Ausgabe 
20.5.1906
 
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Seite 4.

Mittel dentsche Sonntags ⸗Zeitung.

Nr. 20.

hat er wählen und über deren Wahl ein Pro⸗ tokoll aufnehmen zu lassen. Das sei geschehen. Nach längerer Beratung wurde die Sache an den Kreisausschuß zurückverwiesen, damit er erst die formelle Seite prüft und feststellt, ob die Wahl gültig oder eine Neuwahl vorzunehmen ist. Son: it ist die Entscheidung noch auf eine Zeit hinausgeschoben.

Streikjustiz in Hessen. Ein über⸗ aus hartes Urteil, wie man es bisher nur aus Erfurt, Breslau, Magdeburg ꝛc. zu hören ge⸗ wohnt war, fällte die Straffammer in Darm⸗ stadt. Der Schuhmacher Dobrinski aus Offenbach, der beschuldigt war, einen Streik⸗ brecher geprügelt zu haben, wurde zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, obwohl der Staatsanwalt nur acht Monate beantragt hatte. Daß Dobrinsei der Schuldige wirklich war, dafür war nur das Zeugnis bes Streikbrechers vorhanden, den man übrigens als einen gewerbs⸗ mäßigen Streikbrecher bezeichnen kann, denn er

trat in vielen Fällen immer dort in Arbeit,

wo gestreikt wurde.

Gießener Angelegenheiten.

In der Stadtverordnetensitzung am vorigen Donnerstag gab es wieder eine lange Debatte über die Geländeabschätzungen durch die Lokal⸗ kommisnon. Wau er sich dabei handelt. ist in unserer vorigen Nummer näher dergetau. Die Auseinander⸗ setzung indete wit einer Erklärung des Stadtverordneten Helfrich, daß er eine etwa gegen den Oberbürgermeister äusgesprochene Beleidigung zurücknehme. Am Schluß der Sitzung kam noch die Anlage einer Straße n⸗ bahn zur Erörterung. Der Oberbürgermeister wird beauftragt, dazu die nötigen Vorarbeiten alsbald in die Wege zu leiten.Alsbald heißt in diesem Falle in etwa 4 bis 5 Jahren.

Herr Heyligenstaedt,unser Abgeordneter, stimmte ebenfalls der Fahrkarten⸗ und Erhöhung der Biersteuer zu, die gerade das minderbemittelte Volk belasten. Für eine stärkere Heranziehung der reichen Leute durch Ausgestaltung der Erbschaftssteuer wird Herr Heyligenstaedt dagegen nicht zu haben sein. Die Wähler der Arbeiterschaft und des Mittelstandes, den die Nationalliberalen angeblich schützen wollen, mögen sich das merken.

Die Volksversammlung am Dienstag war recht gut besucht, auch Frauen waren erfreulicherweise recht zahlreich vertreten. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgten die Zuhörer die klaren und interessanten Aus⸗ führungen der Genossin Zietz, welche das ThemaUnser Todfeind behandelte. Mit dieser Bezeichnung meinte sie die Gleichgültigkeit und Denkfaulheit vieler Arbeiter und besonders vieler Arbeiterfrauen gegenüber dem Be⸗ freiungskampfe der unterdrückten und besfitzlosen Klassen. Heute stürme und dränge alles zur Entfaltung der Per⸗ sönlichkeit. Das müssen auch die Frauen, die heute im Staatsleben als Menschen zweiter Klasse behandelt, mit Unmündigen auf eine Stufe gestellt werden. Und wo Frauen ihre Rechte erkämpfen wollen, werden sie als GefalleneEntartete verspottet und bekämpft, von Spießern im Unterrock und in der Hose. Diese be⸗ kämpfen auch die Sozialdemokratie, die jederzeit für die Rechte der Frau eingetreten ist. Man sage zwar, die Frau sei durch ihre natürliche Veranlagung auf die Familie angewiesen. Diese Redensarten sind längst durch die wirtschaftlichen Verhältnisse abgetan. Heute trifft längst nicht mehr zu, was Schiller im Liede von der Glocke über die Stellung und Aufgabe der Frau sage. Die technische Entwicklung habe die Stellung der

Frau revolutioniert; ihre Arbeitskraft sei ebenso wie die des Mannes Ausbeutungs projekt geworden, Millionen Frauen sind in allen Berufen tätig, auch in solchen, die sich für sie gar nicht eignen, im Bergwerk, Bauge⸗ werbe ꝛc. Aus Not muß die Frau hinaus, als Lohn⸗ arbeiterin tätig sein, weil der Verdienst des Mannes nicht zum Lebensunterhalt der Familie ausreicht. Und gerade wenn der Arbeitsmarkt überfüllt ist, Arbeitslosigkeit herrscht, spannt man Frauen und Kinder in den Dienst, um diese als Lohndrücker zu verwenden. Hierin zeigt sich der Wahnsinn der heutigen Ordnung ganz besonders! Rednerin geht dann weiter auf die unzähligen Mißstände ein, denen wir heute auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet begegnen, und unter denen die Frauen am meisten zu leiden haben. Sie schildert mit eindringlichen Worten die verderblichen Folgen der Zollpolitik und des Mili⸗ tarismus. An zahlreichen Beispielen aus der letzten Zeit weist sie nach, wie das arbeitende Volk auf allen Gebieten ausgebeutet und unterdrückt wird. Dagegen anzukämpfen, müsse sich auch die Frau angelegen sein lassen, müsse mitarbeiten und sich politisch betätigen. Rednerin schloß mit der Aufforderung au die Frauen, zunächst Abonnentin des sozialdemokratischen Frauenblattes Gleichheit zu werden, welcher Aufforderung auch etwa

45 Frauen nachkamen. Also ein recht erfreulicher An⸗ fang, dem eine ebensolche Weiterentwicklung folgen möge! Die gesicherte Existenz des Ar⸗ beiters oder der glückliche Reichs⸗ rentner. Ein Arbeiter, der sich in der wenig beneidenswerten Lage befindet, die Invaliden⸗ versicherung in Anspruch nehmen zu müssen, sendet uns mit der Bitte um Aufnahme Fol⸗ gendes:Es wird viel gesagt und geschrieben über die Bekämpfung der Tuberkulose. Behörden und sonstige Vereinigungen sind be⸗ müht, dieser schrecklichen Volkskrankheit Einhalt zu bieten. Nun liest man zwar in den Sta⸗ tistiken der Heilanstalten für Zungenkranke, daß soundsoviel Personen Aufnahme fanden, man hört aber nichts von den vielen Gesuchen um Aufnahme, die nicht berückstchtigt werden konnten. Was geschieht nun mit diesen? Es wird den Gesuchstellern ganz einfach mitgeteilt, daß ihr Gesuch abgelehnt ist und sie eine Rente von so und so viel erhalten. Ein Zeit lang erhält der Erkrankte von den Krankenkassen, denen er an⸗ gehört, noch Unterstützung. Ist aber diese Zeit vorüber, so ist der Betreffende auf die Rente angewiesen. Wie hoch ist nun diese? Schreiber dieser Zeilen bekommt als Familienvater! das Jahr 204 Mark, was monatlich ganze 17 Mark ausmacht. Staats- und Kommunal⸗ steuern betragen zusammen 1.15 Mk.; es bleiben also nicht gan: 16 Mi. für den Monat. Was bleibt nun noch für den Lebensunterhalt übrig, da man für Wohnungsmiete doch mindestens 16 18 Mk. ausgeben muß? Dabei wird vom Arzt einem solchen Kranken kräftige Kost ver⸗ ordnet, was ja auch ganz richtig ist, es bleibt aber bei dem Verordnen, er bekommt sie nur leider damit nicht. Kehrt nun so ein armer Teufel, wenn er irgend kann, in die Werkstelle zurück vorausgesetzt, daß es ihm glückt Arbeit zu erhalten, so tritt die sogenannte Renten⸗ quetsche in Funktion und er bekommt einen Teil der Rente abgezogen oder sie ganz entzogen. Anstatt, daß man sie ihm ließe, damit er seinem Körper etwas zuführen und ihn wenigstens einigermaßen widerstandsfähiger erhalten könnte, muß der Unglückliche seine letzten Kräfte einsetzen, um für sich und seine Angehörigen das Not⸗ wendigste herbeizuschaffen. Jeder denkende Mensch kann sich vorstellen, was nun die Folge davon ist. Wollen die Behörden, Landesver⸗ sicherungsanstalten ꝛc. die Lungenschwindsucht wirklich bekämpfen, dann muß nach dieser Rich⸗ tung Abhilfe geschaffen werden. E k. Die Maler und Weißbinder hielten am Samstag im Lenz'schen Felsenkeller eine Versammlung ab, in welcher Kollege Wittazscheck⸗Frankfurt über die Taktik der Unternehmer in den diesjährigen Lohnkämpfen sprach. Redner schilderte die seither geführten Lohnkämpfe und ging auch auf den Gießener näher ein. Ueberall zeige sich das Unternehmer⸗ tum bemüht, die Organisation der Arbeiter zu zersplittern. Dank der entschiedenen Haltung der Arbeiterschaft sind in einer Anzahl Orten die Lohnbewegungen zu ihren Gunsten ausge⸗ fallen. Zum Beispiel war in Homburg v. d. H. nur ein einziger Arbeitswilliger vorhanden, den man auch weiter nicht ersuchte, von seinem Ver⸗ halten abzulassen. In Wiesbaden dagegen sei leider der Streik resultatlos verlaufen. In vielen Fällen sptelten sich gerade Kleinmeister als die größten Scharfmacher auf, die die größeren Unternehmer von einer Bewilligung der Forde⸗ rungen abzuhalten versuchten, obwohl gerade diese den größten Schaden bei einem Ausstande haben. Auch bei der Bewegung in Gießen haben die Meister in der Forderung des Mindestlohnes kein Entgegenkommen gezeigt; die geringe Lohn⸗ erhöhung, die nur bei einem Teil der Arbeiter erfolgte, sei eine Abschlagszahlung, mit welcher die Kollegen keineswegs zufrieden sein könnten. Die Anwesenden erklärten sich mit den Aus⸗ führungen vollständig einverstanden und be⸗ schlossen einstimmig nachfolgende Resolution: Die heute im Lenzschen Felsenkeller tagende stark besuchte Versammlung der Maler-, Lacklerer⸗ und Weißbindergehilfen von Gießen u. Umge⸗ gend spricht ihre Mißbilligung aus über das ablehnende Verhalten der Arbeitgeber gegenüber einer Festsetzung des Mindestlohnes. Die Ver⸗ sammelten betrachten die bewilligte Lohnerhöhung

ehen 8 f 4 gegebener Zeit wiederum erhoben werden, stet hochzuhalten, und mit aller Energie an 155 Durchführung derselben zu arbeiten. Wegen der humoristischen Notiz in Nr. 10 unseres Blattes stand Genosse Vetters am vorigen Freitag vor der Strafkammer. Die Verhand⸗ 51 e e Verteidiger zwei Richter, orverfahren mitgewir= Wen gewirkt hatten, wegen Befangen -- Waldfest. DieFreie Turner⸗ schaft und der Gesang vereinEin⸗ tracht Gießen halten am 2. Pfingstfeiertag im Gießener Stadtwald, Licherstraße(1. Schneise rechts) ein gemeinsames Waldfest ab, das nach den bis jetzt getroffenen Vorbereitungen ein großartiges zu werden verspricht. Konzert, Ge⸗ sangs⸗ und turnerische Darbietungen(u. a. Auf⸗ führungen der neugegründeten Damenriege) Bretzelpolonaise, Kinderspiele mit Verteilung besserer Preise, Tanz, Preisschießen und sonstige Beluffigungen sind vorgesehen, sodaß allen Teil⸗ nehmern einige recht genußreiche Stunden in in Aussicht Günstiges Wetter voraus⸗ gesetzt, wird Fel zu einem rreauißel Volksfest gestallen, welches alle Arbcdet hinreichend für eine größere Pfingsttour ent⸗ schädigt, die sich wohl viele wegenMangel an Ueberfluß versagen müssen.(Weiteres im Inserat in nächster Nummer.)

Aus dem Nreise gießen.

Ueber eine Tabakarbeiterversammlung in Wieseck, die dort am Samstag vor 8 Tagen statt⸗ fand und sehr gut besucht war, müssen wir nachträglich noch kurz berichten. Der Verbands vorsitzende Deich⸗ mann ⸗Bremen hielt das mit großem Beifall aufge⸗ nommene Referat. Im Laufe seiner Ausführungen be⸗ schäftigte sich der Referent auch mit den törichten und lächerlichen Bemerkungen, die der Werkführer einer Gießener Fabrik einer Arbeiterin gegenüber in Bezug auf die Verbandsbestrebungen gemacht hatte. Daß doch diese Leute, selbst Arbeiter, und oft nicht einmal die besten, sich verpflichtet fühlen, di⸗ Kapltalsinteressen mehr noch als der Unternehmer selbst wahrzunehmen und sich manchmal so arbeiterfeindliche Allüren angewöhnen! Der Verband macht in Wieseck recht gute Fortschritte.

ck. Rödgen. Der Wahlverein Rödgen und Trohe veranstaltet auf Himmelsfahrtstag eine kleine Festlichkeit im Garten des Wirtes Balßer in Rödgen. Unsere Freunde und Partei- genossen auch aus den umliegenden Orten sind dazu freundlichst eingeladen. Eintritt kostet 20 Pfg. Beginn ½3 Uhr, von 4 Uhr ab Tanz.

p. Staufenberg. Das vom Volksverein am Sonntag abgehaltene Maifest wurde etwas durch die ungünstige Witterung beeinträchtigt; trotzdem hätte der Besuch noch stärker sein können. Frau Dr. Michels⸗ Marburg hielt eine Ansprache, in der sie betonte, daß die Frauen unserer Bewegung mehr Interesse als bisher entgegenbringen und die Männer in dem Befreiungs⸗ kampfe unterstützen müßten, denn gerade die Frauen leiden doppelt unter den heutigen Zuständen. Schließlich gab Rednerin der Hoffnung Ausdruck, daß auch in Staufenberg im nächsten Jahre die Genossen am 1. Mai feiern und sich nicht mit einer Nachfeier zufrieden geben. Möchten die hiefigen Arbeiter die mit so lebgaftem Bei⸗ fall aufgenommenen Worte beherzigen! Gibt es doch hier noch viele Arbeiter, die ihre Lage noch nicht be⸗ griffen, noch nicht zum Verständnis unserer Sache ge⸗ kommen sind. Schließt euch deshalb der gewerkschaft⸗ lichen und politischen Organisation an! Für Verbesserung eurer Lage mitzukämpfen seid ihr euch selbst und euren Angehörigen schuldig! Schließlich sei noch dem Gesangverein Staufenberg, dem Arbeitergesangverein Vorwärts Lollar und der Freien Turnerschaft Staufen⸗ berg für ihre Darbietungen bei der Feier bestens gedankt,

Aus dem Nreise griedherg⸗Büdingen.

Zum Kapitel Strafvollzug. Wer schon einmal einen in der Zellenstrafanstalt Butzbach verwahrten Gefangenen besucht hat, wird sich gewiß der höchst peinlichen Gefühle erinnern, die der Aufenthalt im Sprechzimmer in ihm hervorrief. Dieser Raum(in manch anderer Strafanstalt wird es ähnlich sein) ist

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bis zur Decke reichendes engmaschiges Geflecht aus Eisendraht in zwei Teile scheidet. 2 Bänke, 1 Stuhl und 1 Schrank bilden das Mobiliar. Man braucht das alles nur zu betrachten, um die Tatsache zu ver⸗ stehen, daß diejenigen, die hier nach den Leiden und dem Schmerz der Trennung im Wiedersehen Trost und

Kraft zu neuen Leiden suchten, daß diese Leute nicht nur keinen Trost aus diesemZusammensein schöpfen

als eine Abschlagszahlung für später. Sie ver⸗ gestellten Forderungen, welche zu

eine geräumige, fast quadratische Zelle, die ein beinahe