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Nr. 29.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 3.
glied, das der 1903 gewählten soztaldemokra⸗ tischen Fraktion durck den Tod entrissen wird.
Kat! Grünberg stammt aus einer Weberfamilie,
in der er mit seinen Geschwistern von früher Jugend an im Hausbetriebe tätig war und nach der Schulentlassung die Weberei erlernte. Der Webereibetrieb der Eltern Grünbergs ge⸗ hörte zu den wenigen, die sich aus dem Hand⸗ zum Maschinen⸗ und Großbetrieb zu entwickeln vermochten. Nachdem er als Weber ganz Deutschland durchwandert und später Reisen nach England, der Schweiz und Frankreich ge. macht hatte, übernahm er nach dem Tode seines Vaters die Fabrik, die sich unter seiner Leitung immer mehr und mehr entwickelte. In solchen Verhältnissen wandeln sich die Empörkömmlinge in der Regel nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch zu Bourgeois. Bei unserem Grünberg vollzog sich gerade eine umgekehrte Wandlung. Er, der 1870/71 mitgemacht, schloß sich nach der Rückkehr aus Frankreich einem Krieger verein an und machte auch in Patriotismus. Bald aber entwickelte er sich nach links und kam schließlich bei der Sozialdemokratie an. Zu⸗ nächst als Freisinniger und dann als Sozlal⸗ demokrat wurde er in das Stadtverordneten⸗ kollegium zu Hartha, seiner Vaterstadt, gewählt. 14 Jahre lang war er Mitglied dieses Kollegiums und hatte sich durch seinen biederen Charakter auch als Sozialist die Achtung, die ihm anfangs als bürgerlichen Stadtverordneten gezollt wurde, zu erhalten gewußt. Im Jahre 1896 wurde er in den sächsischen Landtag gewählt, dem er angehörte, bis der Wahlrechtsraub die sozial⸗ demokratische Vertretung beseitigte.— Ein schweres Magenleiden hat nun unsern Genossen in seinem 59. Lebensjahre dahingerafft. Seine Leiche wurde nach Gotha zur Einäscherung überführt.— Den Döbelner Wahlkreis eroberte Grünberg zum ersten Male bei der Nachwahl 1902, wo er an Stelle des verstorbenen National⸗ liberalen Lehr gewählt warde. Damals siegte er mit 402 Stimmen Mehrheit über die ge⸗ samten Gegner; im Jahre 1903 dagegen wurden für Grünberg 13 162 Stimmen abgegeben, während die bürgerlichen Parteien 11003 auf sich vereinigten. Trotz dieser Mehrheit werden unsere Genossen alle Anstrengungen machen müssen, den Kreis zu behaupten, denn die Gegner werden sicher ihr Möglichstes tun, ihn uns zu entreißen. Sie sollen bereits in der Person des Nationalliberalen Hasse, der 1903 in Leipzig durchfiel, einen gemeinsamen Kandi⸗ daten aufgestellt haben.
Für den Mannbeimer Parteitag
wird folgende Tagesordnung bekannt ge⸗ geben: 1. Bericht des Parteivorstandes: a) All⸗ gemeines. Berichterstatter: W. Pfannkuch. b) Kassenbericht. Berichterstatter: A. Gerisch. 2. Bericht der Kontrollkommisston. Berichter⸗ statter: A. Kaden. 3. Bericht über die parla⸗ mentarische 58 der Reichstagsfraktion. Berichterstatter: G. Schöpflin. 4. Maifeier. Berichterstatter: R. Fischer. 5. Massenstreik. Berichterstatter: A. Bebel. 6. Internatlonaler Kongreß. Berichterstatter: P. Singer. 7. Sozialdemokratie und Volkserziehung. Be⸗ richterstatter: Schulz und C. Zetkin. 8. Strafrecht, Strafprozeß und Strafvollzug. Berichterstatter: H. Haase. 9. Sonstige An⸗ träge. 10. Wahl des Vorstandes, der Kontroll- kommisston und des Ortes des nächsten Partei⸗ tages.— Der Parteitag wird am 23. Septbr. eröffnet.
Ueber den Massenstreik
werden in der Parteipresse noch lebhafte De. batten geführt und es kommen dabei natürlich sehr abweichende Meinungen über diese Streit⸗ frage zum Ausdruck. Darauf können wir je⸗ doch jetzt nicht näher eingehen, das wird noch später geschehen. In verschiedenen Versamm⸗ lungen in Berlin wurden von sogenannter „anarcho-sozialistischer“ Seite gegen den Partei⸗ borstand und namentlich gegen Bebel schwere Vorwürfe erhoben und über„Parteiverrat“ ge⸗ schrieen. Wir finden aus allem, daß der Partei⸗ vorstand durchans im Sinne des auf dem Jenaer Parteitage gefaßten Beschlusses und des
Bebelschen Referats verfahren ist.— Uebrigens ist dieser Gegenstand wieder auf die Tages⸗ ordnung des Mannheimer Parteitages gesetzt. Bebel hat das Referat.— Entschieden zu ver⸗ urteilen ist übrigens der Vertrauensbruch der „Einigkeit“, des Organs der Berliner lokalen Gewerkschaften, die aus dem nicht für die Oeffentlichkeit bestimmten Protokoll Auszüge abdruckte und damit die zum guten Teil über⸗ flüssige Debatte herauf beschwor.
Ende der Dreyfus⸗Affaire.
Vom Kassationshofe in Paris, dem obersten Gerichte Frankreichs, ist vorige Woche das Urteil in der Revistonsverhandlung des Prozesses Dreyfus gesprochen worden. Dadurch wird das Urteil des Kriegsgerichts zu Rennes vom Jahre 1902 aufgehoben und Dreyfus frei⸗ gesprochen. Durch ein von dem Parlament beschlossenes Gesetz wurden Dreyfus und Piquart, der ebenfalls, weil er die Fälschungen der Ge⸗ neralstäbler aufdeckte, aus dem Heere entfernt worden war, wieder in ihren Rang als Offi⸗ ziere eingesetzt und ihnen die Gehälter nachbe⸗ zahlt. Damit hat eine große Justiztragödie, die in der ganzen Welt Aufsehen erregte, ihr Ende erreicht und die Gerechtigkeit hat gestegt. An ihrem Siege haben die besten Männer Frankreichs unermüdlich gearbeitet, Zola, Jaures und viele andere. Alle die Wirrnisse, Fälschungen, Verbrechen und Lügen, mit denen die klerikal⸗antisemitisch⸗reaktionäre Klique, die vor wenigen Jahren in Frankreich allmächtig war, die Wahrheit hintanhalten, das Werk der Gerechtigkeit zerstören wollte, haben das nicht vermocht. Denn was verfolgt wurde, war die Wahrheit, und wenn ihre Verfolger über eine noch so große Machtfülle verfügten, die Macht, die von den Verteidigern des Dreyfus mobil gemacht wurde, erwies sich als stärker: Sie rüttelten das öffentliche Gewissen auf, und ste konnten das, weil sie in einem demokra⸗ tischen Staate mit unbeschränkter Preßfretheit lebten. Ihnen verdankt in letzter Linie Dreyfus seine Rettung und wiedergewonnene Ehre.
Kleine politische Nachrichten.
Der liberale Reichstagsabgeordnete Sattler ist gestorben. Er vertrat den 18. hanno⸗ verschen Wahlkreis Stade-Bremervörde, in dem bei der letzten Reichstagswahl für den Nationalliberalen 6466, für den Sozialdemokraten 5964, für den Frei⸗ sinnigen 3524, für den Welfen 2138 und für den Bauernbund 1918 Stimmen abgegeben wurden. In der Stichwahl siegte der Nationalliberale mit 12 232 Stimmen über den Sozialdemokraten, der 7178 Stimmen erhielt. Wir haben also dort wenig Aussicht.
Die abgehauene Hand. Der neulichen Zeitungs⸗ meldung gegenüber, daß das gegen den Arbeiter Biewald in Breslau eingeleitete Gerichtsverfahren eingestellt sei, wird jetzt mitgeteilt, daß dies keineswegs richtig sei, die Akten sind vielmehr der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Biewald wird sich also vor Gericht zu ver⸗ antworten haben, wie er dazu kommt, sich eine Hand abhacken zu lassen!
Pücklerfünger. Vor einer Berliner Strafkammer hatten sich vergangene Woche drei Personen wegen schwerer Mißhandlung eines jüdischen Handelsmannes zu verantworten und das Gericht erkannte auf Strafen von 2 Jahren, 1 Jahr 9 Monaten und 1 Jahr Ge⸗ fängnis, weil es sich um einen unglaublichen Roheitsakt von drei Personen gegen eine zudem noch schwächliche Person handelte. Der am schwersten Bestrafte war stets ein elfriger Besucher der Pücklerversammlungen, be⸗ richtet selbst die aatisemitische Staatsbürgerzeitung, die jahrelang die Hetzreden des Dreschgrafen verbreitete und verherrlichte.
Revolution in Rußland.
Große Spitzbuben. Was für Un⸗ summen an Liebesgaben die russischen Beamten 2c. schlucken, davon bringt das„20. Jahrhundert“ interessante Betspiele: so erhlelt der Graf Woron⸗ zoff⸗Daschkoff, als man ihn zum Statthalter des Kaukasus ernannte, 110 000 Mk.; General- adjudtant Pantelejeff, als er zum General-
ouverneurvon Irkutsk befördert wurde, 32000 Mark. Dem seligen Ssipiagin hat man für die Ausstattung seines Hauses 1400 000 Mk. Aebelan ein Beamter wurde speziell nach dem uslande abkommandiert in der hoch wichtigen Aktion, Türklinken zu kaufen! Ungeachtet seiner
Reichtümer erhiehlt Ple we 420000 Mk. Gehalt. Die Witwen Plewes und Ssipiagins sind jetzt mit einer Trostrente von je 122 000 Mk. bedacht worden. Das ist dieselbe heillose Verschwendung, wie sie die Strauchdiebe in Frankreich trieben, bis sie vom eisernen Besen der Revolution in den Schutt gefegt wurden. Da ist es aller⸗ dings auch kein Wunder, daß die Reglerung für die hungernden Bauern kein Geld hat.
Leo Deutsch, dem gegenwärtig im Peters⸗ burger Gefängnisse sitzenden Genossen, der seiner⸗ zeit von Bismarck an Rußland ausgeliefert wurde und 16 Jahre im sibirischen Eiskerker saß, aus dem er 1900 entfloh, ist jetzt erklärt worden, daß zwar der Prozeß gegen ihn ein ⸗ gestellt ist, daß er aber trotzdem auf adminti⸗ oll. Wege wieder verbannt werden 0
Pon Nah und Fern.
Hessisches.
— Der frühere hessische Justiz⸗ minister Dr. Dittmar ist am Sonntag in Darmstadt im Alter von 65 Jahren gestorbeu. Dittmar war seit 1879 Rechtsanwalt beim Landgerichte in Gießen, 1888 erfolgte seine Berufung ins Ministerium. 1898 wurde er Justizminister, welchen Posten er bis voriges Jahr inne hatte, wo er in den Ruhestand trat. Der Verstorbene war ein tüchtiger Jurist und es muß anerkannt werden, daß er sich als Leiter der hessischen Justizverwaltung in politischer Beziehung möglichster Neutralität befleißigte.
— Zum Fall Korell haben vorige Woche die oberhessischen Pastoren in einer Konferenz Stellung genommen. Sie haben sich gegen Korell und für das Oberkonsistorium erklärt, ihre Aufgabe also in dem Sinne auf⸗ gefaßt, der wir sie in letzter Nummer als die Anschauung der Mehrheit der Geistlichen be⸗ zichtigten: sie halten sich für Schützer der kapi⸗ talistischen Ordnung. Den Vorsitz in jener Konferenz hatte der als Anhänger der Stöckerei bekannte Pfarrer Berubeck aus Staden, da ist der Veschluß nicht verwunderlich.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Schulferien in der Volks⸗ schule waren in der letzten Stadtverordneten⸗ sitzung Gegenstand lebhafter Erörterung. Vom Stadtverordneten Jann war angeregt worden, die Volksschulferien in die gleiche Zeit zu legen, wie die der höheren Schulen. Er begründete dies recht unglücklich damit, daß dies ein kleines Mittel zur Erhöhung des Ansehens der Volks⸗ schule sei. Von verschiedenen Seiten wurde gewünscht, die Piingstferien um eine Woche zu verkürzen und dafür die großen im Herbst auf 5 Wochen auszudehnen, wofür auch unser Ge⸗ nosse Krumm eintrat. Wir halten die Schul⸗ ferien um diese Zeit für ganz unzweckmäßig gelegt und haben dieser Meinung noch fast jedes Jahr Ausdruck gegeben. Jetzt müssen die Kinder in der schönsten und wärmsten Jahreszeit in der Schule sitzen und während der Ferien müssen sie womöglich auch in der Stube bleiben, denn um diese Zeit sind die Tage schon bedeutend kürzer, das Wetter kühler und unfreundlicher. Soviel wir wissen, sind auch nirgends in den Städten der Umgebung die Ferien so unglücklich gelegt. wie bei uns in Gießen. Warum diese merk⸗ würdige Einrichtung? Die Volksschule braucht sich in keiner Weise nach der Universttät und den anderen höheren Schulen oder der Reisezeit zu richten, denn leider können sich die meisten Volksschüler und ihre Eltern keine größere Vergnügungsreise erlauben. Hier sollte doch einfach entscheidend sein, was für die Kinder das Zweckmäßigste ist. Und das ist zweifellos eine längere Pause in der heißesten Jahreszeit Juli⸗August. Man könnte die Pfingstferten ganz streichen und im Hochsommer 4 Wochen und Ende September nochmals 14 Tage geben. Eine derartige Einteilung würde nach unserer Meinung dem Erholungs- und Ruhebedürfnis der Kinder bedeutend besser entsprechen als die jetzige, und auch die Lehrer dürften damit ein⸗ verstanden sein. In diesem Sinne sprach sich auch der Stadtverordnete Heyligenstaedt ans,
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