Ausgabe 
22.4.1906
 
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Seite 2.

Nitteldeutsche Sauntags⸗Zeitang.

Nr. 16.

treff des Fleisches genehmige ich, daß man das Pfund auf 19 Pfg. setzt, aber den Eingangszoll von einem Taler für jeden fremden Ochsen anlangend(oder überhaupt von jedem Haupte Rindvieh), so geht das nicht, und man muß irgend einen anderen für die Akzise geeig⸗ neten Gegenstand ausfindig machen, daß man sich daran erholen kann.

Dem König Friedrich II., der im allgemeinen ganz und gar nicht etwa derKönig der Armen war, als den die patriotische Legende ihn feiert, schien esunmöglich, von jedem Ochsen einen Einfuhrzoll von drei Mark zu erheben; das seizu drückend für das Volk,gehe nicht an, man solle nach einem besser geeigneten Gegen⸗ stand für Zölle suchen. Heute, einhundertund⸗ vierzig Jahre später, im Zeitalter des vielge⸗ priesenen sozialen Königtums, sperrt man nach Möglichkeit die Reichsgrenzen überhaupt für fremdes Vieh, und auf jedem Ochsen, den man wirklich hereinläßt, lastet ein Durchschnittszoll von 48 Mark das sind 45 Mk. mehr als der Satz, den Friedrich II. fürunmöglich er⸗ klärt hatte!

Was für Summen verpulvert werden zeigt ein Bericht, den kürzlich bürgerliche Blätter

aus Kiel brachten: Ein scharfer Torpedoschuß, der in der Strander Bucht von einem Torpedo⸗ boot der 1. Torpedoboots⸗Diviston in voller Fahrt auf eine verankerte Scheibe abgegeben wurde, war ein Volltreffer. Das Zielobjekt wurde vollständig zersprengt. Dem Schausptel, das sich selten bietet, da ein solcher Schug et wa 18000 Mark kostet, wohnte auch die chine⸗ sische Studienkommisston an Bord der Torpedo⸗ boote bei. Was hier in einem Augenblicke verpufft wird, davon könnten 18 Arbeiterfamilien ein ganzes Jahr lang leben!

Das Befinden des Reichskanzlers

soll keines wegs so zufriedenstellend sein, als die gutgesinnten Blätter es hinstellten. Es wird im Gegenteil mit dem Rücktritt Bülows gerechnet und schon nach dem Nachfolger Um⸗ schau gehalten. Trotz ärztlicher Bemühungen soll der Reichskanzler die Bewegungsfähigkeit der Beine noch nicht wieder erlangt haben; der Ohnmachtsanfall im Reichstage wird jetzt auch von der Regierung nahestehenden Blättern als 90 1 92 Zeichen erschütterter Gesundheit an⸗ gesehen.

Ein Zuchtbausurteil gegen Streikende.

Wegen angeblichenLandfriedens⸗ bruchs standen dieser Tage zwölf Arbeiter vor dem Schwurgericht in Güst ro w i. Mecklen⸗ burg. Sie waren vom Neptunwerft ausgesperrt und sollten eine Anzahl arbeitswilliger Kupferschmiede, die trotz Streik und trotz Aussperrung auf der Neptunwerft zu Rostock Arbeit genommen hatten, eines Tages überfallen und verhauen haben. Die zwölf Geschworenen waren natürlich sämtlich Angehörige der bestitz⸗ enden Klassen, Gutsbesitzer, Gutspächter ꝛc., Leute, die von den Kämpfen der Arbeiterschaft keine Ahnung haben. Der Angeklagte Türk soll derRädelsführer gewesen sein. Ueber ihn sagte ein Zeuge eidlich aus, daß dieser stets zur Ruhe und Besonnenheit ermahnte, so auch noch am Montag, 5. Februar, Abends, als in der RostockerWarnowhalle zwei der arbeitswilligen Kupferschmiede gewesen. Ja, Türk habe die noch Auwesenden aufgefordert, wobet er sich in die Haustür stellte, daß nie⸗ mand eher dieWarnowhalle verlassen möge, ehe die Kupferschmiede auf der Werft seten. Auch der Direktor der Neptunwerft, Barg, kann ihnen nichts Nachteiliges nachsagen. Auf direkte Frage mußte Barg auch bestätigen, daß Türk als derzeitiger Vorsitzender des Ar⸗ beiterausschusses ihm stets als ruhiger und besonnener Arbeiter bekannt sei. Trotz dieser klaren Darlegungen des Direktors, unter dessen Leitung Türk bis zur Aussperrung jahrelang gearbeitet hatte, glaubte das Geschworenengericht den Aussagen der drei Arbeitswilligen. Türk

wurde als Rädelsführer zu 1 Jahr 3 Mo⸗ naten Zuchthaus, 3 weitere Angeklagte zu je 1 Jahr Gefängnis und zwei zu je 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Ar⸗

beitswilligen aber, die sich an die Stellen der

vom Unternehmertum brotlos gemachten Arbeiter

drängen, finden in der deutschen J Ati die

willfährigste Beschützerin. f N Die Lage der Volksschullehrer

in Preußen wird durch eine Einsendung be⸗ leuchtet, welche vor einiger Zeit in derSchles⸗ wig⸗Holsteinschen Schulzeltung zu lesen war. Dort beklagte sich ein Lehrer aus einem Dorfe des östlichen Holsteins bitter über die un wür⸗ dige Stellung der Lehrer in jener Gegend. Der Einsender schilderte, wie er zum Mittag⸗ essenReih um gehen müsse bet den Bauern. Auch die Wohnungsverhältnisse seien elend. Die Redaktion des Blattes hatte daran die Frage geknüpft, was die Aufsichtsbehörde zu solchen seltsamen Verhältnissen sage. Später erfuhr die Redaktion, daß eine behördliche Unter⸗ suchung stattgefunden habe, in der festgestellt worden ist, daß die Zustände durchaus der Wirklichkeit entsprechend dargestellt worden seien. In der neuesten Nummer der Sckulzeitung wird nun mitgeteilt, daß der Einsender von der Regierung zu 20 Mark Strafe verurteilt worden sei, unter Androh⸗ hol von Strafverschärfung im Falle der Wieder⸗ olung.

Also: die Darstellung entspricht vollkommen der Wirklichkeit; es ist wahr, daß die Lage der Volksschullehrer trostlos elend und unwürdig ist, aber sagen darf der Lehrer nichts dazu! Er hat das Maul zu halten, nichts über die preußische Volksschullehrer⸗Herrlichkeit zu reden oder zu schreiben. Mögen die Miß⸗ stände noch so groß und unerträglich sein, der Lehrer hat schweigend zu dulden! Tut er es nicht, so wird er in Strafe genommen. Wenn noch etwas gefehlt hat dazu, die unwürdige Lage preußischer Volksschullehrer grell zu be. leuchten, dann ist es diese Strafverfügung der Regierung. Viele Lehrer haben aber offenbar kein Verständnis für das Traurige ihrer Lage und derjenigen ihrer Kollegen. Wir finden ste vielmehr als Trabanten der reaktionärsten Par⸗ teien, die niemals etwas für die kulturelle Hebung des Volkes getan und infolgedessen auch nichts für Volksschule und Lehrer übrig haben. Anstatt Kriegervereinsfestreden zu halten und mordspatriotische Phrasen zu dreschen, sollten sich die Lehrer vielmehr bemühen, die deutsche Volksschule auf die Höhe zu bringen, die eines Kulturvolkes würdig ist.

Adel zu verschachern.

Im konservativenReichsboten veröffent⸗ licht ein ostpreußischer Pastor den Brief eines adligen Herrn in Rastow in Mecklenburg, wo⸗ rin dieser sich dem Pastor zur Erwerbung des Adels anbietet für gutes Geld natürlich. Es heißt in dem Briefe:Ich offertere Ihnen jetzt den Adel durch Adoptton. So würden Sie also den Namen v. B.⸗P. führen können mit unserem Wappen. Die Hauptsache ist uns: Wieviel würden Sie an mich zahlen für diese Gefälligkeit? Das bleibt selbstverständlich diskret. Daß man bei solchen Sachen nicht lange handelt, ist Ehrensache, vielmehr geben Sie mir ihre äußerste Grenze an, und ich werde Ihnen sagen, ob ich damit zufrieden bin oder davon abstehe. Alles übrige besorge ich dann, und Sie zahlen erst bet Empfangnahme der amtlichen Adoptions⸗ urkunde. Mit Mk. 2000 wird der Adel überall bewertet. Wünschen Sie aber die Barons⸗ oder Freiherrnwürde, dieselbe kostet mehr denn von einem anderen Herrn. Hochachtend A. v. B. Zbweitausend Mark ist aber viel für eine so werklose Sache! Kein vernünftiger Trödeljude würde 50 Pfg. dafür geben!

Das Verbrechen von Courrières

stellt sich als immer ungeheuerlicher heraus. Die fürchterliche Katastrophe stellt sich als kapi⸗

talistischer Massenmord furchtbarster Art

dar. Nach den Mitteilungen französischer Zei⸗ tungen soll es sicher sein, daß zahlreiche Bergleute die Aufflammung der Gase überlebten! Man hat nicht ein einziges Steinfeuerzeug mit Zunder in den Ränzeln der Leichen gefunden. Berthon, der vierzehnte Gerettete, aber hat doch nicht all den Zunder allein gegessen. Er hat überhaupt

nur einen kleinen Umkreis der Stollen bestrichen und ist auf diesen are wee en nur einer kleinen Zahl von Leichen begegnet. Außerdem macht man darauf aufmerksam, daß die Mehrzahl der gefundenen Leichen bekleidet war. Die Bergleute waren aber bei der Arbeit, als das Verderben über ste hereinbrach! Und da sie stets nackt bis zum Gürtel arbeiten, so haben sie Zeit gehabt, sich anzuziehen und in den Gängen umherzuirren, um einen Ausgang zu finden. Es sind uur ganz wenig Bergleute von der Aufflammung auf der Stelle getötet worden. Die anderen starben eines langsamen Hunger⸗ und Erstickungstodes. Vor dem Hin⸗ scheiden aber haben ste mit dem Mut der Ver⸗ zweiflung gegen das Eindringen der tödlichen Gase gekämpft. Sie haben in der Cäclliengrube mit Hülfe von Paketen, Arbeitsblusen und Kohleuhaufen die Wetterschächte verstopft, durch die die tödlichen Gase zu ihnen drangen. Und nun fragt man: in welchem Augenblick sind diese Unglücklichen unterlegen? gefallen? Und warum werden die Leichen nicht geborgen? g

Die Bergarbeiterdelegierten und Mitglieder

der Untersuchungskommission, die sich geweigert

haben, den Bericht über die Ursache des Gruhen⸗ unglücks von Courrieres zu unterzeichnen, haben einen Gegenbericht verfaßt, der dem Mi⸗ nister der öffentlichen Arbeiten Barthou unter⸗ breitet worden soll. In diesem Gegenbericht wird Beschwerde darüber geführt, daß man an dem auf die Katastrophe folgenden Tage nicht die Delegierten der Bergarbeiter hinzuge⸗ zogen habe. Der Gegenbericht erklärt zum Schluß, daß die Grubengesellschaft von Courriereß sich die ernsteste Verantwortlichkelt

Wo sind ste

aufgelader habe, dadurch, daß sie Schacht 3

versperrt ließ, daß sie ferner vor zeitig die Rettungsarbeiten aufgab und die Lüftung

unterließ. Die Erregung unter den Arbeitern

über diese Fahrlässigkeiten der Grubengesellschaft ist natürlich nicht gering. Es setzt sich überall die Meinung durch, daß bei zweckmäßigen Maß⸗ nahmen Hunderte gerettet werden konnten. Jetzt befinden sich Gruben. Die meisten Bergleute des Beckens von Leus⸗Courrieres befinden sich noch im Aus⸗ stand; es kam mehrfach zu heftigen Zusammen⸗ stößen mit Arbeitswilligen und der Polizei.

Die Wahlen in Frankreich

sind auf den 6. Mai und die Stichwahlen auf den 20. Mai angesetzt. Die Einigung unserer Genossen hat unter deß gute Fortschritte gemacht, so daß sie auf Erfolge im Wahlkampf rechnen können. An dem von Jaures gegründeten BlatteHumanité arbeiten mit diesem gemein sam jetzt eine Reihe Genossen, die früher weiter links standen. Und Jaureés selbst sagt in einem Artikel zu den Wahlen:Wir sind eins durch die Gemeinsamkeit der Prinzipien. wir die politische Republik in die sozialt Republik umwandeln.

und das Elend entspringen, beseitigen. Alle wollen wir an die soziale Gemeinschaft und an die organisterten Arbeiter die großen Mittel det Produktion, des Austausches und der Zirkulation überführen. Darum geht jetzt der Kampf, der entscheidende Kampf. Um ihn mit allen unseren Kräften, ohne Zögern, ohne Abweichung, ohne Kompromiß zu führen, haben wir ung I einer einzigen Partei zusammengeschlossen.

Empörung spanischer Matrosen.

Auf dem spanischen Panzerschiffe, Vasen de Gama meuterte am Freitag die Besatzung Das Schiff war vor Lissabon verankert, 5 plötzlich eine ungewöhnliche Bewegung an 7 bemerkt und Schreie und Schüsse vernom gin wurden. Das Schiff verlangte Hilfe. 1 Schlepper, eine Fregatte und andere Fahrzeug, setzten sich in der Richtung auf denVasco 5 Gama in Bewegung, mußten aber In abstehen, sich neben ihn zu legen, da ste. Gewehrschüssen empfangen wurden. 8 5 lautete, ein Leutnant vomVasco de 1 0 sei von der Mannschaft getötet worden. 1. habe damit den Tod eines Matrosen räch

Alle wollen wir daß kapitalistische Eigentum, woraus die Ungleichhet

aoch etwa 700 Leichen in den

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