Ausgabe 
22.4.1906
 
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Nr. 16. Gießen, den 22. April 1906. 13. Jahrgang. Sgenlah! 1. Sclobzese Mitteld eutsche e Nachaiteg 4 Ul

Huntags⸗Jeitung.

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Der russische Bauer und der Sozialismus.

Daß unter den russischen Bauern eine ener⸗ gische sozialistische Propaganda getrieben Es ist aber schwer, sich ein festes Urteil zu bilden, inwiefern diese Propa⸗ ganda an Boden gewinnt und wie weit der russische Bauer geneigt ist, dieser Propaganda sein Ohr zu leihen.

Einen interessanten Beitrag zu diesem Pro⸗ blem liefert der russische Nationalökonom M. Tugan⸗Beranowsky, der seine persönlichen Be⸗ obachtungen in einem in der ZeitschriftNaka⸗ nune abgedruckten Artikel wiedergibt. Seiner Meinung nach ist der russische Bauer weit ent⸗ fernt, der Eigentumsfanatiker zu sein wie sein französtscher oder deutscher Standesgenosse. Nicht nur der Bauer der großrussischen Ge⸗ meinde sagt er in diesem Artikelist von völlig entgegengesetzten Anschauungen über den Boden, nämlich, daß erGottes sei und folglich keiner einzelnen Person als Privat-

eigentum zufallen dürfe; auf demselben idealen

Standpunkt steht auch der nicht in den Gemeinden wohnende russische Bauer.

Davon konnte ich mich aus eigner Erfahrung überzeugen. Die letzten fünf Jahre verbrachte ich in einem abgelegenen Winkel des Gouver⸗ nemeuts Poltawa, in einem ausschließlich acker⸗ bautreibenden Bezirk. Die wenigen industriellen Etablissements des Bezirkes, in denen die Dampf⸗ maschine benützt wird, sind zwei Branntwein⸗ brennereien und eine Graupenmühle, beides Betriebsanlagen, die eng mit dem Ackerbau verbunden sind. Der Industrieerwerb außer⸗ halb des Hauses ist im Bezirk schwach ent⸗ wickelt, die Heimarbeit besteht hauptsächlich in der Bearbeitung des örtlichen Materials, für die Bedürfnisse der Bauern. Gemeinschaftlicher Grundbesttz fehlt fast vollständig, nur einige kleine Dorfschaften bilden eine Kommune i va und auch diese fast nur dem

amen nach. Der Masse der Dorfbevölkerung sind die Gebräuche des gemeinschaftlichen Boden⸗ besttztums, wie Umteilung und Ausgleichung des Bodens usw., völlig fremd und sie haben wohl schwerlich etwas davon gehört.

Und trotzdem hatte der revolutionäre Sturm kaum Rußland erschüttert, als in allen Dörfern des Bezirkes eine Bewegung zugunsten der Bodennationalisierung ausbrach, obgleich diese Bezeichnung unserm Kleinrussen völlig fremd ist und ihm ganz absonderlich klingen mußte. Fast in allen Dörfern des Bezletes wurden Resolutionen gefaßt über den Anschluß an denAllgemeinrusstschen Bauern⸗ verband, wobei die Losung:Den Boden dem Volke von allen in dem Sinne ver⸗ standen wurde, daß nur das ganze Volk Eigen⸗ tümer des Bodens sein könne, einzelne Personen jedoch nur so weit den Boden benützen dürften, als es sich mit den Interessen der übrigen ver⸗ einigen ließe. 5

Ich persönlich hatte mehrmals Gelegenheit, Urteile der Bauern zu hören, die mich in größtes Erstaunen setzten. Vor mir waren Leute, die durch die Not gedrückt und erbittert waren und rie trotzdem das Bewußtsein ihrer natürlichen Rechte und die Achtung vor den gleichen Rechten andrer Leute nicht eingebüßt hatten. Alle

Menschen sind gleich und haben folglich das gleiche Anrecht auf den Boden, der nicht das Produkt menschlicher Arbeit ist diese Argu⸗ mentation wurde beständig auf jeder Bauern⸗ versammlung vorgebracht und fand den Beifall der großen Mehrheit. Die reichen Bauern versuchten oft den Beweisführungen, die auf der Idee des natürlichen Rechtes beruhten, den Hinweis auf das positibe Recht entgegenzustellen, riefen aber nur stürmische Proteste der Mehr⸗ hett hervor, die unerschütterlich von ihrem moralischen Rechte überzeugt war.

Gewiß ist den russischen Bauern die sozia⸗ listische Weltanschauung zurzeit noch fremd. Aber noch fremder ist ihm der Fanatismus des Besitzes, und in der wichtigsten Form des Besitzes im Grundbesitz steht er seinen ärgsten Feind. Das ist der Grundzug der bäuerlichen Psychologie. Ihn zu erklären ist nicht schwer. Es handelt sich hier nicht um den gemeinschaftlichen Grundbesitz, sondern darum, daß die Mehrheit unsrer Bauern keine Klein⸗ bürger sind, sondern von der Rot niedergedrückte Landarbeiter, denen es an Boden mangelt.

M. V.

politische Nundschau.

Gießen, den 19. April 1906.

Verteuerung der Lebenshaltung.

Die Unternehmerpresse weist regelmäßig, wenn die Arbeiter mit Lohnerhöhungsforderungen hervortreten, auf die Steigerung der Löhne hin; ste vergißt aber hinzuzufügen, daß vielfach die Preise der Mieten und notwendigen Lebens⸗ mittel noch weit mehr gestiegen sind. Nach den von derStatist. Korrespondenz veröffentlichten Durchschnittspreisen der wichtigsten Lebensmittel haben diese im letzten Monat wiederum eine Steigerung erfahren. Es kostet nämlich das Kilogramm in Pfennigen:

Rindfleisch Schweine⸗Kalb⸗Hammel⸗ Speck Butter

I. II. fleisch fleisch fleisch März 1906 157 134 173 162 155 189 245 Febr. 1906 157 134 172 161 156 189 241 März 1905 143 121 140 142 139 156 240

Verglichen mit dem März vorigen Jahres stellen sich also die Preise für Rindfleisch um 14, für Schweinefleisch um 33, für Kalbfleisch um 20 und für Hammelfleisch um 16 Pfg. pro Kilogramm höher. Ebenso ist der Preis des Specks um 33 Pfg. gestiegen.

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In Mainz erhöhten die Metzger den Preis des Kalbfletsches von 76 auf 86 Pfennige pro Pfund. Ueberall zeigen sich die traurigen Folgen des Lebensmittelwuchers; das agrarische Gerede, daß die hohen Fleischpreise eine vor⸗ übergehende Erscheinung seien, und bald wieder auf ihre normale Höhe zurückgehen würden, erweist sich mit jedem Tage mehr als trügerisch. Vor den Feiertagen hieß es, daß in Oberhessen die Preise für Mastschweine beständig im Rück⸗ gange bohren seien, das Pfund Lebendgewicht sei auf 52 Pfennige gesunken. Ob das richtig ist, können wir nicht nachkontrolltieren, in den

Metzgerläden ist aber von einem Zurückgehen der Preise nicht das Geringste zu merken.

Die Folgen der Fleischteuerung treten be⸗ sonders auch in den sächsischen Fabrikstädten grell zu Tage, wie derFrkftr. Ztg. geschrieben wird. Trotz erheblicher Zunahme der Einwohner⸗ zahl sind z. B. in Chemnitz im März d. J. 1155 Schlachttiere weniger geschlachtet worden als im März 1905, auch wurden dort nahezu 80 Zentner Fleisch weniger von auswärts ein⸗ geführt als im gleichen Monat des Vorjahres. Das bedeutet einen Rückgang des Fleisch⸗ konsums um mindestens 10 Proz. Dagegen wurden im Chemnitzer Schlachthofe im März d. J. 97 Pferde und 41 Hunde geschlachtet, 17 und 14 mehr als im Vorjahr.

Wieviel braucht eine Familie zum Leben?

In dem Verhandlungsbericht über die Ab⸗ urteilung des Stadteinnehmers Lieb in Lud⸗ wigshafen, der vom Schwurgericht Zwei⸗ brücken wegen Unterschlagung amtlicher Gelder mit vier Jahren Zuchthaus belegt wurde, fand sich vor Kurzem folgendes beachtenswerte nette Zugeständnis in derPfälz. Presse:

... Lieb hatte ein Einkommen, das im Jahre 1904 den Betrag von 12000 Mark noch überstieg. Allerdings hatte der Ange⸗ klagte eine große Familie, bestehend aus Frau und 9 Kindern wovon 7 noch leben, zu ernähren. Hätte der Angeklagte nur einiger⸗ maßen haushälterisch gewirtschaftet, so hätte ein solches Einkommen, wenn auch keine Ersparnisse gemacht werden konnten (), doch unbedingt ausreichen müssen.

Hier erklärt also ein nattonalliberales Blatt rund und nett, daß für eine Familie von 9 Köpfen 12000 Mk. pro Jahr gerade ausreicht. Ersparnisse für später, für Krankheitsfälle und Verlust der Erwerbsfähigkeit, könnten freilich davon von zwölftausend Mark pro Jahr! noch nicht gemacht werden! Arbeiter aller Berufe, Beamte, Handwerker! Seht euch noch⸗ mals die Ziffer an, welche von nationalliberaler Seite, die es doch wissen muß und die es doch allen in liebevoller Fürsorge recht machen will, bezeichnet wird als Einkommens minimum! Mit 12000 Mark kann man das Jahr über gerade auskommen! Wir müssen mit Beschä⸗ mung bekennen, daß wir von einer menschen⸗ würdigen Existenz bisher noch eine recht dürftige Vorstellung hatten. Wir wollen uns bessern, uns würdig zeigen im Kampf ums Dasein und geben nun die Losung aus: Auf zum Kampfe zur Erriugung des Existenzminimums für jede Arbeiterfamilie! 12000 Mark Jahreseinkommen jedem zu auskömmlichem Leben!

Im Zeitalter des Fleischwuchers

ist von Interesse eine historische Reminiszenz, die die Fleischerzeitung auffrischte. Als dem Preußenkönig Friedrich II., dem sogenannten alten Fritz, sein Regiedirektor de la Haye de Launay vorschlug, einen Zoll auf die Ein⸗ fuhr von Schlachtoteh zu legen, erteilte er am 16. März 1766 in einem eigenhändigen Schreiben folgenden Bescheid:

Fleisch. Es ist mir unmöglich dieser Steuer meine Zustimmung zu geben. Ste ist für das Volk zu drückend. In be⸗