Ausgabe 
21.1.1906
 
Einzelbild herunterladen

teu ten

7

4

1 4

Nr. 3.

Witteldentsche Sonnags⸗Zeitung.

Seite 8.

Neue Aufruhrprozesse.

Der von den Antisemiten in Eisenach anläßlich der dortigen Stichwahl provozterte Wahlkrawal! soll das Gericht noch länger beschäftigen. Erst vor ein paar Tagen sind zwei jugendliche Arbeiter, die sich denUlk auch mal ansehen wollten, zu 1 Monat 2 Wochen, bezw. 1 Monat Gefängnis wegen Aufruhrs und Landfriedensbruchs ver⸗ urteilt worden. Es verlautet, daß noch gegen 30 Teilnehmer das Verfahren eingeleitet ist. Ein bürgerliches Blatt in Eisenach schreibt hierzu:Hierdurch würde den von allen be⸗

sonnenen Leuten als harmlose Ulkszenen charakte⸗

risierten Begebenheiten nach der Wahl eine Ausdehnung gegeben, die ja geeignet ist, das Volksempfinden zu verletzen und augerhalb Eisenachs Erstaunen und Aufsehen hervor⸗ zurufen. Was scheren stch gewisse Kreise um d sVolksempfinden, wenn nur dieOrd⸗ nung geschützt wird!

In Dresden sind ebenfalls wieder eine ganze Anzahl Demonstranten verurteilt und neue Schreckensurteile gefällt worden. Dabei handelt es sich fast ausnahmslos um Leute, die an den Versammlungen gar nicht teil⸗ genommen haben, sondern zufällig unter die aus den Versammlungen kommenden Massen gerieten. Es wurden neun Arbeiter(einer darunter war früher Schutzmann) zu Strafen von 2 Monaten bis 1 Jahr vier Monaten Gefäng⸗ nis verurteilt. Die Dresdener Richter glauben doch wohl selber nicht, daß sie damitberuhigend wirken. Auch den Wahlrechtskampf werden sie dadurch nicht aufhalten, sondern es wird mit desto größerer Erbitterung gegen die Drei⸗ klassenschande gekämpft werden.

Sozialdemokratischer Präsident.

Im badischen Landtage wurde vor Kurzem unser Genosse Geck zum zweiten Vizepräsidenten gewählt. Am Dienstag leitete er als Präsident die Verhandlungen des Landtags, da die beiden andern Präsidenten durch Krankheit verhindert waren. Das mag manchen biedern Spießern etwas ungewohnt vorgekommen sein, sie werden sich aber mit der Zeit noch an manches andere gewöhnen müssen.

Anutisemiten⸗Held!

Was für ein feiger Jammerkerl der Dreschgraf Pückler ist, geht daraus hervor, dat er, wie berichtet wird, seine neuliche Begnadigung sich dadurch erkauft haben soll, daß er demütig zu Kreuze kroch und für die Zukunft auf öffentliche Tätigkeit in der bisherigen Art ver⸗ zichtet habe. So sind tapfern Teutonen⸗Helden! In der neuesten Nummer desSüddeut. Postillon ist Liebermann v. Sonnenberg mit einem ungeheuer großen Maul abgebildet. Das ist der richtige Antisemiten⸗Typus!

Parlamentswahlen in England.

In den letzten Tagen haben in England die Neuwahlen zum Parlament stattgefunden. Sie bedeuten eige fürchterliche Niederlage der Konservativen und Unionisten, die bis vor Kurzem die Regierung innehatten und eine Verurteilung der Zollpolitik, die von Seiten der Konservativen propagiert wurde. Sogar der frühere Ministerpräsident Balfour ist in dem Wahlkreise, den er seit 22 Jahre vertritt, unterlegen. Bis Dienstag Abend waren 127 Liberale, 21 Vertreter der Arbeiterpartei und Sozialisten, 34 Unionisten und 39 Nationalisten gewählt und die Liberalen hatten 65 Site gewonnen. Die neuesten Telegramme melden weitere Siege der Liberalen. In England er⸗ 7 sich die Wahlen nämlich auf mehrere

age.

Neuer Präsident der franz. Republik,

Die Präsidentenwahl in Frankreich hat am Mittwoch in Versailles stattgefunden und mit dem erwarteten Siege des Kandidaten der entschiedenen Republikaner, Armand Fallieres geendet. Dieser erhielt 449 Stimmen, sein Gegenkandidat der Kammerpräsident Doumer erhielt nur 371. Zur Wahl des Prästdenten treten die Deputiertenkammer und der Senat,

die im Ganzen 891 Mitglieder zählen, als Nationalversammlung in Versailles zusammen. Trotzdem von reaktlonären Seite stark gegen Fallseres gearbeitet wurde, stegte er im ersten Wahlgange. Die Sozialisten haben, wie es scheint, auch für ihn gestimmt.

Kleine politische Nachrichten.

Eine Landtagsnachwahl fand am Sams⸗ tag in Mannheim statt, wo die Wahl unseres Ge⸗ nossen Kramer für ungültig erklärt worden war. Kramer wurde mit 1422 Stimmen gewählt. Auf den Freisinnigen Duttenhöfer fielen 842 Stimmen.

Der sächsische Min ister v. Metzsch wird nach Schluß des Landtags zurücktreten. Die Wahl⸗ rechtsdemonstrationen müssen ihm doch arg in die Glieder gefahren sein. Sein Nachfolger v. Hohenlohe soll er⸗ klärt haben, daß die Wahlrechtsreform seine erste Auf⸗ gabe sein werde. Man wird abzuwarten haben, was da kommt.

An den Landtagswahlen in Schaumburg⸗ Otppe, die am Samstag stattfanden, beteiligten sich unsere Genossen zum ersten Male. Sie brachten zwei ihrer Kandidaten in Stichwahl.

Sartorius, der wegen Weinpantscherei ver⸗ urteilte Reichstagsab geordnete, hat sein Mandat endlich niedergelegt.

Revolution in Rußland.

Auf der sibirischen Eisenbahn herrschen anarchistische Zustände. Durch den Eisenbahnbeamtenstreik ist die Lage dort uner⸗ träglich geworden. Ju ganz Sibirien sowie im Transbaikalgebiel mangelt es an jeder Zu⸗ fuhr, wodurch viele Ortschaften dem Hunger preisgegeben sind. Viele Stationsvorsteher sind spurlos verschwunden, ihre Posten sind vom Streikkomitee besetzt. Massenhafte Ueberfälle der Passagiere erstes und zweiter Klasse durch Holigans ereignen sich; einzelne große Bahn⸗ stationen sind eingeäschert.

Witte soll erklärt haben, er beabsichtigte durchaus nicht, die Selbstherrschaft zu beseitigen. Daß er ein Schwindler ist, wußte man läugst.

N 8 62 92. 6. Bon nah und Lern. Hessisches.

Der Landtag tritt am 30. Januar wieder zusammen. Er wird zuerst die Wahl⸗ prüfungen vornehmen. Als erster Punkt stehen dann die Anträge betreffend Reform des Wahlvrechs, welche von Seiten des Zentrums und der Sozialdemokratie gestellt sind, zur Beratung.

Der sozialdemokratische Bei⸗ geordnete. Genosse Zahn ist zum Bei⸗ geordneten von Mühlheim gewählt worden aber noch nicht bestätigt. Er ist nun zum Kreisrat zitiert worden, der ihn einem Verhör unterzog, an dessen Schluß Genosse Zahn den Schwur leistete:Jawohl, ich bin überzeugter Sozialdemokrat! Punktum, Streusand darauf. Und nun harren wir, wenn die behördliche Sanktion kommen wird.

Wieder eine Kindesmord⸗ Juterpellatton. In der Zweiten Kammer hat der antisemitische Abg. Bähr eine Anfrage eingebracht wegen rigoroser Uebergriffe der Staatsauwaltschaft bei der Untersuchung des Kindesmordes in Hergershausen bei Baben⸗ hausen. Dort wurde nach Angabe des Herrn Bähr anfangs Noveqhber eine Kindesleiche ge⸗ funden. Daraufhin ordnete die Staatsanwalt⸗ schaft an, daß die in Hergershausen wohnenden Frauen und Mädchen durch die daselbst wohnende Hebamme sich einer Untersuchung unterziehen mußten, die auch bei dem weitaus größten Teil der weiblichen Einwohner vollzogen wurde, in dem die Hebamme von Haus zu Haus ging, begleitet von der Gendarmerie, die sich jeweils vor das betreffende Haus postierte. Von dem Kreisarzt sei auch die Ehefrau eines Müllers, die schon 20 Jahr verheiratet ist, untersucht und dieser erklärt worden, daß sie bas Kind geboren habe. Die betreffende Frau habe sich dann von einem Darmstädter Arzt untersuchen lassen, der die gänzliche Haltlosig⸗ keit jener Beschuldigungen festgestellt habe. Trotz⸗ dem sei die Frau nochmals zu einer dritten Unter⸗

suchung ge zwungen worden, wobet sich wieder ihre völlige Schuldlostgkeit ergeben habe.

Wenn der Sachverhalt von dem Interpel⸗ lanten richtig wiedergegeben ist, so muß aller⸗ dings gegen ein solches Verfahren der Staats⸗ behörde auf das Entschiedenste protestiert werden. Man wird ja hören, was die Regierung darauf zu antworten hat. Herr Bähr wird wohl vor⸗ sichtiger gewesen sein als sein Parteigenosse Köhler in der ähnlichen Eberstädter Ge⸗ schichte.

Lernmittelfreiheit. In Mom⸗ bach bei Mainz beschloß der Gemeinderat auf Antrag der sozialdemokratischen Mitgl ieder, die Lernmittel für die Volksschule vom 1. April ab an alle Kinder unentgeltlich zu liefern, mit Ausnahme der Schreibutensilien, wie Griffel, Bleistifte, Federn usw. Weiter wurden 500 Mark bewilligt als Grundstock für eine Ge⸗ meindebibliothek.

Gießener Angelegenheiten.

Dienationalen Arbeiter wollen sich, wie schon kürzlich mitgeteilt, auch dieses Mal wieder mit einer eigenen Liste an der Gewerbegerichtswahl beteiligen. Am Sonntag hielten sie zu diesem Zwecke eine Ver⸗ sammlung bei Sauer am Oswaldsgarten ab. Von ihrer Seite waren etwa 15(fünfzehn) Mann dazu erschienen. Es ging ziemlich kunter⸗ bunt zu. Herr Ritzert, der Vorsitzende redete weniger von der Bedeutung der Gewerbegerichte, als vielmehr von den angeblichen Sünden der freien Gewerkschaften, von Flottenpolitik und anderennationalen Dingen. Er stieß damit auf lebhafte Opposition. Man bemühte sich dann vergeblich, einenationale Kandidaten⸗ Liste für die Gewerbegerichtswahl zusammen zu bringen. Auch diese Wahl wird, wie schon die letzte, zeigen, daß für diese ArtArbeiter Organisationen hier kein Boden ist.

Turnertsches. Der auf dem Bezirksturntag in Höchst gegründete 3. Bezirk des IX. Kreises des Arbeiter⸗Turnerbundes, dem die Vereine in Gießen, Alsfeld, Alten- Buseck, Launsbach, Heuchelheim, Staufenberg und Ockershausen angehören, hielt am ver⸗ gangenen Sonntag im Lokale von Korndörfer seine erste(konstituierende) Versammlung ab, die von Turngenossen aus allen Orten sehr stark besucht war. Nachdem Turngenosse Stroh⸗ wig einen übersichtlichen Bericht über die Höchster Verhandlungen gegeben hatte, wurde die Vor⸗ standswahl vorgenommen, welches folgendes Ergebnis hatte: Turngen. Hch. Noll, Gießen, Bezirksvorsitzender, A. Lenz, Gleßen, Bezirks- kassierer, H. Rößler, Ockershausen, Schrift⸗ führer, A. Böttger, Gießen, 1. Bezirks⸗ turnwart, L. Wagner, Launsbach, 2. Bezirks⸗ turnwart. Die Satzungen des 2. Bezirkes wurden mit einigen kleinen Aenderungen an⸗ genommen. Als Ort für den im nächsten Jahre stattfindenden Bezirksturntag wurde Alten⸗ Buseck gewählt. Mit einem Appell an die Versammelten, den Vorstand bei Ausübung seines Amtes nach Kräften zu unterstützen und immer mehr für die Arbeiterturnsache tätig zu sein, wurde die imposante Versammlung ge⸗ schlossen. Bei der Gelegenheit verfehlen wir nicht an die im Bezirke bestehenden Arbeiter⸗ turnvereine, welche noch nicht zu uns gehören, die dringende Bitte zu richten, dem Arbeiter⸗ turnerbund beizutreten. Anmeldungen nimmt der Bezirksvorsitzende Noll⸗Gießen, Mäusburg 16 jederzeit gern entgegen.

Die Freie Turnerscho ft Gießen, deren großartig verlaufenes Winter⸗ fest bei allen Teilnehmern in guter Erinnerung bleiben wird, veranstaltet im Februar in den Räumen des Lenz'schen Felsenkellers eine große karnevalistische Damensitzung. Hervorragende Karnevalisten, wie Mainzer Büttel, Darmstädter Heiner, und andere Spezialitäten haben ihr Erscheinen zugesagt, die Leitung liegt in bewährten Händen und last not least auch sonst sind noch Ueber⸗ raschungen mannigfaltigster Art vorgesehen, welche einen echt närrischen Verlauf der Sitzung

außer Frage stellen. Weiteres folgt in späteren Publikationen. folgt in sp