Seile 4.
mitteldentiche Sonn'ags⸗geitung.
7 Nr. 8.*
— Aus der Stadtverordneten⸗ Sitzung. Am Donnerstag bewilligten die Stadtverordneten die Mittel für Herstellung einer Gasheizung im alten Schloß zur Heizung der Ausstellungsräume des Oberhessischen Ge⸗ schichtsvereins.— Die Erweiterung der Lese⸗ halle wird vertagt. Es sollen ferner dem Sanitätsverein die Mittel zur Beschaffung eines Krankenwagens bewilligt werden.— Um den Theaterbau gabs eine lebhafte Debatte. Der Oberbürgermeister teilte über die Ergeb⸗ nisse der Besichtigung auswärtiger Theater durch die Kommisston einiges mit und gab im Anschluß daran die Gesamtkosten des Baues auf 600000 Mk. an, wovon durch private Zeichnungen 386000 Mk. aufgebracht sind. Schmall findet, daß die Belastung der Stadt doch größer sei, als man früher angenommen habe. Es seien als Gesamtkosten nur 450000 Mark angegeben worden. In Gießen wäre die Studentenschaft ärmer als anderwärts, meist auf Stipendien angewiesen. Dagegen protestierte der Oberbürgermeister mit erhobener Stimme. Löber fürchtete, daß später einmal das Theater„als Kainszeichen den roten Finger gen Himmel strecke“, zum Entsetzen der Steuer⸗ zahler. Haubach legte dar, daß man doch etwas Anständiges machen müsse, wenn man einmal ein Theater baue. Für die Stadt sei es auch billig, da sehr stark gezeichnet worden sei. Das Theater werde den Verkehr der Stadt heben und ihr Nutzen bringen. Krumm pflichtet Haubach bei. Erfahrungsgemäß werde jedes städtische Projekt teurer als vorher an⸗ gegeben.— Darauf wird beschlossen, die Heiz⸗ ungsanlage einer Firma in Dortmund zu über⸗ welsen.— Nun kommen die Löhne der städtischen Arbeiter an die Reihe. Dazu führt der Oberbürgermeister eine solche Menge von Zahlen vor, daß viele Stadtväter die Flucht ergreifen. Wir können darauf erst später inn Einzelnen eingehen. Sektkkeller brauchen sich die städtischen Arbeiter auf diese Lohnerhöhung hin noch nicht anzulegen.— Schließlich gabs noch eine Debatte über den Seefischmarkt, der mit dem 16. Februar auf⸗ gehoben werden soll.
5— Der erste Volksvorlesungs⸗ Abend am Montag war recht gut besucht. Nach einer kurzen Einleitung über den Zweck der Vorlesungen ging Herr Oberlehrer Dr. Klein auf sein Thema:„Die Entwickelung des modernen Deutschland“ ein und behandelte zunächst den alten Staat im 18. Jahrhundert. Auf den gutdurchdachten Vortrag selbst können wir an dieser Stelle natürlich nicht eingehen, müssen vielmehr unseren Lesern empfehlen, die Vorträge, die viel des Interessanten bieten, zu besuchen. Zwei Herren ergriffen in der Dis⸗ kussion das Wort. Es sei hier darauf hinge⸗ wiesen, daß jeder, dem etwas im Vortrage unklar geblieben ist, Anfragen stellen kann und soll.— Nächster Vortrag Mittwoch, 24. Januor.
— Der Lichtbilder⸗Vortrag über den russischen Freiheitskampf war sehr stark besucht und hat, soweit wir feststellen konnten, allgemein befriedigt. Soweit es in der knappen Zeit möglich war, schilderte der Vortragende die Zustände in Rußland in anregender Weise unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer. Durch gelegentliche, manchmal humoristische Bemerkungen streifte der Vortragende auch die politischen Zustände in Deutschland, die oft den russischen wenig nachgeben. Interessant wäre vielleicht gewesen, wenn der Vortragende bei diesen Ausführungen, die im Uebrigen bei⸗ fällig aufgenommen wurden, auf den Matrosen⸗ aufstand der Schwarzen⸗Meerflotte hätte ein⸗ gehen können.
— Die Gewerkschafts⸗Versamm⸗ lung am Sonntag war gut besucht. Nach längeren Ausführungen verschiedener Redner über die Gewerbegerichtswahl wurde die Kan⸗ didatenliste festgesetzt, die demnächst bekannt gegeben wird.— Die allgemeine Gewerk⸗ f e findet Sonntag, den 28. Jan.
att.
Aus dem Rreise gießen.
r. Ein Steinberger Antisemitrich schreibt dem Friedberger Hirschelblatt unter der
Spitzmarke:„Der Tod und die Sozialdemo⸗ kratie“ Folgendes:
„Wie es Jemand fertig bringt, ein soztal⸗ demokratisches Blättchen Woche für Woche zu lesen, das ist uns ein Rätsel. Von vorn bis hinten nichts wie Verhetzung— die Arbeiter und Sozzen sind lauter Engel und alles andere in der Welt ist schlecht. Man kann sich gar keinen Begriff davon machen, welche Menge von Haß und Streit die Gießener Agitatoren schon in vielen Häusern und Familien an⸗ gerichtet haben. Unfrieden und Zwietracht unter den Eltern und Kindern, unter Geschwistern und Verwandten. Von Gott und der Kirche wollen die Sozzen nichts wissen, wenn aber einmal einer plötzlich stirbt, dann kriegen die Verwandten und befreundeten Genossen einen widerlichen Schrecken, dann sind sie auf einmal ganz brav, loben den Toten beim Pfarrer und in den„Gießener Anzeiger“ setzen sie eine An⸗ zeige, die mit den Worten anfängt:„Es hat Gott dem Allmächtigen gefallen“. Wer die richtigen Genossen näher kennen lernt, wie wir dazu auf unseren Dörfern so schön Gelegenheit haben, der lernt dieselben als Heuchler und Scheinheilige verachten.“
Zu dieser ordnungsbrüderlichen Fastenpredigt schreibt man uns aus Steinberg K.: Was Verhetzung, Haß und Streit anbelangt, so wäre dem Hirschelpapier zu empfehlen, mal hier in Watzenborn⸗Steinberg genauer nachzusehen, wie es bei seinen getreuen teutschen Mannen mit der Heiligkeit der Ehe und Familie vielfach gehalten wird und dann der Wahrheit gemäß darüber zu schreiben! Wie oft wären wir schon in der Lage gewesen, diesen und jenen eifrigen und christlichen Antisemitrich an den Pranger zu stellen, der es damit sehr wenig genau nimmt. Wegen Haß und Streit haben die hiesigen Anhänger des Leun und Hirschel andern Leuten gar keine Vorwürfe zu machen. Sie haben da genug bei sich zu tun. Gerade bei der letzten Landtagswahl haben wir es erlebt, daß die gemeine Hetze der Antisemiten viele Familienstreitigkeiten zur Folge hatten. Die ganze Einwohnerschaft unseres Ortes wird die Unwahrheit und Grundlosigkeit der anti⸗ semitischen Anwürfe bestätigen müssen. Nicht das Geringste kann unseren hiesigen Partei⸗ genossen bezüglich ihres allgemeinen Verhaltens nachgesagt werden. Natürlich hat jeder Mensch seine Fehler und es fällt uns gar nicht ein,
unsere Parteigenossen als„Engel“ hinstellen zu
wollen. Aber es wird bei uns eine Disziplin gehalten, die auch auf das Verhalten des Genossen im bürgerlichen Leben günstig ein⸗ wirkt.— Das von der Todesanzeige ist bewußt gelogen. Wir wissen nichts von einer der⸗ artigen Anzeige und übrigens haben die An⸗ gehörigen unserer Genossen das Geld nötiger zu brauchen als dem Gießener Amtsblatt hin⸗ zutragen. Im Uebrigen erinnern wir das Antisemitenblatt an den Ausspruch seines Partei⸗ freundes Wilberg, der bekanntlich erklärte: Keine Partei hat so viele Gaukler und Schaumschläger, Phrasenhelden und elende Spekulanten gezählt, als die antisemitische. Also vor der eigenen Türe kehren!
— Gipfel antisemitischer Scham⸗ losigkeit. Angeblich aus Garbenteich bringt das Friedberger Antisemitenblatt einen Artikel, der die niedrigste Denunztations⸗ sucht dieser Gesellschaft so recht erkennen läßt. Wir müssen dieser Erzeugnis einer erbärmlichen Gesinnung hier unbedingt niedriger hängen, so leid uns auch der Raum tut.
Es wird da zunächt behauptet, daß ein „Gießener Sozzenblatt“ bemerkt hätte, ein dor⸗ tiger Eisenbahnbeamter sei aus dem Krieger⸗ verein ausgetreten und wisse wohl warum. Dann fährt die schöne Seele wörtlich fort:
„Offen wagen die Sozialdemokraten doch noch nicht die Unterbeamten zum Austritt aus den nationalen Vereinen aufzufordern. Denn ste sind sich ihrer Sache bei den Eisenbahnunter⸗ beamten nicht sicher. Ein großer Teil dieser Beamten und Bahnarbeiter will von den Lock⸗ ungen der Sozzen nämlich nichts wissen, die Arbeiter sind sich wohl bewußt, wie kratzig es ihnen früher ging und daß sie jetzt vom Staat
augelt alleroiugs ait den Sozzeu. Wir mochten denselben aber nur raten, sehr vorsichtig zu sein, sonst könnten ste eines Tages in die Lage kommen, statt beim Staat ihr stcheres Brot zu erhalten, sich in Gießen bei den sozialdemo⸗ kratischen Weltverbesserern Unterstützung zu holen, und das wäre, glaube wir, eine faule Sache. Wir können den sozialdemokratischen Bahnarbeitern aus guter Quelle mitteilen, daß die Eisenbahnbehörde ein scharfes Auge auf ihre Beamten hat und jeder, der das Brot des Staates ist(soll wohl heißen i ß t) und der sich an staatszerstörenden Bestrebungen be⸗ teiligt, unter keinen Umständen im Dienst be⸗ halten wird, und das mit vollem Recht. Es wäre doch noch schöner, wenn der ganze Eisenverkehr eines Tages stocken soll, weil's einer Anzahl verhetzter Bahnarbeiter so paßt. Wenn morgen einmal Ernst gemacht würde und von den Gießener sozialdemokratischen Hetzern die drei ersten besten wegen staatszer⸗ störenden Umtriebe nach Ostafrika deportiert würden, kröchen alle anderen Maulhelden in Mauslöcher und Keiner tät sich mehr mucksen. Wie mancher brave Arbeiter ist schon unschul⸗ digerweise vom Eintritt in den Eisenbahndienst zurückgewiesen worden, weil er aus einem sozial⸗ demokratischen Dorfe stammte! Das sind die Folgen der sozialdemokratischen Verhetzung!“
So unverhüͤllt hat wohl die antisemitische Gesellschaft noch nie ihre schmutzige Kosaken⸗ und Denunzianten⸗Gesinnung offenbart! Diese Meuschen wagen sich noch Volkspartei zu nennen und schreien nach behördlichem Terro⸗ rismus und Maßregelung! Der Staatsarbeiter soll keine eigene politische Ueberzeugung haben dürfen! Die Sozialdemokraten haben jederzeit bewiesen, daß sie Verfolgungen nicht fürchten, die antisemitischen Helden klappen aber er⸗ fahrungsgemäß vor ein paar Wochen Gefäng⸗ nis zusammen, wie ein Taschenmesser!
Leihgestern. Als Ordnungssäule und Sozialistenfresser will sich der Herr Lehrer Lotz in Leihgestern bemerkbar machen. Am Samstag hielt er im Kriegerverein eine Pauke, in der er beklagte, daß bei der letzten Landtagswahl viele Kriegervereinler sozialistisch gestimmt hätten und die sollten doch austreten. Seine Rede, auf die wir noch zurückkommen werden, wurde vielfach mit Murren iin der Versammlung aufgeuommen.
Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen.
r. Wetterauer Volksbildungsver⸗ sammlung, Der Rhein⸗Mainische Verband für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen ladet seine
körperschaftlichen und persönlichen Mitglieder sowie alle
Freunde der Volks wohlfahrt in der Wetterau und den angrenzenden Gauen auf Sonntag, 21. Januar, nachmittags 4 Uhr, in das Gasthaus„Zum Gam⸗ brinus“ in Friedberg ein zu einer Besprechung über Stand, Aufgaben und Methode der Volksbildungsarbeit in der Wetterau und den benachbarten Bezirken.— Herr Dr. Strecker aus Bad Nauheim sowie der Ver⸗ bandssekretär Herr G. Volk aus Offenbach und Ver⸗ treter der einzelnen Orte werden durch sachgemäße Aus⸗ führungen und Mitteilungen über ihre Erfahrungen wertvolle Fingerzeige auf dem Gebiete des Volksbildungs⸗ wesens geben. Alle, die in dieser Beziehung mitarbeiten wollen, sind freundlichst eingeladen.
Aus dem Odenwald.
Z. Die Christlich⸗Sozialeu im Odenwald. Die Herren von der Stöcker⸗Partei geben sich seit einiger Zeit Mühe, der Sozialdemokratie, die im Odenwald zu⸗ sehends an Boden gewinnt, das Wasser abzugraben. Sie haben damit aber wenig Glück. Auch dort ist die Ar⸗ beiterschaft schon einigermaßen aufgeklärt und die„christ⸗ lich⸗nationalen Kinkerlitzchen“ verfangen nicht mehr. Da
ist der„Volksmann“ Rippel aus Hagen, den sie mitt
großem Tamtam ankündigten, schon um etwa ein Jahr⸗ zehnt zu spät aufgestanden. In Höchst, Mümwling⸗Grum⸗ bach, Kirch⸗Brombach, Michelstadt und Erbach ist dem Herrn in einer Weise gedient worden, daß ihm wohl für einige Zeit die Lust vergangen sein wird, den Oden⸗ wald mit seiner Anwesenheit„glücklich“ zu machen. In Michelstadt war das Versammlungslokal dicht mit Ar⸗ beitern besetzt, die alle neugierig waren, diesen Aller⸗ weltshelfer einmal zu hören. Da wurde den paar an⸗ wesenden Bürgerlichen gruselig gemacht vor der blutigen Revolution. Dann wurde auf Sozialdemokratie und
bersorgt stad. Ein Teil der Essenbahner lich freie Gewerkschaften geschimpft, was das Zeug hielt. 5 nd. n Te 25 enbahner lieb⸗
Unsern Gen. Hasenzahl, Funke und Klein war es ein


