Mittelbeutsche Souutagz · Zeitung ·
Ne. 3.
von Nah und Lern. Cie Jubelgarde.
Ein merkwürdiges Geschichtchen weiß der „Roland von Berlin“ zu erzählen. Die silberne Hochzeit des Kaiserpaares soll in aller Stille gefeiert werden vornehmlich deshalb, weil der Onkel in London unter den gegenwärtigen politischen Umständen keine Lust zeigt, das Fest zu verschönern. Um nun aber doch etwas Ab⸗ wechslung in die zu befürchtende Eintönigkeit zu bringen, soll man auf den Gedanken ge⸗ kommen sein, eine„Jubel garde“ zu for⸗ mieren. Diese Jubelgarde soll aus den Mann⸗ schaften der zwetten Kompagnie des ersten In⸗ fanterieregiments bestehen, die der jetzige Kaiser vor 25 Jahren als Hauptmann befehligt hat. Es handelt sich um gesetzte Männer im Alter von 45-50 Jahren, die dem Militärdienst längst entwachsen sind und den verschtedensten politischen Richtungen angehören: nach dem Roland sollen sogar„viele der ehemaligen Kameraden des Kaisers“ zur roten Fahne schwören und darum strafweise von der Jubel⸗ garde ausgeschlossen bleiben. Der Rest soll mit silbernen Tressen und weißen Gamaschen angetan, das höftsche Fest zieren helfen.— So N das Blatt. Möglich ist heutzutage ja alles.
Liebesroman im Kloster.
Der Franziskanermönch Pater Konrad vom Fuldaer Monte Mariae wurde beauftragt, einer im dortigen Englischen Fräulein⸗Institut internierten Altkatholikin Unterricht in der katho⸗ lischen Religion zu erteilen. Die öfteren Zu⸗ sammenkünfte der beiden erweckte in ihnen jedoch nicht die Allmacht des dreieinigen Gottes, sondern die Gott Amors. Pater Konrads Be⸗ nehmen fiel auf, und er wurde deshalb in ein Filtalkloster nach dem Rhein versetzt, jedenfalls, um ihm andere Gedanken beizubringen. Später wurde er für eine Mission in die Rhön berufen. Von hier aus bereitete er unter irgend einem Vorwand seine Flucht mit der Nonne vor. Er kehrte nicht mehr zurück, sondern sandte sein Habit mit einer Vermählungsanzeige seinem Mutterkloster von Greifswald aus. Dort gedenkt er protestantische Religionslehre zu studieren.
Ein sozialdemokratischer Nörgler
wurde bei der letzten Gemeindewahl in Esten⸗ feld bei Würzburg gewählt. Der Mann machte sich bei den die Ruhe liebenden ultra⸗
montanen Gemeindevätern sofort äußerst un⸗
beliebt, weil er außerordentsich neugierig war und seine Nase in alle Dinge steckte, die ihn nach der Meinung seiner schwarzen Kollegen nichts angingen. Schließlich verlangte er gar von dem Gemeindekassierer Walz, einem großen Zentrumsagitator und Sozialisteufresser, eine genaue Abrechnung über die Kasse. Darob war der Mann sehr indigniert, aber der hartnäckige Nörgler ließ nicht locker und beschuldigte zuletzt den Herrn Kassierer frei und offen, daß er große Unterschlagungen zum Nachteil der Ge⸗ meinde begangen habe. Nun stellte der Herr Klage gegen unsern Genossen, aber er wartete das Ergebnis nicht ab, sondern nahm plötzlich französischen Abschied. Wie sich jetzt heraus⸗ gestellt hat, sind die Unterschlagungen sehr um⸗ fangreich. Wäre nicht der rote Hecht in den schwarzen Karpfenteich gekommen, so hätte der Mann seine Gaunereien noch jahrelang fort⸗ setzen können.—
Oenjamin Franklin.
Zur Erinnerung an die 200. Wiederkehr seines Geburts⸗
tages, 17. Januar 1706.
Von Dr. R. Strecker. Ein ungemein vielseitiger Mensch und zu⸗ gleich ein rechter Vertreter seines Jahrhunderts in praktischer, wissenschaftlicher, politischer und religiös philosophischer Hinsicht war der Ame⸗ rilaner Benjamin Franklin. Die Lektüre seiner von ihm selbst verfaßten Lebensbeschreibung wiegt in der Tat, wie einer seiner Freunde schreibt, die Lektür: aller plutarchischen Lebens⸗ beschreibungen auf.(In Reklams Universal⸗
bibliothek für 40 Pfg. erhältlich.) Er schildert hier sein Emporkommen aus den kleinsten Ver⸗ hältnissen, so recht das, was der Engländer einen Self- made man(ein Mann, der nur feiner eigenen Kraft seine ganze Existenz verdankt) nennt. Als Sohn eines Seifensteders in Boston bei New⸗York mußte er zunächst seinem Vater beim Lichterziehen helfen, bis er seiner Neigung zu den Büchern entsprechend, zu seinem Bruder, einem Buchdrucker, in die Lehre kam. Schon hier zeigten sich die Eigenschaften, die ihn später so groß machen sollten, sein Fleiß, seine Spar⸗ samkeit, seine Mäßigkeit. Er ließ sich sogar statt des Mittagessens Geld geben, um einen Teil davon für Bücher verwenden zu können. Gleichzeitig regte sich aber auch sein starkes Selbständigkeitsgefühl. Als sein Bruder ihn unwürdig hart behandelte, ging er ihm und den Eltern durch nach Philadelphia. Hier trat er bei einem Buchdrucker Keimer in Dienst, und es ist eine ganz interessante Schilderung, wie er es fertig brachte, neben diesem und noch einem zweiten Drucker der Stadt sich selbständig zu machen. Alle seine Bekannten hatten den Versuch für aussichtslos gehalten, zumal die eine Druckerei durch staatliche Aufträge ver⸗ schiedener Art sehr im Vorteil war. Franklin aber hatte etwas anderes in die Wagschale zu werfen, wodurch er jene beiden andern weit hinter sich ließ, seinen Geist. Diesen fortzu⸗ bilden war er auch stets unermüdlich tätig. Bei allen Gelegenheiten und von allen Menschen suchte er zu lernen. Das machte ihn schließlich zu dem großen Gelehrten, der auch ohne höhere Schulbildung die wichtigsten Entdeckungen machen konnte.
Fortsetzung folgt.
88 8 Anterhaltun
Nationalität.
Volkstum und Sprache sind das Jugendland, Darin die Völker wachsen und gedeihen,
Das Mutterhaus, nach dem sie sehnend schreien, Wenn sie verschlagen sind auf fremden Strand.
Doch manchmal werden sie zum Gängelband, Sogar zur Rette um den Hals der Freien; Dann treiben Längsterwachsene Spielereien, Genarrt von der Tyrannen schlauer Hand.
Hier trenne sich der lang vereinte Strom! Versiegend schwinde der im alten Staube, Der andre breche sich ein neues Bette!
Denn einem Pontifex nur paßt der Dom, Das ist die Freiheit, der polit'sche Glaube, Der löst und bindet jede Seelenkette!
Gesellensahrten.
Eine Weihnachtsgeschichte von Philipp Schei demanu 5 Nachdr. verb.
(Fortsetzung.)
Zu Elbeck sollte eine Gewerbe- und In⸗ dustrieausstellung stattfinden. Gerade deshalb hatte mein Chef noch einen Gehilfen gebraucht. Wir hatten stramm zu tun und mußten notge⸗ drungen Ueberstunden machen. Und da wir bei unserem, übrigens recht liebenswürdigen Herrn und Meister in Kost und Logis waren, kamen wir in der Mittagsstunde kaum einmal vor die Tür. Abends, wenn wir zum Hause hinaus kamen, war es bereits ziemlich dunkel. Ich sah nichts von der schwarzen Hexe und war auch nicht in der Lage, mit Bestimmtheit zu sagen: in diesem Hause hast du gefochten, gegessen und gesungen, hier hast du sie gesehen. So vergingen an die 14 Tage.
Sonntag Nachmittag. Die Ausstellung wurde feierlich eröffnet. Wir durften selbstver⸗ ständlich bei solch einem wichtigen Ereignis nicht fehlen. Am Arme eines lieben Kollegen, der hier schon mehrere Jahre tätig war, er
einige Glas Bier.
stammte aus dem gottbegnadeten Schwiebus und hieß Gustab, durchwanderte ich Raum für Raum. Gustav war bekannt, wie eine bonte Kuh, mich kannte niemand, um so mehr guckten die Kleinstädter nach dem fremden langen Kerl.
Da— mein Führer schaute mich verwun⸗ dert genug an, als ich plötzlich heftig zusammen⸗ zuckte— kein Zweifel! Das war sie. An der Wand hing als gewichtigstes Reklamestück eines Photographen das lebensgroße Brustbild eines jungen Mädchens im Zigeunerkostüm. Ja, das mußte sie sein. Genau so hatte sie mich angeschaut, damals, als ich sie anbettelte..
Du, Gustav, wer ist das?
Die Zigeunerin? Das ist Liesbeth Dierksen, die lenne ich. O, das ist'ne fidele Kruke!
Na, fidele Kruke, das schien gerade keine sonderlich passende Bezeichnung. Aber, daß sie fidel war, wußte ich, und daß sie hübsch war, bestätigte mir von neuem das Ztigeunerbild, ebenso daß sie ganz verteufelt schwarze Augen und ebensolche Haare hatte.
Gustab versprach, mich sobald als möglich mit der Hexe zusammen zu bringen. Schon am kommenden Abend würde das möglich sein. Zu dem großen Garten⸗Konzert, das anläßlich der Ausstellung stattfinden sollte, könne er 5 8 Dierksen in unauffälliger Weise ein⸗ aden.——
Inzwischen hatte Frau Schulze, wie ich wohl bemerkte, sehr eindringlich auf meine Gattin eingeredet und unter dem Vorwand, daß sie nach den Kindern sehen wollten, ver⸗ ließen sie das Zimmer.
*
Gottlieb erzählte weiter:
Wie das so zu gehen pflegt. Hier ein Glas Grog, da ein Glas Grog und zwischendurch Na, wir hatten am selben Abend so gegen 10 Uhr zwel gediegene Affen durch Elbeck zu führen. Und mit etwa einem Dutzend angesehenen Bürgersöhnen stand ich um elf Uhr schon auf dem Duzfuße. O, es gefiel mir großartig in Elbeck. Leider verlor ich später mein Freund Gustav, oder er verlor mich, genau ist das niemals festzustellen ge⸗ wesen, und nun faad ich wich nicht ohne weiteres heim. Ich kam in eine schmale Verbindungs⸗ straße, in der nur wenige Häuser standen, und hier begegnete mir ein kreuzfideler Kupfer⸗ schmid, ber mit steinerweichender Stimme sang: O Susanna, wie bist du doch so schhn! Er nannte mich Bruderherz und fiel mir um den Hals. Er war z erstaunt, einen Menschen zu treffen, den er noch nicht kannte. Ich mußte mich mit ihm auf die Stufen vor dem Hause eines Barbiers niedersetzen. Und dann erzählte er immer zu und sang zwischendurch: O, Su⸗ sanna, wie bist du doch so schön! Elbeck sei ein famoses Nest, hier wohnten wirklich lustige Leute und er ginge keinen Abend zu Bett, er habe denn einen tollen Streich ausgeführt. Er sei ganz unglücklich, weil er nicht wisse, was er in dieser Nacht noch anstellen solle.
Na, das war gerade der, der mir an jenem Abend noch gefehlt hatte. Das war ganz mein Fall: jetzt irgend eine kapitale Dummheit machen!
Ach, und das Unglück kam so schnell. Zwischen den Stake en auf der anderen Seite der Straße hindurch lachten uns zwei weiße Töpfe entgegen, zwet jener Töpfe, von denen man nie spricht, bie man aber in allen Schlaf⸗ stuben findet. Sie hingen an großen hölzernen Pflöcken. Und über uns klapperten die goldig⸗ glänzenden Becken des Barbiers. Das war eine Idee: an die Becken die Töpfe zu binden! Aber war das auch wirklich lustig genug? Wir hielten Kriegsrat. Und da knarrte das Eisen⸗ schild zweier alter Jungfern, die unserem Sitz⸗ platz schräg gegenüber eine Damenschneideret betrieben. Auf dem Schild, das der Wind jetzt zur Seite geweht hatte, konnten wir deutlich lesen:„Modewarenhandlung“. Nun waren wir vollkommen einig. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz, geteilte Freude doppelte Freunde. Der Kupferschmied sollte den alten Jungfern und ich dem Putzbüttel je eines der schönen weißen Töpfchen an die Reklameschilder binden.
(Fortsetzung folgt.)


