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Nr. 16.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Ruhe an die Arbeit und alle noch Fernstehenden der starken Organisation zugeführt, die jetzt schon über 300000 Mitglieder zählt!
Aus dem Rreise Jriedherg⸗Büdingen.
Stadtverwaltung wie sie nicht sein soll. Folgendes„Eingesandt“ entnehmen wir dem Bad Nauheimer Generalanzeiger:„Die Gehaltsregelung der städtischen Beamten(ausschließlich des Bürgermeisters) ist nun glücklich in geheimer Sitzung unter Dach und Fach gebracht worden. Sie hat stellenweise große Auf⸗ besserungen der Gehälter gebracht und stellenweise auch nicht. Während die kleinen Gehälter entweder garnicht oder ganz unmerklich gestiegen, sind die größeren Gehälter bis auf 4— 5000 Mk. geschraubt worden. Das kann man doch wohl nicht mehr einen gerechten Ausgleich nennen, der inanbetracht der jetzigen Lebens mittelteuerung doch sehr am Platze gewesen wäre. Auch die Bewertung der einzelnen Arbeitsleistungen(es wurde leider für jeden Beamten eine besondere Skala gemacht) gibt zu großen Bedenken Anlaß. Ich kann es z. B. nicht verstehen, daß die Arbeit des Gasdirektors gerade das Doppelte so viel wert sein soll wie die des ältesten Stadtschreibers.
Ein Staatsbeamter.“
Daß diese Stadtregierung nicht gern sozialdemo⸗ kratische Blätter im öffentlichen Lesezimmer haben möchte, ist allerdings sehr begreiflich.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Ausstand der Marmorarbeiter. Am Samstag sind 18 Schleifer der Firma Dykerhoff und Neumann in den Ausstand getreten, weil die Firma gegenüber den bescheidenen Forderungen der Ar⸗ beiter nicht das geringste Entgegenkommen zeigte. In Bezug auf die von den Arbeitern gestellten Forderungen müssen wir unserer Notiz in voriger Nummer noch er⸗ gänzend hinzufügen, daß die Stundenlöhne von 40 bis 45 Pfg. nur für ältere, tüchtige Arbeiter gefordert werden. Für ausgelernte Schleifer— nach Z jähriger Lehrzeit— werden 25 Pfg., für Gehilfen im 2. Jahre nach beendeter Lehrzeit 30 Pfg. Minimal⸗Stundenlohn gefordert. Daß diese Löhne keine unbescheidene oder „unerfüllbare“ Forderungen darstellen, und die Firma sehr wohl darauf eingehen kann, beweist der Umstand, daß sie ungelernte Arbeitskräfte für 2,80 Mk. zu werben sucht, während, wie aus obigen Angaben ersicht⸗ lich ist, für Leute, die 3 Jahre gelernt haben, nur 2,50 Mk, gefordert werden!— Unter den ausständigen Schleifern befinden sich solche, die schon seit 2—3 Jahr⸗ zehnte bei der Firma in Arbeit standen; Herr Stadt⸗ verordneter Nenmann läßt diese alten, treuen Arbeiter wegen einiger Pfennige mehr Lohn, die sie bei den teuern Lebensmitteln unbedingt brauchen, in den Streik treten! Und doch hat es ihre Arbeit ermöglicht, daß die Söhne des Herrn N. Kavallerie⸗Offiziere werden konnten und als solche werden sie die Pfennige gewiß nicht so genau angesehen haben.
h. Ein„Terrorismus“-⸗Fall kommt nächsten Freitag vor dem Schöffengericht zur Verhandlung. Ein Bergmann, der sich an dem Streik auf den Solmsschen Gruben beteiligt hatte, ist wegen Mißhandlung eines Arbeitswilligen angeklagt. Das Schönste dabei ist, daß e Mißhandelte von einer Mißhandlung nichts weiß!
h. Volks versammlung in Launsbach. Sonntag, den 29. April, findet im Saale des Herrn Gastwirt Komp in Launsbach eine große Volksver⸗ sammlung statt, in welcher Frau Zietz⸗ Hamburg über „Klassenkämpfe einst und jetzt“ sprechen wird. Die Frauen und Mädchen von Launsbach, Wißmar und Umgebung sollten nicht versäumen, die bekannte und tüchtige Red⸗ nerin zu hören und diese Versammlung in Masse besuchen.
Aus dem Rreise Marburg⸗Kirchhain.
Ein Kaufmanns gericht soll dem Vernehmen nach in Marburg errichtet werden. Der Magistrat habe dem diesbezüglichen wiederholten Gesuch des Deutsch⸗ nationalen Handlungsgehülfen⸗ Verbandes stattgegeben, Er hat also seine frühere Ansicht geändert, nach welcher für ein solches Gericht kein Bedürfnis vorliege, Marburg auch noch keine 20000 Einwohner habe, weshalb die früheren Gesuche abgelehnt wurden. Nun darf man auch wohl hoffen, daß endlich zur Errichtung eines Gewerbegerichts geschritten wird, das mindestens so notwendig als ein Kaufmannsgericht ist.
Die Leidensgeschichte der Marburger Plakatsäulen. Seit einiger Zeit besitzt Marburg Plakatsäulen, welche der Firma M. Gabler und Co. gehören. Als diese nach erfolgter Genehmigung der Stadtverordnetenversammlung ihre Säulen und Tafeln an verschledenen Straßen und Plätzen aufstellte, machte die Polizei⸗Verwaltung bekannt, daß Plakate von roter Farbe unter keinen Umständen angebracht werden dürften. Da geschah nun dleser Tage etwas ganz Unerhörtes. Der Gerichtsvollzteher kam mit seinem Adjutanten
daher und klebte ohne Erlaubnis der Firma und der
Polizei rote Zettel an. Und auf diesen Zetteln stand
zu lesen, daß Säulen und Tafeln gepfändet seien. Was sagt nun wohl die Polizei zu der Freveltat des Gerichtsvollziehers, der sich nicht genierte, verpönte rote Zettel zu verwenden? Wird sie ihn deswegen in Ord⸗ nungsstrafe nehmen?
Ortskrankenkasse. Am Donners⸗ tag, den 26. April hält die Allgemeine Mar⸗ burger Ortskrankenkasse ihre Frühjahrs⸗Gene⸗ ralversammlung in der alten Realschule ab. Die Mitglieder wollen recht zahlreich er⸗ scheinen.
* Genosse Dr. Michels schrieb kürzlich unserm Frankfurter Parteiblatte:„In einer Marburger Korre⸗ spondenz aus dem Parteileben vom 4. d. M. wird die Behauptung aufgestellt, daß meiner Ansicht nach das deutsche Proletariat dank seiner guten Führung bereits geistig vernachlässigt sei. Weder habe ich in dem frag⸗ lichen Vortrag eine derartige Aeußerung getan, noch entspricht sie etwa meinen diesbezüglichen Ansichten.“ Da auch in unserm Blatte diese Behauptung enthalten war, halten wir uns verpflichtet, von der Richtigstellung Notiz zu nehmen..
Tod einer Familie durch Fischkonserven.
In Mainz starb fast die ganze Familie des Bank⸗ direktors Gutmann aus Nürnberg an Vergiftung in⸗ folge Genusses von Büchsensalm. Die Familie be⸗ fand sich dort zu Besuch bei dem Weinhändler Stocker. Nach Genuß der Fischkonserven am Mittwoch starb zuerst das Sjährige Töchterchen, in der Nacht starb Frau Gutmann und Donnerstag früh dieser selbst. zweite Kind G. befindet sich noch in Lebensgefahr, während bei Frau Stocker und deren Kind Besserung eingetreten ist.
Schweres Erdbeben in Kalifornien.
Noch ist der Vesuv⸗Ausbruch in frischer Erinnerung und schon kommt die Nachricht von einer neuen schrecklichen Katastrophe. Die Kalt⸗ fornische Küste wurde von einem fürchterlichen Erdbeben heimgesucht, daß eine Anzahl Städte ganz oder teilweise vernichtete. San Francisco, das 360 000 Einwohner zählt, ist total vernichtel. 3 5000 Menschen sollen um⸗ gekommen sein. Auch die Städte San José, Sakramento, Oakland ꝛc. haben schwer gelitten.
Genickstarre
ist in Schlesien und Posen wieder in bedeutendem Maße aufgetreten und greift in bedenklicher Weise um sich. In der letzten Woche starben in Schlesien 14 Personen an dieser Krankheit; aus der Stadt Posen allein werden 9 Todes⸗ fälle im Laufe des März gemeldet. Noch schlimmer grasstert die Seuche im Ruhrgebiet, wo bis jetzt 67 Todesfälle zu verzeichnen sind. — In dem Lazarett in Bitsch im Elsaß sollen sich jetzt 60 an Genickstarre Erkrankte befinden.— Auch in Offenbach starb ein Arbeiter unter Anzeichen von Genickstarre.
Ein schweres Grubenunglück ereignete sich am Dienstag in der Grube Dud⸗ weiler im Saarrevier. Es enstand ein Brand, wodurch der ganze Saarschacht in Flammen gesetzt wurde. Acht Bergleute wurden durch die Gase betäubt, zwei mit Apparaten zu Hilfe eilende ebenfalls. Die Abdämmungsarbeiten waren infolge der starken Gasentwickelung sehr erschwert. Der Schacht brennt weiter. Die Arbeiten zu Ablöschung der Brandstellen schreiten nur langsam vorwärts, da die Mannschaften wegen der giftigen Gase von Minute zu Minute abgelöst werden müssen. Man ist der Ansicht, daß ein Umsichgreifen des Feuers als ausge⸗ schlossen betrachtet werden kann.— Unter Füh⸗ rung des Berghauptmanns v. Velsen wird eine Kommission des Oberbergamts sofort eine Generalreviston sämtlicher Saarkohlengruben vor⸗ nehmen. Die sehr notwendige Maßnahme ist auf das Unglück von Courrieres zurückzuführen.
Zur Maifeier!
Am ersten Mai reichen sich die Arbeiter aller Länder im Bewußtsein ihrer Zusammen⸗ gehörigkeit die Bruderhand um zu bekunden, daß sie unerschütterlich an dem großen Kultur⸗ gedanken festhalten, der in der Maifeier zum Ausdruck kommt.
In diesem Jahre muß sich die Maifeier zu einer besonderen machtvollen Kundgebung
Das
gestalten. Es gilt für die Arbeiterschaft ihre wirtschaftliche Macht in die Waagschale zu werfen, für die Erringung politischer Rechte und Freiheiten, ihre Kraft einzusetzen für die Befreiung aus wirtschaftlicher Ab⸗ hängigkeit und politischer Unterdrückung. Gegen die kapitalistische Ausbeutung, gegen den Terrorismus der Kapitalsherrschaft gegen den Krieg in jeder Form— aber für den Achtstundentag, für Arbeiterschutz, für Frei⸗ heit und Frieden der Völker muß am 1. Mai wirksam demonstriert werden!
An die Arbeiter und Parteifreunde unseres Verbreitungsgebietes ergeht die Aufforderung, für eine allgemeine und würdige Maifeier zu sorgen. Namentlich gilt es für die preußi⸗ schen Bezirke, auch bei der Maifeier gegen das schändliche Dreiklassenwahlrecht zu prote⸗ stieren und die Forderung eines freien Wahl⸗ rechts für den Landtag erneut zu erheben.
Wir verweisen ferner auf die in dieser Nummer abgedruckte Bekauntmachung des Landeskomitees und erinnern die Partetorganisationen des Gießener Wahlkreises daran, daß sie wegen Rednern zu den Maiveranstaltungen sich an Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstraße 44 wenden wollen.
Partei-Nachrichten. An die Parteigenossen Hessens!
Behufs Aufstellung einer neuen Referentenliste werden alle Parteigenossen, die als Redner für die Partei tätig sein wollen, ersucht, ihre Adresse alsbald an den Parteisekretär, Genossen Dr. David, Offen⸗ bach a. M., Bahnhofstraße 39, einzusenden.
Auch jüngere Kräfte, die sich zu rednerischer Tätigkeit beanlagt fühlen, mögen sich melden.
Es ist beabsichtigt, Referenten⸗Konferenzen zu veranstalten, in denen die nötige Anleitung gegeben wird.
Das Landeskomitee.
Auf ihr 25 jähriges Bestehen blickten am Ostermontag zwei unserer Parteiblätter, das„Ham⸗ burger Echo“ und der Karlsruher„Volks⸗ freund“ zurück. Am 15. April 1881 erschien in Hamburg zum ersten Male die Hamburger Bürger⸗ zeitung, die Vorgängerin des„Echo“ unter dem Sozialistengesetz. Einige Jahre ging es gut, dann fiel die Bürgerzeitung, wie alle srüheren sozialdemokratischen Zeitungen in Hamburg⸗Altona dem Schandgesetz zum Opfer. Es lag ein grimmiger Humor darin, schreibt das„Echo“, daß ein Artikel: Force is no remedy (Die Gewalt ist kein Heilmittel) den Grund für dies Verbot abgeben mußte, Doch schnell folgte der Bürger⸗ zeitung das Hamburger Echo und dieses zählt heute 50 000 Abonnenten! Was hat die Gewalt denn nun fertig gebracht? Weiter und weiter verbreitet die sozialdemokratische Presse unsere Lehre, allen Gewalt⸗ menschen zum Trotz!— Auch der Karlsruher Volks⸗ freund, der früher in Offenburg erschien, hatte unter dem Schandgesetz viele Verfolgungen auszustehen. Aber auch er hat sich tapfer durch die Schwierigkeiten durchgekämpft und hat sich gut entwickelt..
Die Reichstagskandidatur für Kassel haben unsere Parteigenossen dem Stadtverordneten Genossen Hüttmann⸗Frankfurt übertragen.
Genosse Abg. Dreesbach⸗Mannheim, der nicht unbedenklich erkrankt war, befindet sich jetzt wieder auf dem Wege der Besserung.
VNersammlungskalender.
Samstag, den 21. April. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Orbig. Sonntag, den 22. April. Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Aug. Rinn. Zahlreiches Erscheinen erwünscht. Dienstag, den 24. April. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Mittwoch, den 25. Apeil. Arbeitergesang verein Eintracht.
Marburg. 340 ahl⸗
Abends 9 Uhr Gesangstunde bei Jesberg. reiches Erscheinen erwünscht. Donnerstag, den 26. April. Marburg. Freie Turnerschaft. 9 Uhr Turnstunde bei Hildemann.
Abends


