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Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung ·
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Nr. 16.
Von Nah und Lern.
Der gräfliche Hund und der arme Postbote.
Wegen einer gemeinen Handlungsweise, ver⸗ übt an einem Postboten, hatte sich neulich vor dem Schöffengericht in Lindau die Gräfin v. Waldburg⸗Zeil, Gattin eines württembergischen Standesherren, zu verantworten. Der beliebte Postbote kam mit der galanten Dame dadurch in Konflikt, daß er sich Schutz vor einem bös⸗ artigen Hunde erbat. Die Frau Gräfin denun⸗ zierte hierauf den Postboten bei seinem Vorge⸗ setzten, indem sie sagte, er habe sich ihr gegen⸗ über sehr unpassend benommen. Wegen dieser Denunziation von dem Postboten zur Rede ge⸗ stellt, beschimpfte ihn die Frau Gräfin aufs gröblichste, verfolgte ihn bis in dessen Dienst⸗ zimmer und schrie ihn dort an:„Sie sind ein ganz unverschämter arroganter Kerl! Wenn sie nicht das Maul halten, so haue ich Ihnen ein Paar runter! Ich
arantiere Ihnen, daß ich Sie von hier weg⸗ ringe. Sie sind ja nur ein Postbote!“ Und richtig, sofort darauf erhielt der Gemahl der liebenswürdigen Frau Gräfin vom Ober⸗ postamt die Mitteilung, daß seiner Beschwerde abgeholfen sei. Der traurige Prolet, der ja nur Postbote war, hat dem Hunde der Frau Gräfin weichen müssen. Er wurde sofort ver⸗ setzt. Unter der Wucht des belastenden Beweis- ergebnisses ließ sich der Herr Graf schließlich zu einem Vergleich herbei, nach welchem er den Postboten um Entschuldigung bittet und sämt⸗ liche Kosten übernimmt.
Adeliger und verbrecherischer Pfaffe.
In Kempten(Bayern) ist auf Veran⸗ lafsung der Karlsruher Staatsanwaltschaft der seit Jahren gesuchte katholische Divistonspfarrer Freiherr Rink von Baldenstein, Sproß einer alten badischen Adelsfamilie, verhaftet worden. Er hat sich in den neunziger Jahren in der Garnison Rastatt zahlreicher scheußlicher Sittenverbrechen schuldig gemacht. Ein Heuchler und Augenverdreher, wie es wohl keinen zweiten gibt, gab er sich immer als Spezialfreund der Mannschaften aus und nannte sich nicht anders als„Sol datenseelsorger“. Seine Schweinereien verübte er im Lazarett, wo er den kranken Soldaten Besuche abstattete und allerhand schmutzige Manipulationen an ihnen vornahm. Eines schönen Tages kniff er aus, bis ihn jetzt nach etwa 12 Jahren, das Schicksal ereilte. Ob er nun in's Zuchthaus oder auf einige Wochen in's Irrenhaus kommt, steht noch nicht fest.
Revolution in Rußland.
Ueber das Wahlergebnis zur „Reichsduma“ wurde berichtet, daß 102 konstitutionelle Demokraten, 44 Progressisten, 11 Mitglieder des„Verbandes vom 17. Ok⸗ tober“, 8 Konservative, 6 Sozialisten und 44 Unabhängige und Farblose gewählt seien. Von 90 Bauern⸗Abgeordneten sind 30 konstitutionelle Demokraten und 4 Sozialisten.
Bekanntlich haben die Soztalisten sich an den Wahlen nicht beteiligt. Dieser Beschluß dürfte sich als verfehlt erweisen. Daß trotz der Wahlenthaltung 9 oder 10 Sozialisten gewählt werden konnten, macht erst recht an⸗ schaulich, welchen Eintrag der Boykott dem Sozialismus gebracht hat. Die„Nasche Schisnj“ „Neue Zeit“) bekennt offen, daß ein sehr großer
eil der demokratischen Wähler sozialistisch ge⸗ stunt sei. Ihre Abstimmung für die Demokraten war nur die Folge des Boykotts. Schwer ge⸗ litten hat der„gemäßigte“ Verband des 17. Oktbr.
Gerächt. Der Kosakenoffizier Abramow, der gegen die wegen der Ermordung des Gou⸗ verneurs verhaftete Marie Spiridonowa Gewalttaten begangen hatte, wurde am Montag im Zentrum der Stadt Borrissoglebsk im Gou⸗ vernement Tambow von einem Unbekannten durch drei Revolverschüsse verwundet. Der Halunke empfing damit seine wohlverdiente
Die junge Sptiridonowa ist eine wahre Märtyrerin. Sie hatte einen elenden Schurken, den Gouverneur Luschenowsky erschossen und damit ihr Volk und die Menschheit von einer Bestie befreit. Deswegen verhaftet, wurde ste während ihrer Haft auf das Grausamste gequält und von schurkischen Offizieren vergewaltigt. Sie wurde zum Tode verurteilt, dann zu 20 Jahren Zwangsarbeit„begnadigt“. Doch ist ihre Gesundheit durch die Martern und Ver⸗ gewaltigungen unrettbar vernichtet und sie dürfte bald dem Tode verfallen. Vor dem ste abur⸗ teilenden Gerichte äußerte das tapfere Mädchen u. a.:„Die Schrecken der Reaktion finden nicht ihresgleichen in der Geschichte Rußlands: Im Laufe von zwei bis drei Monaten sind 200 Menschen hingerichtet worden, die Gefängnisse überfüllt, die bewaffneten Aufstände im Blute ertränkt. Ich greife nur einen Kreis eines Tambowschen Gouvernements heraus und nur einen blutbesudelten„Ruhestifter“— Lusche⸗ nowsky: Eine ganze Reihe von Dörfern sah nach dem Raub⸗ und Mordzuge Luschenowskys aus wie bulgarische Dörfer nach einem türkischen Ueberfalle. Im Dorfe Pawlograd sind zehn Meunschen erschossen und 40 verwundet worden; den Alexander Dubrowin, einen Sozialdemo⸗ kraten, der hinkam, um die erbitterte, mit ele⸗ mentarer Gewalt zum Durchbruch gekommene Bauernbewegung zu organisteren, die Bauern aufzuklären und vom Niederbrennen der gutsherrlichen Besttztümer abzubringen, haben ste bier Tage lang gepeinigt. Als es seinen Verwandten endlich gelungen war, wenigstens seine Leiche zu sehen, erkannten sie ihn nicht wieder— so war er zugerichtet: Statt eines gesunden, blühenden Menschen sahen sie einen Haufen formlosen Fleisches, Knochen und Blutes! Im Dorfe Beresowska sind drei Bauern in den Wahnsinn hineingequält worden. Außer dem Niederschießen und dem zu Tode Peitschen wurden Maßregeln der„Ruhestiftung“ ange⸗ wandt, wie Ausplünderung der Bauernhütten, Wegnahme des gesamten Getreides, Nieder⸗ brennen ganzer Dörfer, Entehrung von Frauen. Oft hieß Luschenowsky alle Bewohn r des Dorfes stundenlang vor seinem Hause in Schmutz und Schnee knieen, so lange als er Mittag aß, sich an Wodka besoff oder schlief. ü
Zu den Füßen der Bureaukratie legte Lu⸗ schenowsky seine Trophäen nieder: ermordete Bauern, wirtschaftlich ruinierte Familienväter, gepeitschte Kinder und entehrte Frauen. Und im Namen der Gerechtigkeit und der nieder⸗ getretenen Menschenwürde fällte das Tambower Komitee der sozialdemokratischen Partei das Todesurteil über Luschenowsky. Mit vollem Bewußtsein der Bedeutung dieser Tat übernahm ich ihre Ausführung, weil das Herz vor Qualen zerriß, weil es so schrecklich und qualvoll war zu leben bei den Nachrichten, die aus den Dörfern kamen und von den Greueltaten Luschenowskys berichteten. Als ich nun vollends mit eigenen Augen die in den Wahnsinn gepeintgten Bauern sah, als ich eine wahnsinnige alte Mutter sah, deren 15 jährige Tochter sich nach ihrer Vergewalti⸗ gung durch Kosaken ins Wasser gestürzt hatte, — da konnte keine irdische Macht, keine Höllen⸗ qual mich von der Ausführung meines Ent⸗ schlusses abhalten. Und jetzt, nach den Folter⸗ qualen, die mich Abramow und Schdanow haben erleiden lassen, sage ich es noch einmal: Ich bin glücklich, mein Volk zu verteidigen und für mein Volk zu sterben.“
Welcher fühlende Mensch wird nicht im Innersten empört, wenn er diese Bestialitäten der zarischen Bluthunde liest? Wer noch einen Funken Gerechtigkeitsgefühl besitzt, wer über⸗ haupt menschlich fühlt, wird die Tat des Mäd⸗ cheus als eine edle, als eine sittliche Notwendig⸗ keit empfinden; mag man auch Gegner der Todesstrafe sein, Attentate als zwecklos und verwerflich verurteilen. Und in Deutschland gibt es Leute, die mit dem blutigen Zarentum sympathisteren, seine verworfenen Schergen be⸗ lobigen, die Revolutionäre aber beschimpfen! Ein Liebermann von Sonnenberg zum Beispiel!
Strafe; die Schüsse führten seinen Tod herbei. Der Rächer ist glücklich entkommen.
Der Mensch richtet damit sich und seine kosakischen Gesinnungsgenossen selber, er zeigt,
von welcher niedrigen Gestnnung die Leute er⸗ füllt stnd, die stets mit ihrem Deutschtum und ihrem Patriotismus prahlen!
Ein Polizeimeister als Revo⸗ lutionär. Das russische Ministerium des Innern hat neulich eine unangenehme Entdeckung gemacht. Bei einer zufälligen Reviston in Koslow entpuppte sich nämlich der dortige Polizeimeister Libko als Führer einer revolutionären Partei. Die nähere Untersuchung ergab, daß sich bei Libko eine große Niederlage von revolutionären Schriften befand. Auch wurde ein reger Ver⸗ kehr des Polizeimeisters Libko mit den freiheitlich gestunten Polizeiorganen anderer russischer Städte festgestellt. Sobald Durnowo hlervon erfuhr, ordnete er eine strenge Untersuchung an und befahl, nötigenfalls die ganze Polizei von Koslow vom Dienst zu suspendieren und unter Anklage zu stellen.— Der Poltzist scheint ein Anständiger unter soviel Halunken zu sein.
Die Cͤsung der welträtsel.
Wozu das Mügen all und Plagen d Fragt doch die fromme Geistlichkeit!
Die löst euch alle großen Fragen
Mit ungeheurer Leichtigkeit.
Nur nicht zu viel Vernunft verschwendet, Die doch nicht alles wissen kann!
Wo unsre Weisheit eben endet,
Da fangen wir zu glauben an.
Wohl ist von Ungerechtigkeiten
Die Welt erfüllt, von Schmerz und Graus. Doch war das so zu allen Seiten,
Nur still: Im Jenseits gleicht sich's aus.
Und schlägt der Haufen der Frivolen
Die süße Lösung in den Wind:
So mag sie halt der Teufel holen!
Wenn wir nur jenseits selig sind. K. W.
Der Bräutigam. Episode aus der Zeit der großen Revolution. Nacherzählt von H. Devidee. (Schluß.)
Der Vicomte ließ sich das nicht zweimal sagen; ohne ein Wort des Dankes eilte er hin⸗ weg und begab sich in das Palais des Fräuleins von Keriac. f
„Sie sind frei!“ rief Celine überrascht.„So hat er also doch Wort gehalten!“
„Ja“, entgegnete der Vicomte, ich bin frei und es ging recht wunderbar zu. Plötzlich kam der Bauernlümmel... äh... wie heißt er doch?... Ich glaube, ich sah ihn öfter im Schlosse Ihrer Eltern in der Bretagne, Celine. Kurz, er kam und kündigte mir meine Freiheit an; er sprach noch einiges, das ich Ihnen aus⸗ richten sollte, natürlich habe ich es mir nicht gemerkt; ich war nur empört, daß der Lümmel es wagte, Sie bet Ihrem Vornamen zu nennen. Uebrigens gab er mir diese Pässe und meinte, wir sollten schleunigst abreisen; solange ich aber hier bliebe, müßte ich mich verborgen halten.“
Celine nahm die Pässe in Empfang.
„ich habe hier noch etwas zu tun. Verborgen sind Sie in meinem Hause sehr gut. Ich habe im Turm ein geheimes Zimmer, wo Sie nie⸗ mand finden wird. Jean, mein alter treuer
Diensten sein; ihm können Sie vertrauen.“ Mit diesen Worten schellle das Fräulein von Keriac und gab dem erscheinenden Diener die nötigen Weisungen, sie selbst entfernte sich, indem sie ihrem Bräutigam nur kurz mitteilte, daß sie einen wichtigen Gang zu machen habe. Es drängte Celine, Paul zu danken, daß er ihren Wunsch so schnell erfüllt hatte; aber wie erschrack sie, als sie in seinem Hanse erfuhr,
Vicomte von Brussac durch einen gefälschten Entlassungsbefehl befreit hatte. 8
„Die Abreise ist nicht so eilig“, sagte sie,
Diener wird Sie hinführen und Ihnen zu
daß Paul gefangen genommen, weil er den
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