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Nr. 3.
Milteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 7.
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
(Fortsetzung.)
Sein Kollege Werner verhielt sich genau wie immer, mit dem einzigen Unterschtede, daß er sich eine Bemerkung über die Zukunft junger Leute erlaubte. Weiter zu gehen, hätte er für unbescheiden gehalten. Morsen seinerseits schwebte es dreimal auf den Lippen, etwas über den Besuch des vorigen Tages zu sagen, aber— genug er tat es nicht aus sehr gewichtigen Gründen, die er selbst nicht wußte. So ging es auch den folgenden Tag und den Tag dar⸗ auf und die ganze Woche; die beiden Bureau⸗ genossen nahmen jeden Morgen ihre bestimmten
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Plätze ein, plauderten über die Wärme, sahen
nach dem Fenster gegenüber, nach den Steinen und den weißen Wänden, tranken zuweilen von dem lauen Wasser, und setzten ihre täglichen Arbeiten und ihr eintöniges Leben fort.
Nur in Morsens Leben kam eine ganz kleine Abwechselung. Vor und nach seiner Bureauzeit ging er nicht mehr den kürzesten Weg nach Hause, sondern er passterte die Breitestraße und blickte nach dem hossen Taubermann'schen Hause, bis er dicht dabei war. Dann sah er direkt vor sich und nahm seinen Hut vor dem Fenster einer Seitenstube ab, wo er eine mensch⸗ liche Gestalt zu erblicken glaubte. Endlich waren die vier Wochen um, nach denen er, ohne zudringlich zu erscheinen, wieder einen Besuch bei Taubermann machen konnte. Eines Nachmittags zog er sich noch sorgfältiger an als gewöhnlich, warf häufig einen Blick in den Spiegel, worin er noch immer Malvinens Augen zu sehen glaubte und machte sich auf den Weg zu der Krämerfamilie.
„Nächsten Donnerstag Abend wollen wir einmal ganz unter uns bleiben,“ hatte Frau Taubermann zu ihrem Manne gesagt.
„Schön, schön, liebe Frau,“ hatte der Krämer geantwortet, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte;„wenn es am Donnerstag so warm ist wie heute, wie heute, will ich froh sein, wenn ich mir's in meinem eignen Hause bequem machen kann.“
„Wenn du dann nur nicht wieder den ganzen Abend im Komptoir bleibst.“
„Das tue ich nie, wenn es nicht nötig ist,“ entgegnete Taubermann,„und namentlich in 15 letzten Zeit, seitdem die Kinder artiger ud“
So war es. In der letzten Zeit hatte Taubermann mehrmals den Abend in der Familie zugebracht, während er dies früher stets auf dem Komptoir oder im Kasino tat. Er war nähwlich eines Abends in die Wohnstube gekommen, als Malvine gerade aus einem Buche vorlas, wie er gar nicht dachte, daß sie für die Kinderwelt beständen— ein Buch, bei dem die Kinder weder schläfrig noch bange wurden und das auch die Eltern unterhalten konnte.
Das hatte ihm gefallen und den folgenden Abend war er wieder herübergekommen und fand seine Kinder mit einem Spiel beschäftigt, was ihm so sehr gefiel, daß er bald Lust ge⸗ habt hätte, sich zu beteiligen; den dritten Abend wurden Bilder betrachtek und Malvine hatte viel Unterhaltendes dabet zu erzählen; den vierten Abend sagten die beiden ältesten ein Gedicht auf, wobei er als Zuhörer eingeladen wurde, und so fand Tauberman nach und nach in seiner Wohnstube, die er früher mehr ge⸗ flohen als gesucht hatte, eine angenehme Zer⸗ 5 8 nach einem arbeitssamen ermüdenden
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Frau Taubermann hatte sich längere Zeit in einem gewissen Abstand von der Gouber⸗ nante gehalten. Sie hatte mit Würde ihre Meinung über Erziehung und Unterricht ge⸗ äutzert und war überzeugt, daß diese Würde sie in den Augen der Gouvernante sehr hoch stellen werde. Sie hatte mit Strenge auf die Befolgung der häuslichen Anordnungen ge⸗ drungen, aber so scharf Malvine auch nachsah, ste konnte das Bestehen dleser Anordnungen gar nicht entdecken, da die Frau nach und nach die Sklavin ihrer Kinder geworden war und ihre ganze Haushaltung von diesen abhängig
17 0 5 hatte. Sie hatte auch viel von dem ermögen ihres Mannes geredet, damit die Gouvernante sich ja nicht einfallen lasse, sich auf denselben Fuß mit der Familie Tauber⸗ mann zu stellen. Kurzum, Frau Taubermann hatte sich alle Mühe gegeben, der Erzieherin ihrer Kinder zu imponteren und sie hatte sich dadurch in ihrer ganzen Einfalt gezeigt. Und als sie nach ein paar Monaten die Rolle, die der einfachen Frau denn doch etwas zu schwer wurde, nicht mehr durchführen konnte, war ste in den direkten Gegensatz verfallen und hatte Malbine mehr als einen vornehmen Gast, denn als abhängige Gouvernante behandelt. Es war eine kurze Unterhaltung gefolgt, in welcher Werners Tochter aufrichtig und natürlich ihre Meinung ausgesprochen hatte— etwas, das so häufig unterlassen wird, wo es unentbehrlich wäre, und von diesem Augenblicke an war zwischen den beiden Frauen, so verschieden ihre beiden Charakter auch sein mochten, ein Band entstanden, welches sie nicht vorgesehen hatten. Malvine und Frau Taubermann waren Freun⸗ dinnen geworden; äußerlich war die Frau des Hauses die erste, im inneren Wesen war die Gouvernante die Hauptperson, aber ste ver⸗ stand mit jenem Takte, den nur eine Frau be⸗ sitzt, die ältere und bevorzugt gestellte Frau zu lenken, ohne daß diese es bemerkte und nament⸗ lich, ohne daß die Welt elwas davon erfuhr. (Fortsetzung folgt.)
Allerlei.
Vorläusige Volkszählungsergebnisse.
Von der am 1. Dezember d. J. erfolgten Volks⸗ zählung liegen bis jetzt folgende Ergebnisse aus Groß⸗ städten mit mehr als 100 000 Einwohner vor. Seit 1900 ist die Zahl der Großstädte von 33 auf 39 gestiegen.
1905 1900 Berlin 2 033 000 1888 848 Hamburg 800 582 705 738 München 537 808 499 952 Dresden 514 683 481 059 Leipzig 502 605 456 158 Breslau 470 018 492 709 Köln 425 944 372 200 Frankfurt a. M. 336 985 288 989 Nürnberg 290 868 261081 Düsseldorf 252.630 171 Hannover 249 619 235 666 Stuttgart 246 988 216 088 Chemnitz 243 964 206 913 Magdeburg 240 709 229 667 Charlottenburg 236 634 189 300 Stettin 230 578 210 680 Essen 229 270 118 863 Königsberg 220 212 189 482 Bremen 214 954 182 918 Duisburg 191 551 93 605 Dortmund 175 292 144 374 Halle a. S. 169 640 156 724 Elberfeld 167 710 156 503 Altona 167 590 161 501 Straßburg i. E. 167 342 151 041 Kiel 163 288 121 824 Mannheim 162 607 141 131 Danzig 159 088 147 301 Barmen 155 974 141 944 Rixdorf 152 868 90 422 Gelsenkirchen 146 742 95 787 Aachen 144 110 135 245 Schöneberg 140 932 95 998 Braunschweig 136 423 128 226 Posen 135 743 117 033 Krefeld 122 000 106 900 Kassel 120 272 106 034 Karlsruhe 111 337 96 976 Plauen 105 172 73 888
Woran erkennt man den Chatten?
Die Chatten, oder wie man ste heute nennt, die Hessen, sind bekanntlich ein Stamm, der niemals seine Ursitze verlassen hat, wenn er auch zu allen Zeiten zahlreiche Auswanderer aussandte. Immer haben sie in dem Raum gesessen, den heute die beiden Hessen und der Regierungsbezirk Wiesbaden einnehmen. Nur Rheinhessen und der südlichste Teil von der Provinz Starkenburg sind nicht chattisch, Oden⸗ wald und Mainebene aber wahrscheinlich erst nach der Niederlage der Alemannen bei Zülpich fränkisch chattisch geworden. Die Chatten
grenzen im Norden und Nordwesteu an die Sachsen, im Osten an die Thüringer und im Maintal an die Nachkommen der Hermunduren, im Süden an die suebischen Pfälzer, im Westen an die Rheinfranken. Von den Sachsen trennt ste sofort das Plattdeutsch dieses Stammes. Von den Thüringern und Hermunduren unter⸗ scheidet sich der Chatte dadurch, daß er Perd, Plug, Kop, Shtrump sagt, der Thüringer Ferd, Flug, Kopf, Shtrumpf; der Hermundute Pferd, Pflug, Kopf, Shtrumpf. Der Pfälzer sagt Pälzer, Plug, ꝛc. wie der Chatte, aber wo dieser st spricht, hat er sht(Lusht, Lasht, Shwester, Weshpe). Schwerer ist die Scheidung gegenüber dem Rhe infranken, der ja mit den Chatten stammverwandt, ein direkter Nach⸗ komme chattischer Auswanderer ist. Doch ist nach dem Major von Pfsster, dem genauesten Kenner der chattischen Dialekte, auch hier noch eine sichere Scheidung möglich: der Chatte sagt Waib, Laib, Hob, aber: das, was, es, der Rheinfranke Waif, Leif, Hof, dat, wat, et.— Fremdartig dem Dialekt nach stehen die Rhein⸗ gauer. Pftster hält sie für Alemannen, welche dem Andrang der Chatten Trotz geboten haben.
Humoristisches.
Triftiger Grund. Agrarischer Ab⸗ geordneter: So leid mir's tut— für die Er⸗ höhung der Brausteuer kann ich nicht stimmen! Industrieller: Aber warum denn nicht? Das Reich braucht einfach die Vermehrung der Flotte und infolge dessen auch die Erhöhung der Steuern! Agrarier: So? Und wer soll denn nachher das Freibier bei den Wahlen bezahlen, wenn die Brau⸗ steuer erhöht wird?
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Literarisches.
„Der politische Massenstreik und die Sozialdem okratie“. Unter diesem Titel gibt die Buchhandlung Vorwärts soeben den Sonderabdruck der Verhandlungen in Jena über diesen Gegenstand heraus. Der Parteitag hatte beschlossen, nur die Bebel'sche Rede über den politischen Massenstreik als besondere Broschüre zu drucken. Der Parteivorstand glaubte aber die Debatte in dieser, für die Massenagitation bestimmten Broschüre ebenfalls veröffentlichen zu müssen, um so auch die An⸗ sicht der Gegner des politischen Massenstreiks in weitere Kreise zu tragen und so zur Klärung der Frage bei⸗ zutragen. Das jetzt ausgegebene Heft erscheint als das fünfte der Sammlung, die unter dem Titel:„Sozlal⸗ demokratische Agitations⸗Bibliothek“ erscheint und dere n Aufgabe es ist, wichtiges Tatsachenmaterial den Genosse n dauernd zu erhalten, in indifferenten Kreisen aber durch solche Gelegenheitsschriften auf die Sozialdemokratie und ihre Forderungen aufmerksam zu machen. In dieser Sammlung sind bisher 5 Hefte erschienen: Prinz Arenberg und die Arenberge— Der Zukunftsstaat der Junker— Der Klassenkampf im Ruhrgebiet— Das neue Ausnahmegesetz gegen die Bergarbeiter— und Der politische Massenstreik und die Sozialdemokratie.
Jedes Heft der Sammlung kostet 20 Pfennig, die Agitationsausgabe der Broschüre, die nur an Vereine, Vertrauensleute ꝛc. zum Zwecke der Massenverbreitung geltefert wird, ist zu einem billigeren Preise zu haben.
a Geschichts kalender.
21. Januar. 1793 Hinrichtung des Königs Ludwig XVI. von Frankreich.
22. 1887 Die sozialdemokratischen Arbeiter aus Berlin Hensel, Lachmann und Nauen brechen auf einer Flugblattverteilung nachts beim Ueberschreiten des Havel⸗ Eises ein und ertrinken. 1729 Gotthold Ephraim Les⸗ Le l 23. 1873 Gust. Doré, Maler der„Marseillaise“ F. 1536. Wiedertäufer Joh. v. Leyden zu Münster hin⸗ gerichtet.
24. 1890 Der Reichstag lehnt die Verlängerung des Sozialistengesetzes mit 169 gegen 98 Stimmen ab.
26. 1901 Bülow tritt im Landtage für höheren Brodzoll ein.
27. 1901 Verdi, ital. Komponist F. Lissagaray, franz. Kommunard T. 1878 1. franz. Arbeiterkongreß nach der Kommune.


