Ausgabe 
23.9.1906
 
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung ·

Nr. 38.

Er hal der begründeten Antrag unterbreitet, der dahin geht: Die Regierung möge im Bundesrat Anträge auf Revision der Reichsgesetzgebung betr. Ver⸗ sorgung der Heeresentlassenen in Aussicht stellen, daß Militäranwärtern, Invaliden des Heeres und anderen Heeresentlassenen auf deren Wunsch anstelle von Zivilversorgungsscheinen, Unfall⸗ und Invalidenrenten und dergleichen mehr, ent⸗ sprechende Beihilfen und laufende Unterstütz⸗ ungen zum Erwerb und Betrieb selbständiger Bauernwirtschaften, von selbständigen Hand⸗ werkern und anderen kleinen, aber selbständigen ländlichenErwerbszweigen gewährt werden.

Die Verleumdungsaffatire gegen den Abg. Berthold kam am Donners⸗ tag vor der Darmstädter Strafkammer zur Verhandlung. Im DarmstädterTägl. Anzeiger erschien kurz nach der Reichstags⸗ ersatzwahl ein anonymes Eingesandt, in dem zwar ohne Namensäußerung, doch ziemlich deutlich erzählt wurde, daß Berthold zu später Mitternachtsstunde in ein dortiges Lokal bezecht gekommen sei und sich derartig ungehörig auf⸗ geführt habe, daß er in früher Morgenstunde aus dem Lokal gewiesen werden mußte. Diese Erzählung war frei erfunden und auf An⸗ trag des Rechtsbeistandes Bertholds, Dr. Fulda, gab die Redaktion desTägl. Anz. Herrn Hannemann als Urheber dieser Notiz an. Nunmehr erhob die Staatsanwaltschaft gegen Hannemann und den Redakteur desTäglichen Anzeigers Bandlow auf Antrag von Dr. Fulda die öffentliche Klage. Die Verhandlung endete mit der Verurteilung Bandlows zu 50 Mark Geldstrafe, Hannemann wurde freigesprochenl

Der Landtagsabg. Häusel ist am Donnerstag in Michelstadt im Oden⸗ wald an einem Schlaganfall im Alter von 55 Jahren gestorben. Häusel gehörte der nationalliberalen Partei an und vertrat seit 1899 den Wahlkreis Höchst⸗Michelstadt. Da bet der Ersatzwahl die alten Wahlmänner in Funktion treten, ist die Wahl eines Natlonal⸗ Uberalen ziemlich ficher.

Gießener Angelegenheiten.

Die Stadtverordneten hielten am Donnerstag die erste Sitzung nach den Ferien ab. Unter den Mitteilungen brachte der Oberbürgermeister eine Zuschrift der Staats⸗ anwaltschaft zur Kenntnis, die eine Beschwerde der Stadtverwaltung über eine Aeußerung des Amtsanwalts beantwortete. Der Amtsanwalt sollte sich damals in dem Sinne geäußert haben, daß die Feldpolizei viele unnötige Anzeigen er⸗ statte. In der Zuschrift wird demgegenüber gesagt, daß der Bericht des Gieß. Anzeigers darüber unrichtig gewesen sei. Hierauf wurden eine Reihe Baugesuche erledigt. Zwei Straßen werben neu getauft: die Querstraße zwischen Riegelpfad und LiebigstraßeWilsonstraße, und die Verlängerung der Crednerstr.Bud de⸗ straß e. Ein Antrag auf Erlaß von Gras⸗ geld, weil die Ernte durch starken Gewitterregen verlustig ging, wird abgelehnt. Stadtv. Haubach meint dazu mit Recht, er würde dann einem solchen Antrage zustimmen, wenn mal einer von den Käufern gekommen sei, der zu wenig bezahlt habe und die Differenz der Stadt an⸗ biete. Für die Feldbereinigung, rechts der

Lahn, die im Ganzen 81000 Mk. kostete, sind

noch 00⁰⁰ zu bezahlen, was bewilligt wird. Eine längere Debatte rief die Entscheidung über die Bedürfnisfrage für das Konzesssionsgesuch des Wirtes Sieck, Hammstraße 14 hervor. Die Kommisston hatte beantragt, die Bedürfnis⸗ frage zu verneinen. Die Versammlung beschloß

jedoch im gegentelligen Sinne.

Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen für das dritte Quartal Montag, den 24. September me 8 zu sammen. Zur Verhandlung kommen folgende fälle: Montag: Joh wegen Notzuchtversuch;

Ruckele 1

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wegen Notzuchtsversuch Schwab aus Grebenau, wee Friedrich Buß aus Ni

Kammer einen sehr umständlich

schlag; Samstag: Elisabethe Renker aus Angers⸗ bach, wegen Körperverletzung mit tödl. Erfolg; Montag, 1. Oktober: Otto Ullrich aus Geiß⸗ Nidda, wegen Verbrechen im Amt; Dienstag, 2. Oktober: Friedrich Zimmer aus Bisses, wegen Verbrechen im Amt.

Das Gewerkschaftskartell hält am Dienstag, den 25. September abends 9 Uhr zusammen mit den Vorständen der Gewerkschaften eine Sitzung im Lokale Orbig ab. Es handelt sich um Beschlußfassung über eine wichtige Angelegenheit, die Beteiligten wollen also vollzaͤhlig erscheinen.

Wegen Wechselfälschung wurde am Dienstag der frühere Badeaustaltsbesitzer und Bauunternehmer A. Rübsamen zu Jahren Gefängnis und 3 jährigem Ehrverlust verurteilt. Er gestand ein, in 20 Fällen Wechsel in Höhe von 4000 Mk. gefälscht zu haben. Durch ziemlich lockeres Leben war R. in Vermögensverfall gekommen.

r. Der Streik in der Gailschen Dampfziegelei ist am Mittwoch durch Versammlungsbeschluß der Streikenden für be⸗ endet erklärt worden. Es waren nur noch 28 Streikende von 185, die in den Streik traten, vorhanden. Von diesen waren 37 arbeitswillig geworden und in den Betrieb zurückgekehrt, die übrigen 120 hatten gleich bei Beginn des Aus⸗ standes anderwärts Arbeit gefunden und ange⸗ nommen. 10 Wochen hat der Streik gedauert. Wiederholt wurden von Seiten der Arbeiter Versuche gemacht eine Verständigung herbeizu⸗ führen, doch scheiterten diese an der Hartnäckig⸗ keit des Herrn Gail. Dieser nebst Anhang wird nun triumphieren. Doch die Siegesfreude wird nicht von langer Dauer sein; es ist nicht gelungen, den Zusammeahalt, die Organisation der Arbeiter zu zerstören, sie geht im Gegenteil gestärkt aus dem Kampfe hervor und Herr Gail wird später doch noch mit den Arbeitern ver⸗ handeln und diese als gleichberechtigten Faktor anerkennen müssen. An den Arbeitern liegt es nun, ihre Organisation immer mehr auszubauen, nur dann wird es ihnen möglich sein, sich bessere Existenzbedingungen zu erkämpfen. Darum: immer vorwärts sei die Parole!

Die neueste Nummer desWahren Jakob, unseres beliebten Witzblattes, ist außerordentlich inhaltreich. Mehrere Bilder, Gedichte ꝛc. sind dem Mannheimer Parteitage gewidmet. Das farbige Titelbild mit der Unter- schriftWecken verboten! Ein Märchen aus dem Rosengarten in Mannheim zeigt uns die Stadt Mannheim als schlafendes Dornröschen, das sich vom sozialdemokratischen Parteitag nicht wecken lassen will, denn es erblickt in ihm nicht den richtigen Prinzen, den es in seinen Träumen erwartet. Dann ist dem Parteitag noch das LeitgedichtZum Parteitag und die Plauderei Mannheim gewidmet. Aus dem weiteren Inhalt der Nummer erwähnen wir die Bilder Der geduldige Michel,Zentrum und Bier⸗ steuer,Der Adler und der Löwe,Eine heitere Geschichte,Serenisstmus und die Prole⸗ tarier,Die russische Reaktion tanzt wieder, Aus den höchsten Regionen,Wohnungsver⸗ hältnisse in Ostelbien ꝛc. Die 16 Seiten starke Nummer kostet 10 Pfg. und ist wie alle Partei- literatur in unserer Expedition, Neustadt 14 zu haben.

Aus dem Rreise gießen.

Die prinzipielle Aufklärung und Durch⸗ bildung ihrer Mitglieder müssen sich unsere Parteivereine besonders angelegen sein lassen. Zu diesem Zwecke ist unbedingt eine Bibliothek nötig, die jeder Wahlverein haben muß. Wo keine vorhanden ist, sollte man sofort daran gehen, eine zu errichten. Das kann mit geringen Mitteln erreicht werden, notwendig ist nur, daß der Vorstand die Sache einem Mitgliede überträgt, das sich der Sache liebevoll annimmt. Der Verein selbst müßte

[ meistens ist das ja der Fall zunächst auf die

abonnieren und sie einbinden lassen.

wichtigsten Parteizeitschriften, vor allem dieNeue Zeit,

Es muß nur dafür

gesorgt werden, daß die Hefte möglichst sauber gehalten werden, wenn sie zur Lektüre im Parteilokal ausliegen.

Fe werden im Vorwärtsverlag Serien von bllligen Schriften sgegeben, deren Anschaffung sich bei Er⸗ scheinen empfiehlt und deren einzelne Hefte dann im

Ganzen oder auch im Einzelnen gebunden und der Bibliothek einverleibt werden können. Wir erwähnen

1 bela stet ist.

hier nur die Sozialdemokratische Kommunal⸗Bibli⸗ othek, die Gesundheitsbibliothek u. a. Die neu erscheinenden Broschüren sollten immer von jedem Verein für die Bibliothek gekauft werden. Das ist keine große Ausgabe; der Preis beträgt selten mehr als 1050 Pfg. Weiter sollten die Parteitagsproto⸗ kolle sämtlich in der Vereinsbibliothek vorhanden sein, sie enthalten reiches und sehr wichtiges Material. Beste

Unterhaltungslektüre bieten dieFreien

Stunden und dieNeue Welt. Letztere ist ebenfalls vom Vorwärtsverlage zu beziehen. Vereine, die den Vorwärts abonnieren, können dessen Unterhaltungs⸗ beilage aufsammeln und in halben oder ganzen Jahr⸗ gängen einbinden lassen. Für Anschaffung größerer Werke(z. B. Kautskys:Karl Marx' ökonomische Lehren, BebelsFrau ꝛc) hat ein kleiner Verein nicht gleich die Mittel. Aber auch da kann Abhilfe geschaffen werden. Mancher Genosse besitzt irgend ein Werk doppelt, oder würde es, nachdem er es gelesen, gerne einem Vereine überlassen. Es muß bloß eine Vermittelungsstelle geschaffen werden, wozu der Vorstand des Kreiswahlvereins geeignet erscheint. An ihm sollten sich die Lokalvereine wenden wegen Beschaffung von Literatur und auch die Genossen und Vereine, die etwas herzugeben haben. Ein zweckmäßig angelegtes Verzeichnis

der vorhandenen Bücher müßte hergestellt und im Ver⸗

einslokale ausliegen und Einrichtungen getroffen werden, damit die Mitglieder jederzeit Bücher erhalten können.

Sehr empfehlenswert für jeden einzelnen Genossen ist die neu im Vorwärtsverlage erschienene Broschüre Ziele und Wege. Erläuterungen der sozialdemo⸗ kratischen Gegenwartsforderungen. Diese unter der Mit⸗ arbeit von Lindemann, Süßheim, Stampfer und Klara Zetkin von Adolf Braun herausgegebene Schrift be⸗ leuchtet und erläutert in klarer, leicht faßlicher Welse alle Punkte des zweiten Teils unseres Parteiprogrammz in einzelnen Kapiteln: Freies Wahlrecht Alles durch das Volk Blut und Eisen? Freies Wort! Die soziale Gleichstellung der Geschlechter Wir und die Kirche Die Volksbildung Recht! Gleich⸗ heit für Kranke und Tote Steuerpolitik Gegen die schrankenlose Ausbeutung und einem Nachwort: Was sollen wir lesen? Der Preis der Schrift ist 20 Pfg. und kann durch alle Partei-Buchhandlungen und gegen Einsendung von 28 Pfg. direkt vom Verlag, Buchhand⸗ lung Vorwärts, Berlin SW. 68, Lindenstr. 69, bezogen werden. 2

Alten⸗Buseck. Zu der Notiz über das Turnerfest in voriger Nummer wird uns noch mitgeteilt, daß nicht nur die Turn⸗ genossen aus Gießen und Wieseck, sondern auch aus Launsbach und Heuchelheim vertreten waren, was hiermit noch nachgetragen sel.

Mehrere Volksversammlungen fanden am Sonntag statt und zwar in Oppen⸗ rod, Burkhardsfelden und Reiskirchen, die vom Tabakarbeiterverbande einberufen waren. Als Referentin trat Frau Kiesel⸗ Berlin auf, die in trefflicher Weise die Lage der Arbeiter schilderte und namentlich auf die Mißstände hinwies, die für die Familie entstehen müssen, wenn die Frauen den ganzen Tag in der Fabrik für kümmerlichen Lohn beschäftigt sind. Die Kinder, denen nicht die nötige Erziehung zu teil werden kann, haben darunter am meisten zu leiden. Die Versammlungen waren überall recht gut besucht, auch von andern Arbeitern sowte Bauern, die ebenfalls den Ausführungen der Rednerin Betfall zollten.

Aus dem Nreise Jriedberg⸗Büdingen.

s. Mehr Disziplin! In Höch st g. d. Nidda war am Sonntag Kriegervereinsfest verbunden mit Verleihung der Kaiserschleife. Hieran beteiligten sich auch einige unserer Ge⸗ nossen, die dem GesangvereinEintracht an⸗ gehören, außerdem aber auch gewerkschaftlich und politisch organistert sind. Man sollte doch meinen, die Genossen hätten etwas besseres zu tun, als den Mordspatriotismus verherrlichen zu helfen!

In Sachen des Abg. Hirschel ist der Termin vor der Gießener Strafkammer auf 19. Oktober angesetzt.

aus dem Nreise Alsfeso-Cauterbach.

n. Alsfeld. In der Versammlung des Wahlbereins wurde beschlossen, für das Tageblatt eine umfassende. Agitation zu entfalten. Zwei Mitglieder wurden bestimmt, die dem Zeitungsausträger behilflich sein sollen,

da dieser durch mehrere Vereinsämter zu sehr

Heinrich Simmer das Austragen übernommen,

Für die Zukunft hat Genosse