Ausgabe 
22.7.1906
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung:

Nr. 29.

den wir hierin durchaus beistimmen. Die Eltern der Volksschüler sollten sich mal mit dieser Frage befassen und diesbezügliche Anträge an die Stadtverwaltung stellen.

Von einem durchgebrannten Ge⸗ werkschaftskassierer wußten neulich die Ordnungsblätter zu berichten und selbstver⸗ ständlich fehlte dabei auch derGieß. Anz. nicht, der immer dabei ist, wenns der Sozial⸗ demokratie oder der Arbeiterbewegung eins an⸗ zuhängen gilt. In Münster(Westf.) sollte der Kassterer des Maurerverbandes 25 000 Mk. unterschlagen haben. Es war sofort auffällig, wie ein Filtalkassterer zu einer so großen Summe kommen sollte, besonders, da in jener Gegend die freien Gewerkschaften nicht stark sind. Jetzt macht jedoch der Zentralvorstand der Maurer bekannt, daß dort 310 Mitglieder seien, die ganze letzte Jahreseinnahme betrug 4667 Mk., der Kassterer rechnete regelmäßig ab und hatte am 1. Juli nur 1098 Mk. am Orte. Wenn also ein Kassierer durchgebrannt sei, dann könne nur einBruder in Christo in Betracht kommen. Also, es war wieder mal geschwindelt. Auf Seite der Ordnungsleute kann man jetzt allerdings Dutzende von Kassterern aufzählen, die anderer Leute Geld verputzten.

Das valerlandslose Hoch⸗ zeits mahl. DerGießener Anzeiger regte sich in seiner Nummer vom Samstag gewaltig über die Speisekarte auf, nach der bei einer in Gießen stattgefundenen Hochzeit gegessen und

getrunken wurde. Sie lautet folgendermaßen:

Hors d'oeuvres froids. Oeufs de russie et Majonnaise en coquille. Menu: Bouillon de poulet à la Marengo. Saumon de Rhin à la Majonnaise, Petits pois à Panglaise Escalope à la viennoise, Choux-fleurs Escalope à la Viennoise. Oison roti, Compotes, salades. Mandelberg. Glace à la 9 0 Torte. Dessert. Café.

Der urteutsche Redakteur des Amtsblattes faucht die Hochzeitsgäste wegen dieser französtschen Speisekarte nicht schlecht alsvaterlandslose Gesellen an und bemerkt dazu entrüstet:Leben wir denn hier in Gießen nicht im echtesten Deutschland? Ist ein solches Protzen mit fran⸗ zöstschen Wortungetümen nicht ein klägliches Zeichen für die Vaterlandslofigkeit der Hoch⸗ zeitsgeber? Wir als notorischVaterlands⸗ lose empfinden mit den so Gerüffelten eine gewisse Seelen verwandschaft, können uns also über diefranzösischen Wortungetüme der Hochzeitstafel⸗Programmnummern nicht weiter aufregen. Aber aus anderen Gründen halten wir es für nützlich, diese Speisekarte in unser geltebtes Deutsch zu übertragen, weil wir über⸗ zeugt sind, daß 99/100 unserer Leser nicht wissen, was sich für Leckerbissen unter obigen französischen Bezeichnungen verbergen.(Dabei müssen wir zu unserm Bedauern gestehen, daß sie uns in natura ebenfalls vollkommen unbekannt sind.) Man speiste also etwa:

Kalte(appetitreizende) Vorspeisen; Eier in Mayonnaisensauce(russ. Salat); Hühnersuppe; Rheinsalm in Mayonnaise; Wiener Schnitzel mit kleinen Erbsen auf englische Art; Wiener Schnitzel mit Blumenkohl; gebratene junge Gänse; Kompots, Salate, Mandelberg(Süßes Mandelgebäck), Eis, Gebäck, Nachtisch, Kaffee. Seht ihr Proleten, so lebt man in besseren Kreisen! Diese Mahlzeit, von der unsere Ueber⸗ setzung nur einen unvollkommenen Begriff gibt, würde ein Arbeitermagen gar nicht bewältigen und vertragen können, deshalb bleibt bei Euren Kartoffeln! Was also hier den patriotischen Zorn des Anzeigers erregte, gibt nebenbei ein kleines Bildchen von dem Unterschiede zwischen Hüben und Drüben, von der Schönheit unserer heutigen Ordnung!

Eingesandt. Ein Wort an die Bergarbeiter von Gießen und Um⸗ gegend! Kameraden! Euer ärgster Feind, der wie Zentnerlast euch niederdrückt und die Bewegung hindert, ist Eure Gleichgültigkeit. Sind Eure Arbeits, Lohn- und sanitären Ein⸗ richtungen tatsächlich so gute, daß ste keiner Aufbesserung bedürfen? Kann Eure Familie heute noch mit einem Lohne von 2,50 bis 3 Mk. auskommen? Wir bezweifeln es und können an vielen Beispielen beweisen, daß dem Berg⸗ mann heute eine menschenwürdige Existenz ver. sagt ist. Eine Arbeitszeit von täglich 12 bis 15 Stunden richtet außerdem die Gesundheit

mit Gewalt zu Grunde. In sanitärer Beziehung bleibt auf der Braunstein⸗Grube viel zu wünschen übrig. Man muß sich wundern, daß von der Behörde aus solche Baracken als Wohnungen erlaubt sind, wie auf dieser Grube. Ich will nicht alle bestehenden Mißstände aufzählen, die Kameraden kennen sie und wissen, daß ein Einzelner sie nicht beseitigen kann, daß es nichts nützt, über niedrigen Lohn zu schimpfen, sondern, daß nur durch gemeinsames Vorgehen eine Besserung erreicht werden kann. Die Forde⸗ rungen, welche der Verband an die Werksbesitzer stellt, sind: Verkürzung der Arbeitszeit, aus⸗ kömmlichen Lohn, Abschaffung der mörderischen Akkordarbeit, bessere Behandlung seitens der Grubenbeamten, mehr Schutz für Leben und Gesundheit, bessere sanitäre Einrichtung, befsere Knappschafts⸗ und Krankenkassenverhältnisse. Wer also mit helfen will, daß diese Forderungen verwirklicht werden, muß Sonntag, den 22. Juli, nachmittags 2 Uhr, die öffentliche Bergarbei⸗ ter⸗Versammlung in Gießen imPfau (Neustadt) besuchen. Seid alle Mann zur Stelle!

Abg. Dr. David wird nächste Woche in Gießen und Umgebung einige Versammlungen abhalten.

o- Die Freie Turnerschaft Gießen veranstaltet am Sonntag den 29. Juli im Garten⸗ Etablissement Pulvermühle ein großes So mm er fest, welches gleichzeitig einen Er satz für das in diesem Jahr ausfallende Bezirksturnfest bieten soll. Nach den bis jetzt getroffenen Vorbereitungen und der großen Zahl von Anmeldungen auswärtiger Vereine zu urteilen, ver⸗ spricht das Fest ein in allen Teilen schönes zu werden, weshalb wir schon heute auf dasselbe aufmerksam machen. (Näheres Inserat).

Gegen den Abgeordneten Hirschel soll, wie berichtet wird, Anklage wegen Unterschlagung erhoben worden sein.

Berichtigung. In Nr. 27 unseres Blattes vom 8, Juli muß es in dem Schluß ⸗Artikel überFrei⸗ denkertum und Sozialdemokratie, Seite 6, Absatz 1, Zeile 5 von unten richtig heißen:Dieser Mut ist sicherlich ein Zeichen geist igen Vorwärtsstreben denn er entspringt(licht entspricht) dem Drange nach Wahrheit.

Aus dem Rreise gießen.

Das Sängerfest in Wieseck war vom besten Wetter begünstigt und infolgedessen war auch ein zahlreicher Besuch aus den Orten der Umgebung zu verzeichnen, es zeigt sich auch, daß die Arbeitergesang⸗ vereine in diesem Bezirke zahlreicher werden und in er⸗ freulichem Aufschwunge begriffen sind. Ihre gesanglichen Oistungen sind auch immer bessere geworden, was man besogders bei dem Massenchor feststellen konnte, den Herr Bauer jun., Gießen, dirigierte. In den Gesangs⸗ vorträgen der einzelnen Vereine wurde ebenfalls recht Anerkennenswertes geboten, nur kamen die meisten auf den unruhigen Festplatze nicht voll zur Geltung. Das lag auch mit an der unzweckmäßigen Anlage des Sänger⸗ podiums, das mit Guirlanden ꝛc. verhängt war, anstatt sich nach vorn frei zu öffnen, damit die Töne ungehindert herausdringen können! Es müßte aber auch das Publikum während der Vorträge mehr auf Ruhe halten und mehr Rücksicht auf die Sänger nehmen. Der Festzug wies eine stattliche Länge auf; nachdem er auf den Festplatz zurückgekehrt war, hielt Genosse Fladung⸗Frankfurt eine sehr beifällig aufgenommene Ansprache, in der er die Bestrebungen des Arbeitersäugerbundes darlegte. Das Fest nahm den besten Verlauf.

l. Heuchelheim. Zu dem Feste der Tabak⸗ arbeiter am 29. Juli, zu dem die Kollegen der Um⸗ gebung eingeladen sind, wird auch ein Festzug durch den Ort stattfinden. Die Heuchelheimer Genossen werden daher freundlich gebeten, durch Schmückung der Häuser mit zur Verschönerung des Festes beizutragen.

Mehr Klarheit! Aus Alten⸗Buseck er⸗ halten wir als Antwort auf die in letzter Nummer ver⸗ öffentlichte Einsendung betreffend die Beteiligung des Arbeitergesangvereins und der Arbeiterturner am Krieger⸗ fest folgende von 3 Genossen unterzeichnete Zuschrift:

Die große Mehrzahl der Mitglieder der hier in Frage kommenden Vereine war allgemein der Ansicht, daß in einem Orte von 1100 Einwohnern man einen solchen Schritt nicht wagen sollte, da bei jedem hier noch abgehaltenen Fest sich der Kriegerverein vollzählig be⸗ teiligt hat und zudem eine Anzahl Mitglieder dieses Vereins unsere Parteizeitungen abonnieren, Eltern unserer jungen Turner und Mitglieder des Gesangvereins find. In beiden Vereinen sind kleine Handwerker, deren Eylstenz mit in Frage tritt; übrigens ist auch der hiesige Krieger⸗ verein noch kein Hemmschuh für unsere politische Be⸗ wegung gewesen, das beweisen zur Genüge unsere letzten Wahlresultate. Allgemein wird hier davor gewarnt,

derartige lokale Angelegenheiten in der Weise, wie es in der Einsendung geschah, auszuposaunen.

B

Zu dieser, Angelegenheit gestatte man uns auch einige Bemerkungen. Wir waren nicht im Zweifel darüber, daß die Einsendung in letzter Nummer einige Erregung und eine abfällige Kritik hervorrufen würde. Wir lehnten trotzdem ihre Aufnahme nicht ab, weil das, was ste sagt, richtig ist, wie jeder Parteigenosse bei ruhiger Ueberlegung zugeben muß. Nur bezüglich der tatsäch⸗ lichen Behauptungen muß richtig gestellt werden, daß der Gesangverein nicht speziell für diesen Fall eine Strafe festsetzte, sondern, daß dies im Statut festgelegt ist für diejenigen, die einem gefaßten Beschlusse nicht nachkommen. Sonst aber ist alles richtig. Nun wird gesagt, daß in Alten⸗Buseck ein freundliches Verhältnis zwischen Partei⸗ und Kriegervereinsmitgliedern besteht, was ja recht erfreulich ist. Gewiß können gebildete Menschen auch als politische Gegner mit einander freund⸗ schaftlich verkehren, sollen es sogar. Man darf und wird doch aber bei aller persönlicher Freundschaft nicht die gegnerischen Tendenzen und Bestrebungen unterstützen, denn damit würde man zugleich seine In⸗ teressen schädigen und seine Grundsätze preisgeken. Früher verhielten sich die Kriegervereine politisch neutral, verfolgten nicht die reaktionären, a ebeiterfeind lichen Bestrebungen wie gegenwärtig, wie z. B. auch aus dem Aufruf des Kyffhäuserbundes hervorgeht.(Siehe pol. Rundschau in dieser Nummer.) Man denke ferner an das Verunglimpfen unserer Partei durch die Krieger⸗ vereinsorgane(Parole ꝛc.), das Vorgehen derHassta bei den letzten Reichstagswahlen, denke daran, wie lang⸗ jährige Mitglieder wegen Zugehörigkeit zur Sozial- demokratie, der Gewerkschaft oder auch nur eines Konsum⸗ vereins ausgeschlossen wurden und ihrer wohlerworbenen Rechte verlustig gingen. Kurz, heute sind die Krleger⸗ vereine nichts anderes als ein Werkzeug der be⸗ sitzenden Klasse und der politischen Macht⸗ haber gegen die Befreiungsbestrebungen des unterdrückten Volkes! Das sollte doch jeder Arbeiter längst erkannt haben und für unsere Alten⸗ Bnusecker Genossen müßte es ein Leichtes sein, ihre dem Kriegerverein angehörigen Freunde davon zu überzeugen und sie veranlassen, einer derartigen Vereinigung den Rücken zu kehren, wie es in Sachsen im letzten Jahre 4500 getan haben. Unsere Genossen sind aber überaus geduldig und gutmütig. Nur ein Beispiel dafür! Wie das Friedberger Bündlerblatt mitteilte, hatte kürzlich bei dem Kriegerfeste in Burggräfenrode der dortige partei⸗ genössische Wirt Kohl ebenfalls geflaggt und geschmückt, Und diesen Wirt mißhandelten im Jahre 1903 die dortigen Kriegervereinler, demolierten sein Lokal und denunzierten ihn auch noch wegen Majestätsbeleidigung, weshalb er zu 2 Monat Gefängnis verurteilt wurde! Gewiß, wir Sozialdemokraten sollen auch dem Gegner gegenüber zuvorkommend, freundlich und hilfreich sein; wir können aber nicht unsere Grundsätze mit Füßen treten, den blutigen Völkerkrieg feiern, wo wir doch für den Weltfrieden eintreten und jeden 1. Mai dafür demonstrieren!

Aus dem Rreise ꝗriedberg⸗Püdingen.

tz. Eine Partei⸗Bezirks⸗Konferenz für den Bezirk Büdesheim tagte am Sonntag(8. Juli) in Heldenbergen. Sie beschäftigte sich hauptsächlich mit Agitations⸗Fragen. Auf Antrag des Gen. Dietz wurde beschlossen, daß rednerisch befähigte Genossen im Kreise mindestens zweimonatlich in den einzelnen Filialen Mitgliederversammlungen abzuhalten haben. Eine Be⸗ zirkskasse zu gründen, wurde bis zur nächsten Konferenz aufgeschoben. Ein beim Maifest in Oberau erzielter Ueberschuß soll der Kreiskasse überwiesen werden. Schließ⸗ lich wurde noch beschlossen, demnächst ein Bezirksfest in Heldenbergen abzuhalten und die nächste Konferenz nach Rommelshausen einzuberufen.

tz. Die Arbeiter- und Parteibewegung im unteren Teile des Kreises Büdingen, bestehend aus den Orten Rommelhausen, Eckartshausen, Oberau, Höchst a. d. N., Altenstadt, Hainchen usw., ist im letzten Jahre einen großen Schritt vorwärts gegangen. Die erwähnten Orte, in denen überwiegend Arbeiter wohnen, die größtenteils in Frankfurt, Offenbach usw. als Bauhandwerker be⸗ schäftigt sind, haben in den letzten Jahren durch die⸗ Lohnbewegungen das Ausbeuter⸗System der Unternehmer kennen gelernt und wissen, daß nur in geschlossenen Reihen in der gewerkschaftlichen Organisation bessere Existenzen errungen werden können. So haben es die älteren Kollegen verstanden, in den letzten Wochen den

lauesten Arbeiter der Bewegung zuzuführen. Unter den

schwierigsten Verhältnissen, mit welchen der Verband der Bau⸗, Erd⸗ und Ziegeleiarbeiter zu kämpfen hat, konnte trotzdem im verflossenen Jahre in Rommelhausen und Höchst a. d. N. Zahlstellen errichtet werden. Ebenfalls haben sich ein großer Teil Konfektionsschneider aus der Umgegend aufgerafft und sind in den Verband eingetreten. Die Ursache bot wohl allein die Lohnbewegung der Frankfurter Konfektionsschneider, welche hinausgingen, um ihre Kollegen auf dem Lande über ihre erbärmliche Lage aufzuklären. Mit dem Interesse für die gewerk⸗ schaftliche wuchs auch das für die politische Organisation⸗ So konnten in den genannten Orten fast überall Wahl⸗