Ausgabe 
22.4.1906
 
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Nr. 16.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

Erschüttert kehrte sie heim. ligWissen Sie, was geschehen ist? rief ste außer sich ihrem Bräutigam entgegen.Paul ist verhaftet, weil er Sie gerettet hat!

Nun und... 2 Was weiter? antwortete der Vicomte gleichgültig. Er saß an einer reichgedeckten Tafel und tat sich an Speisen und Wein gütlich.

Meine liebe Celine, fuhr er fort,was liegt daran, wenn diese Canaille ins Gefängnis und aufs Schafott kommt? Ste sollen sich nur gegenseitig totschlagen, dann sind wir sie los und die Ordnung ist wieder hergestellt.

Aber Paul ist Ihr Retter!

Der Schuft hat sich unterstanden, mich Bürger Brussac anzureden; dafür allein ver⸗ dient er den Galgen!

Celine sah ihren Verlobten unendlich ver⸗ achtungsvoll an und entfernte sich, ohne ihn eines Wortes zu würdigen. Aber am nächsten Tage kam sie noch erregter in das geheime Zimmer gestürzt und rief:

Paul ist zum Tode verurteilt an Ihrer Statt!

Der Vicomte zuckte die Achseln.

Aber er kann sich retten, wenn er Ihren Aufenthalt verrät.

Jetzt verfärbte sich Brussac.

Er wird doch nicht.. stammelte er.

Nein, er wird es nicht, entgegnete Celine, weil er mir sein Wort gegeben hat, Sie zu retten.

Der Vicomte atmete erleichtert auf.

Der Lümmel weiß, was er seiner ange⸗ stammten Herrschaft schuldig ist, sagte er.

Aber klüger wäre es, sich nicht darauf zu ver⸗ lassen, sondern schlennigst das Weite zu suchen; wozu haben wir denn die Pässe?

Aber Sie hören doch, daß er an Ihrer Stelle hingerichtet werden soll... Sie können, dürfen nicht fort...

Der Vicomte sah seine Braut verwundert an.

Ueberspanntes Frauenzimmer, dachte er, ich werde ihr die romantischen Grillen schon bertrelben, wenn sie nur erst meine Frau ist. Laut sagte er:

Was soll ich denn tun?

Ste müssen zu Robespierre...

Celines Bräutigam erschrak.

Zu Robes pierre? Aber da bin ich verloren!

Sie müssen sich selbst stellen; Robespierre wird vielleicht Gnade üben...

Und auf diesesvielleicht soll ich mich verlassen? Sie sind wohl nicht recht bei Sinnen 5 rief er grob.Was kümmert mich der Bauern⸗ lümmel! Geben Sie mir meinen Paß, ich will fort... wenn Sie durchaus bleiben wollen 171so bleiben Sie in Gottes Namen abe

Ein Geräusch vor der Tür ließ ihn erschrocken innehalten. Er sprang auf.

Um Gotteswillen, ste kommen. rief er erbleichend und stand mit schlotternden Knien, zähneklappernd da.

Celine sah ihn verächtlich an.

Feigling! kam es unwillkürlich über ihre

Lippen. Dann trat sie zur Tür und lauschte.

Es ist nichts, sagte ste.Sie wissen doch,

daß dieses Gemach wohl verborgen 11 Aber er schien sie nicht zu hören. Ich will fort,

Sie mich fort.

Und diesen Menschen konnte ich zu lieben wähnen, sagte Celine und warf einen letzten,

8 1 äutigam t ee n W 5 deutlichen Linien in der Malerei und die

dann ging sie. 1

Sie hatte jetzt nur einen nden 28 Matt. Es halt e e wann um jeden Preis. usik. 5

mußten gern Rotespler 5 1 es seine Stimme so laut erhebt, daß die Leute

Sie ging zu Robespierre, sie bot, öffnete Pauls Gefängnis.

er, den Kopf in die Gedanken verloren. Da hörte er plötzlich eine geliebte Stimm sagen: Paul, ich komme, Ihnen zu danken. Er sprang im freudigen Schrecken empor

jammerte er,nur fort, fort! Geben Sie mir meinen Paß und lassen

und der Preis, den Als ste mit

dem Euthaftungsbefehl in seine Zelle trat, saß 5 2201 Hand gestützt, in tiefe

O Celine! rief er frohbewegt,Sie bei mir! Ich sehe Sie noch einmal vor meinem Ende! O, das ist mehr Glück, als ich in meinen kühnsten Träumen zu hoffen gewagt hätte!

Sie sin)9 frei, Paul, Robespierre wird gleich kommen, es Ihnen selbst zu verkünden. Und der Vicomte?..

Der ist in Robespierres Händen.

So ist er wieder eingefangen worden? Arme Celine!

Nein, nicht mehrarme Celine; an seiner Seite wäre ich zu bedauern gewesen. Ich habe seinen Unwert erkannt und ihn ohne Zögern geopfert, um denjenigen zu retten, den ich liebe...

Celine!

Erinnerst Du Dich noch, Paul, was ich Dir einstens versprach, wenn Du recht Schwie⸗ riges vollbrächtest?

Du wolltest die Meine werden, mein ge⸗ liebtes Weib.... O, Cline, willst OBD. Willst Du das wirklich?

Von ganzem Herzen, erwiderte sie und fiel ihm um den Hals.

Meinen Glückwunsch und meinen Segen, sagte Robespierre, der ungehört eingetreten war.

Allerlei. Ein gesunder Beruf.

Vor einiger Zeit schreibt derVorw. f ging eine etwas versteckt gehaltene, aber sehr interessante Notiz durch die schwarze Presse des mit Geistlichen überreich gesegneten Münster⸗ landes, in der über den Zu. und Abgang der Geistlichkeit des Bistums Münster im Jahre 1905 berichtet wurde. Es hieß in der Nottz, daß das Bistum Münster im Laufe des ver⸗ flossenen Jahres 30 Priester verloren habe. Das würde uns nun weniger interessieren, wohl aber die weitere Bemerkung, daß das Durch- schnittsalter der Verstorbenen wiederum ein recht hohes gewesen sei, denn es habe 65 Jahre betragen. Der älteste derdem Herrn geweiht Gewesenen ist über 90 Jahre alt geworden, während der jüngste mit 28 Jahren hat ins Gres beißen müssen. Ein Durchschnittsalter von 65 Jahren der Andrang zu diesem Erwerbszweige war ein so starker, daß anstelle der mit Tod abgegangenen 30 Herren 54 neu geweiht werden konnten. Das Durchschnitts⸗ alter der Arbeiter schwankt je nach der Ge⸗ fährlichkeit des Berufes etwa zwischen 25 bis 40 Jahren. Da ist es erklärlich, daß jene Herren, die sich einer so ausgezeichneten Gesund⸗ heit erfreuen, die Arbeiter auf den Himmel ver⸗ trösten. Wer im Rohr sitzt, hat gut Pfeifen schneiden. Der geistliche Berufszweig ernährt nicht nur seinen Mann, er erhält ihn auch gesund.

Die Mutter als Erzieherin.

Lärme nicht über den Lärm. Deine Kinder stürmen in die Stube lärmend ver⸗ langen sie ihr Vesperbrot. Du gibst es ihnen lärmend nehmen sie es in Empfang. Du schickst sie in den Garten lärmend eilen sie nach draußen. Du stehst ihnen durchs Fenster zu lärmend tollen sie umher. Und seufzend klagst du: Wenn sie doch nicht solchen Lärm machen wollten! Oder du lärmst noch lauter als sie: Wollt ihr ruhig sein, ruhig sollt ihr sein! Aber es nutzt dir nichts. Du kannst deine Kinder, wenn ste an Körper und Geist gesund sind, nicht zu Leisetretern und Stillsitzern und Flüsterern machen. Es liegt in der Natur des Kindes,

lärmend durchzusetzen. Das Kind liebt

sich erstaunt oder gar erschreckt nach dem kleinen Schreihals umsehen. Das Kind drückt in fröh⸗ lichem Geschrei seine Freude aus. Es lärmt nicht, um zu lärmen, sondern es benutzt den e] Lärm in der Freude und im Schmerze als eine Verstärkung sefner sonstigen Ausdrucksmittel.

Darum sollst du aber nicht jeden Lärm deiner : Kinder geduldig über dich ergehen lassen. Du

Ruhe, wenn du ste brauchst, und zwinge in diesem Falle deine Kinder durch Güte und durch Ernst, sich ruhig zu verhalten. Aber schelte nicht immer und überall über den Lärm deiner Kinder. Wenn er in den Grenzen einer berech⸗ tigten Ausgelassenheit bleibt, so ist er gesund, und wenn du ihn gelegentlich geduldig erträgst, werden deine Kinder ein anderes Mal auch um so geduldiger deine Ruhe ertragen. (h. sch. in derGleichheit)

S

Splitter.

Es kann sein, daß nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält(denn er kann irren); aber in allem, was er sagt, muß er wahrhaft sein(er soll nicht täuschen).

Kant. **

* So lange du dich noch nicht selbst aufgibst, ist noch nichts gänzlich verloren. **

* Wer sich nicht achtet, ehrt die Frauen nicht, Wer nicht die Frauen ehrt, kennt er die Liebe? Wer nicht die Liebe kennt, kennt er die Ehre? Wer nicht die Ehre, was hat er noch? **

* Grobstilig. Was hilfts, mit zartem Wort und feinem Stile Zu appelteren an Rhinocerosgefühle? Der beste Stil, so glaub' ich für meinen Teil, Ist für den groben Klotz ein grober Keil.

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Humoristisches

Die Kugelgestalt der Erde. Sergeant Müller hat kürzlich vertretungsweise die wissenschaft⸗ liche Instruktionsstunde übernehmen müssen. An der Hand seines Leitfadens müht er sich nun, den Kerls die Lehre von der Kugelgestalt der Erde beizubringen. Also früher glaubte man, die Erde sei eine Scheibe. Aber das könnt Ihr Euch doch selber denken, daß das nicht stimmt. Heutzutage weiß man eben, daß die Erde eine Kugel ist. Wer das etwa nicht einsehen will, der kann mal'n paar Stunden tiefe Kniebeuge mit Gewehr⸗ strecken üben! Es gibt aber auch noch andre Gründe für die Kugelgestalt der Erde.

Erdrückender Beweis.. Und Sie wollen es beweisen, daß die Beiden sich geküßt haben? Selbstverständlich: Erstens habe ich sie vom Neben⸗ zimmer aus photogrophiert und dann hab' ich den Kuß auch noch phonographisch aufgenommen!

(Fl. Bl.)

Vertrauenswürdig. Protestanttscher Pfarrer: Wird denn bei Euch über alle Einnahmen Buch geführt? Katholischer Pfarrer: Keine Spur! Das würde viel zu weit führen; es genügt, wenn wir am jüngsten Tage Rechenschaft ablegen.(W. Jak.)

Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder! Da ist es mit dem ersten Mai besser, der blüht alle Jahre, und jedes Jahr schöner.

Der Reichtum und die Not. Es war einmal Bruder und Schwester: Der Reichtum und die Not;

Er schwelgte in tausend Genüssen, Sie hatte kaum trocken Brot.

Die Schwester diente dem Bruder Viel hundert Jahre lang;

Ihn rührte es nicht, wenn sie weinte, Noch wenn sie ihr Leiden besang.

Er fluchte und trat sie mit Füßen, Er schlug sie ins sanfte Gesicht; Sie fiel auf die Erde und flehte: Hilfst du, o Sott, mir denn nicht d

Wie wird das Lied wohl enden d

Das ist ein traurig Lied!

Ich will's nicht weiter hören,

Wenn nichts für die Schwester geschieht! Das ist das Ende vom Ciede

Vom Reichtum und der Not:

An einem schönen Morgen Schlug sie ihren Bruder tot.

Sie, der alle seine Gedanken galten, stand leib⸗

haftig vor ihm.

hast ein Recht auf die Ruhe, wie die Kinder ein Recht auf den Lärm haben. Verlange deine

A. Glasbrenner.