kam. Viel fehlte nicht und er wäre gewählt worden— eine hübsche Illustration der indirekten Wahl!
Gießener Angelegenheiten.
— Aus dem Geschäfts⸗Bericht der Ortskrankenkasse, der in der General-
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versammlung gegeben und den Vertretern ge⸗ druckt zugestellt wurde, sei hervorgehoben, daß das letzte Geschäftsjahr mit einem Deftzit von 3572 Mark abschloß. Für Krankengeld wurden allein zirka 17422 Mk. mehr als wie im Vor⸗ jahre ausgegeben, während nur 11862 Mk. mehr Beiträge eingingen. Doch wird sich das Jahr 1906 günstiger gestalten. Durchschnittlich betrug die Mitgliederzahl 5681, 600 mehr als wie im Vorjahre. Die Lage der Kasse ist im allgemeinen keine ungünstige; der Reservefonds beträgt 134352 Mk., während er der gesetzlichen Vorschrift gemäß nur 120619 Mk. zu betragen hätte. Im Verhältnis zu andern Städten arbeitet die Kasse günstig, indem sie nur 30% des durchschnittlichen Tagelohns an Beiträgen erhebt, aber nicht nur in vielen Punkten über die gesetzliche Mindestleistungen hinausgeht, son⸗ dern auch ohne Zusatzbeiträge eine gut ausge⸗ baute Familienversicherung besitzt. Die durch die Familienversicherung ꝛc. entstehenden Mehr⸗ Ausgaben belaufen sich in 1905 auf ungefähr 28 000 Mk. Gewiß ein gutes Zeichen, daß die Kasse bei dem minimalen Beitragssatze von 30% sehr gut wirtschaftet. In den meisten Nachbar städten werden 3½% bis 4% an Beiträgen er⸗ hoben, ohne daß derartige weitgehende Mehr⸗ leistungen eingeführt stend. Was aber das Er⸗ heben von ½% Beiträgen mehr bedeutet, dürfte gewiß daraus erhellen, daß dadurch z. B. der Ortskranlenkasse Gießen zirka 24000 Mk. Mehr⸗ einnahmen pro Jahr zufließen würden. Die Gesamt Einnahmen für 1905 betragen rund 1755539 Mk. Die Ausgaben beziffern sich auf 157186 Mk. und setzen sich wie folgt zusammen: Für ärztliche Behandlung 27067 Mk., Arznei und Heilmittel 14574 Mk., Krankengeld an Mitglieder 79 182 Mk., Unterstützung an Wöchnerinnen 1928 Mk., Sterbegeld 4743 Mk., Kur⸗ und Verpflegungs⸗ kosten 6 999 Mk., Ersatzleistung für gewährte Krankenunterstützung 1752 Mk., zurückbezahlte Beiträge 329 Mk., Kapitalanlagen 1000 Mk., Verwaltungskosten 18 732 Mk., sonstige Aus⸗ gaben 874 Mk.— Zu dem Bericht über die Generalversammlung vom 10. Juni sei noch hinzugefügt, daß Stadtv. Kirch in der Debatte über den Vortrag Gräfs sich ebenfalls für die Errichtung eines Krankenhauses erklärte und dabei bemerkte, daß ihm selbst schon der Mangel eines solchen bei Erkrankungen in seinem Personal Schwierigkeiten verursacht habe. Er schlug vor, die alte chirurg. Klinik für ein solches ins Auge zu fassen. Dagegen wurden jedoch von andern Rednern nicht unbegründete Bedenken erhoben.
— Das Schwurgericht verhandelte noch den ganzen Freitag und Samstag über die Sache Carlé. Die am Freitag zu Ende geführte Beweisaufnahme ergab, daß zunächst sich der Angeklagte alle Mühe gegeben hatte, das Rothenberger'sche Anwesen zu erwerben. Er ersuchte auch den Oberbürgermeister, ihm dazu behülflich zu sein, was dieser natürlich ablehnte. Ferner wurde festgestellt, daß durch die Wand des Lumpenmagazins ein etwa 5 em großes Loch geschlagen war, das mit einem gleichen in der Wand der angrenzenden früher Luh'schen Werkstätte korrespondierte. In diesem Raume lagert der Angeklagte Abbruchsmaterial. Von der Innenseite der Werkstelle war das Loch mit einem Stück Mörtel verstopft. Ein Holzstäbchen war durch die beiden Löcher gesteckt und an dem in das Lumpenlager hinein ⸗ reichenden Ende mit einer Papierhülse umwickelt, die mit Petroleum getränkt war. Außerdem fand sich zwischen den beiden Wänden ein halb verbranntes Kouvert, das Carlés Namen trug. Diese Dinge in Verbindung mit dem Verhalten C's. am Tage des Brandes(24. Febr.) erachtet der Staatsanwalt Hoos als hinreichenden Beweis für die Täterschaft des Angeklagten. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Jung, bemüht sich, die Beweise zu ent⸗ kräften und bestreitet besonders, daß C. zu der kritischen Zeit noch ein Interesse an dem Besitz des Rothenberger⸗ schen Anwesens gehabt habe. Die Geschworenen bejahten nach langer Beratung die Schuldfrage, worauf das Gericht den Angeklagten zu zwei Jahren Zucht⸗ haus verurteilte.— Ein Meineidsprozeß wurde als letzte Sache in der diesmaligen Schwurgerichtsperiode am Montag und Dienstag verhandelt. Angeklagter war der Kaufmann Franken aus Köln. Dieser besaß dort ein Farbengeschäft und reiste dafür in hiesiger Gegend. Verschiedentlich hatte er Geschäftsleuten, be⸗ sonders Weißbindern, mehr Waren, als diese bestellt hatten, zugesandt, es kam darüber zu Prozessen und in diesen beschwor Franken, daß die Bestellung so gelautet habe, wie sie von ihm ausgeführt wurde. Nach der Anklage soll er in drei Fällen wissentlich falsch geschworen
haben. Trotz der ausgezeichneten Verteidigung durch die Herren Rechtsanwälte Gutfleisch und Jung lautet der Spruch der Geschworenen in zwel Fällen auf schuldig und das Gericht erkennt auf eine Zuchthausstrafe von 4½ Jahren und 10 jährigem Ehrverlust.
— Der Prozeß Carl é und die schwere Verurteilung des Angeklagten bildete in den letzten Tagen das allgemeine Gespräch in Gießen.
Dabei fällt auf, daß fast nirgends Teilnahme
für den Verurteilten bemerkbar wird, eher das Gegenteil, ein Beweis dafür, daß sich C. nicht allzugroßer Beliebtheit erfreute. Den Arbeitern gegenüber kehrte er stets den schroffsten Unter⸗ nehmerstandpunkt heraus und kam ihren be⸗ rechtigten Forderungen in keiner Weise entgegen. Die Sucht, sich möglichst schnell zu bereichern, kennt keine Rücksicht auf den Nebenmenschen und führt schließlich zum Verbrechen, die meistens in den heutigen Verhältnissen ihre Ursache haben. Wäre es nicht möglich, sich zu bereichern und hätte jeder bei mäßiger Arbeit menschenwürdige Existenz, ein Zustand, wie wir ihn erstreben, so würden auch die Verbrechen verschwinden.
— Die Erhöhung des Postkarten⸗ portos für den Ortsverkehr soll schon am 1. Juli in Kraft treten und zwar soll die Stadtpostkarte wie früher 5 Pf. kosten. Zu dieser Maßnahme hat die bürgerliche Reichs⸗ tagsmehrheit die Regierung in einer Reso⸗ lution direkt aufgefordert. Und damit wird gerade der sogenannte Mittelstand empfindlich belastet, der sich dafür bei seinen national⸗ liberalen, antisemitischen ꝛc.„Rettern“ bedanken mag.
J. Zum deutschen Freidenkerkongreß, der vom 9.— 12. Juni in Stettin tagte, hatten auch die Gießener Freidenker einen Delegierten entsandt. Die 25 jährige Jubelfeier des Freidenkerbundes war mit dem Kongreß verknüpft, zu dessen Empfangsfeier im festlich geschmückten Saale des Konzerthauses Stadtverordneter Vogtherr⸗Stettin im Namen der freireligtösen Ge⸗ meinde die aus allen Teilen Deutschlands erschienenen Delegierten begrüßte. Sonntag Morgen wurde dann der Festakt zur 20 jährigen Jubelfeier des Freidenker⸗ bundes veranstaltet. Orgelspiel, Prolog und Chorgesang bildeten die Einleitung, worauf Herr Vogtherr in einer kurzen Ansprache als Zlel des Freidenkertums bezeichnete, die Menschen durch Freiheit zur Schönheit zu führen. Der Bundespräsident, Tschirn⸗Breslau hielt hierauf den leitenden Vortrag:„Die Moral ohne Gott“.
Aus den Kongreßverhandlungen ist zu erwähnen, daß der Bund in das württembergische Vereins register eingetragen werden soll, und daß eine Resolution gefaßt wurde, die besagt, der Vorstand solle zwecks eines Zu⸗ sammenschlusses aller freien Geister mit den Vorständen der verschiedenen anderen Vereinigungen verwandter Be⸗ strebungen in Unterhandlungen eintreten. Als Vor⸗ und Kongreßort wurde Frankfurt a. M. gewählt.— Herr Vogtherr sprach dann über„Freidenkertum und Schule“ und seine Ausführungen gipfelten in folgendem einstimmig gefaßten Beschlusse:„Der Kongreß verurteilt die preußische und jede ähnliche Schulpolitik als einen gewaltsamen Eingriff in das Erziehungsrecht der Eltern und als eine kulturseindliche Herabdrückung des gesamten Bildungswesens. Um den aus diesem reaktionären Vor⸗ gehen sich ergebenden Gefahren nach Kräften zu begegnen, empfiehlt der Kongreß den Gesinnungsgenossen aller Länder: 1. mehr als bisher den gerichtlichen Austritt aus den konfesstonellen Religionsgemeln⸗ schaften zu propagieren. 2. Ueberall da, wo es die Verhältnisse zulassen, die Befreiung der Jugend vom Religionsunterricht als selbstverständliche Pflicht zu er⸗ füllen. 3. In Schule und Haus für Verbreitung der neuen einheitlichen und freiheitlichen Weltanschauung zu wirken. Auf diesem Wege ist die mit aller Kraft anzu⸗ strebende Trennung von Staat und Kirche und von Kirche und Schule praktisch vorzubereiten“.
— Richtigstellung. In dem Artikel Sozialdemokratie und Freidenkertum auf Seite 6 ist die zweite Fußnote redaktionelle An⸗ merkung.
Aus dem Nreise gießen.
— Unser Kreisfest. Mit unserem dies jährigen vierten Kreisfest können wir recht zufrieden fein; wir haben uns nicht umsonst auf unser gutes Glück ver⸗ lassen! Die Beteiligung war stärker als bei den früheren Festen und der Verlauf der denkbar beste. Schon der bestellte Extrazug konnte die herbeigeströmten Festtell⸗ nehmer bei weitem nicht alle fassen und es mußten noch vier weitere Wagen eingestellt werden, wodurch natürlich Verspätung eintrat. Den Feuplatz hatten die Hausener Genossen gut hergerichtet; ein großes Zelt war aufge⸗ schlagen worden, das bei dem kurz nach Begiun des Festes eintretenden, wenn auch nicht sehr heftigen


