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Nr. 16. 7 g 1
Nitteldeutsche Sonuags⸗ Zeitung.
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wollen, dem der Leutnant eine Kugel durch den Kopf geschossen hätte, als er gerade einen Kanonuenschuß abzufeuern versuchte. Auf dem Schiffe„Don Carlos“ und einem dazu gehörigen Kanonenboot empörte sich die Mannschaft eben ⸗ falls.— Was die eigentlich Ursache der„Meu terei“ war, ist aus den Nachrichten darüber nicht erstchtlich. Jedenfalls war die Behandlung der Leute derart, daß sie stch selbst helfen mußten.
Kleine politische Nachrichten.
Die Zeugniszwangshaft gegen den Genossen Schumonn in Bielefeld ist nun endlich aufgehoben worden. Schumann, der sich schon seit 4. Januar in Haft befand, war so schwer erkrankt, daß der Staats⸗ anwalt die Fortsetzung der Haft nicht mehr verantworten wollte. So hat auch dieses Torturverfahren keinen Er⸗ folg für die Regierung gehabt, außer etwa den, daß einem„Reichsfeinde“ die Gesundheit untergraben wurde.
Denunziantenseuche. Der Schlosser Joh. Spowe erhielt vom Landgericht Aurich wegen Majestätsbeleidi⸗ gung eine dreimonatliche Gefängnisstrafe zu⸗ erkannt. Spowe hatte in einer Emdener Gastwirtschaft eine Aeußerung über Wilhelm II. fallen lassen, in der das Gericht, nachdem sich ein Denunziant gefunden hatte, eine Majestätsbeleidigung erblickte.
2 Karl Marx. Ein Vortrag von Karl Kaut sky.
4(Fortsetzung).
Bald darauf brach die Revolution in Deutsch⸗ land aus, Marx und Engels und die übrigen Mit⸗ glieder des Kommunistenbundes gingen nach Deutschland. Noch war aber das Proletariat zu schwach, um eine eigene sozialistische Partei zu grün⸗ den, es konnte nur auftreten als äußerster linker Flügel der Demokratie. Im Rheinland ver⸗ suchte die Demokratie damals ein Blatt zu gründen, die„Neue Rheinische Zeitung“. So⸗ fort bemächtigten sich Marx und Engels dieses Blattes, das äußerlich ein Blatt der Demokratie war, aber tatsächlich wurden darin die Prin zipien des Kommunistischen Manifestes vertreten. Wenn man heute die Frage aufwirft: Wie soll ein täglich erscheinendes Blatt prinzipiell redi⸗ giert werden? dann verweisen wir solche Leute auf die„Neue Rheinische Zeitung“, die die erste war, die in glänzendster, aktuellster Weise, mit vollster Beherrschung aller Bedürfnisse der mo⸗ dernen Journalistik zeigte, wie man grundsätzlich und revolutionär ein Tageblatt schreiben kann. Das Blatt griff die Demokratie dort an, wo sie reaktionär war; wo ste revolutionär war, unterstützte es sie. Wo sie schwieg, wo ste ihrer Aufgabe untreu wurde, da wurde die Zeitung unbarmherzig in ihrer Kritik, und dadurch wurde sie die bestgehaßte Zeitung, die bestgehaßte nicht nur von der Reaktion, sondern auch von der bürgerlichen Demokratie. Kurz darauf, nach. dem sie begründet war— sie trat am 1. Juni 1848 ins Leben— kurz darauf erfolgte die große Katastrophe, die den Untergang der Revo⸗ lution einleitete: die Junischlacht in Paris.
Die Bourgeoiste in Paris hatte besser er⸗ kannt, welch ein Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoiste besteht. Während die Prole⸗ tarter noch auf die Bourgeoisie zählten, war die republikanische bürgerliche Regierung bestrebt gewesen, das Militär zu verstärken, so daß es im stande war, jeden Widerstand nteberzuschlagen. Und als die militärischen Kräfte dazu stark ge⸗ nug waren, wurde das Proletariat vor die Alternative gestellt, sich zu unterwerfen oder den Kampf aufzunehmen. Man wollte die besten
revolutionären Elemente in die Provinz ver⸗ schicken, und daher mußten die Arbeiter zu den Waffen greifen. So kam es, provoziert durch die Bourgeoisie, zu dem großen Kampfe der Junischlacht, wo nach größten Anstrengungen des Militärs das Prolekariat geschlagen wurde und wo die größten Grausamkeiten entfesselt wurden. Damit war allen die ganze Kluft offenkundig geworden, wie im Kommunistischen Manifest gezeigt worden war, daß diese Kluft zwischen den beiden Klassen unüberwindbar sei, daß es zwischen ihnen nichts geben könne, als ununterbrochenen Kampf, keine Versöhnung. Ueberall trat nun die Großbourgeolsie auf die
über der Reaktion, und so kam es, daß die Reaktion allüberall siegte. Wohl gab es noch Widerstände, wie in Sachsen, Baden und in Ungarn, aber die Reaktion schritt unaufhaltsam fort, und ihr unterlag auch die„Neue Rheinische Zeltung“. Sie wurde im Mai 1849 unter⸗ drückt. Ein Widerstand in Köln, innerhalb der Festung, war unmöglich. Engels kämpfte in Baden, wo der Aufstand ausgebrochen war. Marx ging nach Paris, wo eine neue Erhebung des Proletariats beginnen sollte. Aber das Schicksal der Revolution war besiegelt. Die Preußen stegten in Baden, und die Revolutionäre traten auf schweizerisches Gebiet über. In Frankreich kam es gar nicht zu einer neuen Erhebung, und Marx wurde vor die Alter⸗ native gestellt, entweder sich in der Normandie internieren zu lassen oder Frankreich zu ver⸗ lassen. Er ging nach England, das er von 1850 an zum Ausenthaltsort erwählte, wo er bis zu seinem Tode blieb. Engels folgte aus der Schweiz, und auch bald die anderen Mitglieder des Kommunisten⸗ bundes. Natürlich wirft ein wirklicher Kämpfer nicht sofort die Flinte ins Korn, noch glaubt man, die Revolution würde von neuem auf⸗ flammen und bereitete stch dazu vor, aber Marx und Engels waren zu tätige Köpfe, als daß ste die Zeit bis dahin ungenutzt hätten ver⸗ streichen lassen, und so ließen sie im Januar 1850 die Revue der„Neuen Rheinischen Zeitung“ erscheinen, die bis November erschien, sechs Nummern, worin ste die Kritik der vergangenen Kämpfe gaben. Dort gab Engels eine kritische Darstellung der badischen Verhältnisse, und Marx schrieb über die Pariser Revolution Ar- tikel, welche dann später Engels unter dem Namen„Klassenkämpse in Frankreich“ heraus⸗ gab. Marx hat diese Artikel später umgearbeitet und erweilert unter dem Namen„Der 18. Bru⸗ maire“ erscheinen lassen. Auch diese Zeitschrift hatte kein langes Leben, im November ging ste ein an Abonnentenschwindsucht. Es zeigte sich hier die Boykottierung der bürgerlichen Demo- kratie gegen Karl Marx, wegen der unbarm⸗ herzigen Härte der„Neuen Rheinischen Zeitung“ gegenüber der Demokratie. Am Schlusse der eitung äußerte sich aber auch bereits ein Kon⸗ fit innerhalb des Kommunistenbundes, der diesem Bunde ein Ende machte. Marx und Engels waren zu der Ueberzeugung gekommen, daß ein Wiederaufflammen der Revolution nicht mehr zu erwarten sei. Je mehr damals die ökonomischen Verhältnisse sich besserten, desto mehr kamen sie zu der Ueberzeugung, daß man sich einrichten müsse, auf lange Zeit in fried⸗ fertigen Verhältnissen zu arbeiten. Davon wollten die meisten Mitglieder des Kommunisten⸗ bundes nichts wissen. Sie konnten sich in den Gedanken nicht finden, daß alle Opfer vergeblich gebracht sein sollten, und zusehen, wie die Reak- kion in Deutschland wütete. So kam eine Reihe der energischsten Mitglieder in Konflikt mit Marx und Engels, und die Fraktion Willich⸗Schapper spaltete sich damals ab. In England selbst war die Blanquisttsche Fraktion Willich⸗Schapper in der Majorität und begrün⸗ dete dort eine Zentralbehörde. In Deutschland dagegen war die Richtung Marx und Engels vorherrschend, und daher verlegten Marx und Engels die Zentralbehörde nach Köln, wo sie die Majorität besaßen. Bald aber wurde in Deutschland der Kommunistenbund entdeckt. Eines der Mitglieder der Zentralbehörde, Notjung, wurde verhaftet. Man fand Papiere, die die Spur der anderen zeigten, und so wurde die Zentralbehörde verhaftet und ihr der Prozeß gemacht. Aber es war nicht möglich, sie zu berurteilen nach den bestehenden Gesetzen. Der Bund war eine geheime Gesellschaft, aber nach dem Code Napoleon konnte eine geheime Ge⸗ sellschaft nicht bestraft werden, man mußte also neues Beweismaterial herbeischaffen, und in der Herbeischaffung des Beweismaterials erwies sich besonders tätig Herr Stieber, der damals ein Meisterstück der Polizeilumperei lieferte. Was Stieber leistete, ist wahrhaft unglaublich. Liebknecht hat ihn seinerzeit später, in einer Versammlung im Jahre 1871, einen Halunken
wußte zu genau was ans Tageslicht gekommen
war und was man beweisen konnte. Es gab keinen Meineid, keine Fälschung, die dieser Ha⸗ l sich nicht zu schulden kommen ließ. Ein Beispiel will ich anführen, welches bewe it, nicht nur, welche Halunken in der Polizei waren, sondern auch, welche erbärmlichen Dumimköpfe darunter waren. Da war ein Originalprotokoll, welches über die Sitzung der Bundesbehörde in London geführt sein sollte, da waren die blut⸗ rünstigsten Reden enthalten, unterzeichnet von Liebknecht, und Stieber beschwor, daß Liebknecht es gewesen sei, der dieses Protokoll gegen schweres Geld verkauft habe. Es war allerdings von Liebknecht gezeichnet, aber es war gezeichnet H. Liebknecht, also vielleicht Hermann, Hugo oder Heinrich Liebknecht, aber auf keinen Fall Wilhelm Liebknecht. Diese Schufte, die es ge⸗ fälscht hatten, hatten sich nicht die Mühe gegeben, nachzusehen, wie der Mann hieß, dessen Unter⸗ schrift ste fälschten. Marx führte einen er⸗ bitterten Kampf gegen Stieber. Jeder Meineid Stiebers wurde an Marx telegraphiert, und Marx schickte Briefe an die Verteidigung, worin er die Fälschung zerpflückte und ihre Falschheit nachweisen konnte. Das war keine Kleinigkeit, denn die Stieberei war auch in der Post ver⸗ breitet, jeder Brief direkt mit der Post wurde gestohlen, also nur auf Umwegen konnte Marx mit der Verteidigung iu Verbindung treten. Trotzdem brach das ganze System zusammen, jeder erwartete Freispruch, aber die Geschworenen waren sorgsam gestebt, es waren solche Jammer⸗ kerle, daß sie die Angeklagten verurteilten. Marx hat eine Broschüre darüber geschrieben, und jedem, der mit der Polizei zu tun hat, dem rate ich, diese Broschüre anzusehen; es ist ein Denkmal der Schande der Politischen Poli⸗ zei. Die damals Verurteilten sind längst alle gestorben, aber einer von ihnen lebt noch, das ist der Genosse Leßner, der damals zu drei Jahren Festung verurteilt vurde. Er lebt noch frisch und gesund, radikal und mutig wie je, in London, stets erfreut über jeden Sieg, den die Jüngeren erringen, und stets bereit, die Jüngeren anzufeuern zu neuen Kämpfen. (Fortsetzung folgt.)
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Von Nah und Lern. Hessisches.
An die Parteigenossen des Großherzogtums Hessen!
Parteigenossen! Der 1. Mai rückt immer näher. Da gilt es rechtzeitig zu rüsten, daß die Feier dieses großen Tages des Proletariats aller Länder würdig und eindringlich für die Herrschenden gestaltet wird. Um das aber zu können, müssen alle Partei⸗ und Gewerk⸗ schaftsgenossen gemeinsam wirken, Hand in Hand arbeiten.
Wir müssen kraftvoll demonstrieren:
für den 8⸗Stundentag;
für eine wirkliche Arbeiterschutzgesetzgebung;
für den Frieden unter den Völkern;
für eine fortgesetzte Demokratisierung des öffent⸗ lichen Lebens;
für das direkte, algemeine, gleiche und geheime Wahlrecht.
Parteigenossen! Beruft deshalb, wo immer es mög⸗ lich ist, Malfestversammlungen ein. Wegen der nötigen Referenten wendet Euch frühzeitig an den Unterzeichneten.
Auf zur Maiseier!
Offenbach, 14. April 1906.
Das Landeskomitee. C. Ulrich, Große Marktstraße 28.
e ee Schwindel! Pünkt⸗ lich wie Schiller:„Das Mädchen aus der Fremde“, taucht vor jeder Wahl der liberale Schwindel vom„soztaldemokratischen Terrorismus“ in ihren Versammlungen auf. So kommt er auch jetzt wieder aus dem Darmstädter Wahlkreise; wenigsteus be⸗ richtet der Gieß. Anz.(vom 18. Apr.) getreulich und entrüstet über soztaldemokratische terrorts⸗
Seite der Reaktion, und die kleine Bourgeoiste wurde unzuverlässig, sie verlor die Kraft gegen⸗
genannt; er lebte noch und wagte es nicht, mit einer gerichtlichen Klage zu drohen, denn er
stische Schandtaten. Wir verstehen es, daß die sich„liberal“ nennende konservativ⸗antisemi⸗


