das Organ der deutschen Getreide- und Fleisch⸗ produzenten, das ja sonst nicht so verkehrs⸗
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Mittelbeutsche Sonntags⸗Beitung.
Nr. 29. .
treiben ihre Frechheit so weit, für die 350 Millionen südwestafrikanischer Kriegskosten und für die Opfer an„Blut und Tränen“ die „falsche Sparsamkeitspolitik“ des Reichstags berantwortlich zu machen. Die bürgerliche Reichstagsmehrheit hat Steuergelder mit vollen Händen in die Wüste geworfen und die deutschen Kolonialschmarotzer bis zum Platzen gemästet. Jetzt, wo das schändliche Treiben endlich auf einen toten Punkt gelangt ist, sucht man über diesen hinwegzukommen, indem man das Schlag⸗ wort von der„falschen Sparsamkeitspolitik“ ausgibt. Während ein ehrlicher Mann wie der ehemalige Gouverneur Oberst v. Leutwein offen zugibt, es sei gar nicht daran zu denken, daß man die verausgabten Riesensummen aus Südwestafrika wieder herausholen könne, suchen die kolonialpolitischen Geschäftemacher durch schwindlerische Vorspiegelungen von künftiger Rentabilität es zu erreichen, daß immer noch größere Summen in das völlig bankerotte Ge⸗ schäft hineingesteckt werden. Mit ihren heiß⸗ hungrigen Wünschen nach neuen Geldern wenden sie sich aber nicht an die Börse, wo man ste auslachen würde, sondern an das Volk, die Wähler und Zahler. Da hoffen sie noch immer Dumme genug zu finden! Und das Organ der Agrarier gibt sich zu diesem Schwindel her. Würde es sich um ein reelles Geschäft handeln, wäre Aussicht vorhanden, Südwestafrika zu einem Agrikulturland zu machen, das billige Lebensmittel nach Deutschland lieferte, so würde
freundlich ist, sich schwer hüten, den Bahnbau in Südwestafrika zu fördern. Es hätte den Artikel, der im Hinblick auf küuftige„Renta⸗ bilität“ neue Millionen für Südwastafrika fordert, schleunigst in den Papierkorb befördert, hätte es nicht die beruhigende Gewißheit, daß in jenem glückverheißenden Lande kein Korn und keine Kartoffel wächst.
Auch von Errichtung einer Kolontal⸗ armee faseln die Ordnungsblätter wieder einmal. Als ob dem deutschen Michel die ver⸗ rückte Kolonialpolitik noch nicht genug kostete!
Kolonialheld Peters,
unter dem Namen„Hänge-Peters“ bekannt, machte wieder mal von sich reden. Mit der ihm eigenen Unverfrorenheit behauptete er, Bebels Anschuldigung, daß er(Peters) einen Diener deshalb habe hinrichten lassen, weil er mit seiner Konkubine geschlechtlichen Verkehr gepflogen habe, sei unwahr gewesen. Diese Frechheit des Hänge⸗Peters ist bezeichnend für den Mann! Lautete doch das Urteil des Dis⸗ ziplinarhofes in Leipzig am 15. November 1897 dahin, daß es der Gerichtshof als erwiesen erachtet habe, daß Peters den Diener Mabruch habe hinrichten lassen, weil er ihn in Verdacht hatte, mit seinen Weibern sexuellen Nerkehr gepflogen zu haben. Die ganzen Schurkereien des Peters sind auch allgemein bekannt und im Reichstage wiederholt erörtert worden. Trotzdem wagt es der Mann, jetzt gegen Bebel solch unverschämte Anschuldigungen zu erheben. Und zahlreiche„Ordnungsblätter“ stellen ihm ihr Papier für seine Schwindeleien zur Ver⸗ fügung!— Im„Vorwärts“ veröffentlicht Genosse Bebel eine Antwort auf die fjüngsten Angriffe Dr. Peters. Er sagt u. a., er habe angenommen, daß die wiederholten Angriffe, welche die Freunde Peters zur Verteidigung seiner Heldentaten gegen Bebel unternahmen, und die Antworten, welche sie darauf erhalten haben, bei Herrn Dr. Peters nicht gerade das Verlangen nach wiederholter Erörterung seiner Heldentaten hervorrufen werde. Er werde ihm jetzt aber die Antwort nicht schuldig bleiben, doch in seinen Ferien lasse er sich durch Peters nicht stören. Der Fall Peters werde auch in wiederholter Beleuchtung zeigen, daß er immer 70 der skandalöseste von allen Kolonialskandalen e 5.
Ein Edelster der Nation.
In Frankfurt starb vor einigen Tagen einer jener„Edelsten“, mit dem seine Staatsgenossen
ningen. An der Bahre dieses Grafen trauert alles, was ein Anrecht hat, zur Halbwelt gerechnet zu werden. Der Dahingeschiedene war ein Sproß des alten Dynastengeschlechts derer von Leiningen in Ober hessen und im Jahre 1846 in Mainz geboren. Seine Erziehung erhielt er in Ungarn im Hause seiner Tante, der Witwe des im Jahre 1848 hingerichteten Generals Grafen Karl v. Leiningen. Mit 16 Jahren wurde er östreichischer Leutnant. Als solcher machte er den Feldzug von 1866 mit. Dabet benahm er sich aber so feig, daß er mit schlichtem Ab⸗ schied entlassen wurde. Nun entwickelte er bald sein Talent nach einer andern Richtung. Nach⸗ dem er eine Zeitlang päpstlicher Zuave gewesen war, suchte er sein Glück an den Spielbanken von Homburg v. d. H., Nauheim und Monte Carlo. Und er hatte Glück. Nicht nur im Spiel, auch in der Liebe. Nachdem er sich an den Spielbanken die Taschen gefüllt, wußte er einen Wiener Großkaufmann, Fischel v. Zumpen⸗ dorf, so zu betören, daß ihm dieser seine Tochter und etliche Millionen anvertraute. Mit den Millionen räumte der Graf in so kurzer Zeit auf, daß sich der Großkaufmann genötigt sah, eine Trennung von Tisch und Bett zwischen seiner Tochter und dem Grafen herbeizuführen. Nun ging es mit dem Grafen rasch bergab. Er geriet in Wien unter die Zuhälter und Hochstapler und saß bald wegen Diebstahls auf zwei Jahre im schweren Kerker. Zugleich erhielt er Landesverweis, denn Oesterreich hat sebst genug adliche Lumpen, es braucht nicht auch die noch aus Deutschland. Der Herr Graf schüttelte also den östreichischen Staub von seinen Füßen, attachierte sich eine bekannte Wiener Kupplerin und zog mit ihr durch die Lande, trieb Mädchenhandel und betrog und stahl wie ein Rabe. Bald saß er in Sachsen auf mehrere Jahre hinter Schloß und Riegel. Als er wieder auf freien Fuß kam, ging er nach London, wo er sich als sogen. Schlitten⸗ fahrer etablierte. Jahrelang war er einer der verwegensten Betrüger dieser Spezies. Er brand⸗ schatzte insbesondere Frankfurter Firmen, die er wie er selbst rühmend sagte, für besonders dumm hielt. In England lernte er die be⸗ rühmte Tretmühle kennen. Als er diese ver⸗ ließ, wirkte er vorbildlich als Spitzenschmuggler von Brüssel nach Amerika. Er verdingte sich als Kohlenzieher und beförderte die Spitzen an seinem Leibe hinüber, bis er abgefaßt und wieder eingelocht wurde. Nachdem er noch im Jahre 1895 in Gemeinschaft mit einer„Freundin“ die 15jährige Lisette Schweighofer aus Eschbach bei Usingen im Taunus entführt, in London verhandelt und dafür dort zwei Jahre gesessen hatte, ließ er sich zu dauerndem Aufenthalt in Frankfurt nieder, wo er sich seinen Lebensunter⸗ halt durch Spiel, Schwindel und Zuhälterei verdiente. Vor Jahresfrist erkrankte dieser sonder⸗ bare Graf— übrigens ein Vetter des wegen Ehebruchs mit 6 Monaten Gefängnis bestraften und seit dieser Zeit in Oesterreich lebenden Majoratsherrn Graf Friedrich von Lei⸗ ningen— an Zungenkrebs. Er litt nament⸗ lich in der letzten Zeit schrecklich, da Naßrungs⸗ sorgen das Krankenlager umschwebten. Es wird nun niemand glauben, daß dieser dem Tode geweihte gräfliche Verbrecher noch irgend einen Wert für die Menschheit gehabt hätte. Man konnte erwarten, daß er sang⸗ und klanglos, wie andere Verbrecher, in die Ewigkeit abfahren würde. Aber dem ist nicht so. Noch auf dem Totenbett stieg der Mann im Kurse. In der bürgerlichen Gesellschaft gibt es Leute, die selbst für den Namen eines solchen gräflichen Lumpen Geld, schweres Geld ausgeben. Als spekulative Freunde von dem nahen Tode dieses Erzschelms erfuhren, sagten ste sich, mit dem sterbenden Grafen lasse sich insofern ein Geschäft machen, als gar manche wohlhabende Dame, sei es Witwe oder„Jungfrau“, danach trachten werde, Gräfin zu werden, selbst wenn der Grafentitel noch so anrüchig sei. Man streckte seine Fühler aus, setzte sich mit einer Frank⸗ furter Heiratsvermittlerin in Verbindung, und diese brachie den Major a. D. Max Menzel aus Dresden, der das dringende Bedürfnis
nicht viel Staat machen können: Graf Emil von Leiningen⸗Westenburg⸗Alt⸗Lei⸗
fühlte, seine Geliebte, ein Fräulein Hedwig von Nordeck, mit der er früher in Wiesbaden wohnte,
Gräfin zu Alt⸗Leiningen⸗Westerburg werden zu lassen. Den Tod im Herzen, erklärte sich der Graf bereit, gegen Zahlung von 2000 Mk. das Fräulein zu ehelichen, ihr Kind als das seinige anzuerkennen und auch dasjenige,
welches sie unterm Herzen trägt, als seines zu
legitimieren, obwohl er die Nordeck erst seit acht Tagen kannte und der wirkliche Vater dieser Kinder Major Menzel ist. Ein Attest, daß der Graf nicht verrückt sei, wurde beige⸗ bracht, die Papiere waren bald alle in Ordnung, und so fand am 30. Juni, sechs Tage vor seinem Tode, im Krankenzimmer des Grafen die standesamtliche Trauung statt. Nachdem die Trauung vollzogen war, haute der Major ihn noch übers Ohr, indem er bloß 200 Mk. in bar auszahlte und für den Rest einen wertlosen Schuldschein hergab. Für die 200 Mk. wurde Sekt herbeigeschafft und zum letzten Male spülte der gräfliche„Hochzeiter“ die sektfrohe Kehle mit dem geliebten Tranke aus. Am 5. Juli war er tot. Noch im Sterben hat er einen großen Betrug mit der Legitimierung der Nordeckschen Kinder ausgeführt. Aber in der bürgerlichen Gesellschaft scheinen solche„Ehen“ Kurswert zu haben. Denn kurz bevor Graf Leiningen den Pakt mit der Nordeck bezw. ihrem Onkel abschloß, erschien, von einem„Freunde“ des Grafen geführt, eine Mannheimer„Dame“ und bot 20000 Mk., wenn ste der Graf„het⸗ raten“ und ihr seinen„schätzbaren Namen“ geben würde. Die Offerte kam aber zu spät; die„Trauung“ war bereits perfekt.
Jedenfalls steht dieser Namensschacher am Sterbebette eines gräflichen Verbrechers einzig da. Er ist ebenso bezeichnend für die Ver⸗
worfenheit des Verstorbenen, wie für die Moral
gewisser bürgerlicher Gesellschaftskreise.
Die unpolitischen Kriegervereine.
Zum Kampfe gegen die Sozialdemo⸗ kratie bei den nächsten Reichstagswahlen rufen die Kriegervereine auf, die sonst immer„un⸗ politisch“ sein wollen. Die Kuyffhäuser⸗ Korresp., das Organ des Kyffhäuserbundes der deutschen Landeskriegerverbände, bringt einen Aufruf an die bürgerlichen Parteien zu gemein⸗ samer Arbeit, in dem es heißt:
„Der Reichstag hat seine Pforten bis Ende November geschlossen, und für die Politik ist eine Zeit der Ruhe eingetreten... Ist es jetzt aber Zeit zur Ruhe, zum sorglosen Schlaf? O nein, keineswegs! In kaum zwei Jahren finden wieder die allgemeinen Reichstagswahlen statt, und auf die gilt es für die bürgerlichen Parteien zu rüsten.... Die Reichstagswahl er⸗
fordert an Vorbereitungen eine solche Menge Kleinarbeit, 1
so viel Fäden müssen zwischen den einzelnen bürgerlichen
Parteien herüber und hinüber gesponnen werden, daß 0
es die höchste Zeit ist, mit einer planmäßigen Werbe⸗ arbeit zu beginnen. Die bürgerlichen Parteien können von der Sozialdemokratie, was Arbeitsfreudigkeit und Opferwilligkeit betrifft, viel lernen. Bei den letzten Wahlen war der Erfolg drei Millionen Wähler. Wie viele staatsfeindliche Stimmen sich das nächste Mal in den Urnen finden werden, ist schwer zu sagen. läßt sich aber mit aller Bestimmtheit voraussagen, daß es, wenn die bürgerlichen Parteien nicht ebenfalls baldigst⸗ einsetzen mit ihrer Gegenarbeit, es unmöglich ist, im letzten Augenblick die Sozialdemokratie von den Schanzen zu vertreiben. Dazu ist aber nicht nur eine jahrelange planmäßige Kleinarbeit nötig, sondern da ist vor allem auch Eintracht erforderlich. Einigkeit macht stark, das sieht man nirgends besser, als bei den Wahlen.“
Hier zeigt sich wieder ganz deutlich, das
die Kriegervereine nichts anderes sind, als eine Schutztruppe der arbeiterfeindlichen, ordnungs⸗
parteilichen Politik und ein Werkzeug der be⸗
7
Das 0
sitzenden Klassen im politischen Kampfe. Unbe⸗
greiflich und bedauerlich bleibt nur, daß viele
Arbeiter, ja sogar noch solche, die sich zur
Sozialdemokratie zählen, den Kriegervereinen
angehören. Genosse Reichstagsabgeordneter Karl Grünberg gestorben. K
Wieder ist ein Kämpfer gefallen. 1 Samstag starb in seiner Heimatstadt Hartha
der Parteigenosse Grünberg, der Vertreter des sächsischen Reichstagswahlkreises Döbeln⸗
Mit ihm ist wieder einer der alte
Roßwein. Er ist bereits das vierte M
Garde gefallen.
Am


