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WMitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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Diätenvorlage zu stimmen. Ein ideales Kunstwerk ist freilich auch nicht aus den Kom⸗ misstonsberatungen hervorgegangen. Es bleibt die Pauschalsumme und damit der Anreiz zur oberflächlichen Akkordarbeit; es bleiben die ent⸗ würdigenden Abzüge für Nichtteilnahme an namentlichen Abstimmungen. Genosse Singer geißelte scharf diese Bestimmung; die Mehrheit aber nahm sie an. Gegen den Wegfall der Landtagsdiäten der Doppelmandatare für die Tage der Reichstagssitzungen liefen die Konser⸗ vativen und Reichsparteiler Sturm, die sogar der preußischen Regierung wegen dieser Be⸗ stimmung mit einem Donnerwetter im Drei⸗ klassenhause drohten. Am Dienstag wurde dann nach einigem Wortgeplänkel die Vorlage in der dritten Lesung mit 221 gegen 52 Stimmen angenommen. Vorher war mit dem gleichen Stimmenverhältnis die Aenderung des Artikels 28 der Verfassung abgelehnt worden. So be⸗ kommt nun jeder Reichsbote jährlich 3000 Mk. Eine Art Steuerhinterziehung durch die Aktiengesellschaften soll ein Gesetzent⸗ wurf verhüten, der am Montag beraten wurde. Es handelte sich um eine Aenderung des Stempel⸗ steuergesetzes. Viele große Aktiengesellschaften haben nämlich ihre Aktien nicht in den Handel gebracht und auch dafür keine Stempelsteuer entrichtet. Diese Lücke soll durch die Aenderung ausgefüllt werden. Dagegen zeterte die„frei— sinnige“ Geldaristokratie, die hier wieder über Vermögenskonfiskation jammerte. Singer erklärte demgegenüber, daß die Sozialdemokraten dem Gesetze zustimmten.
Politische Rundschau. Gießen, den 17. Mai 1906.
Oben und unten.
In der alten Bischofsstadt Trier wurden jetzt Weinverseigerungen vorgenommen. Die höchsten Preise erzielte dabei Fretherr von Schorlemer⸗Lieser, der Oberpräsident der Rhein⸗ provinz. Er erhielt für seine 12 Fuder Mosel⸗ wein mehr als 100 000 Mk., für eines dieser Fuder sogar 19060 Mk. Das ist für das Liter etwa 20 Mark. Wenn dieser Wein in den Handel käme, würde die Flasche wohl 40 Mk. und im Laufe der Zeit noch mehr kosten. Aber der Wein kommt nicht in den Handel; denn er war im voraus für Kölner Gelbleute und Großindustrielle bestimmt, die den Ansteigerer beauftragt hatten, um jeden Preis das beste Fuder Brauneberger aus der Creszenz des Freiherrn von Schorlemer zu er⸗ werben. Bis 19050 Mk. hatte der Beauftragte des Kaiserlichen Hofmarschallamts mitgeboten; er mußte aber vor dem Abgesandten der Kölner Industriefürsten die Waffen strecken, weil dieser höhere Vollmachten harte. Die 19060 Mt. sind der höchste Preis, der jemals für ein Fuder Mosel gezahlt worden ist. Die Kölner Industriemagnaten haben's ja; ste
münzen täglich neues Gold aus der Lebenskraft
und dem Lebensglück der ausgesogenen Arbeiter. Zu dem märchenhaft teuren Wunderwein muß man sich das entsprechende Mahl und den dazu gehörenden verschwenderischen Glanz hinzudenken!
Etwa zur selben Zeit spielte sich in dem nämlichen Trier vor der Strafkammer das folgende entsetzliche Drama aus der christlichen Staats- und Gesellschaftsordnung ab: Ein Tag⸗ löhner war von dem Schöffengericht Uerzig mit einem Tage Haft bestraft worden, weil er seine Kinder während der Schulzeit betteln schickte. In der Berufungsinstanz erklärte der Mann, er sei damals in großer Not gewesen und habe kein Brot für seine acht Kinder ge⸗ habt, von denen das älteste erst 14 Jahre zähle. Er wohne in einer elenden Hütte, die nicht einen gesunden Dachbalken habe und der sogar der Fußboden fehle. Weiter sagte der Mann:„Ich bin elend und krank infolge der ungesunden Wohnung und des Nah- rungsmangels. Ich bin so voller Rheumatismus, daß ich nicht mehr imstande bin, allein zu essen. Kein Gefängnis kann mich gebrechlichen Mann mehr gebrauchen; sprechen Ste mich frei!“— Das Gericht aber sprach nicht frei; denn es
fühlte sich an die Gesetze des christlichen Staates gebunden. Der Sieche mußte seinen Tag im Gefängnis abbüßen— von Rechtswegen!
Höhere Bierpreise
sind die selbstverständliche Folge der Brau⸗ steuer⸗Erhöhung. Die sächsischen Brauerei⸗ vereine haben bereits beschlossen, sobald die höhere Steuer in Kraft getreten ist, den Bier⸗ preis um 2 Mk. den Hektoliter zu erhöhen. Auch eine am vorigen Mittwoch in Köln ab⸗ gehaltene größere Versammlung von Brauerei⸗ leitern und Vertretern der rheinisch⸗westfälischen, norddeutschen und südrheinischen Brauereiver⸗ bände beschloß einstimmig, vom Tage der Steuererhöhung die Bierpreise entsprechend zu erhöhen und setzte gegen zuwiderhandelnde Brauereien hohe Konventionalstrafen fest. So wälzen die Brauherren die Steuer schleunigst auf die Konsumenten ab und dem armen Teufel wird der Trunk Bier, das einzige vielleicht, was er sich an Genuß bieten kann, verteuert! Und die Junker und ihr nationalliberaler und Zentrums⸗Anhang sind es, die dem Volke immer höhere Lasten auferlegen, nicht nur Genußmittel, sondern auch die notwendigsten Lebensmittel verteuern.
Ein Toter der Breslauer Polizeischlacht.
Bei der Polizei⸗Attacke, welche die Breslauer Polizei am Abend des 19. April auf wehrlose Arbeiter unternahm, erhielt unter anderen auch der Arbeiter Baum eine schwere Kopf⸗ verletzung. Er begab sich zunächst in privat⸗ ärztliche Behandlung, mußte aber wegen einer eingetretenen Gehirnvereiterung vor einigen Tagen in das Allerheiligenspital aufgenommen werden, wo der junge, noch nicht 21 Jahre alte Mann in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag verstorben ist. Also ein Toter, eine abgehauene Hand, viele andere Verletzungen sind das Ergebnis der Schlacht, welche die wildgewordenen Breslauer Ordnungshüter dem „inneren Feinde“ lieferten.— Wird man die Schuldigen nicht zur Verantwortung ziehen? Freilich, bis jetzt hat man sie noch nicht„er⸗ mittelt“). Es wurde Biewald allerdings eine Anzahl Schutzleute vorgeführt, er konnte aber den Täter nicht herausfinden, was ganz erklär⸗ lich ist, da die Schutzleute ziemlich gleich aus⸗ sehen und der Vorgang sich in wenigen Augen⸗ blicken in dem mangelhaft beleuchteten Hausflur abspielte. Die Säbelhelden, die so tapfer auf Wehrlose einschlagen konnten, haben nicht den Mut, sich zu melden!— Dem Bierfüller Bie⸗ wald, dem die Hand abgehauen wurde, scheint diese Polizeitat die Augen über die herrschenden Zustände gründlich geöffnet zu haben. In einer großen Protestversammlung gegen die Breslauer Vorfälle in Dresden erzählte der Referent, Genosse Zimmer⸗Breslau, Biewald habe ihm, dem Redner, wörtlich erklärt: Kollege, ich bin ein Christ gewesen, aber durch den Polizeisäbel bin ich eines anderen belehrt worden. Sei versichert, mit der einen Hand werde ich meine Pflicht als aufgeklärter Arbeiter erfüllen. — Die Versammlung wurde übrigens aufgelöst.
Hinzugefügt sei noch, daß Baum nicht in Breslau beerdigt wurde, wie es erst vorgesehen war, sondern in seinem Heimatsorte Schmolz. Und selbst hier hatte die Polizei aus Furcht vor Demonstrationen besondere Maßnahmen getroffen; zwei Gendarmeriewachtmeister und eine große Anzahl von„Geheimen“ waren zur Stelle. Auf dem Friedhofe hielt ein Pastor eine fast einstündige Rede, in der er davon erzählte, daß der Verstorbene den Gefahren der Großstadt durch einen frühen Tod entronnen sei, denn wenn er die Großstadt erst kennen zu. lernen e de gehabt hätte, dann wäre er ihr auch bald verfallen!— Das Interessanteste aber ist, daß der Getötete weder zu den Aus⸗ esperrten, noch zu den Skandalmachern gehörte, ode— ein Arbeitswilliger war!
Maifeier ostpreußischer Landarbeiter.
Es dürste wenig bekannt sein— wurde dem„Vorwärts“ dieser Tage aus Ostpreußen geschrieben— daß auf einem 4000 Morgen großen Rittergute in Ostpreußen der erste Mai
seit Jahren durch v IHA nbITgeTrherfg.
ruhe gefeiert wird. Auch in diesem Jahre herrschte am 1. Mai sowohl auf dem Gute und seiner großen Brennerei als auch auf den
dazu gehörigen Vorwerken feierliche Stille. Kein Schlot rauchte, kein Pflug, keine Egge war in Bewegung. Es war eben ein Arbeiter⸗ feiertag. Abends vergnügten sich die Land⸗ arbeiter mit ihren Familien bei Musik, Tanz und einem vom Besttzer kredenzten Trunk. Die zahlreichen Landarbeiter dieses großen Gutes sind meist polnisch⸗masurischer Abstam⸗ mung und daher der deutschen Sprache wenig mächtig. Trotzdem bemüht stch der Besitzer (Ernst Ebhardt), der natürlich Parteigenosse ist, die Leute über den Zweck der Maifeier sowie über die Ziele der Sozialdemokratie nach Mög⸗ lichkeit aufzuklären. Es kann den ostelbischen Junkern gar nicht dringend genug empfohlen werden, sich an diesem Mustergut— es heißt Kommorowen bei Btalla— ein Beispiel zu nehmen, wie man ein gutes Einvernehmen zwischen Landarbeitern und Besitzer herstellt, ohne daß dabei die Landwirtschaft ande geh
Antisemitischer Bank f In Sachsen hat der Antisemitismus de;
dort im Anfang der 90er Jahre aufkam und 1
bei der Reichstags⸗Wahl vom Jahre 1893 eine ganze Reihe seiner Kandidaten durchbrachte, gründlich abgewirtschaftet. Ueber sein Organ, die„Deutsche Wacht“ ist jetzt der Konkurs verhängt worden. Von allem, was sich berufen fühlte, die Sozialdemokratie aus⸗ zuschalten und zu„vernichten“, ist wohl kein Unternehmen so schnell und so unsagbar kläglich gescheitert wie die Partei der„Reformer“ und ihre Presse. Die„Deutsche Wacht“ wurde 1893 von Zimmermann, Dr. Liman, dessen Name jetzt in Leipzig durch seine Anpöbelungen unserer Partei eine traurige Berühmtheit erlangt hat, und einigen hundert reformerischen Aktionären verschiedener Städte und Stände mit einem Aktienkapital von Mk. 250000 ins Leben ge⸗ rufen. Das Unternehmen schien anfangs unter Leitung Dr. Limans und begünstigt von der im Lande herrschenden reformerischen Mittel⸗ standspolitik einen Aufschwung zu nehmen, denn die Abonnentenzahl stieg auf 12 000. Aber bald trat die Reaktion auf die 1893er Reichstagswahl ein. Ein Skandal folgte dem andern. Die Partei der Reformer verlor an Ansehen und Anhängern und die„Deutsche Wacht“ an Bedeutung und Leserzahl. Ein Redakteur nach dem anderen mugte springen und schließlich die Liquidation der Aktiengesell⸗ schaft erfolgen. Ein Deutschösterreicher rettete das Unternehmen durch Kauf, sah aber bald das vergebliche Bemühen, es wieder lebensfähig zu gestalten, ein und überließ die Zeitung seinem Metteur Wolf und dem Kaufmann Götze. Zimmermann schied als Direktor aus. Die gutgehende Akzidenzdruckerei hielt jahrelang die Zeitung über Wasser, bis es plötzlich mit Zimmermann, der konservativ geworden ist, zum offenen Bruch kam, der zwar notdürftig verkleistert wurde, den Ruin aber doch beschleu⸗ nigte. So ist das Blättchen nun heimgegangen. Sozialistenfressern empfehlen wir seine Jahr⸗ gänge als Nachschlagebuch zur Beschimpfung und Verlästerung der Sozialdemokratie.
Erfolgreiche
Obstruktion gegen Wahlrechts raub. Im Landtage von Schwarzburg⸗ Rudolstadt wollten die Bürgerlichen das Landtagswahlrecht dadurch schmälern, daß sie beantragten, den Wahlzensus für die Höchst⸗ besteuerten auf 200 Mk. zu erhöhen. Das sollte eine Antwort auf den Antrag unserer Genossen sein, nach welchem die Landtagswahl an einem Sonntage stattfinden, und gleichmäßige, von der Regierung hergestellte Stimmzettel verwendet werden sollten. Nachdem dieser Antrag mit gegen 7 Stimmen abgelehnt worden war, verließen unsere Genossen bei der Abstimmung über den Antrag der Gegner den Saal, so 5 der Landtag beschlußunfähig wurde. Da wiederholte sich bei einer neuen Sitzung noch einmal, womit der Wahlraub vorläufig abge⸗
schlagen ist.


